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Sitten und Gesetze Wer umzieht — aus welchem Grund auch immer —, der wird bemüht sein, vorher auszumisten. Dabei wird er jedoch auf das eine oder andere Stückchen stoßen, das er nicht unbedingt weggeschmissen sehen will. Das hier gehört dazu: «Wo die guten Sitten aufhören, müssen die Gesetze anfangen.» Gestern abend (29. April 2007) war ich — neben dem äthiopischen Autor Asfa-Wossen Asserate und Fritz J. Raddatz — zu Gast beim Philosophischen Quartett, bei Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk (der, wie es den Anschein hat, der einzige lebende deutschsprachige Philosoph zu sein scheint). Zugestanden, ich bin etwas spät, in die letzten zehn, fünfzehn Minuten hineingeplatzt, und Asserate, Raddatz sowie die beiden Wortführer saßen im Fernsehgerät, während ich — wie es neudeutsch heißt — mich «außen vor» befand (wenn auch im vermutlich bequemeren Sessel), also nicht «vor Ort». Deshalb durfte ich auch nicht mitreden. Allerdings war das auch nicht weiter vonnöten, denn Raddatz sprach für mich aus, was ich seit langer, langer Zeit an meine Umgebung hinrede und -schreibe, was mich zusehends mehr in Rage bringt. In Rage: Sogar die übernahm Raddatz für mich. Das Thema war, grob umrissen: Gute Manieren — wozu können, wozu sollen sie heute noch und überhaupt taugen? Das Fazit vorweg: Von irgendwoher muß es ja kommen ... Zum Ende des Gespräches hin verwies Raddatz darauf — und er war dabei sichtlich erregt —, daß man täglich zugemüllt werde mit historisch falschen Aussagen und schlechtem Deutsch. Mittlerweile käme einem das sogar aus Blättern wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Zeit entgegen (ich möchte die Süddeutsche Zeitung hinzufügen, das auflagenstärkste Blatt; womit eben nicht jenes gemeint ist, auf das sich täglich Millionen Fliegen stürzen). Wenn ich mich recht erinnere, erwähnte er auch die Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk- beziehungsweise Fernsehanstalten. Es käme — ich verdichte die Aussage — einem Kulturverfall gleich, der einen manierlichen Umgang nicht mehr möglich mache. Kulturverfall — ich höre sie schon wieder aufjaulen, unsere Dynamisch-Progressiven. Kulturverfall gleich Leitkultur oder so ähnlich. Oder wie der ganze ewiggestrige Denk-Moder sonst noch heißen mag ... Aber Moder — das ist nunmal die Vorstufe zum Humus, zur Erde. Das ist das, woraus wir uns ernähren. Aber wenn ich nur Chemie-Industrie-Yoghurt in den Kompost gebe, dann ziehen demnächst vermutlich auch die Ratten um in den nächstgelegenen Bio-Bauernhof ... Wenn der Freund erzählt, einer seiner Studenten habe ihm — einige! Jahre ist das bereits her — auf eine (etwas) schlechte(re) Note für seine Dissertationsschrift entgegnet, er solle sich doch nicht so haben wegen der paar Rechtschreibfehler (schlappe fünfzehn pro Seite; ist ja auch nicht so schrecklich viel für einen Doktoranden der Germanistik), er solle doch mal ins Internet schauen ... — dann krist es mich schon arg. Und es fällt mir wieder die Begebenheit ein, die unter Anekdoten abgelegt werden könnte, wäre es nicht so fatal für unsere Humus-Entwicklung. Fünfzehn, vielleicht auch nur zwölf Jahre liegt es zurück, daß ich einer jungen Frau einen Pressetext zu einem Blättchen vorlegte, von dem es damals im Zürcher Tages-Anzeiger hieß: «Alles atmet den Geist einer kauzigen, wohl auch ein wenig elitären Gelehrtenrepublik, die zur eigenen Kurzweil und in durchweg geschliffenem Deutsch Fundstücke oder Sottisen [...] austauscht. [...] Die [...] sehen ihr Blatt in der Tradition der klassischen Feuilletons: eine Festung gegen den Unrat der Mediengesellschaft [...].» Sie gab diese Presseankündigung nach ein paar Minuten zurück mit der Bemerkung, sie verstünde das nicht, das sei ihr zu kompliziert. Das wäre keiner weiteren Erwähnung wert, hätte es sich bei dieser jungen Frau nicht um eine Studentin der Germanistik im fünften Semester gehandelt! Das sind die Menschen, die heute in den Redaktionen sitzen. An denen sich einige jüngere sprachlich orientieren. So steht's in der Zeitung (und damit ist nicht das Blatt der geistig Blinden gemeint), so hat die Nachrichtensprecherin es gesagt, also muß es doch wohl korrekt sein. Solches hat Raddatz in etwa gemeint: «Gestern noch konnte ihn kein Mensch mehr ertragen. Aber heute, wo alle wissen, daß er sein Amt bald aufgeben wird ...» (Süddeutsche Zeitung vom 23.04.07, Seite 1, im Streiflicht, der — na ja, früher mal — sprachartistischen Kolumne dieser Zeitung schlechthin). Das sei falsch, wütete Raddatz (zu recht), das sei schlechtes Deutsch, nein: kein Deutsch. (Wobei Sloterdijk kurz darauf eben dieses schlechte Deutsch sprach. Aber der Herr Hochschulrektor hat ohnehin ein paar Probleme mit dem Deutsch, das er später in seinen Schriften schleifen darf.) Apropos Philosophen, Philosophisches Quartett: Der Begriff Philosophie wird fast nur noch im Zusammenhang mit Produkten ausgesprochen — unsere Firmenphilosophie ..., anglostammeln die Pressesprecher der großen Unternehmen den Journalisten in die Mikrophone (über die diese Sprachgülle ungereinigt in die Medienkanäle fließt), beispielsweise Jil Sander. Thomas Hoof hat vor einigen Jahren in den Hausnachrichten von ManuFactum über die Klamotten-Dame geschrieben: «Frau Jil Sander etwa, einer Modeschaffenden, die ‹etwas Weltverbesserndes› in sich verspürt und möglicherweise deswegen in ihren öffentlichen Verlautbarungen die verheerenden Folgen langjährigen Modemachens, Werbungstreibens, Trendsettens und Cityhoppens dramatisch illustriert: ‹Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die handtailored Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.›» Hoof warnte: «In einer unappetitlichen Mischung aus Sprachmasochismus, Jugendlichkeitswahn und schlichter Verblödung taumeln Medien, Werbung und alle anderen Trendbesoffenen in einen Sprachgebrauch, dessen Folgen man in 15 Jahren wird besichtigen können — wenn die heutigen Jugendlichen, denen dieser Müll in die Lebensphase geschüttet wird, in der Sprachgefühl und Sprachstil sich bilden, zu sprechen, zu schreiben und ‹zu sagen› haben werden.» Hoof schrieb das Anfang der Neunziger. Es ist wie beim angekündigten Klima-Kollaps: ein paar Jährchen haben ja wir noch. «Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!» Gehört von einem Politiker, der sich (inhaltlich wie formal) anhört, wie er heißt: Wiefelspütz (der gerne redende Mann ist Innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, also mit verantwortlich für die bundesrepublikanische Sicherheit ...!) in der WDR-Sendung Hart aber fair und gelesen im Stern in einem Interview mit einer jungen Schriftstellerin (an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere). Die beiden — und seit langem höre und lese ich das allerorten in diesem Zusammenhang — meinten das negativ, im Sinne von Kritik an einer Aussage. Sie wird ins Gegenteil verkehrt, denn es bedeutet eigentlich: etwas genießend langsam in sich aufnehmen. Ich sehe es kommen, lange wird es nicht mehr dauern — und Wiefelspütz wird es runtergehen wie Öl, wenn das Bundesverfassungsgericht die (nächsten) Angriffe seines geistigen Verwandten Schäuble auf die Haushaltscomputer (und das Grundgesetz) abschmettert. Mir dann auch, wenn auch in der ursprünglichen Bedeutung. Niemand könne mehr das Gleiche und das Selbe unterscheiden, schäumte Raddatz unter anderem gestern abend — ist es denn weiter erstaunlich? Denn nicht einmal die (Bildungspflicht-)Sendung mit der Maus hat es geschafft, das der Allgemeinheit klarzumachen (obwohl sogar ich das begriffen habe). Raddatz kippte vor Ärger beinahe den Inhalt des Wasserglases seines Gegenübers aus, als er es hochhob, um zu sagen: Wenn ich aus Ihrem Glas trinke, dann ist es dasselbe Wasser — und nicht das gleiche. — Die Maus nahm einfach ein paar Eier: ein Ei gleicht dem anderen! Aber es hat eben nichts genützt. Und außerdem klingt es irgendwie schicker, zu sagen: Wir sitzen im gleichen Boot. Auch ließe sich vortrefflich formulieren: Wir Lebendigen reden denselben lebenden Müll. Raddatz verwies auf weitverbreitete Irrtümer. Unter anderem darauf, daß der aus der französischen Revolution hervorgegangene Gleichheitsgrundsatz (égalité) nicht die allgemeine Gleichheit des Menschen bedeute, sondern lediglich die Gleichheit des Menschen vor dem Richter. Wenn der Franzose aber nicht weiß, welchen Hintergrund der National-Feiertag am 14. Juli hat, wenn er die Fête Nationale feste feiert, die place de la Concorde oder de la Bastille mit Plastik- und sonstigem Müll überhäuft, aber nicht weiß, was er da feiert, was vor diesem Hyperknast damals los war — dann dürfen wir uns nicht weiter wundern ... Was bleibt? Werner von Bergen schreibt im Text zu diesem Philosophischen Quartett «‹Wo die guten Sitten aufhören›, so lehrt Machiavelli, ‹müssen die Gesetze anfangen›. Da gäbe es heute wohl Handlungsbedarf. Denn gute Manieren und Respekt füreinander gibt es, so eine These von Sloterdijk und Safranski, nur, wo der öffentliche Raum in Ansehen steht. Das scheint aber kaum mehr der Fall zu sein. Dort haben inzwischen Hemmungslosigkeit und schlechter Geschmack ein gutes Gewissen bekommen. Schlechte Zeiten für gute Manieren. Da aber der Mensch für den Menschen in der Regel zu den Umweltbelästigungen zählt, wird es in Zeiten zunehmender Populationsdichte zu einer Überlebensfrage, ob Manieren und Höflichkeit wieder eine Chance bekommen.» Machiavelli. Vielleicht ist das — nach meiner Vorstellung — ja nicht eben das Positivbeispiel. Denn dieser Clan schreibt ja fleißig neue Gesetze.
«Lapsi linguae» Fremdwörter sind Glückssache, sagt der Volksmund, und bekanntlich hat der Volksmund ja meistens recht. Er hat sogar desto mehr recht, je demokratischer wir werden. Deshalb mußte eine Reform der Rechtschreibung durchgeführt werden, damit auch jeder Idiot Schoför schreiben kann. Idiot kommt übrigens aus dem Griechischen und meint ursprünglich den Privatmann, der sich nicht am öffentlichen Leben beteiligt, folglich den gewöhnlichen Menschen, den Laien, den Nichtkönner, den Stümper. Klaus Jarchow hübscht ihn ein wenig auf: In seinem Kommentar zum letztjährigen vorweihnachtlichen, nicht so ganz unidiotischen Ausfall von Bernd Graff nennt er ihn: der «eigensinnig Wissende». Aber überlassen wir das den Sprachwissenschaftlern. «Ein deutscher Poet», schrieb Johann Christoph Gottsched 1730, «bleibt also bei seiner reinen Muttersprache, und behänget seine Gedichte mit keinen gestohlnen Lumpen der Ausländer.» Napoleon hat einige solcher Lumpen in unserer Sprache hinterlassen, man denke an Schorle oder Fisimatenten, gar nicht zu reden vom Bureau oder vom Trottoir. Was wird daraus nur werden? Büro kennt man schon lange, Bürgersteig hat sich in bester französisch-revolutionärer Manier auch schon langsam durchgesetzt — aber wer sagt schon noch Schose (oder, korrekt, Chose): «Ganz ohne Weiber geht die Schose (Chose) nicht!» — heißt's in Emmerich Kálmáns Operette vulgo Musical Csárdásfürstin. Wer weiß noch, was damit gemeint ist, wenn die Sprache darnieder geht? «Wo ist der Ariadnefaden, der uns aus der Scylla dieses Augiasstalles herausleitet?» fragte zu recht der Kriegsberichterstatter Herr Wippchen alias Julius Stettenheim und suchte nach einem «Modus effendi» der Russen im Krieg gegen die Türken. Das fanden die im 19. Jahrhundert noch lustig (Achtung: Klage über den Verfall der Sitten beziehungsweise der Sprache!), heute lacht kaum noch einer, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Trotzdem: Es ist schon ziemlich lange her, als ein Lokalredakteur der Süddeutschen Zeitung (des Herrn Dr. Graff) über «lapsi linguae» schrieb. Das klingt irgendwie komisch, noch komischer allerdings klingt der richtige Plural, lapsus mit langem u. Dann sollte man's vielleicht lassen, auch auf die Gefahr hin, sich selbst ‹ungebildet› vorzukommen. «Es ist die Höflichkeit Prousts», schrieb Theodor W. Adorno, «dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als den Autor.» Solche Höflichkeit haben nicht mehr viele. Herr Joffe gehörte auch mal zur Süddeutschen Zeitung. Man weiß, daß Gustave Flaubert für seinen Roman Bouvard und Pécuchet über 1.500 Bücher verschiedenster Gebiete studierte — und das alles nur für eine, wie er selbst es bezeichnete, «Apologie der menschlichen Plattheit». Daraus läßt sich folgern, daß es eines großen Aufwands bedarf, um die Dummheit zu verstehen. Der Umkehrschluß jedoch lautet, wieder mit Adorno: «Noch der armseligste Mensch ist fähig, die Schwächen des bedeutendsten, noch der dümmste, die Denkfehler des klügsten zu erkennen.» Von der geplanten Fortsetzung zu Bouvard und Pécuchet ist unter anderem das Wörterbuch der übernommenen Ideen übrig geblieben, das Flaubert bezeichnete als die «historische Glorifizierung all dessen, was allgemein als richtig gilt». Dort steht, da es ja eigentlich um den Ge- bzw. Mißbrauch von Fremdwörtern gehen sollte, also, da steht unter dem Stichwort Infinitesimal: «Man weiß nicht, was das ist, hat aber irgendwas mit Homöopathie zu tun.» Oder unter Jansenismus: «Man weiß nicht, was das ist, aber es ist sehr chic, davon zu sprechen.» Mehr braucht es nicht. Wozu soll man soundsoviele Beispiele falschen Gebrauchs von Fremdwörtern aufführen, wenn in diesen beiden Beispielen von Flaubert alle anderen drinstecken? Julian Barnes bezeichnet das Wörterbuch als «ein Werk fast reinster Ironie». Noch ein Beispiel, weil's so schön ist. Da steht unter Latein: «Natürliche Sprache des Menschen. — Verdirbt den Stil. — Ist nur nützlich, um die Inschriften an öffentlichen Brunnen zu lesen. — Aufgepaßt bei lateinischen Zitaten, sie bergen immer etwas Schlüpfriges. Cum grano salis sollte man einige Zitate beherrschen.» Es hieße: ein Körnchen Salz geben in eine Sprachsuppe, die ohnehin zunehmend fader schmeckt, da sie mit immer weniger Inhaltsstoffen auskommen muß. Entsprechend wird auch mit Sprichwörtern, mit deren Bedeutungen umgegangen. Man lese, um nur einen Fall herauszugreifen, die gängige Kunstkritik: Sie läßt sich leicht auf obige Grundsätze beschränken. Mehr is' nich. Flauberts Prinzip hat an Gültigkeit nichts, aber auch gar nichts verloren. Fast beliebig kann man andere und sich selbst ertappen. Lieber andere. So steht in einem in der Einleitung zu einem Interview mit Lucio Amelio: «‹Neapel sehen und dann sterben› — das Bonmot des Bildungsbürgertums wird für den Kunstförderer Amelio traurige Wirklichkeit. Lucio Amelio ist an Aids erkrankt.» Darüber muß man nicht, kann man aber nachdenken. Irgendwie ist es — im Bild — ja noch einigermaßen verständlich. Doch wer heutzutage Kunstkritisches lesen mag, orientiert sich besser an den oben gezeigten Ausschnitten von Wörterbüchern. Doch wozu das alles, wenn nach einer sogenannten Reform der Rechtschreibung der deutschen Sprache die Fälle davonschwimmen, selbst in öffentlich-rechtlichen «Anstalten» kein Sprachpfleger (den gab's, beispielsweise, im Bayerischen Rundfunk tatsächlich mal) mehr fettrot anstreicht, in Zeitungs- und Buchverlagen kein Korrektor mehr eingreift, wenn die Informations- und damit auch Sprachvermittler (vulgo Journalisten) den zuhörenden und lesenden Massen was vom gleichen schwafelnden Politiker erzählen, wenn es sich um denselben handelt? Wozu das alles, wenn selbst in Zeitungen und Zeitschriften, die sich in der «guten, alten Zeit» Bildungsblätter nannten (und wohl gerne weiterhin so nennen würden, hätten sie nicht einen gefühlten Rest an Erdung), Chefredakteure «pro anno» mehr verdienen als eine für Bildung zuständige Ministerin per annum verdient hätte (machte sie ihre Arbeit nicht so höflinkisch)? Es existieren Internet-Seiten, deren Gründer sie expressis verbis einer Wiederaufforstung, zumindest aber einer Bewahrung des Deutschen gewidmet haben. Doch auch die lassen den Sprachzug das eine ums andere Mal entgleisen. So steht manch ein Mensch guten Willens in der Wüste, die dieser sprachliche Klimawandel verursacht hat. Es geht der Sprache wie der Küche: Je mehr deren ‹Künste› auf allen Kanälen artistisch gepriesen werden, um so weniger weiß man um deren Substanzen. Und schiebt sich während der Klotze — ganz arg, was einem teilweise aus den bildungsbeauftragten Öffentlich-Rechtlichen entgegendröhnt — Fahd-Fuhd zwischen die Kiehmen — wo man doch einfach kein Zeit hat für son Gram. Mit ikr, Laubacher Feuilleton 15.1995, hier aktualisiert
Flaggeleien Was wird das noch werden nach dem gestrigen Basel? Kommt jetzt Verdun? Eine Erinnerung (an ein probates Mittel, ein Volk davon abzulenken, daß es gelenkt wird und noch ein bißchen mehr): Anfang April vergangenen Jahres hatte unsereiner Fahrdienst und mußte deshalb gegen einen spätnachmittäglichen Sonntag zum Bahnhof der Kleinstadt. Mitten auf dem Parkplatz standen drei von diesen rallyfizierten Altautos Parade. Deren Dächer hoben sich rythmisch mit jedem Technobaß um zwei bis drei Zentimeter. Das ist an sich nichts ungewöhnliches auf dem Lande, sogar in größeren Städten sieht man sie. Zum Wochenende werden diese gerade noch dem Schrotthändler entrissenen und mit Unterstützung von mehreren Monatslöhnen und über jede erdenkliche Freizeit hinweg in die Sparte Edelschrott hinaufdesignten ehemaligen Rostlauben ausgeführt. In München kommen sie gerne aus dem östlichen Hinterland und tragen auf dem Nummernschild das schlichte Kürzel EBE. In Köln heißen sie, wie von Jürgen Becker in dessen Rheinischem Kapitalismus zu erfahren war, «Bereifte Mörder», was für BM = Bergheim steht, eine Gegend, aus der die meisten deutschen Rennheroen kommen. Rainer sacht dazu «BlechMörder». Für Hamburg oder Lübeck (aber letzteres rubriziert ohnehin unter Kleinstadt) fällt mir dazu kein Synonym ein. Auf jeden Fall Alltag auf deutschen Straßen. Doch die drei erwähnten mobilen Einheiten stellten dann doch zweifelsohne einen Höhepunkt in unsereiner Korrespondentenlaufbahn dar (der Photoapparat lag selbstverständlich im Büro). Sie waren national positioniert und eingefärbt: der Linke schwarz, der Mittlere rot, der Rechte gold (oder war's andersrum?). Nicht nur, daß sie prachtvoll glänzend die Gesinnung ihrer jugendlichen, leicht leergesichtigen Eigner repräsentierten, auch oben trugen sie noch Wichs. Zwar dürfte den jungen Herren die Bedeutung des Begriffes Wichs nicht sonderlich geläufig sein beziehungsweise sie dabei andere Assoziationen haben als farbentragende, einstens für Treue, Volk und heimatliches Vaterland kämpfende Studiosi. Aber solche flaggigen Nationalfarben an den Autofenstern machen sich auch lange Zeit nach dem letzten Beinahesieg über den Rest der Welt noch gut. Selbstverständlich waren sie hochpoliert wie die Bannerhalter selbst. Vermutlich hat Mutti sie ihnen hochgebügelt, vielleicht sogar ein bißchen stolz und glücklich darüber, daß Söhnchen solch eine schöne Freizeitbeschäftigung hat und nicht immer nur am Computer hängt und diese Negermusik hört oder herumlungert und dieses Zeugs raucht, das die Nachbarjungs statt gesundem Kohl in den Gewächshäusern ziehen. Außerdem wäscht und bügelt sie Papis permanenten Ständer an dessen flottem Reisbrenner ja auch immer. Mir kam die deutsche Flaggomanie im Gastgeberland für Sommermärchenfreunde bereits seltsam bis ungeheuerlich vor. Vorsichtig äußerte ich manchmal mein Unverständnis über diese Massenhysterie. Ausgerechnet ihr Froschfresser, war die bevorzugte Entgegnung. Und das mir, der ich anläßlich der Fahnenschwenkerei, vor allem bei den Paraden der Fête Nationale jeweils am 14. Juli immer lachen muß. Nachdem ich mir einige Male böse Blicke eingefangen habe, tue ich es vorsichtshalber mit vorgehaltener Hand. Andererseits muß ich zugeben, mit der Tricolore einmal die Vereinigten Staaten von Amerika besiegt und alle Franzosen, wenn nicht gar die Alte Welt gerächt zu haben für die ganzen Kulturschäden, die diese Cowboys in französischen (und exterritorialen) Fluren angerichtet haben. Zuallererst für die Supermärkte, die wir in den fünziger Jahren bei ihnen eingekauft haben (USA in unseren Köpfen). «Was hast Du getan?» fragte die ungläubig schmunzelnde Freundin, die aus Kurz-vor-Afrika zu Besuch gekommen war und der ich die Geschichte erzählt hatte. «Hast Du geschossen? Mit French frites und der Marseillaise? Und wenn ja, gegen wen?» So ähnlich, berichtete ich. Da erdreistete sich gegenüber, dort oben in der letzten Etage, jemand, Stars and Stripes ins Küchenfenster zu hängen. Nicht so extrem, sie wollten ja noch durchschauen können, vielleicht so groß wie ein DIN-A-4-Blatt. Aber es hat mich geärgert. Ziemlich. Und da bin ich am nächsten Tag losgezogen und habe einen schön großen drapeau national gekauft. Bei dem ebenfalls heimatlosen André, der den Deutschen recht erfolglos Kultur in Form von Baguette beizubringen versuchte und sich deshalb mit dem Verkauf von weiteren französischen Devotionalien über Wasser hielt. Das Mehl fürs Baguette bezog er aus dem Ursprungsland für gutes Weißbrot, aber die Tricolore lieferte eine Fahnenfabrik in Thüringen. Und da es frühsommerlich warm war, habe ich einen der beiden dreißig Jahre alten, aber immer noch fein tösenden Lautsprecher zur Tür der Loggia hingeschoben und dann die Marseillaise donnern lassen. Ich hätte ja La fanfare en pétard abspielen können, diese köstlich-wilde Schrägheit. Aber das wäre möglicherweise am Ende für einige gar dauerhaft genußverheißend geraten. Der persönliche Mitschnitt war da doch geeigneter: eine phantastisch eiernde Aufnahme des Blasorchesters der Feuerwehr von Grandrieu, die es zwar hervorragend verstand, Durst zu löschen, es aber mit dem Blasen ansonsten nicht so hatte. Wenn ich mich recht erinnere, ungefähr eine halbe Stunde lang oder auch länger. Bei dieser Gelegenheit habe ich mich gleich für alles mögliche an Lärm gerächt, was als Musik aus allen Richtungen auf mich losgelassen wurde. Am nächsten Tag war die Amiflagge weg.
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6512 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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