Generationenheim

Allüberall ziehen sie zusammen. In ein Haus. Sie wollen den Schluß nicht alleine verbringen. Schon gar nicht in einem Altenheim. Am Ende gar eins mit Pflege. Ich erinnere mich. Bald zwanzig Jahre ist das her.

Viel hätte nicht gefehlt, und ich würde heute an diesem dringenden Bedürfnis vieler Menschen, sich möglichst zugleich an einem Ort einzufinden, vollends verzweifelt sein. Oder längst wieder die Flucht ergriffen haben. Unter großer Schuldenlast. Wie es offenbar mit dem Pariser der Fall war, der im beschaulichen, von Reiseführern später gern als Bohème-Quartier angepriesenen Saint Nicolas sozusagen seine ewige Ruhe finden wollte. Gegenüber den beiden Türmen aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, die die Einfahrt des Alten Hafens bewachen. Dieses Hafens, in dem nicht nur ein bißchen Modder, sondern auch viel Gezeiten zu sehen sind. Alle sechs Stunden einige Atlantik-Meter. Alle sechs Stunden ein völlig neues Bild vom immerselben auf die Seite gekippten Kutter. Alle sechs Stunden Atlantikwasser, das in den Kanal hineindrückt. Dort, wo das zu Recht sagenumwobene, 1984 gegründete Chansonfest Francofolies begründet wurde, beehrt nicht nur von Léo Ferré. Der Pariser hat das Café und das dazugehörende Haus wieder verkauft.

Genau gegenüber stand und steht das Haus mit der Bäckerei. Es war offeriert worden. Es gab bereits drei Bekannte, die mit mir meine Vorstellung von einem Hort der Gemeinsamkeit in unterschiedlichen Altersgruppen verwirklichen wollten. Zu fünft oder zu sechst wollten wir es kaufen. Angefangen bei der Zweiundzwanzig- bis zum gut Fünfzigjährigen. Ein paar Jüngere, vielleicht Einheimische, sollten noch als Mieter hinzukommen. Es hat sich zerschlagen. Der eine konnte dann doch nicht so, wie er wollte. Und die andere wollte nicht, wie sie gekonnt hätte. Die anfängliche Euphorie war bald umgekippt. Vermutlich haben sie dann doch ein bißchen die Fremde gefürchtet. Oder vielleicht lag's ja auch daran, daß man sie ausgelacht hatte im Bekanntenkreis wegen dieser hirnrissigen Idee der Gemeinsamkeit von Generationen unter einem Dach.

Aber heute bin ich heilfroh, daß es nicht dazu kam. Denn als ich nach vielen Jahren mal wieder dort war in der Metropole des Charente-Maritime, überkam mich doch ein gewaltiger Schrecken über diesen Nebenzweig der Umweltverschmutzung. Der neu gewählte Monsieur le Maire hatte die Stadt von diesem sommerlichen Ruck- und Schlafsackgesindel säubern lassen, dem die Stadt die Francofolies zu verdanken hat. Dann hatte er sein La Rochelle ob der Tauber. Und zum Chansonfest reisten sie in Edelkarossen an. Zwischendrin war die singende Narretei mal so gut wie pleite. Mit Geld scheint doch nicht alles machbar zu sein. Und dann diese hinzukommende Volksseuche Massentourismus, die diese wunderschöne Stadt zerstört. Sie dürfte sich allenfalls noch in den Ameisenburgen aus Beton solcher eigens dafür hochgezogenen Städte wie Martigues derart drastisch zeigen. Oder in dem abstoßend monokulturellen Gewusel solcher Strand-Trabanten wie Pérpigan- oder Narbonne-Plage. Doch da können sie sich wenigstens gegenseitig tottreten. Während sie in La Rochelle über Jahrhunderte Gewachsenes erledigen. Bis zur Markthalle aus der Gründerzeit besteht die Rue des Merciers nahezu ausnahmslos aus Touristenfallen in Form von Edelboutiquen für diejenigen, die glauben sollen, es wären welche. Und einmal mehr haben nur ein paar wenige etwas davon – Francs. Von mir aus Euro. Und die anderen werden immer mehr zurückgedrängt in die letzten Winkel. Aber auch Saint Nicolas ist keiner mehr. Ich bin wirklich froh, nicht in dieser Art Gemeinsamkeit gelandet zu sein. Das Kino hatte mich glücklicherweise in den Süden geführt.


Das war mal mit ein Grund, dorthin ziehen zu wollen. Hier, in der rue St Nicolas, haben wir unseren Wein getrunken, nicht unbedingt den für achtzig Centimes das Glas. Für zwanzig Francs gab es ein Fläschchen von der gegenüber liegenden Île de Ré. Und das Gesicht der alten Wirtin erhellte sich. Die ganz edlen Stöffchen verschwanden im Giftschrank für Touristen, als sie in den Ruhestand gingen. Aber vorher noch einige in uns.
 
Mi, 25.03.2009 |  link | (3138) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches


nnier   (25.03.09, 10:28)   (link)  
La Rochelle: An die Stadt erinnere ich mich kaum, muss sie aber während einer Fahrradtour mit Kompagnon, am Atlantik entlang, durch Pinienwälder über guterhaltene Betontrassen, Jahrzehnte vorher für deutsche Wehrmachtsmotorräder angelegt, passiert haben. Die Türme sind äußerst beeindruckend.

Das Zusammenleben mehrerer Menschen, ob Mehrgenerationen- oder anderes Haus, ist immer ein kompliziertes Thema. Mich reißt es hin und her. Ich möchte nicht gerne alleine im Reihenhaus alt werden und wünsche dies auch meinen älteren Verwandten nicht. Und es gab da immer mal Versuche, von denen ich mitbekommen habe. Jahrelange Planungen, Gruppen, Gespräche, und bisher hat sich's doch am Ende regelmäßig zerschlagen. Man könnte sich gegenseitig sehr viel geben und die Leben bereichern. Und man kann sich gegenseitig zu Tode nerven und alles missgönnen. Schwierig.


jean stubenzweig   (25.03.09, 12:40)   (link)  
Über die Stadt
werde ich demnächst etwas ausführlicher. Sie ist sehr schön. Wenn nur die(se) Menschen nicht wären, die gefühl- und gedankenlos alles kaputtrampeln. Deshalb bin ich im Nachhinein wirklich froh, daß es damals (dort) nicht geklappt hat.

Beabsichtigt war damals: jedem sein eigenes Reich; das war Grundbedingung. Das Haus ist groß, dreistöckig mit Dachterrasse (heute ärgere ich mich ein wenig, bei all den Umzügen 2002 nahezu alle Photographien weggeschmissen zu haben, weil ich meinte, alles auf der organischen Festplatte zu haben). Die Boulangerie hätte ich unbedingt weiter betrieben haben wollen (es ist auch wieder einer drin). Das wäre sicherlich gut gegangen. Ich glaube jedenfalls fest daran. Und wenn einer nicht mehr gemocht hätte, dann wäre er eben ausgezogen. Auch die Franzosen aus den Großstädten bekommen mittlerweile Schwierigkeiten mit der Altersunterkunft; das Gemeinschaftskeitsgefühl ist dort ohnehin ausgeprägter.

Nach wie vor halte ich das für beste Modell. Und man könnte auch so manchen auffangen, der anderswo unterginge. Aber in Deutschland, ja, das bekomme ich immer wieder mit: «Jahrelange Planungen, Gruppen, Gespräche», alles will genauestens organisiert, Vereine wollen gegründet sein.


damenwahl   (25.03.09, 14:49)   (link)  
Mit Perpignan verbinde ich einen der schoensten Urlaube meiner Kindheit, Haus mit grossem Planschbecken und im Garten eine endlose Ameisenstrasse und ein Hundezwinger mit Welpen. La Rochelle hingegen kenne ich nur aus Buechern (Religionskriege und so).

Was nun das generationsuebergreifende Zusammenleben betrifft: einer der groessten Verluste der europaeischen oder westlichen Individualisierungskultur, sowohl innerhalb der Familie als auch ausserhalb. Wobei ich diesen Verlust erst so recht wahrnehme, seit ich im Ausland das Gegenteil gelebt gesehen habe - Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und bei allen Zwistigkeiten und Kompetenzgerangel doch innerfamiliaere Solidaritaet und Verantwortungsgefuehl.
Natuerlich bekommt man das als Gast im Land nur am Rande mit und so kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob wirklich alles so harmonisch zugeht, wie es scheint. Ich hege die Vermutung, dass der Verlust dieses Zusammenhalts zumindest auch mit ueppigen Sozialsystemen korreliert, die das familiaere Netz ueberfluessig machen. Die vielen gescheiterten Generationenhausprojekte (von denen man in meinem Alter gelegentlich hoert) reflektieren wiederum, wie schwer es ist, den zwischenmenschlichen Zusammenhalt wieder herzustellen in individualisierten Gesellschaften. Schon sonderbar: viele finden die Idee lobenswert, sogar attraktiv - aber gelingen mag es trotzdem nicht so recht.


jean stubenzweig   (25.03.09, 23:16)   (link)  
Beinahe spanisch ist sie,
die schöne Stadt da unten, jedenfalls im alten Kern; genauer: katalanisch. Kastilisch ist anders. Ich fahre von dort aus immer an der Küste entlang, um mich dann nach unten zu stürzen, das Sträßchen hinunter zum Grab von Walter Benjamin in Port Bou.

Zu La Rochelle werde ich die nächsten Tage etwas mehr erzählen. Auch diese Stadt: wunderschön, grenzenlos geschichtsträchtig. Wenn, ach wenn - siehe oben.

Ob der «Verlust dieses Zusammenhalts zumindest auch mit ueppigen Sozialsystemen korreliert», ich weiß nicht so recht. Sind die «ueppigen Sozialsysteme» nicht am Ende das Ergebnis des politischen Scheiterns? Denn um den «zwischenmenschlichen Zusammenhalt» hat man sich ja in Deutschland nicht gerade herausragend bemüht. Vergessen werden darf auch nicht, daß die Gesellschaft es anscheinend selbst in die Hand nimmt, wieder etwas Zusammenhalt herzustellen. Denn längst nicht alle Generationenhausprojekte sind gescheitert bzw. es werden immer mehr. Auch holt man wieder kleine Läden in die Dörfer, zusehends mehr holen sich die Energieversorgung wieder zurück aus den Krakenarmen der Konzerne. Sicher, es sind mal wieder diejenigen, die über mehr Bildung und somit Information verfügen, die es anpacken. Die Politiker halten sich raus, da sie zu sehr andere Interessen verfolgen: die weitergehende Stärkung der Unternehmen. Fände eine tatsächliche Aufklärung über die Medien statt, könnte es eines Tages auch bei denen ankommen, die den Zusammenhalt am dringendsten benötigen, aus der wirtschaftlichen Perspektive betrachtet. Aber vielleicht kommt «das Volk» eines Tages ja doch noch zur Besinnung, daß Gemeinsamkeit auch eine andere Bedeutung hat als eine ökonomische.


damenwahl   (26.03.09, 01:08)   (link)  
Andersrum wird es vielleicht plausibler: in ärmeren Ländern mit schlechteren Sozialsystemen muß zwangsläufig die Familie im weitesten Sinne auffangen, was der Staat nicht zu leisten vermag, in mehr als einer Hinsicht. Umgekehrt nimmt der gut ausgebaute Wohfahrtsstaat den Druck, sich auch über Konflikte hinweg zusammenzuraufen - weil zu gegenseitiger Hilfe keine existenzielle Notwendigkeit mehr besteht.

Natürlich ist es gut, daß manche Generationenprojekte auch funktionieren - aber es ist eben doch viel schwieriger, gestörte Beziehungen oder Mechanismen zu kitten, als intakte Strukturen zu bewahren. Ich finde es wunderbar und absolut erstrebenswert, in den von Ihnen erwähnten Punkten das Rad einige Jahre zurückzudrehen - und natürlich muß die Initiative von den Bildungsbürgern ausgehen (oder wie immer man sie nennen möchte). Dazu hat DA sich gerade erst ausführlich geäußert. Und ach, die Politik und die Wirtschaft. Da fand ich "Postdemokratie" von J. Crouch erhellend.

Auf die Erzählungen zu La Rochelle bin ich gespannt - die Bilder hier machen mir immer Lust auf Urlaub und lösen umgehend ein "ich-selber-sehen-will" Gefühl aus.















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