Faß ohne Boden

Vom Sinn und vom Leben der Sprichwörter

Als Kaiser Vespasian (9 – 79 unserer Zeitrechnung) auf die Idee kam, auch noch den Urin zu besteuern und sich deshalb von seinem Sohn Vorwürfe machen lassen mußte, hielt er seinem Sprößling Münzen aus dieser Steuer unter die Nase und fragte ihn, ob dieses Geld etwa stinke.

Die Redensart «Ein Faß ohne Boden» zielt unter anderem auf die Vergeßlichkeit derjenigen hin, denen sofort alles wieder entfällt, was man ihnen eben beizubringen versucht hatte. Einen solchen Tölpel namens Strepsiades läßt Aristophanes in seinem Stück Die Wolken auftreten, aber auch Sokrates oder Platon haben deshalb diese Formulierung angewandt.

Von Sprüchen, die wir alle kennen und mit denen wir tagtäglich (oftmals falsch) umgehen, handelt dieses Buch. Genauer: von Sprichwörtern. Zusammengetragen und literaturhistorisch erläutert hat sie der im 15. Jahrhundert geborene und bis ins 16. Jahrhundert aktive Erasmus von Rotterdam. Der Gelehrte geriet mit seinem Appell an die Vernunft, auch in Glaubensfragen, seinerzeit zwischen die Mühlsteine der römischen und der reformatorischen Kirche.

Mit diesem Kompendium im Bücherregal kann man manch einen, der von der politischen oder journalistischen Kanzel herunter mit gebildeten Sprüchen um sich wirft, in die Zwickmühle bringen. Man kann aber auch (ohne solch finstere Absichten) das eigene vermeintliche Wissen auf seine Richtigkeit hin abklopfen beziehungsweise es (respektive eine Party) bereichern, also besser, hintergründiger sein als jede Quizsendung, deren Gewinn meistens nicht mehr wert ist als eine Reise nach Jerusalem.

Vor allem aber: Man wollte den Rechner ohnehin mal ausschalten, sich in die Ecke setzen und, wie es bei Oma und Opa immer so schön hieß, ein gutes Buch lesen. Und man setzte sich bei der Sprichwörter-Suche auch nicht der Gefahr aus, sich in diesem hausbackenen Wikipedia-Geheimwissen zu verhakeln, das sich so unbestäubt vervielfältigt wie das akute Verständnis von Esoterik. Gut, so schnell wie über eine Suchmaschine geht das Finden nicht, aber dafür erfährt man auch ein bißchen was über die Hintergründe und die (Ge-)Zeiten der Geschichte. Überdies ist es nunmal angenehmer, sich in einem Buch festzulesen als sich im weltweiten Web hoffnungslos zu verirren.

Leider ist das sehr schöne, bibliophile, mit 50 Vignetten ausgestattete Büchlein von Manesse nicht mehr im Handel (jedenfalls nicht neu); aber auch Manesse ist ja im Schlund eines Verlagsmolochs verschwunden. Dafür bietet Reclam es an — und auch noch sehr preisgünstig.

Dem Verlagsmoloch, der (auch) Manesse gefressen hat, ist dennoch ein kleines Lob zu zollen. Immerhin hat er ein weiteres der feinen Bücher des großen Humanisten (noch) nicht verramscht (obwohl es doch schon seit 2002 angeboten wird ...): Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit

Dem Lob der Faulheit folgend sei hier der Klapppentext des Verlages wiedergegeben. Nein, nicht nur der Bequemlichkeit folgend, sondern weil es einigermaßen unsinnig ist, bereits einmal treffend Formuliertes (vermeintlich) verbessern zu wollen.

«Die Weltherrscherin Torheit verkündet die Wahrheit, und sie tut es lachend: Dank ihrer dienstfertigen Zofen — Eigenliebe, Schmeichelei, Vergeßlichkeit, Faulheit oder Lust — hat sie das ganze Erdenrund ihrer Macht unterworfen und ist nun Königin selbst über Könige.

In diesem Meisterstück vorurteilsfreien Denkens erweckte Erasmus von Rotterdam die ironische Lobrede zu neuem Leben. Mit unübertroffener Leichtigkeit und rhetorischer Eleganz, rhythmischem Zauber und einzigartiger Musikalität zielt seine Rede nicht auf eine bestimmte Person, sondern auf alle denkbaren Dummheiten und Laster. Das Lob der Torheit ist ein unterhaltsames Buch, das in seiner scharfsinnigen Überzeichnung zum Lachen reizt. Die philosophische Tiefe des Buches besteht darin, daß die Torheit — ob als Forscherdrang oder Spielleidenschaft, Aberglaube oder Adelsstolz, Sophismus oder Eitelkeit — nicht nur als verdammenswertes Laster gesehen wird, sondern auch als notwendige Illusion, damit das Dasein überhaupt erträglich wird. Weisheit bedeutet demnach für Erasmus Erkenntnis der eigenen Beschränktheit und gelassenes Sich-Abfinden mit dem illusionären Charakter des Lebens: Torheit ist die wahre Weisheit, eingebildete Weisheit ist Torheit.»

Wer mehr (in der Ecke sitzend) über Erasmus von Rotterdam lesen möchte: Uwe Schultz hat ein empfehlenswertes, spannendes «biographisches Lesebuch» geschrieben, das die gesamte Epoche, die Auseinandersetzungen um die Reformation — auch um Martin Luther — umfaßt, also Aufklärung im besten Sinne:

Erasmus von Rotterdam: Der Fürst der Humanisten

Leider scheint das Buch vergriffen zu sein, doch wird es vereinzelt immer wieder angeboten, oftmals sogar recht günstig. — Wer rasch sachkundige Information sucht, dem sei geholfen, mit einer Besprechung des Buches von Goedart Palm unter: Erasmus von Rotterdam

Am Rande: Unserem Nachwuchs ist es unter Androhung einwöchiger Gartenarbeit oder vierwochenendlichem Gitarrenentzug untersagt, Bücher über einen bestimmten Versandhandel zu kaufen. Zunächst einmal gibt es für solche Einkäufe Buchhandlungen. Selbst der Landbewohner kommt mindestens einmal pro Woche ins Städtchen oder gar in die Stadt. Und ein Telephonat reicht aus, denn nahezu jedes Buch wird in der Regel von einem auf den anderen Tag geliefert. Außerdem macht es Spaß — zugestanden: zumindest den Alten —, in Buchhandlungen zu stöbern — und sie am Leben zu erhalten. Und wenn's denn gar nicht anders geht, dann eben meinetwegen auch via Internet. Aber nicht bei eben diesem Anbieter, der alles andere plattmacht.
 
Di, 21.10.2008 |  link | (1960) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4663 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 01.03.2021, 08:58



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