Von Menschen und Juden

Angeregt wurde ich zu den folgenden Zeilen von Henner Reitmeier. Ursprünglich sollte es lediglich eine lobende, zur eventuellen Multiplikation führende Erwähnung sein. Dann hat einmal mehr sich der Gaul in meinem Kopf losgerissen und ist unaufhaltsam dorthin galoppiert, was die einen Heimat nennen oder andere ein von Stolz geprägtes Nationalbewußtsein, ohne darüber nachzudenken, daß sie zufällig in ein bestimmtes Land geboren oder von Mächten mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr adoptiert wurden; gegen den wahrlich nichts einzuwenden ist, würde er nicht allzu häufig von geradezu dämonisch verantwortungslosen Politikern sozusagen mißbraucht, um ihre Machtphantasien orgiastisch zu reproduzieren.

Vieles in Reitmeiers Aufsatz Schwarze Löcher führt hin zu seiner offensichtlichen Abneigung gegenüber dem Staat Israel. Das sei ihm unbenommen. Aus unterschiedlichen, im Privaten, in der Kulturation wurzelnden Gründen teile ich diese Ablehnung nicht. Ich bin offenbar zu sehr geprägt von dem, was der israelische «Installateur», der «plastizierende» Bildhauer Yaakov Agam mir gegenüber einmal treffend als «Kulturjude» bezeichnet hat. Das ist ein Mensch, der keinerlei Wert auf diese Religion legt, seine entwicklungstechnischen Wurzeln dennoch darin sieht. In meinem Fall ist das der Sohn eines sibirischen Schtetl-Bewohners in der Oblast, dem Verwaltungsbezirk Swerdlowsk, geboren noch im russischen Kaiserreich und ausgewandert aus der Sowjetunion nach Palästina, und einer mehrfachen Konvertitin aus der nicht nur geographisch entgegenzusetzenden Seite, dem an Lothringen grenzenden Elsaß, die ihr Kind, zweifellos männlich meinungsführend, bewußt ohne jede religöse Erziehung aufwachsen ließen, weil sie der Meinung waren, eine Entscheidung für oder gegen einen Glauben könne nur ein Mensch treffen, der in der Lage sei, ein eigenes, also klares, eindeutiges Urteil zu fällen. Bei den meisten des hiesigen Kulturraums geschieht das auch nicht bei Einsetzen des politisch wahlfähigen Alters oder geschieht das nie, weil sie bereits kurz nach der Geburt mit dem Implantat eines Denkmechanismus versehen werden, dem zu entrinnen sie kaum in der Lage sind; heutzutage werden viele das vermutlich als Algorithmus der eigenen oberen Festplatte bezeichnen, obwohl sie's eigentlich nicht unbedingt mit Komplexitäts- oder Berechenbarkeitstheorie haben. Deshalb sind sie auch nicht in der Lage, klar zu denken. Das Bild vom Holzschuppen mit Kripplein ist eingemeiselt wie in biblische Tafeln, auch wenn längst erwiesen ist, daß am Ort des Herrn alle Bäume verbrannt wurden, also alle in Steinhäusern lebten und ohnehin belegt ist, daß die heutige Zeitrechnung falsch ist. Ein einmal gewaschenes Gehirn bleibt rein, nur eben in der Art einer Jungfrau, die ohne jedes biologische Zutun eines irdischen Wesens schwanger wird. Das muß es sein, daß nach wie vor geradezu unglaublich viele Frauen sich wieder in den von Teilen auch der hiesigen Gesellschaft gewünschten vorehelichen Stand der Jungfräulichkeit zurückversetzen lassen.

Mein wildwuchsiger Unkräutergarten, erwachsen aus aus allen möglichen Literaturen, darunter Bibel, Koran, Thora et cetera, wird dennoch von den Auswürfen eines Komposthaufens immer wieder gedüngt und durchaus auch besamt; es gibt in der zivilisierten Welt keine nicht kultivierte Natur, auch wenn manche auf dem Geist des Schöpfers beharren, dessen biblische Kreativität all das in ein paar Tagen oder, das sind allerdings bereits die Aufgeklärten unter ihnen, über einen etwas längeren Zeitraum hin geschaffen hat. Böse Menschen unterstellen deren geistigen (sic!) Führern gar eine Wischiwaschi-Theologie:
„Der Glaube an Gott als den Schöpfer vermittelt die Gewissheit, dass diese Welt die Möglichkeit zum Guten in sich enthält; er erschließt einen Zugang zur Welt, der sich auf diese Güte verlässt und zu ihr beizutragen bereit ist. Dass Gott es mit der Welt im Ganzen ebenso wie mit meinem persönlichen Leben gut meint, ist der Grundsinn des Schöpfungsglaubens.“ (W. Huber, “Der Christliche Glaube“, S. 37 Mitte)
Dass „diese Welt die Möglichkeit zum Guten in sich enthält“, wird — wie auch immer man dieses “Gute“ auffassen mag — kein Atheist bestreiten wollen. Aber braucht es dazu denn wirklich den Glauben an ein transzendentes personales Überwesen? Und was habe ich von einem Gott, der sich jeglichen Eingreifens in den Lauf des Universums oder meines Lebens enthält, aber es trotzdem ganz treuherzig „gut meint“? Woran soll ich denn überhaupt erkennen, dass dieser Gott es wirklich gut mit uns allen meint, — und nicht etwa das Gegenteil?
Noch heute spüre ich in mir diesen Geist derer, in deren Umgebung ich mich bewegte, da ich nunmal zur Familie gehörte und immer wieder an diese ausgeliehen wurde. Das hinterläßt Spuren. In den Sechzigern hätten die mich unter Umständen mein Leben kosten können, hätte ich in einem lichten Moment meines damals noch recht von der geistigen Diffusität meiner Verwandtschaft bis in die USA umnebelten Denkens meine Umsiedlung nach Erez Israel nicht abgebrochen. Zwar habe ich mich von der Familie geschieden, nicht zuletzt, weil ich mich deren seltsamem Verständnis von Gesetzgebung, deren Einfluß grundsätzlich entziehen wollte. Aber aus unerklärlichen Gründen fühle ich mich dem Land nach wie vor verbunden.

Ich mag Reitmeier vor allem in einem folgen, worüber ich fortwährend Ärger in mir aufkeimen sehe, wenn es, wie dieser Tage erst wieder, in einem der Bildung verschriebenen, letztlich der objektiven Darstellung verpflichteten öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme. Es ging um historische Hintergründe unter anderem der Ukraine: Es sei ein, hieß es in der «Dokumentation», Völkergemisch aus, um nur beispielhaft zu zitieren, Galiziern, Bukowinern, Wolhyniern — und Juden. Das ist eine, nochmal: unglaubliche, allerdings nicht einmal mehr gezielte Verwirrung oder Verunsicherung der immer dringender informationsbedürftigen Zuschauer, ist es doch längst integriert in das Faktendenken, bedingt durch den letzten großen Massenmord an Gläubigen einer Richtung. Für den Kaiser in den Krieg zogen Bayern, Holsteiner, Preußen — und Juden.

Ich weiß gar nicht, welche Passage ich aus Reitmeiers Aufsatz zitieren soll. Sein literarischer Essay ist von oben bis unten prall gefüllt mit Subtilitäten, auch mit stilistischen Feinheiten, derentwegen ich ihn empfehlen wollte und weiterhin will. Also schließe ich die Augen, bilde ein Zentrum und wähle damit den Abchnitt aus, bei dem es es um den Götzen Mammon geht, bei den erstmenschgeborenen Kain und Abel, wobei der eine den anderen erschlug, was als Metapher gelten darf für all das Gemetzel, das Menschen untereinander angerichtet haben und weiterhin anrichten.
Kain war bekanntlich Landwirt. Beide waren also Männer und erfolgreiche Unternehmer. Doch sie waren nicht gleichberechtigt. Gott Mammon, dem sie wegen ihres Erfolges Dankopfer darbringen, verschmäht die Gabe Kains. So darf sich Kain zurückgesetzt, ungerecht behandelt, verhöhnt genug fühlen, um seinen Bruder Abel zu erschlagen. Denn an Gott kommt er ja nicht heran. Solange wir an Gottes Allmacht glauben, zwingt uns der Vorfall zu der Folgerung, Gott selber als Oberverbrecher und Vater allen Geschwisterkampfes und Krieges anzusehen.
Schwarze Löcher, Abschnitt >Abel<
Meine sich hin und wieder dagegen wehrenden Gefühle schalte ich dabei aus, auch den Bedenkentäger, als der ich früher einmal bezeichnet wurde. Das Stück ist einfach zu gut, zu zeitlos schön. Das ist Lust am Text.
Mit dem „Zigeunertuch“, auf dem sich jenes Handgemenge abspielte, hatte es gleichfalls eine etwas ungewöhnliche Bewandtnis. In den Adern der impulsiven Maren kreiste auch ein Schuß Romablut. Zum 30. Geburtstag hatten ihr entfernte Verwandte aus Rumänien dieses handgewebte, mit Perlen besetzte bunte Tuch geschickt, das sie in der Folge fast überallhin mitnahm und wie ihren Augapfel hütete. Als ich Maren in einer Weinheimer Kneipe kennenlernte, lag das Zigeunertuch zusammengefaltet neben ihr auf einem Barhocker — und zwar so einladend, daß ich sie fragte, ob ich für einen Moment darauf Platz nehmen dürfe. Ihr kleiner Schrecken deutet bereits auf die Weihe des Tuches. Sie nahm es vom Hocker und erklärte mir, es wäre ein Sakrileg, wenn sie diesem Wunsch eines wildfremden Mannes entspräche. Also nahm ich ungepolstert Platz, womit der Anbändelei nichts mehr im Wege stand.

 
Di, 26.06.2012 |  link | (977) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen


g.   (27.06.12, 05:43)   (link)  
Vielleicht hätte Reitmeier
Tom Segev: ‚Es war einmal ein Palästina’ lesen sollen und einige Informationen zur Staatsgründung Israels unter britischem Mandat sowie zu den Hintergründen und Ursachen des Sechs-Tage-Krieges wären sicherlich auch nicht hinderlich gewesen. Ich fürchte, den zusammengestoppelten Rechtfertigungsmythos religiös-konservativer Kreise in Israel mit Hilfe einer eigenen, einer anderen Metaphysik zu kritisieren, führt nur ins Unterholz und zu einem irrealen Verständnis der Konflikte im Nahen Osten. Da ist man dann nicht mehr so weit von Grassschen Proktophantasmagorien entfernt. Je nun, und Kain und Abel als erfolgreiche Unternehmer im Konkurrenzkampf um Gottes Gnade und a bisserl Vulgärfeminismus sanft untergehoben? Ach nee, wissense, nee, nee, nee.


jean stubenzweig   (27.06.12, 16:08)   (link)  
Lücken, meinetwegen.
Man mag's auch den Mut dazu nennen, möglicherweise verursacht durch eine andere Doktrin, die den Blick zu dem des Tunnels verengt, den über den Tellerrand der eigenen Nicht-Religion vielleicht nicht zuläßt. Auch ich bin dabei, wie oben angedeutet, bisweilen nicht unberührbar und gebe mich hin und wieder Verführungen hin. Es gibt nunmal die unterschiedlichsten Sichtweisen. Die sogenannte Objektivität halte ich für eine der größten Schwindeleien überhaupt. die uns, sei es via Fernsehen, Rundfunk oder Zeitung, immer wieder als Wahrheit vermittelt werden soll. Aber deren Definition bleibt diffus wie das Licht der Erleuchtung, die uns das Siècle des Lumières gebracht hat, und damit Frage um Frage. Da die Welt so groß geworden ist, sehnen sich immer mehr Menschen nach der wärmenden Enge einer in der familiar kuscheligen Antwort auf die Frage aller Fragen.

Nein, Ende der Scherzereien. Woher Reitmeiers Abneigung gegen Israel auch herrühren mag, ist für mich unerheblich. Mir kam's durchaus auf, so schlicht sie Ihnen auch vorkommen mag, die Metapher Kain und Abel für gesellschaftliche Entwicklungen an, die so ausgeprägt von Religion als Grundfeste bestimmt werden, die enorme Auswirkungen auch aufs Denken und somit Sprache haben. beispielsweise: Galizier, Bukowiner, Wolhynier, Bayern, Holsteiner, Preußen — und Juden. Sie kann auf diese Weise ein Schlüssel sein zu einem Gegenverständnis, meinetwegen in die unvollendete Postmoderne. Letztere peilt er auch nicht an, sondern eine Freiheit von der Hierarchie, deren «subtile» Variante uns die Moderne schließlich auch beschert hat. Und wirklich apodiktisch ist er meines Erachtens ohnehin nicht, ich spüre jedenfalls keine Endgültigkeit, allenfalls eine recht festgefügte Meinung, die er als solche, wie wir alle die unsere, nunmal irgendwoher hat beziehungsweise haben.

Wer weiß, wie ich heute denken oder funktionieren würde, wäre ich beispielsweise wie mein Bruder, meine Mutter nannte das eigen Fleisch und Blut, das sie unter Schmerzen weggab, weil's einer zuviel war, mit nur einem unkomplizierter oder was auch immer reisen war, der also in einem völlig anderen sozialen Umfeld aufgewachsen ist. Für mich waren das, drücke ich es moderat aus, seltsame Ansichten und Verhaltensweisen, die mein eigen Fleisch und Blut an den Tag legte. Ich habe es unter Ungleiche Brüder mal fiktionalisiert darzustellen versucht; erzählerisch unter anderem deshalb, da ich mich an Einzelheiten gar nicht mehr so genau erinnere. Allerdings geht mir eines nicht aus dem Kopf, zum ersten Mal aus meines Bruders noch jungem Mund, Anfang der Siebziger, gehört: À bas les juifs. Nieder mit den Juden. So sprach er, zumindest dachte er noch, als ich ihn in den Anfangsneunzigern zum letzten Mal gesehen habe. Die mit uns nicht blutsverwandte Familie, in die er gegeben wurde und in der er aufgewachsen ist, hatte das vermutlich so in ihm festgetreten, wie sie ihm beibrachte, wie ein Kleingärtner dieser Zeit seine Beete fast zu betonieren hatte, auf daß nicht das sprießen könne, was viele wohl nach wie vor Unkraut nennen. Ich hatte immerhin das Glück, einen Weg gehen zu dürfen, an dem ich mehr Menschen kennenlernte, die mich lehrten, es gebe kein Unkraut, und sei es ein Steuerberater, der mir beibrachte, der Begriff Unkosten existiere nicht.

Das gefällt mir an Reitmeier: Er läßt sich versucherisch treiben zu (s)einem Ziel, das hin und wieder Mäandernde, das Erzählerische macht's mir sympathisch. Doch vielleicht mag's daran liegen, daß ich zu wissen meine oder auch glaube, wie eine Tür zu öffnen ist und wo die meinungsbildenden Wassereimer hängen, die über ihr befestigt worden sind. Mein altes Haus beginnt zu bröckeln, und unter dem sich bildenden Geröll entdecke ich manches, das ich im vermeintlich stabilen Gemäuer gar nicht sehen konnte. Das ist eine Art Destruktion, die in Reitmeiers Denken übrigens eine arg negative Wertung erfährt, die als solche in mir immer wieder Neues konstruiert. Aber genug. Ich hab's gern gelesen. Schluß. Ich will mich an ihm nicht auch noch abarbeiten. Ich will überhaupt nicht mehr arbeiten. Das bißchen verbliebene Denken ist anstrengend genug.


nnier   (27.06.12, 16:24)   (link)  
Danke, dass Sie das öffentlich tun. Ich lese hier gerne mit.


enzoo   (28.06.12, 08:21)   (link)  
we are all made of glue
ist nun kein tesa- oder uhu-werbespruch im englischsprachigen raum (naja, vielleicht doch, und ich weiss es nur nicht), sondern der titel des buches von marina lewicka, der wie so vieles englischsprachige hoppatatschat (ungeschickt) ins deutsche übersetzt wurde mit "das leben kleben", weil hauptsache es reimt sich. frau lewicka nimmt sich in ihren büchern, romane allesamt, soweit ich weiss, der sich wandelnden ethnischen zusammensetzung der westlichen demokratien, insbesondere grossbritanniens, an, und zeigt mit hilfe der vorstellung von einzelschicksalen das "big picture". in "we are all made of glue" geht es dabei unter anderem um araber und juden in grossbritannien und israel/palästina, um die staatsgründung israels, die intifada und die heutigen zustände mit allem, was dazwischen liegt und von den einzelnen parteien vorgebracht werden kann. einzelne menschen, das personal des romanes, erzählen ihre persönlichen geschichten und schicksale: die sind leider selten kuschlig und fröhlich, sondern von hass und aufhetzung und mord und totschlag, verlust und leiden durchsetzt. am ende des buches erkennen diese menschen vage, dass das hier und heute zählt, wie man jetzt miteinander umgeht, und nicht, was sich vor 60 jahren in der wüste zugetragen hat. das klingt jetzt vielleicht kitschig und pilcherig, ist es aber beiweitem nicht, denn wenn man darüber nachdenkt, kann man sehen, dass das tatsächlich das ist, was das leben im jetzt ermöglicht: die ewige gegenseitige aufrechnerei ist dazu wenig geeignet. dass das vor ort, in den umkämpften, beanspruchten gebieten, wo der wahnsinn tägliche erfahrung ist, ungleich schwieriger ist, ist mir wohl bewusst. aber es ändert ein klein wenig an der welt, wenn wir, die wir davon entfernt leben, dieses stellung nehmen und position beziehen nicht mitmachen. karmisch irgendwie, vielleicht, oder so.


jean stubenzweig   (28.06.12, 13:15)   (link)  
Ach, wissen'S,
lieber Nnier, daß es Menschen gibt, die dabei gerne mit- oder einfach nur lesen, ist mir durchaus angenehm oder auch, etwas gefühlvoller ausgedrückt, freut mich. Die erhöhte Einschaltquote, an der mir nicht übermäßig gelegen ist, sonst müßte ich meine Schreibrichtung ändern, bestätigt Sie, also das Interesse. Ob's das Thema, der darauf verweisende Texttitel oder vielleicht gar ein bißchen auch die persönliche «Offenbarung» ist, entzieht sich meiner Erkenntnis, aber ich bin fast sicher, das eine oder andere zusätzliche Wort kann zur Verständlichmachung beitragen. Ich gehöre zu denen, die immer sogenannten Zeitzeugen gelauscht haben. Die meisten sind ausgestorben, ich komme diesem Status nahe, ich löse mich auf, werde offen nach allen Seiten oder auch durchlässig. Die Zeit öffnet den Vorhang zusehends, den ich webtagebuchschreibend lange Zeit vorhalten mußte, um andere, nicht zuletzt sogenannte Sachen nicht bloßzustellen. Ich werde zusehends distanzloser, je mehr sich Geschehnisse von mir entfernen.

Da ich davon ein bißchen mehr weiß als von anderem, ziehe ich die Künste beispielhaft heran. Mich hat immer interessiert, wie ein Schriftsteller, ein Künstler lebt, ich habe Autoren besucht, bin in Ateliers gegangen. Für lange Gespräche habe ich mir immer Zeit genommen, kein Fahrplan konnte mich daran hindern. Im Fall unbeantworteter Fragen habe ich eben noch einen Tag drangehängt oder auch zwei oder bin noch einmal hingefahren. Meine beruflichen Tätigkeiten, die in den seltensten Fällen von meinen privaten Interessen getrennt waren, haben mir glücklicherweise erlaubt, was anderen versagt blieb und bleibt. Hier durchaus mehrfach erwähnt, will ich es dennoch wiederholen. Jochen Gerz hat mir gegenüber vor rund dreißig Jahren erwähnt: Alles ist autobiographisch. Dieser Ansicht war ich zuvor auch, aber dieser Künstler, nicht zu vergessen dessen ehemalige Gattin und Miturheberin des Schweren, Esther Shalev-Gerz, hat sich wie wenige mit Lebensereignissen anderer, wahrlich alles andere als im Licht der Öffentlichkeit stehender Menschen auseinandergesetzt und sie dargestellt, Lebensgeschichten, nur eben nicht aus gesell-schaftswissenschaftlicher Perspektive, sondern mit künstlerischen, mich immer beeindruckenden Mitteln. Andere Künstler wie Christian Boltanski oder, romanartiger, Sophie Calle, das sind lediglich zwei von vielen, wenn nicht gar im tiefsten Inneren allesamt sich medial Mitteilenden, haben in besonderen Fällen die mehr oder minder eigene Geschichte beispielhaft für eine jeweilige Autobiographie herangezogen. Das Einbringen der eigenen Persönlichkeit verschafft mehr öffentliche Aufmerksamkeit, das Versenken, Verschwindenlassen von Denk- oder Mahnmalen sowie Namen und Fakten hingegen lediglich Spuren. Die waren mir zwar immer bedeutsamer als das Spektakuläre des Einzelnen, aber gerade der hat auch mir so manches Mal aufs Pferd geholfen.

Das wollte ich immer wissen, das hat mir ein jeweiliges Bild gemalt, das ich auf diese Weise angehoben habe, hinter das ich blicken durfte: das vom jeweiligen Menschen. Ich habe nie zu denen gehört, die behaupten, der Schritt ins Atelier verdunkle den Blick für Qualität, wer auch immer die Kriterien dafür bestimmen mag, die zu trennen sei von der Person des Urhebers. Solche Wertung hat zu mancherlei Fehlurteil geführt. Ich meine, die persönliche Äußerung schafft tatsächlich vielen Menschen einen Zugang, den meisten dürften Ereignisse und Geschehnisse zu abstrakt sein wie manches Kunstwerk. Ich bin zwar kein Künstler, versuche aber zwischen ihnen, ihrem Werk und den Hinkuckern zu vermitteln. Dabei hilft mir der Blick hinter die Kulissen, den ich häufig nehmen durfte, hinter das von vielen oft nur oberflächlich Gesehene. Darauf zu verweisen scheint mir mehr Verständnis für scheinbare Spinnereien zu erzeugen, die jedoch häufig Merkmale von Autobiographischem sind. Deshalb gebe ich mittlerweile auch hier vermehrt persönlich Beispielhaftes wieder, weil es meines Erachtens zur Aufklarung beitragen kann, den einen oder anderen dazu bewegt, sich zu bewegen, um die nächste Dimension zu erfahren, indem er um die Figur herumgeht, nicht starr vor ihr stehenbleibt. Herbert Marcuse gab dieser Mentalität den Namen Der eindimensionale Mensch; ich meine lediglich den Bilderrahmen, den Inhalt mag ich hier nicht diskutieren. Früher habe ich einiges fiktionalisiert, denn La vie est un roman, der sich leichter liest als ein Leben sich lebt und im übrigen ohnehin die Romantik verkörpert. Dabei ist die Wirklichkeit häufig unwirklicher als der phantasievollste Roman. Ich halte die in letzter Zeit zunehmende Hervorhebung des literarischen Ichs und/oder des anderen für überbewertet, da es sich meines Erachtens immer verquickt hat, auch wenn viele Autoren das getrennt haben wollen zwischen eigenem Erfindungsgeist und tatsächlichen Vorkommnissen. Es lebe die Kreativität. Das Leben schreibt oft genug Geschichten, die einem kaum jemand glauben will. Deshalb wählt man besser gleich die Form der Erzählung. Dann kriegt man möglicherweise noch einen künstlerischen Hauch ab, streift einen vielleicht gar eines Frauenkleides Saum.


jean stubenzweig   (28.06.12, 15:16)   (link)  
Hoppatschat
Das ist einmal mehr ein Begriff, mit dem Sie mein Seitlein wie überhaupt verzieren. Mit dem Buch, den Büchern von Marina Lewicka greifen Sie die Geschichte vom Menschen und Juden in Great Britain, von Menschen und Juden in aller Welt zwar auf, aber es verweist genauso auf diese immer wieder behauptete Dümmlichkeit von der Rassereinheit, aus der oft genug noch Heimatgefühl herausbrüllt (hoffentlich nicht heute abend schon wieder, sonst glauben sie tatsächlich noch an ihre Herrlichkeit, wenn die auch noch so von anderen Erleuchtungen bestimmt sein mag): Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Damit meine ich genauso all diejenigen, die in jeder Hinsicht aktuell bereits verloren haben. Wann gab's denn den letzten Stamm reiner Rasse? Ich weiß es nicht, man mag bei den Völkerkundlern nachlesen. Ich bin nicht sicher, ob die auf die erste Völkerwanderung verweisen. Rasse? Homo erectus, Homo sapiens? Exisitiert nicht auch die forscherische Erkenntnis, nach der, wie sie's vornehm nennen, die Gene ausgetauscht haben? Haben's nicht gar Bayern mit Oberpfälzern, Palästinenser mit Israelis getrieben? Und manch fröhlich' Kind ist als Ros' entsprungen, ob's nun ein göttliches Geschenk von oder aus Jesse war oder nicht. Ich war immer für die Bastardisierung der Menschheit, was an der gickernden Fröhlichkeit liegen mag, die während dieser Prozesse entstehen kann. Manfred Jander hat auf mein Bitten hin einmal nachgedacht und es aufgeschrieben: Du Bastard!.
Auch politisch in einem sehr engen Sinne ist diese Vorstellung bestechend: ‹Vorkommnisse› kämen nicht mehr vor. Haß auf Ausländer, Andersfarbige, Menschen anderer Religion wäre nicht nur obsolet, sondern könnte nicht einmal mehr gedacht werden. Und auch die gegenläufigen Zeitverschwender wären von selbst erledigt: Lichterketten, Resolutionen, ‹Runde Tische› — wozu sollten die noch gut sein. Die Wohlmeinenden allerdings hätten einen Tranquilizer weniger. Dafür aber könnte sich eine neue Linke entwickeln. «Rassen aller Länder vermischt euch!» Das wäre doch die zeitgemäße Variante der ähnlich klingenden Aufforderung (vielleicht dasselbe meinende: «vereinigt euch» — tragisches Mißverständnis?), die zur Beruhigung aller Wohlhabenden zur Zeit weltweit keine Konjunktur hat. Überflüssig würde auch die hübsche ‹menschliche› Attitüde der Toleranz, dieser Duldsamkeit, die ja nur dann zum Zuge kommen kann, wenn jemand seinem Gegenüber erst mal massive Vorbehalte entgegenhält, ihn aber deshalb nicht gleich umbringt. Der Neger, Jude, Behinderte ist auch ein Mensch.
Sie machen's kürzer als die Geschichte und verweisen auf die letzten sechzig Jahre in der Wüste, die sich ja bekanntlich zunehmend ausbreitet wie die Vergangenheit. Ob das jetzt «kitschig oder pilcherig» klingen mag, das ist mir wurscht. Ich weiß ja, wie eine Tür zu öffnen ist. Johannes Mario Simmel beispielsweise hat mir in langer Rede, etwa über seinen Roman Alle Menschen werden Brüder, vermutlich nicht minder ernsthaft und aufrichtig als die Werke von Frau Lewicka, an einem Nachmittag bei Kaffee und Törtchen im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten in diesem Zusammenhang das Prinzip mit Schiller erklärt: Die Wahrheit sei nur mit List zu verbreiten. Wenn die Menschen, die diese Bücher trotz «hass und aufhetzung und mord und totschlag, verlust und leiden» lesen und am Ende auch noch fazitieren, wie man miteinander umgehen sollte, dann soll mir das recht sein. Es ließe nämlich auch den Schluß zu, die aktuelle Fußballerei geriete rascher ins Hintertreffen als das Vergessen von Geschichte, in deren jeweiligem Namen geflaggt wird, obwohl die meisten gar nicht einmal wissen, wie alt oder jung das Land ist, in das der Zufall namens, nennen wir ihn internationale Liebe, sie hineingeboren hat.


edition csc   (28.06.12, 15:42)   (link)  
Irgendwie
muß der hierher: Ahoi Polloi.

Die Kommentare vielleicht weniger.

–cabü


jean stubenzweig   (29.06.12, 13:00)   (link)  
Richtig: paßt
Sein sarkastischer Witz erheitert mich häufig, fast immer. Im hiesigen Fall habe ich, mal wieder, laut gelacht. Sein scheinbar aktueller Bezug greift tief in eine Problematik von Tradition und deren Wandel in westlichen Sichtweisen. Die einen kennen Hintergründe, andere nicht oder nur schemenhaft.

Seine «begleitende» lapidare Bildssprache kommentiert das auf eigenartige Weise. Sie nimmt mir meistens die Luft, mich dazu zu äußern, mein bißchen Schlagfertigkeit reicht dazu nicht aus. Da halte ich lieber die Klappe, bevor ich Gefahr laufe, witziger sein zu wollen als der Witz selbst.















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