Schwere Umwölkung

Seit einigen Tagen stelle ich fest, daß alle irgendwie älter geworden sind. Schrecklich viele Lebenserfahrungsspuren durchziehen mittlerweile die Gesichter derjenigen, mit denen man doch erst gestern noch ein wenig wild um die Häuser gezogen ist. Nie käme ich auf die Idee, eine der von der Büddenwarderin so oft und gerne in meine Richtung hin geäußerten Anmerkungen — «den fahr'n sie auch längst mit der Sackkarre auf die Bühne» — auf mich zu beziehen. Doch nun ruft es mit einem Mal selbstkritisch in mir: Meine Güte! Ich werde doch nicht auch älter geworden sein?! Am Ende gar so alt, wie die alle aussehen?!

In ein tiefes Loch bin ich gefallen. Dabei verschmutze ich nicht nordisch mit Skistöcken bewaffnet die kulturelle Umwelt, setze keinen Helm auf, um in einer Zweiradhorde gesund zum Sonntagsfrühschoppen zu radeln. Höre noch immer nicht Johannes Heesters (so)wie Charles Trenet und lese auch nicht bevorzugt die bunte gelbe Presse ... Was ist geschehen? Nur noch müde bin ich. Zu nichts habe ich irgendeine Lust, nicht einmal zum schlafen, weil Schlaf so anstrengend ist, wenn man ihn immerzu sucht.

So geht es mir seit Tagen. Seit meine ganz persönliche Frau Doktor Blaulicht mir Pillen und Wässerchen verordnet hat, die mich revitalisieren, mir zu einem neuen Kreativitätsschub verhelfen sollen. So langsam beginnt der Verdacht sich zu erhärten, es könnte an diesen Drogen der pharmazeutischen Industrie liegen, die, anstatt mich zu befeuern, schwerst bewölken.

Ich glaub, ich leg mich erstmal für eine ganze Weile hin. Wenn der Himmel sich schon an die Abdeckerei zu machen beginnt. Dann liege ich schonmal.



 
Sa, 10.10.2009 |  link | (1600) | 21 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten


nnier   (10.10.09, 09:07)   (link)  
Kaum dreh i mi um und schau auf d' Uhr /
Da is scho Herbst


Man muss sich erst mal wieder darauf einstellen. Es geht mir auch so.


jean stubenzweig   (10.10.09, 23:43)   (link)  
Das läßt mich
ja einigermaßen beruhigt weiterschlafen.


frau braggelmann   (11.10.09, 11:19)   (link)  
also... es ist mir kein fall bekannt, in dem orangensaft und vitamin c zu schweren fällen von winterschlaf geführt haben!
bewegen sie den hintern an die luft...dann wird es besser!


murielsilberstreif   (11.10.09, 14:05)   (link)  
Wässerchen, die zu einem Kreativitätsschub verhelfen sollen? Da würde ich erwägen, die Ärztin zu wechseln. Aber andererseits, was weiß ich von Wässerchen, und Ärzten?


frau braggelmann   (11.10.09, 14:19)   (link)  
liebe frau silberstreif,

der mensch besteht zu 60-70% aus wasser (bei 70 kg körpergewicht wären das etwa 42 kg wasser).
beim verweilen in muscheliger heizungsnähe (und couch) und nicht ausreichend trinken, wäre die logische konsequenz ein austrocknen des körpers. was das auf die hirnleistung, also auch auf die kreativität ausmachen würde, sieht man gern in altenheimen, deren insassen dann im krankenhaus landen, weil plötzlich gaga...und nach ausreichend flüssigkeitszufuhr flugs wieder anfangen mathematische gleichungen zu bewältigen...
wasser und kuren mit solchigem werden in vielen kulturen und medizinischen anwendungen beschrieben...erfolgreich !
da es auch in "wässerchen" unterschiedliche mengen von salzen und mineralien gibt, ist eine wirkung auf den körper durchaus ! möglich und ein angenehmes wannenbad, ein spaziergang am meer (mit inhalativer massnahme von salz, gischt und totem fisch – auch in form eines herings-brötchens) oder eine kneipkur (nein, nicht die!) der kreativität förderlich !


jean stubenzweig   (11.10.09, 14:55)   (link)  
Au coeur de la vie.
Der Kreativitätsschub als Begriff, das muß ich zur Ehrenrettung aller anderen mal an die Dorfpforte nageln, stammt von mir, der ist niemand anderem anzulasten als dem überhaupt von mir gebildeten Wortberg, der ein Kokettierchen gebar. Ich habe lediglich eine unendliche Schlappheit und Unlust gemeldet. Es wird schon so sein: die übliche schwerste Herbstdepression mangels Illumination.

Und sicherlich auch, werteste Frau Braggelmann: «... den Hintern an die Luft». Aber da tut sich gerade (glücklicherweise) ein Hindernis auf: Genau im Blickfeld häuft sich momentan ein Großaufgebot von nachbarschaftlichem Besuch an. Also kann ich ihn gerade nicht raushalten. Und bald ist es dunkel. Das bringt dann auch nichts mehr.

Konsequent wie ich bin, leg ich mich wieder hin. Mitten ins Leben.


jean stubenzweig   (11.10.09, 15:12)   (link)  
Und das findet bei mir
zur Zeit im Badezimmer statt: Das eher im dunkleren Bereich postierte Grüngewächs macht mit einem Mal Junge ohne Ende – es hat kurz ein Sonnenstrahl durchs Fenster gezuckt. Als ob das ein Anlaß wäre, sich so unziemlich aufzuführen.

Ich werde die Welt in all ihrer Kompliziertheit nie verstehen.


damenwahl   (11.10.09, 15:37)   (link)  
Eine Freundin ist im Winter immer ins Sonnenstudio gegangen, der festen Überzeugung, das helfe gegen Depression, Lernschwächen, Dunkelheit und allerlei andere Übel. Fand ich immer etwas sonderbar, aber vielleicht ist es einen Versuch wert?
Ich wünsche jedenfalls, daß Sie sich bald wieder besser fühlen!


jean stubenzweig   (11.10.09, 17:28)   (link)  
Das mit der Lichttherapie
habe ich, anläßlich eines solchen Anfalls und auf ärztliches Anraten, vor drei Jahren schon mal ausprobiert. Aber an mir prallt solches Licht ab.

Eigentlich hilft da nur Fliegzeug. Und tatsächlich erreichte mich vor ein paar Minuten auch eine Aufforderung, es endlich zu tun. Aber es ist die Einladung eines Freundes, der nach über vierzig Jahren Paris nach Irland umgezogen ist. Weil sich dort das Licht zur Zeit so meert ...

Doch da unten, wo ich hingehöre, werden die Tage auch immer kürzer zur Zeit. Und diese sich ankündigende sportliche Betätigung lockt mich auch nicht unbedingt. Obendrein ist der Weg zum Fluggerät so beschwerlich. Also nehme ich die naheliegendste Horizontale. Gute Nacht.


frau braggelmann   (11.10.09, 18:56)   (link)  
...holt die sackkarre...


tropfkerze   (11.10.09, 19:12)   (link)  
Ich liebe den Herbst, ich liebe die dicken Wolken, den Regen, der auf mein Dächlein niederprasselt: Ich wohne direkt unterm Dach und bin daher vom Wetter nur durch eine dünne Schicht getrennt. Dabei kann ich hervorragend schlafen.

Was nun das Älterwerden betrifft: die Sackkarre kommt (noch nicht) zu mir, aber zu meinen unmittelbaren Ahnen, daher fange ich an, mich als Waise zu fühlen und weiß: die nächste Generation, der es an den Kragen geht, ist meine! Es liegt dann nichts mehr dazwischen - kein Dächlein, das den Regen abhält.


texas-jim   (11.10.09, 22:30)   (link)  
Ich will immer soviel erleben
Und verschlafe doch nur die Zeit
Und kaum daß ich einmal nicht müde bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei


(Element of Crime, Über Nacht)


jean stubenzweig   (12.10.09, 02:01)   (link)  
Die Literaturnobelpreise
gehen, trotz aller Zweifel an der aktuellen Leistungsfähigkeit der müden Jury, eindeutig an die Herren. Und den Friedenspreis kann diese nicht an eine Frau vergeben.

Ich bin hingerissen, meine Herren, von dieser friedenstiftenden Poesie der Erkenntnis. Sie ist niederschmetternd, Ihre erschütternde Diagnose, meine Dame.

Singt der Herr Regener eigentlich auch so schön wie er schreibt? Ich frage so dürftig, weil mir sowas nie zu Ohren kommt und ich mir deshalb kein Urteil zutraue.


nnier   (12.10.09, 08:54)   (link)  
Irgendwann haben wir das Thema schon einmal gestreift. Ich kenne nur wenig von Element of Crime und habe mich aus unerfindlichen Gründen auch nie weiter drum gekümmert. Aber im Zusammenhang mit der neuesten Veröffentlichung habe ich einige Artikel gelesen, in denen auch einige Hörproben verlinkt waren. Und das klang mir schon sehr gut im Ohr, an der Oberfläche erst mal gerne schrammelig und dann doch sehr differenziert. Jedenfalls geschieht es nicht oft, dass ich nach einmaligem Hören gleich einen Ohrwurm habe. Immer da wo du bist bin ich nie heißt das Lied (und auch das Album).
Und gut war auch der Sound in einem Zeit(?)-Interview neulich: "Was sind denn das jetzt für Johannes-B.-Kerner-Fragen ?", entgegnete Regener auf die Frage, wie er sich denn "fühle", wenn er heute an dem und dem Ort vorbeigehe.


jean stubenzweig   (12.10.09, 12:53)   (link)  
Das Interview
im einmal jährlich erträglichen Zeitmegazin habe ich gelesen – irgendwo hatte ich mich auch angetan dazu geäußert, auch, weil es mir quasi einen außergewöhnlichen Drei-Sterne-Aufenthalt gerettet und mir Regener ein Stückchen näher gebracht hatte. Gelesen habe ich diese Töne – dieser erwähnte köstliche Unterton war mir ebenfalls aufgefallen – sehr gerne, aber ob ich sie auch hören mag, muß ich eben ausprobieren; Musik hat bei mir immer irgendwie auch etwas mit Musik zu tun, muß sich also dauerhaft mit meinem oft sperrigen Gehör vertragen.

Ich suche mal ein bißchen herum. Wer weiß, vielleicht kaufe ich sogar mal was gänzlich neues, was ich seit Myriaden an Zeiten nicht mehr getan habe. Das wäre dann allerdings ein untrügliches Zeichen für ein fröhlich herannahendes Ende.


jean stubenzweig   (12.10.09, 15:05)   (link)  
Das ist nichts neues,
das ich mir kaufen werde, das ist nichts, was mich berauschen kann. Der Text gefällt, die Stimme ist angenehm, aber ich benötige immer irgendwie die Begleitung von drei Symphonischen Orchestern oder jemanden, der dabei seinen Flügel zerhackt oder sein Saxophon martert, mit einer oder mehreren Stimmen, die stöhnen, jauchzen, juchzen, sich übergeben ins Undenk-, Unsingbare, gerne takt- und sinnlos. Selbst wenn mich der Kitsch hinwegschmelzen läßt, singt der eine andere Sprache. Es wird schon so sein, daß ich bereits als schlimmes Früchtchen in meiner Mutter Leib so irgendwie andere Musik gehört und aus meiner Mutter Brust andere Geschmacksproben* gesogen habe.

Ich lese Regener lieber. Nicht immer, aber gerne.

* «Babies, deren Mütter während der Schwangerschaft Anissamen gegessen hatten, wandten sich dem Anis zu. Die anderen mochten ihn nicht.» Abe Opincar


vert   (13.10.09, 19:41)   (link)  
gerade ein ganzes wochenende mit eoc auf tour gewesen.
auch an orten wo ich mit ihr mal war. und jetzt war ich da und sie nicht. wie wohl immer, aber das wusste ich ja vorher

die neue platte ist in nashville aufgenommen und klingt dementsprechend und hat somit einen zuerst etwas irritierenden country-folk-einschlag.

die texte sind für mich teil der musik, ich kann den inhalt abstellen und weiß doch doch: es ist brillant.
das klappt nur mit ganz wenigen kapellen.


jean stubenzweig   (14.10.09, 11:23)   (link)  
Möglicherweise liegt es
an Nashville, das ich zwar nicht herausgehört habe, in dessen Nähe ich mich aber auf jeden Fall unwohl fühle.

Sicher sind Texte Bestandteile einer Musik. Aber wenn letztere mir nicht zusagt, löse ich sie heraus, um wenigstens den positiven Aspekt gewahrt zu haben. Aber im Gesamten – ich muß ja nicht in jedes Stück Seife beißen.


vert   (14.10.09, 18:21)   (link)  
ich war auch mal auf einer lesung. das kann er unverschämterweise ebenfalls ganz gut.


jean stubenzweig   (14.10.09, 23:24)   (link)  
Lebhaft vorstellen
kann ich mir das, im besten Wortsinn. Wie mir der ganze Mensch sympathisch escheint.


jean stubenzweig   (12.10.09, 23:49)   (link)  
Trotz aller Umwölkung
oder vielleicht gerade deshalb, da sie mir etwas mehr Zeit gibt, anderswo genauer hinzuschauen oder auch zu müssen, darf ich, will ich, muß ich auf diesen hinreißenden Gesang hinweisen:

Eine andere Währung schaffen















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