Küchen-Notfall

Hochzeiten können Hoch-Zeiten von Schmalhans sein, dem Küchenmeister. Da ließe sich jetzt der äußerst preiswert eingekaufte und gut durchgegarte Rinderbraten an der Sauce aus der Kittelschürze der Hausfrau assoziieren, angelehnt an den terminus technicus «Hosentasche des Kochs», dem Synonym für den Einfallsreichtum derer, die auf die werbende Tafel vor ihrer Gaststätte «hausgemacht» schreiben und damit den auf Vorrat eingekauften Extrakt in Dosen oder Tüten unterm Veröffentlichungstresen halten. Auch an die reichlich vorhandenen Käsekuchen oder Buttercremetorten könnte man denken, erstanden in der kleinen Bäcker- und Konditorei oben an der Ecke, die beliefert wird von den ziemlich unter Tarif bezahlten vierhundertfünfzig Angelernten jenseits aller Grenzen. Zulässig wären auch die Klagegesänge von Frau Damenwahl.

Nein, gemeint sind die Defizite, die sich ergeben können, weil der eine sich nicht unbedingt für die «Reinigung der rekombinanten Enzyme» interessiert, der andere nicht für die Programmation «universell einsetzbarer Bewegungsautomaten mit mehreren Achsen», den nächsten es nicht unbedingt aus seiner plastiksahnebestimmten Schwere reißt bei der Erwähnung von Gottfried Benns Marburger «Rede über Lyrik» oder gar Arnold Schönbergs «Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen oder die Dodekaphonie» und der wieder andere sofort ins Nickerchen hinüberschläft, wenn der ebenfalls, aus welchem Verwandtschaftsverhältnis heraus auch immer, eingeladene Mathematiker und Physiker darauf hinweisen möchte, daß «Einstein Minkowskis vierdimensionalen Raumzeitformalismus erkannte» und er als Experte die Folgen erklären möchte. Dann hilft nur noch jener unendliche blanke Hans weiter, der gemeinhin unter schmalem Quark oder auch Small Talk bekannt ist. Das ist dann so eine Art Quasselküche für jedermann. Die reicht dann vom richtigen Blumengießen über die (Sehn-)Sucht, in einen schwedischen Möbel(ramsch)laden gehen zu müssen, um chinesische Grablichter kaufen und dänische heiße Fabrikwürstchen essen zu dürfen, bis hin zum sich bereits seit vierzig Jahren hinziehenden Nachbarschaftsstreit wegen einer grenztechnisch unkorrekt gesetzten sowie überhaupt unansehnlichen Grundstückseinzäunung.

Froh, ja glücklich ist der den angekündigten Dornfelder fürchtenden und sich deshalb bereits in einen vorsichtshalber mitgebrachten geflüchteten 2001er Cahors dann über jemanden wie die Büddenwarderin. Sie spricht gerne und gut über Medizin. Die kommt immer gut an, auch bei dem Flüchtling. Vor allem, weil der weiß, daß es keine Rede über Forschungsergebnisse neu entdeckter Pilzkrankheiten bei Säuglingen werden, sondern die Berichterstatterin sich in situ mehr über die Nebenwirkungen der Praxis auslassen wird. Wenn sie ihr verschmitztes Frau-Doktor-Blaulicht-Lächeln aufsetzt, kann es geschehen, daß ihr nächster Zuhörer vom Cahors abläßt.

Eine junge Frau, kurz vor achtzehn, aber seit dem Kleinstkindalter Patientin und deshalb gut bekannt und also auch nicht falsch am Ort, erscheint recht bedrückt in der Praxis und bittet die Büddenwarderin dringend um Hilfe. Das gehört zum Alltag; selbstverständlich wird sie gewährt werden. Nein, bitte nicht hier inmitten der vielen anderen Helferinnen und anderen Anwesenden. Unter vier Augen. Die Büddenwarderin denkt, erfahrungs- und ein wenig ahnungsvoll an γονόρροια, mehr noch allerdings an die zu stellende Frage: Wievielter Monat? Sie bittet die in Not Geratene ins garantiert unstörbare, weil anschließend von innen verriegelte Labor. Hinweise auf ein irgendgeartetes von-der-Leyen-Syndrom sind nicht direkt zu erkennen. Dennoch ist die Hilfesuchende den Tränen nahe.

Setz dich erstmal hin, magst einen Kaffee? Verneinung, ein Schluchzen kommt auf. Erzähl, was ist los?

Vor einiger Zeit hat sie im Verrückten Elephant einen ganz tollen, so ganz andern als die andern, also einen Super-Typ kennengelernt.

Aha. Doch bevor die Frage nach dem Kalendarium gestellt werden kann, geht die zunächst stockende Rede ins Flüssigere über.

Nachdem die Eltern ihr den Altenteil überlassen haben, da das mit Oma und Opa so nicht mehr ging und sie deshalb in dieses Dings da gezogen und so, worüber sie nicht, aber dann doch ganz froh war, weil mit den fünf Geschwistern und so das nicht mehr richtig ging und so, hat sie sich dann eben eingerichtet. Und dann den super Kerl eingeladen, nachdem sie ihn noch zweimal getroffen hat im Elephant und dort, naja, geknutscht und eben, vielleicht kann sie sich das vorstellen.

Ja sicher. Die Frage nach dem Monat muß erstmal unterbleiben. Du weißt ja, ich habe selber Kinder. Und jung war ich auchmal. Auch wenn ich jetzt ein bißchen älter bin.

Eben. Sie haben eben Erfahrung. Und mit meiner Mutter kann ich da drüber nicht reden. Die hat ja keine Ahnung.

Na ja, vielleicht ist es besser, mit jemand anderem darüber zu sprechen, der nicht ganz so nah dran ist und deshalb möglicherweise den Überblick nicht so leicht verliert. Glücklicherweise ist ihr, denkt die Büddenwarderin, das erspart geblieben, und die Tochter hat jetzt immerhin das Biologen-Diplom in der Vita. Also, wie ging's weiter?

Ja, ich hab dem immer erzählt, ich wäre ganz gut und so. Und kochen könnte ich auch. Und da war er so begeistert. Und dann hab ich ihnen eben eingeladen. Und er hat mich dann noch gefragt, was ich denn kann. Und da hab ich «Blätterteig» gesagt. Aber ich weiß nicht, wie man Blätterteig macht! Ich hoff, sie können mir helfen!
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Ausfall des Wochendkurses. Aufgrund zu geringer Anmeldungen muss der VHS-Kochkurs «Back- und Kochspass für Kids» (mit Eltern) am Wochenende 28./29. März 2009 leider ausfallen.
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Historisches zur zeitgenössischen Küche
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Die Blätterteig-Photographie stammt von Siepert77 unter CC.

 
Mo, 20.04.2009 |  link | (2687) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Geschmackssache



 

Bier, Rosenkohl und dann Champagner

Des Traumes zweiter Teil.

Ich erwache. Ich bin angekommen. Ich bin ganz aufgedunsen von einem Jahr Bier und Rosenkohl. Was ist jetzt? Dasselbe Bild wieder. Eine riesige Menge Uniformen vor einem Bahnhof, aber diesmal mit arabischen Schriftzeichen. Auch die Uniformen sind alle schwarz. Ebenfalls die Doppelköpfe. Aber alle tragen Tücher um den Hals, die mit runenartigen Zeichen in SS-Manier versehen sind. Wieder ein General, der eine Frau ist. Die kenne ich aber nicht. Oder doch? Auch hier wieder diese Hundeleine. Mein Gott! Oder Güte? Nein. Dieses Mal ist es nicht mein lieber alter Vater. Es ist Naziza, die auf ihren ehemals so schönen zarten, aber nun völlig zerfetzten Pfoten steht und zittert. Meine Naziza! Mein wunderschöner lieber weicher zarter Bauch. Die Generalin ist ihre Mutter. Mon Générale Marietta Taline el Fatah Al Arfaoui. Ich kenne sie also doch. Mütter sind die Hölle. Mir wird verkündet, daß ich meine Strafe in der Einzimmerwohnung sofort anzutreten habe. Alle Rechte sind mir aberkannt. Auch meinen Hund darf ich nicht sehen. Als Lektüre ist nur der von den Islamisten überarbeitete Koran zugelassen. Jede Zuwiderhandlung wird mit einem weiteren Jahr Unsterblichkeit bestraft.

Ich erwache erneut. Ich befinde mich allerdings nicht auf einem Strohlager in einer armenisch-persisch-arabisch-afrikanischen Einzimmerwohnung, sondern auf dem Schreibtisch eines schlichten, aber peinlich sauberen Büros. Schon wieder höre ich eine Menschenmenge. Aber sie skandiert nicht irgendwelche bösartigen Parolen gegen mich. Doch wieder höre ich Risacher. Allerdings nicht Dietrich Risacher und auch nicht in harter deutscher Prononcion. Sie rufen fröhlich lachend und sehr französisch: Di-dier. Di-dier. Didier Risacher! Ich stehe vom Schreibtisch auf und gehe ans Fenster. Offensichtlich befinde ich mich in der Préfecture von Marseille. Über den Köpfen der ausgelassen herumhüpfenden und Champagnerflaschen schwenkenden Gruppe von Menschen hängt ebenfalls ein Transparent. Darauf steht in Kinderkrakelschrift: Bienvenu à patrie! Papa! Die Tür öffnet sich. Herein kommen drei Hähne. Naziza würde sagen — drei coq d'gaulois, denn sie sind eingewickelt in jeweils eine Tricolore. Jeder dieser drei Kapaune trägt etwas sehr feierlich auf je einem Samtkissen. Sie bauen sich mit einer synchronen Verbeugung vor mir auf. Es sieht recht komisch aus und nicht nach einer neuerlichen Höchststrafe auf die Höchststrafe. Der eine macht einen Schritt nach vorne. Er nimmt eine Urkunde vom Samtkissen und liest vor: Aufgrund eines Erlasses des Kaisers der welt- und wertfreien Stadt Marseille — Sa Majesté l'empereur Bernard Tapie! — verbunden mit dem Ableben von General Philomène Risacher verkündigen — ja, verkündigen steht da — wir hiermit Ihre Begnadigung. Sie dürfen ab sofort wieder sterben. Einher mit dieser Begnadigung geht die der Calypso Naziza Risacher geborene Al Arfaoui. Auch sie darf sterblich werden. Er tritt zurück ins Glied. Der Mittlere tritt vor. Hiermit verleihen wir Ihnen die Ehrenstaatsbürgerschaft der welt- und wertfreien Stadt Marseille. Da die weltfreie Stadt Marseille die Grenzen zu Frankreich respektiert, dürfen Sie visumfrei überall hin und uneingeschränkt reisen. Er überreicht mir einen Paß, der dem französischen täuschend ähnlich sieht. Er tritt zurück ins Glied. Der Dritte macht einen Schritt nach vorne. Erst jetzt sehe ich, was auf seinem Samtkissen liegt — es ist ein Ei. Es ist das Ei der Naziza! Ich bekomme es ehrenhalber lebenslang verliehen. Es ist allerdings nicht übertragbar. Nur ich darf es befruchten. Die Drei entfernen sich aus dem Raum, lassen jedoch die Tür geöffnet. Das ist wohl ein Zeichen dafür, daß ich frei bin. Also verlasse ich das Büro und gehe nach unten.

Es ist tatsächlich die Préfecture meiner Heimatstadt Marseille. Links neben dem Ein- beziehungsweise Ausgang steht ein Zeitungsständer mit La Provence. Ich schaue darauf und sehe das Datum. Flüchtig nur, denn die Menschen, die mir zugewunken haben, laufen auf mich zu. Es ist August 1998, soviel kann ich gerade noch lesen. Dann bin ich umringt. Alle umfassen mich und küssen mich und herzen mich. Als ich wieder einigermaßen durchatmen kann, sehe ich ein paar Schritte zurück Naziza stehen. Sie sieht zauberhaft aus in ihrem leichten, weißgepunkteten dunkelblauen Sommerkleid. Sie hat eine Leine in der Hand. Mir fährt der Schrecken durch alle Glieder und in alle Poren. Nein. Lieber Himmel nein! Doch dann sehe ich, daß es keine Leine ist. Es ist eine Schnur, die zu einem Luftballon führt. Aber dazwischen befindet sich ein Kinderhändchen. Und zu diesem Händchen gehört ein Traum von einem kleinen Mädchen in einem Kleidchen aus exakt demselben Stoff wie dem von Mamans Kleid. Das Gesicht ist mit dem der Maman nahzu identisch. Die Augen sind allerdings blau. Na ja — immerhin dunkelblau, eher ein bißchen ins Schwarze gehend. Und in dem Lockenkopf blitzen ein paar fast rötlich-blonde Strähnen auf. Die Kleine schaut mich ganz erwartungsvoll an. Ich schaue lächelnd zurück. Auf einmal reißt sie sich von Mamans Hand los und rennt auf mich zu. Ich komme fast nicht schnell genug hinunter, um ihr meinem Hals zu bieten. Sie ruft laut und vernehmlich: Bienvenu Papa! Ich bin also doch noch angekommen. Wie sie heiße, frage ich sie. Mit schüchternem, aber auch ein wenig traurigem Lächeln antwortet sie mir, das sei aber sehr schade, daß ich nicht wisse, daß sie Amphitrite-Calypso heiße. Aber natürlich wisse ich das. Ich habe sie nur auf die Probe stellen wollen nach einer so langen Abwesenheit. Ich nehme sie auf den Arm. Aber was mache ich denn jetzt mit dem Ei? Ich werde mich wohl mit Naziza beraten müssen. Sie kommt nun ebenfalls auch mich zu und legt sich einmal rund um mich herum. Wie sie das eben so macht und wie nur sie das kann. Sie flüstert mir ihr Glück ins Ohr.

Auf einmal stehen sie alle in Reih und Glied vor mir, nein, eher recht unsortiert, sozusagen entmilitarisiert. Sie bedeuten mir, ich möge ihnen doch bitte verzeihen. Nie wieder würden sie mich bedrängen. Und ich möge doch nun bitte, obwohl ich ja alle erdenklichen Reisefreiheiten hätte, endlich zuhause bleiben. Sie kämen auch nur ab und zu vorbei und würden sich nie wieder in unsere Angelegenheiten mischen. Aber ich möge doch endlich wieder zur Familie gehören. Dort sei mein Platz. Sie hätten ihre Lektion gelernt. Naziza habe ihnen auch beigebracht, daß ein Mensch auch mal alleine sein müsse. Ich nicke. Dann macht es Plopp. Es gibt herrlich leicht kellermuffeligen Champagner. So, wie ich ihn liebe — nach altem Wein schmeckend. Nicht dieses staubende Zeugs, das die Deutschen so lieben, weil ihnen ein für Deutsche zuständiger französischer Händler gesagt hat, daß dies trockener Champagner sei. Ich frage alle, ob das der Ort sei, wo ich meine Staatsbürgerschaft beantragt habe. Mit ziemlichem Durcheinander wird es bejaht. Nun kommt auch noch mein schwarzer Leibgardist angerannt. Mein Güte — wie ich mich freue. Und es ist schier unglaublich, was dieses nahezu ausnahmslos aus Muskeln und Sehnen bestehende riesige Kraftpaket für eine Zärtlichkeit in eine Umarmung geben kann. Heute, sagt er mir, wie immer lachend, müsse er mich ausnahmsweise nicht retten. Naziza habe ihn vertreten. Ich schaue mich sehr erfreut um und erkenne tatsächlich den Ort wieder, wo ich Franzose werden sollte. Als Mitglied einer armenisch-persisch-arabisch-afrikanisch- und ein auch klein wenig französischen Familie.

Ich erwache. Ich höre leichtes Rauschen. Ich schaue hinaus aus dem Güterwaggon. Verflucht. Schon wieder unterwegs. Ich wollte und sollte doch nicht mehr reisen! Ich sehe ein Hinweisschild. Es ist französisch beschrieben. Darauf steht: Bollène 5. Moment mal. Hier kommt man doch zum Heiligen Berg des Dichters, zum Mont Ventoux des Francesco Petrarca. Eine frühe Zufahrt, ein Stück weit vor Cavaillon, wo er gelebt, oder Fontaine de Vaucluse, wo er im Gärtchen seine Canzoniere geschrieben hat. Dann merke ich, daß ich mich auch nicht in einem Güterwaggon befinde. Ich sitze, mit leicht verdrehten Gliedern, in einem Döschwoh. Und neben mir sitzt die schöne Frau, die mir soeben diese entzückende Amphitrite-Calypso geschenkt hat. Ouf. So hart habe ich schon lange nicht mehr gearbeitet im Schlaf. Ich gebe einen Laut von mir, der bedeuten könnte, wieder unter den Sterblichen zu sein.


Die Photographie der Préfecture in Marseille stammt von Vladimir I U L und steht unter CC.
 
Fr, 17.04.2009 |  link | (3062) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Traeumereien



 

Kein schöner Zug

Mich hat mal wieder geträumt.

Ich erwache. Ich höre das Rattern von Rädern. Es sind Bahnräder. Seit wann fahren Döschwoh auf Schienen? Lustig. Nein. Seltsam. Ich schaue hinaus. Ich will hinausschauen. Doch da. Da ist ein Spalt, durch den ich etwas sehen kann. Er klafft zwischen den Brettern des uralten Güterwagens. Er reicht für einen Blick. Schön. Ich sehe den Bahnhof von Valence. Großartig. Doch draußen ist diffuses Licht. Es wird die Morgendämmerung sein. Aber wo fährt der denn hin! Ich will nicht in den Osten! Auf dem Wegweiser steht in kyrillischer Schrift ein Ortsname. Es hat im Süden diese Schrift nicht zu geben, ein klares Nein zu den von Joseph Roth ersehnten Wäldern im Licht der Provence. Ich will das nicht. Aber Marseille ist doch griechisch. Es ist beruhigend. Doch es ist Kyrilliza! Es ist russische Schrift. Was steht da? Unsinn. Ich kann doch keine kyrillische Schrift lesen, schon gar keine russische. Aber ich kann sie lesen. Das Rattern des runden Eisens auf den Geleisen wird immer heftiger. Nein. Ich lese nicht. Ich höre. Es wird meine Französisch-CD-ROM sein. Doch nicht. Die Räder lesen es mir vor, rhythmisch, immer lauter. Stakkatohaft. Le-nin. Le-nin. Le-nin-grad. Wie der Mob, der skandiert. Was soll ich in Leningrad? Dort ist es kalt. Als Kind habe ich da schon jämmerlich gefroren. Ich will in meine Höhle, in meinen weichen Leib. Ich muß das Ei mit sonnigem Meeresschaum füttern. Und nun fahre ich auf Schienen nach Norden, gar in östlicher Richtung. Dafür habe ich keine Zeit! Im Süden liegen meine Aufgaben. Ich sehe an der Waggonwand einen Zettel kleben. Was steht darauf geschrieben? Über Krakau. Nach Leningrad. Nun faucht die Dampflokomotive. Swerd-Lowsk. Swerd-Lowsk. Swerdlowsk. Um des lieben Himmels willen. Der Tate ist doch schon ewig tot! Ich will nicht in die Vergangenheit. Mir reicht die jüngste. Ich muß zurück in die Zukunft! Gottseidank. Gott? Richtig, Naziza hat ja einen. Er soll ja jetzt auch für mich zuständig sein. Ich höre Bremsen quietschen. Gleich wird der Güterzug umdrehen und seine Fracht in die andere Richtung befördern. Es war sicher mal wieder ein Fehler in der Software. Hier am Ural, kurz vor Asien sind sie noch nicht so weit. Und für deutsche Weichware haben sie kein Geld. Auch bringen die Deutschen anderes Material. Sie bringen mich. Wie? Mich? Mit kreischenden Rädern kommt der Zug zum Stehen. Wieder höre ich das Skandieren. Ein Pulk von Menschen. Er grölt paukenschlagartig meinen Namen. Ri-sa-cher! Ri-sa-cher! Die-te-rich. Die-te-rich Ri-sa-cher! Es klingt nicht sehr freundlich. Sie rufen es sehr deutsch. Die Tür des Güterwagens wird aufgeschoben. Oh Schreck. Da stehen hunderte Uniformierte. Sie sind schwarz. Die Uniformen. Die Köpfe sind alle hellblond. Semmelblond, wie der Bayer sagt. Obwohl es Semmelblonde eigentlich eher in Friesland gibt. Und da gibt's keine Semmeln. Die strohblonden Köpfe sind alle — auf allen Körpern befinden sich zwei dieser Köpfe. Vor dieser Menschenmenge steht jemand, der aussieht wie ein Heerführer. Ein verheerender Führer. So groß. Sehr blond. Sehr blauäugig. Nein. Das kann man bei diesem Gesicht wirklich nicht sagen. Wie eben gerade gelöschter Stahl. Da ist fast noch Glut drinnen. Es ist die einzige Uniform, die nur einen Kopf trägt. Und es ist eine französische Uniform. Die rechte Hand der Uniform hält eine Leine, die zu einem Hundehalsband führt. Es ist kein Hund. Es ist mein lieber alter Grigorije. Mein alter lieber Vater. Auf allen Vieren. Seine Hände-Füße sind ganz schrundig. Um Himmels willen. Dann kann es sich nur — mein Blick wandert auf der Leine zurück zur Uniform, zurück zur Hand, den Arm hinauf, zur Schulter. Dort befindet sich ein französisches Generalszeichen aus dem ersten Weltkrieg. Mein Blick tastet sich ganz vorsichtig weiter, erst zum Hals. Ein schlanker Hals. Hätte ich nicht ein sehr ungutes Gefühl, ich würde sagen, es ist ein schöner Hals. Es könnte ein Frauenhals sein. Ein Frauenhals in einer französischen Generalsuniform aus dem ersten Weltkrieg? Das geht doch nicht. Träume ich? Nein. Ich träume nicht. Es ist Mon Générale Philomène Risacher. Das Gesicht lächelt. Ach ja. Das kenne ich. Wenn dieses Gesicht lächelt, steht mir nicht Gutes bevor. Vermutlich muß ich mal wieder drei Monate am Stück reisen. Wenn ich Glück habe. Andere kriegen einen Tag Hausarrest, wenn sie nicht artig waren. Ich werde auf Reisen geschickt. Es ist die perfideste Strafe für ein Kind überhaupt. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Allerdings weiß ich mal wieder nicht, was ich ausgefressen habe. Irgendwas wird es schon sein. Mon Générale hat noch immer was gefunden. Vermutlich habe ich mal wieder ein Eselsohr in eine Buchseite gemacht. Es wird mir beim Einschlafen auf der sonntäglichen Chaiselonge hinuntergefallen sein. Das darf nicht passieren. Mit Französischvokabeln geht man so nicht um. Und dann ist es wohl überhaupt auf den Innenseiten zum Liegen gekommen. Das verheißt Höchststrafe. Ein halbes Jahr Reisen. Meistens in Hotels. Die Reise hierher war wohl erst der Anfang. Na ja, dann muß ich wenigstens nicht Klavierüben. Was auch immer. Ich werde es schon noch erfahren. Mit Erstaunen stelle ich fest, daß sich außer mir niemand in dem scheinbar endlos langen Zug befand. Ich bin der einzige Deportierte. Bin ich das? Der Zeigefinger des Generals winkt mich mit langsamen, zwingenden Bewegungen heran. Angekommen, werde ich vom Pulk der zweiköpfigen, aber gesichtslosen Uniformen eingekreist. Eingeschlossen. Fast lautlos, aber für diese Masse offensichtlich unüberhörbar, marschieren wir los. Ich kann nicht marschieren und gerate sofort außer Tritt. Cela donne séparément, zischt mir die Generalsstimme zu. Ah ja, Extraportion. Wir kommen im völlig heruntergekommenen Bahnhofsgebäude an. Ein mehr als ungemütlicher Saal. Doch Bahnhofsgebäude kurz vor Sibierien waren noch nie angenehm. Ich kenne das von unseren Reisen mit dem General und unserem Hund Grigorije. Es ist also nichts neues. In der Mitte des Raumes steht ein äußerst gepflegter Rennaissance-Schreibtisch und dahinter ein filigraner Rosenholzschrank mit Büchern darin. Es sind Gesetzeswerke. Auf allen Rücken steht: Du sollst nicht! Darüber ist ein Transparent gespannt. Darauf steht geschrieben: Tribunal gegen Dietrich Risacher! Die Masse Uniform ordnet sich im Halbkreis hinter dem Schreibtisch an. Alle setzen sich auf den Fußboden. Auch ich will mich setzen. Es knallt eine Peitsche. Sie peitscht: Stehen! Ich schlafe ein. Die lange Reise hat mich müde gemacht. Ich schlafe im Stehen. Ich träume. Ich träume vom weichen Bauch, in dem wir zu Millionen spielen. Es ist ein sehr schöner Traum. Alles ist warm und weich und so schön glitschig. Manchmal hüpfen wir ein bißchen. Es ist immer so, wenn sie lacht, weil wir sie so kitzeln. Ich bekomme auf diese Weise nichts mit von der Gerichtsverhandlung gegen mich wegen böswilligen Verlassens einer mir zugewiesenen Staatsangehörigkeit. Es handelt sich um einen besonders schweren Fall von Pflichtverletzung. Er bedingt von vornherein eine höhere Höchststrafe. Also ein Jahr reisen. Aber fast habe ich mich an diese Strafen gewöhnt. Es wundert mich, daß es so glimpflich abgehen wird. Ich höre den Urteilsspruch des obersten Volksrichters des elsässischen und lothringischen Weltreiches mit Sitz in Saverne, Philomène Risacher: Sie erhalten wegen der Schwere des Verbrechens Strafverschärfung. Wir verurteilen Sie hiermit zur verschärften Haft in einer unreinrassigen armenisch-persisch-arabisch-afrikanischen Familie. Na ja. Frau General hat ja noch nie durchgeblickt. Sie begreift einfach nicht, daß Menschen sich verändern. Daß es überhaupt Menschen gibt. Doch jetzt kommt die Verschärfung. Die Todestrafe wird Ihnen genommen. Sie dürfen nicht mehr sterben. Ich verurteile Sie zu überlebenslanger Haft in der Einzimmerwohnung einer unreinrassigen armenisch-persisch-arabisch-afrikanischen Familie. Sie dürfen sie nie verlassen. Ohne Genehmigung der dortigen Kommandatur dürfen Sie überhaupt nichts tun. Die Reise ist sofort anzutreten. Sie dauert ein Jahr. Habe ich mir doch gedacht. Ich kenn' die doch. Sie führt über Grönland und die Arktis. Das Reisefahrzeug ist der Güterwaggon in dem Güterzug, mit dem Sie hierhergefahren sind. Ihre Verpflegung besteht aus Bier und Rosenkohl. Das ist schon hart. Doch ich werde mich wohl in mein Schicksal fügen müssen. Adieu mein schöner warmer weicher Bauch.


Er setzt sich fort, der Traum, ich kenn mich doch. Nach dem Wiedereinschlafen geht's weiter.

Der zweite Teil

 
Do, 16.04.2009 |  link | (2470) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Traeumereien



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6564 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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