Neuneusprech

Hadmut Danischs Blog hatte ich ein wenig aus dem Blickfeld verloren. Weshalb, das weiß ich selber nicht mehr so genau. Vermutlich hatte mich sein Kampf mit den Gerichten, gegen die Forschungsmafia ein wenig ermüdet, seine Obsessivität mich auch leicht abgeschreckt. Es mag aber auch daran gelegen haben, daß ich als nicht unmittelbar Betroffener nicht ausreichend berührt worden war. Auf diese Weise kann sich dieses fatale Desinteresse einstellen.

Es existiert zwar nichts ohne Zusammenhänge, aber da Sprache mich immer, fast möchte ich behaupten seit den Anfängen meines Lebens, beschäftigt hat und das, was mich an diesem ganzen gender- oder sonstwas spezifischen Geraune abstößt, möchte ich es quasi per se zum Bestandteil meiner Rubrik lingua franca machen und vielleicht dort anschließen, wo das Laubacher Feuilleton Mitte der neunziger Jahre mit seiner Ausgabe 20 aufgehört hat, es via Schrift und Sprache versucht hat, ein wenig dagegen aufzubegehren. Genutzt hat es zwar nichts, wie wir heute wissen, aber ich möchte zumindest für den Anfang — ich bin zur Zeit, wie bereits angedeutet, wegen anderweitigen Tuns leider gehindert, mich dem ausführlich zu widmen — einen kleinen Rückblick auf unsere Windmühlenflügeleien bieten, angefangen vielleicht mit Ralph Köhnens Bemerkungen zu Herrn Theodor Wiesengrunds Physiognomie der Satzzeichen, wobei ich bei meinem alten Thema bleiben darf, in dieser Besonderheit der Romantik namens Jean Paul, hier mit dem auch schon wieder seit gut anderthalb Jahren seligen Hans Pfitzinger.
[...] Ja, ich handle in Notwehr. Gelegentlich glaube ich ja, die Schreiber und Texter beharren auf ihrem Tun gar nicht extra, um mir Schmerz zuzufügen. Vielleicht wissen sie es gar nicht anders, weil sie eh nichts lesen, was älter ist als der ‹Spiegel› dieser Woche. Wie anders könnte sich diese von Giorgio Armani beschneiderte Journalistin denn sonst in meinen Fernseher schleichen und von «Pseudotaffneß» faseln, was wohl toughness geschrieben würde und Härte bedeutet? Hat sich denn die gesamte schreibende (und fernsendende) Zunft verschworen, mit dem Ziel, mich zur Weißglut zu bringen? Wie soll ich mir denn die Inflation dieser englischen Vokabeln erklären, die — häufig auch noch falsch verwendet — allgegenwärtig sind: in Tageszeitungen, Magazinen, Wochenschriften, Werbetexten, Sportreportagen, Fernsehsendungen, Talg-Shows (so spricht's der Franke aus, korrekt, wie ich meine), Bedienungsanleitungen, Verpackungen und Radiosendungen? Da wird ständig geschrieben und gesprochen von adventure und von biken, von Event und Location, von Birthing und Breathing und Walking, von Big Points und genau getimten Pässen, von Superslowmo und von Riverrafting, da werden Songs und Ereignisse gecovert, nicht die geringsten Selbstzweifel geoutet, TopNews und Tiwi for Nature gesendet, da wird eine Zeitschrift mit dem Titel ‹Fit for Fun› herausgebracht. Noch toller treiben sie's mit Begriffen, die es im englischen Sprachgebrauch gar nicht gibt: der Talkmaster gehört dazu, der Dressman, Max Goldts Pullunder oder — gesehen im Untergeschoß des Münchener Hauptbahnhofs — die Modejuwelery. Im Sport- und Schaugeschäft feiern sie allüberall die ‹Shooting Stars›, obwohl sie in den meisten Fällen ‹Rising Stars› meinen. Ersteres erfüllt ja fast den Tatbestand der Beleidigung, denn eine Sternschnuppe ist bekanntlich sehr kurzlebig, während das Etikett aufgehender Stern schon eher als Kompliment durchgeht. [...]

Der gesamte Text
Das alles bezieht sich zwar auf diesen US-amerikanischen Neusprech, wie Thomas Hoof unseren Kampf gegen Windräder fast abschließend benannt hat. Aber das genderdifferenzierende nachpostmoderne Neudeutsch scheint mir doch nicht allzusehr davon entfernt zu sien. Es dient meines Erachtens nicht nur der Abgrenzung der Geschlechter, die vom humanen, meinetwegen humanistischen Standpunkt aus gesehen eigentlich vereint werden sollten. Hier schlägt sich unter anderem ein Auseinanderdividieren nieder, das eine neue Klasse schafft, die der etwas Bessergebildeten, die sich anderen gegenüber unverständlich machen will, um sich abzuheben. Das ist, was zu befürworten wäre, keine Wandlung hin zu besserem, zu gutem Deutsch, kein Versuch, ein neues Esperanto zu schaffen, das ist eine brusttrommelnde Verquasung allgemeinverständlicher Sprache. Nirgendwo wird deutlicher, wie sehr es diesen Neuneusprechern darauf ankommt, unter sich bleiben zu wollen. Orwell ist dagegen ja sowas von gestern.


Die leider in keiner besseren Qualität zur Verfügung stehenden (wird nachgeholt: Frau Braggelmann!) Abbildung bezieht sich auf das (hier beschnittene) Gemälde Rückkehr von Martine Dallennes, zu dem Ralph Köhnen mit Die gerettete Hermetik Erläuterndes veröffentlicht hat. In Dallennes Arbeit spielt die chiffrierte Sprache eine wesentliche Rolle — ein französisches Phänomen der (nicht international ausgerichteten) bildenden Kunst des Landes, in der auch das geschriebene Wort eine bedeutende Funktion erfüllt, dort, wo sie gleichsam indigene Wurzeln hat, nenne ich sie revolutionär, weniger dem Bild zugeneigt als mehr der aufklärerischen Sprache, sozusagen auf daß der Mensch überhaupt erst einmal erlerne, sich von den Bildchen der biblia pauperum zu lösen. Ähnliche Chiffrierungen sind mir in der bekannteren zeitgenössischen deutschen Malerei höchst selten begegnet, nachfolgend in einer sozusagen kurzhistorischen Zeichensprache, im Bild von Gil Schlesinger, das nicht nur auf seine Vergangenheit in der DDR verweist, sondern auch auf eine bewegte und bewegende Geschichte, die Sprachlosigkeit produziert.


 
Do, 27.09.2012 |  link | (1641) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: lingua franca















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 5362 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 22.04.2022, 10:42



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