Syn- und asynchron

Der Unerträglichkeit der Länge geschuldet. Vielleicht aber auch, weil es ein Thema leicht neben meinem ursächlichen Beitrag ist: Ergänzung und Antwort zu den Einlassungen der Herren Nnier und Terra40.

Behaupten könnte ich jetzt, mich ginge das alles nichts an, da ich ohnehin nur seltsame und geschwätzige französische Spielfilme anschaue. Erleichternd oder erschwerend, je nach Sichtweise, wirkt sich aus, daß Neuerscheinungen, seit ich mit Journalismus nichts mehr zu tun habe, der mich in die Pflicht genommen hatte, an mir abprallen. Und ins Kino gehe ich seit Jahren nicht mehr, da mein bereits lädiertes Gehör die irrsinnige Lautstärke in den Kinos nicht erträgt, die dort mittlerweile Normalpegel sind. Aber es geschieht auch im Fernsehen höchst selten, daß ich mir Spielfilme anschaue. Ich bin ein Freund der (unten erwähnten) Dokumentation, gerne des Theaters und der Oper, nirgendwo kann ich meine schöne, verehrte und innig geliebte Sopranistin(nen) so tief ergründen, manchmal reicht mein sehnsuchtsvoller musikalischer Blick bis zur, sag' ich mal, letzten, auf dem Magen liegenden Zahnarztrechnung. Bevor ich mir einen schlimme US-Streifen nachempfundenen Tatort anschaue, schaue ich mir lieber einen Film über «Yakmist in der Energiewirtschaft der inneren Mongolei» an. Und wenn dann doch tatsächlich mal englischsprachiges Kintop als wirklich empfehlenswert über drei Empfehlungsecken bei mir angekommen ist, dann lege ich es mir meist als DVD zu. Dann kann ich mir eventuell die jeweilige Sprache aussuchen. — Ach, ich fröne schon wieder dem Abschweiflertum ...

Zurück: Ich bin ohnehin der Meinung von Nnier zugeneigt. Und unterstreiche das vom Kulturimperialismus gleich dick und fett mit. Wann wird denn an US-Spielfilmen wirklich mal lohnenswertes gesendet? In der Regel sind das doch die Werke, deren Botschaft besonders der Deutsche sich zu unterwerfen allzu bereit ist. Die wenigen aus den USA, die mich interessieren, sind sprachlich häufig derart diffizil, daß der aktive Wortschatz meines dem Alltag zugewandten Englisch dazu oftmals nicht ausreicht. Ich erinnere mich an die Begeisterung, mit der ein seinerzeit mit mir annähernd befreundeter Mediziner mit nordamerikanischer Krankenhauserfahrung von den opulenten originalsprachlichen Dialogen der Koreakriegs-Chirurgen in MASH friwohlig berichtete. Ich habe mir den Film deshalb extra dreimal in der US-englischen Version angeschaut. Erkannt habe ich die gepriesenen sprachwitzigen Feinheiten dennoch nicht. Deshalb bin ich dann froh, wenn Spielfilme (gut) synchronisiert* sind.

Womit wir beim Problem wären. Der größte Teil dieser Sychronisationen ist meist ohnehin derart runtergenudelt — und häufig sprachlich auf Breitenwirkung hin angelegt —, daß es auch schon keine Rolle mehr spielt. Auf mehr Qualität müßte geachtet werden. Das geht, aber es kostet Geld. Und das auszugeben sind Produzenten, oft genug mit Verleihern verbandelt, längst nicht mehr bereit. Es würde unter Umständen die Einspielergebnisse von dreistelligen Millionen US-Dollar gefährden. Da es den meisten Zuschauern ohnehin wurscht zu sein scheint, allemale unterhalb von A-Produktionen, wird das quasi analogisch im Schnellverfahren abgewickelt. Fast Food eben. Was Sorgfalt leisten kann in der Synchronisation — von Nniers Hinweisen mal abgesehen — belegte vor ein paar Jahren Cyrano de Bergerac (hier teilweise thematisert). Von da an ließe ich mit mir reden, was die Qualität von Synchronisation betrifft. Sicherlich gibt es weitere Beispiele, auch unter englischsprachigen Spielfilmen. Aber mir sind keine bekannt. Was selbstredend auch meinem mangelnden Interesse geschuldet ist.

Wollen Sie tatsächlich alles untertitelt haben, wie das bei Ihnen in den Niederlanden, aber auch in anderen Ländern üblich ist? Ich bekomme bereits in den von mir bevorzugten Dokumentationen Zustände, wenn ich lesen muß, was da angeblich gesagt wurde. Das alleine ist — auch aus der Weltarbeitssprache Englisch «übersetzt» — teilweise bereits filmerweichend falsch. Oft genug fällt mir dabei das abgegriffene Praktikant ein. Denen will ich das gar nicht mal vorwerfen, da es ihnen meistens an Wissen und Erfahrung mangelt. Da wird seitens der Produzenten unsäglich geschludert. Kostenreduktion nennt man das wohl, neudeutsch gerne sparen genannt. Und was macht der Zuschauer bzw. -hörer eines aserbeidschanischen, finnischen, oder, en vogue mit zunehmender Tendenz, chinesischen Spielfilms? Wer untertitelt da? Diejenigen, die auch die Gebrauchsanweisungen oder die Reiseprospekte übersetzen? Die reizende Studentin etwa der Germanistik im zweiten Semester, die vom Padre Patrone des Medienkonzerns in den koproduzierenden Sender hineinbugsiert wurde? Mittlerweile verstehen immer mehr junge Menschen nicht einmal mehr die Sprache des Landes, in dem sie aufgewachsen sind und dessen Nationalität sie oft auch besitzen; Frankreich wäre da wohl nur ein Beispiel. Die umseitig erwähnte Fernsehanstalt TV 5 Monde der francophonen Gemeinschaft untertitelt auch. Aber in Französisch. Unter anderem deshalb, damit die zuschauenden Hörer überhaupt mitkriegen, was die in den Spielfilmen da quasseln. In der Landessprache, wohlgemerkt.

Was sie als «Filme mit künstlerischen Ansprüchen» bezeichnen — davon mal abgesehen, daß das eigentlich jedem Film innewohnen sollte —, also gut, «Kunstfilme», die «auch in den dritten Programmen der deutschen Fernsehsender im Originalton und untertitelt gesendet werden», womit gemeint sein dürfte, daß sie sich vom normalen Programm durch besondere Intentionen und Produktionsweisen abheben, die richten sich bereits an eine Minderheit. Von der kann unter Umständen bereits von einer Mehr-, zumindest aber Zweisprachigkeit ausgegangen werden, die dieses Metier erforderlich macht. Menschen, die sich solche Filme gezielt anschauen, bewegen sich in der Regel auf internationalem Parkett, wenigstens geistig. Die englische Sprache dürfte Bestandteil dessen sein. Beim innermongolischen Dialekt wird's dann schon schwieriger.

Ich hatte einmal das Vergnügen, mit einer Künstlergruppe aus diesem Sprachraum zu tun zu haben. Verstanden haben wir uns prächtig. Am besten verständigt man sich mit Menschen in einer Sprache, die niemand richtig beherrscht, vollends fröhlich wird's dann, wenn der Wodka als Übersetzer tätig wird. Diese Künstlergruppe stellte unter anderem Filme über ihre Arbeit her. Selbstverständlich in ihrer Sprache, versehen mit ein paar selbstgebastelten englischen Untertiteln. Wie auch anders? Gerne hätte sie wenigstens einen richtigen Kommentar dazu gehabt. Das aber hätte, zumindest für die Produktion im obendrein weit entfernten Studio, viel Geld erfordert. Das sie nicht hatten.

Und aus dieser Perspektive sollte unter anderem die Tatsache betrachtet werden, daß auch viele Spielfilme, von wem auch immer untertitelt, gesendet werden. Sie werden meistens bereits sehr preisgünstig für die Mitternachtsschiene der vom normalen Alltag übriggebliebenen null komma neun Prozent Zuschaueranteil eingekauft. Vermutlich keine Fernsehanstalt wäre bereit, die doch recht aufwendige sprachliche Adaption für einen Streifen zu bezahlen, der nach der Ausstrahlung für immer ins All entschwindet. Nicht einmal für englischsprachige Produktionen. Da sei Götze Sport vor. Zum Beispiel. Was nicht heißen soll, daß alle in Originalssprache gesendeten Spielfilme diesem Gesetz unterliegen. Selbstverständlich liegen hier Bedarf und Notwendigkeit vor. Aber einige dürften durchaus darunterfallen.


* Gestatten Sie mir eine kleine Anmerkung: Nachsynchronisieren bedeutet, wenn Filme, meist bei schlechter Tonqualität, beispielsweise bei Außenaufnahmen oder anderen Gegebenheiten, von den Darstellern selbst im Studio in der Sprache des Films nachgesprochen werden. So ähnlich jedenfalls. Das komplette Übertragen in eine andere Sprache wird im Deutschen schlicht Synchronisieren genannt.
 
Di, 09.02.2010 |  link | (1168) | 10 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten


prieditis   (09.02.10, 11:36)   (link)  
Ich oute
mich mal als Liebhaber dieser gruseligen Werbefilmchen, deren hörbare Originalsprache mit (vermutlich in einem Keller oder einer Diele) deutschähnlicher Stimmer übersprochen wurde. Hey, ich meine, das ist so einfach, und es spart Zeit UND Geld...

Aber ich denke mir gerade, daß diese Liebhaberei wahrscheinlich sogar von mir erwartet wird ;o)


nnier   (09.02.10, 11:46)   (link)  
Sie wollen hier wohl aufs Nebengleis. Aber ich verstehe Sie: Da kann es wirklich schön sein.

"Hey, das ist ja fantastisch! Ich kann mir meinen eigenen Gemüsesaft herstellen mit dem Magic Juicy Lucy Juicer! Ich kann Apfelsaft machen, oder Karottensaft, oder anderen Saft! Ich hätte nie gedacht, dass der Magic Juicy Lucy Juicer so fantastisch ist! Und er kostet jetzt nur noch! Hey, Mike, sieh mal, was ich mit dem Magic Juicy Lucy Juicer alles machen kann! Sogar Apfelsaft! Und Möhrensaft! Und anderen Saft, das ist toll! Sieh mal! Und er kostet jetzt nur noch!"

Ich habe mir das mal über eine Stunde lang angesehen.


prieditis   (09.02.10, 17:19)   (link)  
"Und das Beste: Wenn man direkt bestellt, dann bekommt man zusätzlich noch unglaublich viel anderes Glump..."

Ich finde, das hat was von Zweikanalton...

Gibt es das eigentlich noch!? Zweikanal?


jean stubenzweig   (10.02.10, 00:39)   (link)  
Eine ganze Stunde?
Und dann auch noch direkt bestellen ... Ouf. Die Zivilisation fordert einem einiges ab.

Zweikanalton? Weshalb sollte es das nicht (mehr) geben? Das hatte ich überhaupt vergessen im Angebot der Originalsprache, dessen ich mich auch hin und wieder bediene. Allerdings funktioniert das häufig – oder gar grundsätzlich? – nicht über Satellit.


prieditis   (11.02.10, 17:29)   (link)  
Zweikanalton
Ich fragte, weil, mein Röhrenempfänger noch nicht mal das Internet des kleinen Mannes - Videotext - empfängt.


jean stubenzweig   (12.02.10, 01:23)   (link)  
Wie alt ist denn
Ihr Dampffernseher? Ich habe ein gut zehn Jahre altes Röhrengerät, bei dem Videotext problemlos funktioniert (ich wüßte das nicht, gäbe es nicht junge Menschen, die da auch schonmal reingingen). Liegt es möglicherweise an der technischen Ausstattung? Ich wollte seinerzeit das Hochwertigste, aber nicht weil ich so ein Technofix bin, sondern weil ich als technischer Tiefflieger ein Gerät wollte, das es mir so einfach wie nur möglich macht, also alles selber einstellt. Und das gewährten offensichtlich nur Apparaturen der sogenannten gehobenen Preisklasse, also Zwanzigkanalstereoton et cetera. Nur ein Ei kann ich mir darauf nicht backen.


terra40   (09.02.10, 11:46)   (link)  
Untertitelte Synchronisationen
Herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ihre Position scheint mir klar. Einigen wir uns bei der meinerseits banaler Feststellung dass es eine Wahl zwischen zwei Übel ist. (Keine elegante und umwerfende Lösung, aber ich weiss nichts besseres.) Nochmals: mit Untertitel kann man leben.
Noch einige Beibemerkungen wenn ich denn darf. Nicht nur bei uns aber auch in anderen Ländern werden manchmal auch Sendungen in der Muttersprache untertitelt. Und das mit einem zutreffenden Grund, nähmlich als Hilfe für Fernsehzuschauer mit Gehörproblemen.
Zweitens: an unseren wenigen Opernbühnen - ich sage das wegen Ihres Interesses für die feine Art der Oper - werden Oper nicht unter-, sondern übertitelt. Eine Aria der Norma kann man synchron verfolgen oberhalb des Geschehens. (Das hat der Puccini sich auch nicht träumen lassen!)
Drittens: der inhaltliche Unterschied zwischen Synchronisation und Nachsynchronisation war mir bekannt. Bei uns verwendet man beide Begriffe durcheinander. Verzeihung bitte.
Gruß, T.


jean stubenzweig   (10.02.10, 00:29)   (link)  
An die Gehörproblematik
habe ich noch gar nicht gedacht. Wer weiß, wann die mich ebenfalls erreicht. Das Thema Sehhilfe haben Sie ja gerade so schön illustriert.

Die «Übertitelung» kenne ich ebenfalls aus der Oper. Aber dabei ist es nicht so lästig, weil es soweit oberhalb der Bühne geschieht, daß es mir nicht das Bild nicht stört.


damenwahl   (09.02.10, 11:57)   (link)  
Ich habe vor einigen Jahren begonnen, Filme auf Englisch zu schauen, die ich schon auf Deutsch kannte. Manchmal ist der Unterschied schon bedeutend und ich bin froh, daß das bei mir funktioniert - allerdings stehe ich mit dieser Fähigkeit in meiner Familie alleine da.
Ganz lustig wird es bei Schwarzkopien aus entfernten Ländern, die vor Ort untertitel werden - da geht jedes Drama als Komödie durch.


jean stubenzweig   (09.02.10, 16:06)   (link)  
Ach du meine Güte!
Hier ist ja mächtig was los. Und auf der anderen Seite auch noch. Da ich zur Zeit entäußerungsunfähig bin, möge man bitte warten bis heute spät abends oder auch morgen.















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