Zwischen PR-Anstrengung und Qualitätsauslese

Für den Rundfunk, entnehme ich einer mit einem Ausrufezeichen versehenen Notiz in meiner nach längerer Zeit gerade mal wieder angeworfenen elektrischen Klappkladde, sei eine besondere Befähigung nicht erforderlich, denn da würde schließlich immer nur geredet. Ein sogenannt renommierter Zeitungsjournalist hatte sich in spritueller Anmutung in die Tiefen der Wahrheitsfindung begeben.

Mutmaßungen über Jakob müßten jetzt hier angestellt werden. Ach nein, das ginge dann doch zu sehr in die unbekannten Tiefen des literaturhistorischen Ozeans, dieser Herr scheint mir eher das Schnorcheln zu bevorzugen. Gemutmaßt sollte also werden, lebendig aus der Sprache der US-Fernsehserienforensiker, also in der Art und Weise, wie heutzutage der Autobahndorfpolizist, expertisiert durch Sprechübungen im heimischen Wohnzimmer des Reihenhäuschens, oder der Pressesprechautomat eines Automobilklubs meinen, in ein Mikrophon hineinreden zu müssen, die noch nicht wissen, weshalb dieser Jakob via Leitplanke mal wieder in fremdem Territorium, oder, wie man heute auch sagt, Terroir gelandet ist. Denn was ist das für ein journalistischer Alltag, in dem davon ausgegangen wird, daß der Hörfunk-Mensch sich einfach ins Studio setzt und draufloslosplappert?

Dieser Qualitätsjournalist, entnehme ich des weiteren meinen Aufzeichnungen, die weniger reportagecharakteristisch als mehr von Stimmungen bestimmt sind, höre ausschließlich bei Sendern rein, die nichts anderes ausstrahlen als Musike, Musike und nichts als Musike, lediglich unterbrochen von ein paar spekulativen Wetterberichten zu auf- und untergehenden Sonnen am Aktienhimmel. Aber selbst die müssen, fällt mir ein, wie die jeweiligen Weisheiten zu Musiktiteln et täterä, zunächst einmal er- und dann verfaßt werden. Aber vielleicht bin ich doch nicht mehr so auf dem laufenden und weiß deshalb nicht, daß so etwas längst aus dem neudeutschen Bauch-Gewühl und Hertie (Gefühl und Härte — Neue Kunst aus Berlin, 1982, Kunstverein München und Kulturhuset Stockholm) heraus geschieht.

Was ich als ehemaliges — gar lang ist's her — Radioschreiberlein weiß: Das Schreiben von Beiträgen für den Hörfunk ist vielleicht dann doch mindestens ein bißchen so anstrengend wie das Befüllen von elektronischen Poesiealben aus dem Journalistenalltag. Florian Felix Weyh hat sich im Südwestrundfunk unter dem Titel Reich das mal ein! zwar vor einiger Zeit, aber deshalb nicht minder aktuell zu Journalistenpreisen zwischen PR-Anstrengung und Qualitätsauslese geäußert. Nein, hier soll jetzt kein Bezug zu akuten Skurrilitäten aus dem Bereich der Wahrheitsfindung hergestellt werden. Hier geht es schließlich ums Radio. Hat der Hörfunkautor das alles im Kopf und spricht es dann mal eben ins Mikro? Oder muß der sich nicht doch eine Weile hinsetzen, das eine oder andere lesen, für Interviews in das eine oder andere Dorf fahren, sich vorher und nachher Gedanken machen und alles zusammenfassend beschreibend und kommentierend, überhaupt alles auf die Reihe bringend, in seine elektronische Schreibmaschine tippen, dann in den Schneideraum gehen, um die O-Töne zu bearbeiten, ins Studio gehen, um den Text zu sprechen oder vielleicht vorher noch mit dem Regisseur die Musikakzente, überhaupt die Durchläufe besprechen und und und? Es steht die Befürchtung an: Das begrenzt des täglich mit Facts Beschäftigten journalistische Vorstellungskraft.
 
Do, 12.05.2011 |  link | (1044) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten


mark793   (12.05.11, 15:56)   (link)  
Sicher
kann man viel kritisieren am heutigen Hörfunk mit seiner Formatiererei und Worthäckselei. Aber als jemand, der sich auch da und dort der Mühe unterzogen hat, Texte für das Radio zu schreiben, würde ich mich nicht zu der Behauptung versteigen, man müsse im Rundfunk nur reden können.

Hinter einer solchen Auffassung scheint doch ganz deutlich Dünkel hervor: verba volant, scripta manent und was man sich als Tontafelritzer oder Totholzbeschrifter sonst noch alles einbilden mag.


jean stubenzweig   (12.05.11, 18:54)   (link)  
Zur Medienelite
zählende Menschen soll es ja geben, die den ganzen Tag bis an den abendlichen Stammtisch vom vielen (Voraus-)Denken erschöpfter Journalisten alle möglichen Ereignisse bewerten, aber historisches Hintergrundwissen für vernachlässigbar, weil von gestern halten – und sich darauf auch noch was einbilden, etwa nach dem Beispiel: Was sind denn das für uneffiziente Weisheiten, dieses Spezialisiert auf das Nichtspezialisiertsein? Das Bißchen, das ich lese, kann ich mir auch selber schreiben.

Aber es darf auch nicht vergessen werden, daß die Rhetorik als Wissensermittlung, wie sie beispielsweise Kleist noch beinahe antikisch praktiziert hat, ohnehin ein wenig der Vergangenheit angehört. In den meisten Fällen wird das Rhetorische nur noch als kleine Kunst der großen Sprechblase gelehrt. Und angewandt. Beispielsweise in diesen Fernsehquasselsendungen, in denen sich überwiegend Zeitungsmenschen ins Bild setzen.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4455 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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