Austernschaumbad

Ich träume. Ich befinde mich in einem Konzert in Paris. Nein, es ist im Kino. Es ist ein Konzert in einem Film. Nein, ich sitze im Film. Es ist Haut bas fragile von Jacques Rivette. Ich bin Darsteller. Es ist mir peinlich. Zwar wollte ich schon immer wieder mal Schauspieler sein, hatte auch zweimal die Gelegenheit dazu bekommen, diesem Trieb zu folgen: Hier, schaut, ich bin da, ihr dürft mich lieben, denn wer berühmt ist, hat eben geliebt zu werden. Aber es hagelte im Anschluß daran nicht eben Angebote. Man liebte mich offenbar nicht sonderlich. Doch nun sitze ich da. Eine kleine Rolle nur mal wieder, aber immerhin. Die Rolle vergrößert sich enorm, als die Chanteuse von der Bühne herabkommt und direkt auf mich zusteuert. Doch es ist Patricia Kaas, die zusätzlich aufblondierte, eitel glänzende, affektierte Pariser Landpomeranze aus der Randlorraine, die wunderbare Lieder singt. Dafür mag ich sie und kaufe ihre Platten, ihre CD. Doch daß sie mich so direkt einbezieht in ihr Singspiel, das müßte nun wirklich nicht sein. Sie setzt sich auch noch neben mich auf den einzigen freien Stuhl im Saal und legt das Mikrophon auf den Fußboden. Sie schmiegt sich an mich. Es ist mir sehr unangenehm, denn ich bin eher schüchtern veranlagt, auch wenn es selten sichtbar wird. Außerdem muß ich an meine Frau denken, die gerade zuhause zusammen mit den Freunden Marius und Jeannette, deren Vater Robert Guédiguian und unseren Kindern Mirjam und Aaron in l’Estaque vor dem schönen kleinen Schachtelhäuschen sitzt und darauf wartet, daß ich vom Meer zurückkomme und ein Schiff voller Austern mitbringe, die wir immer in die Badewanne kippen und diese dann mit einem hundertfünfzig Jahre alten Champagner auffüllen. Wenn die Austern sich völlig aufgelöst haben und zu reinem Schaum geworden sind, steigen sie alle fröhlich zusammen hinein und sind damit wieder glücklich für ein paar Monate sterblich und dürfen wieder etwas altern. Aber ich bin mit dem Schiff vom Hafen aus direkt ins Olympia und in diesen Film gefahren, habe die quälende Unsterblichkeit meiner Lieben wegen meiner schnöden Lust auf singende Frauen einfach ignoriert. Hoffentlich gibt es diesen Film nicht heute abend im Fernsehen. Ich bin ja nicht da. Sie werden sich sicher alle zusammen vor den Fernseher setzen und weiter auf mich warten, gar in Angst um mich und vielleicht auch ein bißchen um sich. Es ist sicher nicht angenehm, unsterblich zu sein. Ich spüre warmen Atem an meinem Ohr. Doch wegzurücken getraue mich nicht. Es wäre auch nicht mehr viel Platz. Denn meine derben Seefahrerkollegen sitzen alle dicht gedrängt und schauen zu, mit hämischem Grinsen im Gesicht. Ich drehe den Kopf leicht, um zu sagen, daß sie doch besser ins Mikrophon als in mein Ohr sänge, das seit der Sirenen Gesänge sehr empfindlich sei. Da sehe ich, daß es Enzo Enzo ist, die wunderschöne polnische oder russische Französin aus Paris. Das ist mir schon sehr viel angenehmer. Auch grinsen die Kollegen jetzt eher giftig, neidisch. Dennoch muß ich an meine Frau denken, die ich sehr liebe und die Calypso heißt. Ich habe mein Floß nach ihr genannt. Sie liebt mich nicht nur, weil ich ihr manchmal ein Schiff voll köstlicher Sterblichkeit bringe, sondern auch meinetwegen. Ich bin jedenfalls fast sicher. Aber gut, wenn Enzo Enzo schon singt, dann will ich mich meinem Schicksal gerne fügen. Doch sie singt ein Lied von Patricia Kaas, und die Stimme ist die meiner Frau. Die aber doch gar nicht singen kann! Stimmt das denn tatsächlich? Denn ein bißchen Ähnlichkeit hat sie ja auch mit jener Julie Driscoll, die ich 1969 in der Aula der Heidelberger Universität bestaunt habe und ich eifersüchtig war auf Brian Auger. Und nicht nur wegen ihrer Stimme. Aber nein. Vermutlich sind's lediglich die kurzen Haare, die den Eindruck erwecken. Denn dieses Gesicht hier ist weitaus feiner ziseliert. Auch röhrt hier kein Rock-Organ. Auch wenn es noch so beeindruckend war damals. Hier schwebt, flirrt, summt, säuselt, atmen die filigranen Stimmbänder einer Chansonnière vom Reinsten.

«Pépère tellement pépère/Pas pressé d’arriver/Se laisser la rivière/Gentiment déborder/Nager c’est magnifique/Même s’il y a qu’l’océan/Qui reste pacifique/Et pas pour très longtemps.//Reste sur moi/Que je respire avec toi /Reste sur moi/Que je respire avec joie.» *

Ich schlafe wieder ein.

Direkt neben mir sitzt Charles Baudelaire und flüstert mir sonor ins Ohr:

«La très-chére était nune, et, connaissant mon cœur,
Elle n’avait gardé que ses bijoux sonores,
Dont le riche attirail lai donnait l’air vainqueur
Qu’ont dans leurs jours heureux les esclaves des Mores.»


Ich sage dem Dichter, ich genösse es. Aber mein Französisch sei so médiocre. Er lächelt, wartet ein wenig, bis die Brise über mich hinweggesäuselt ist, und spricht mit warmem Akzent:

«Die Liebste war nackt, und da sie mein Herz kannte,
hatte sie nur ihr klingendes Geschmeide anbehalten,
dessen reicher Zierrat ihr jene Siegesmiene gab,
wie sie an frohen Tagen die Sklavinnen der Mauren schmückt.»


Oh! Monsieur Baudelaire — Sie haben meiner Maurin ein Gedicht auf den Leib geschrieben. Ich danke Ihnen.

«Halten Sie in sich! Monsieur», raunt er mir zu. «Sie hat noch Strophen auf dem Leib.»

«Et son bras et sa jambe, et sa cuisse et ses reins
Polis comme de l’huile, onduleux comme un cygne,
Passaient devant mes yeux clairvoyants et sereins;
Et son ventre et ses seins, ces grappes de ma vigne ...»


Ach, Herr Baudelaire. Es ist wunderschön. Es ist Musik. Aber Sie wissen doch — mein Französisch.

«Attention, Monsieur Didier. Écouter attentivement! Je te donne ...»

Ach. Du meine Güte. Ich höre meinen Gott des Liedes auf mich zukommen. Baudelaire hat an Léo Ferré übergeben. Er singt, ja, er singt in seinem köstlichen Deutsch, das fast schon wieder französisch klingt, für mich — Baudelaire:

«Ihr Arm, ihr Bein, ihr Schenkel, ihre Lenden,
blank wie Öl und wellenhaft sich biegend wie ein Schwan,
deutlich zogen sie vor meinem ruhigoffnen Blick vorüber;
ihr Bauch und ihre Brüste, diese Trauben meines Weinbergs,»


Wie 1976 im Théâtre du Chêne Noir zur Coriolan-Ouverture folgt dem Schmettern des Donnerdeutschen durch das fast verdoppelte Orchestre symphonique d'Avignon der multiple Ferrésche Liebesklang. Non! Excusez-moi, Monsieur Baudelaire! Es sind ja Sie, der sirrt! Sie haben sich nur seine Stimme ausgeliehen. Wie eben in diesem je te donne säuselt es, doch es ist die Kraft eines Apollinaire mit seinem Chanson du Mal-Aimé.

«S’avançaient, plus câlins que les Anges du mal,
Pour treubler le repos où mon âme était mise,
Et paur la déranger du rocher de cristal
Où, calme et solitaire, elle s’était assise.
Schoben, schmeichelhafter als des Bösen Engel,
sich näher, um meine Seele aufzuscheuchen aus ihrer Ruhe
und sie herabzulocken von dem kristallnen Felsen,
den sie in ungestörter Einsamkeit zu ihrem Sitz erkoren.
— Et la lampe s’étant résignée à mourir,
Comme le yoyer seul illuminait la chambre,
Chaque fois qi’il poussait un flamboyant soupir
Il inondait de sang cette peau couleur d’ambre!
— Und als die Lampe dann verlöschend hinstarb,
erhellte der Kamin allein noch das Gemach;
so oft er auflodernd einen Seufzer schickte,
überschwemmte er diese Ambrahaut mit Blut.»


Des Weinbergs Lüftchen rauscht in meinem Ohr. Ich erwache. Ich höre ein Klopfen. Ist es mein Herz? Erwache ich? An meinem Hals liegt der Maurin Bernsteinmund. Er murmelt an ihn hin.

«Bonjour Monsieur. Contrôle de police. Contrôle d'identité. Votre passeport et votre permis de conduire s'il vous plaît.»

*«Ruhig, ganz ruhig/Es nicht eilig haben, anzukommen/Den Fluß ganz langsam/übertreten lassen/Schwimmen, das ist herrlich/auch wenn nur/das Meer friedlich bleibt /Und das nicht für sehr lange Zeit.// Bleibe auf mir/damit ich mit dir atme/Bleibe auf mir/damit ich mit dir Freude atme.» (Patricia Kaas: Reste sur moi, Begleitheft zur CD je te dis vous, Sony France, 1993)

Quellen und Zitate:
Léo Ferré: Coriolan-Ouverture von Ludwig van Beethoven, auf LP: Je te donne, Barclay, Paris 1976

Léo Ferré chante et dirigé: La Chanson du Mal-Aimé de Guillaume Apollinaire, Barclay, Paris 1972

Charles Baudelaire: Les Bijoux — Die Geschmeide, Les Épaves (1866), in: Les Fleurs du Mal — Die Blumen des Bösen, zweisprachige Ausgabe, aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, Fischer TB, Frankfurt am Main 1962/1971; Original: Les Fleurs du Mal, Édition de 1861, Texte présenté, établi et annoté par Claude Pichois, Deuxième Édition Revue, Éditions Gallimard, Paris 1972 et 1996, p 195

 
Di, 05.08.2008 |  link | (2704) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Traeumereien


nnier   (05.08.08, 09:17)   (link)  
Fahren Sie beim Schlafen Auto - oder umgekehrt? Das muss ich wissen, denn es interessiert mich, wie man an solche reichhaltigen Träume kommt.
Ich kenne das alles nicht, und aufgrund eines dort erworbenen Traumas litt ich jahrelang an einer seltenen Form von Frankophobie. Andererseits, Baudelaire, da klingelt etwas - ich las mal, dass er den von mir sehr geschätzten Poe verehrt, übersetzt und in Europa bekanntgemacht habe; alleine deshalb hatte ich ihn schon auf der Liste, und über die "Blumen des Bösen" hört man ja auch manch lobendes Wort.


jean stubenzweig   (05.08.08, 12:35)   (link)  
Wie Graf Rappoltstein
unter Radar anmerkte, fährt es sich auf französischen Autobahnen extrem entspannend. So ist es. Ja, es soll Spitzenköche geben, die sich auf der Autoroute ganze Sterne erkocht beziehungsweise Gewinnermenues geträumt haben. Sekundenschlaf heißt das Rezept. Es darf allerdings keine Kurve im Weg sein. Doch das ist im gradlinigen revolutionären Frankreich eher selten der Fall. Man hat andere Mittel des Kopfabtrennens.

Meines Wissens gibt es Menschen, die in Sekundenschnelle den ganzen Baudelaire samt Poe runter rauf und runter übersetzen. Ich gehöre dazu. Es funktioniert jedoch nur im Traum. Ob's was taugt, steht auf dem ungedruckten Blatt, auch Makulatur genannt.

Les Fleurs du Mal — Die Blumen des Bösen, ja, unbedingt! Ich könnte mir gut vorstellen, daß es Ihnen konveniert. Aber aufpassen, es gibt im Günstigbuchbereich ziemlich neben den eigentlichen Inhalten herfahrende Übersetzungen! Meist sind es ältere (gerne solche nach dem zweiten Weltkrieg, als die deutsche Nation wieder versäubert werden sollte), in denen man gewisse Unschicklichkeiten oder gar politische Wirrheiten eingebravt hat.















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