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Generationenkonflikt Auch ich möchte endlich mal einer Generation angehören. Seit den frühen Achtzigern zwickt mich das leicht, als die damalige Gefährtin von sich als der Sandwich-Generation zugehörig sprach: zwischendrin. Von «damals», also von kurz nach dem Krieg könne sie nichts erzählen, und um bei den Altachtundsechzigern mitzureden sei sie zu jung als endfünfziger Jahrgang. Es sei eine Last, immerzu von der Zukunft sprechen zu müssen. Aber die ist ja nun auch vorbei. Doch nun komme ich. Nachdem ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, alle zwei Jahre würde eine neue Generation erdacht, weil sonst nichts mehr in der Zeitung oder ihrem onleinigen Ersatz stünde. Die Tage erst habe ich irgendwo den Begriff Generation X gelesen. Zwar hat sich mir nicht erschlossen, welche Bedeutung das X haben könnte, aber egal, Hauptsache Generation. Sowas wie Golf. Aber nicht das, von dem Kurt Tucholsky mal meinte, es sei ein mißlungener Spaziergang, sondern wie Florian Illies. Meine Güte, der ist mittlerweile auch schon älter geworden. Mein Zenit scheint überschritten. Aber ich will eben auch mal. Deshalb melde ich hiermit an: Generation G. Allerdings nicht wie der gleichnamige, bei Loch 13 verunglückte Ausflug ins Grüne, weil man mit so einem Gefährt eben nicht dorthin fährt, sondern dann schon mit einem solchen, das jetzt gerade von dem anderen aufgekauft wird, obwohl das ursprünglich andersherum geplant war. Also Generation G wie Gutenberg. Nein, der aufgegangene bayerische, genauer: fränkische Stern schreibt sich anders. Ich meine den wirklich antiken Herrn aus Mainz. So ließe sich auch sagen: Generation G wie Gensfleisch. Derjenige, der das erfunden hat, was seit einiger Zeit permanent für tot erklärt wird, was meistens bestritten wird in den Feuilletons der Zeitungen; was ja übersetzt in etwa heißt: weiterblättern. Aber ich kann das nicht beurteilen, bin ich doch befangen, gefangen obendrein in diesem ewigen Erinnern. Meine frühen Jahre waren bereits vom immerwährenden Leseprozeß und damit überwiegend von einer Mutter geprägt, deren Leben darin aufging, auch beruflich, etwas anderes kannte sie ohnehin kaum, sieht man von ihrer geradezu manischen Liebe weniger zu ihrer Familie als vielmehr zur Oper ab. So war es naheliegend, daß auch ich einen Beruf ergreifen würde, der etwas mit Literatur und Theater sowie vergleichenden und vergleichbaren Disziplinen zu tun hatte; wenn meine Mutter (als Prophetin der Krisen?) auch lieber einen Volkswirt gehabt hätte, meinem Vater war das schnurz, sein Lebenssinn war: Hauptsache glücklich. Das war ich dann eine Zeitlang am Theater, doch es wurde mir zu eitel dort, worauf ich zur Gegenseite übergelaufen bin. Doch dort fühlte ich mich irgendwann nicht mehr erhört, mit der ehernen Konsequenz, beim Hörfunk zu landen, von dem schon damals niemand mehr was hören wollte. Dann ereilte mich ein Ruf aus dem Verlegermetier. So bin ich letztlich doch beim Buch gelandet. was naheliegt, quasi immer griffbereit, und das Hören — von Musik eben. Für mich wäre es geradezu absurd, mich mit so einem Elektrodingens, wie KrethPlendi es anspricht und der ich hier ein bißchen was erzähle, in die Bahn oder in ein Flugzeug oder am Ende gar zuhause hinzusetzen. Ich packe dann eben die drei oder vier Bücher ein, Neues oder immer wieder erneut zu Lesendes, gerne besuche ich vor Reiseantritt auch noch eine nahe oder innerhalb eines Bahnhofs gelegene Buchhandlung, wenn die Auswahl sich dort auch zunehmend auf das beschränkt, was alle lesen, wenn sie's denn tun. Rollkoffer erleichtern den Transport ungemein; es sei denn, man möchte als stilvoller Mensch erkannt werden, weshalb man lieber eine antiklederne Verpackung schleppt, excusez-moi, schleppen läßt. Lesen eben und nicht Zuhören wie der Märchentante oder dem -onkel. Ich habe ohnehin manchmal das Gefühl, diese sogenannten Hörbücher sind für diejenigen geschaffen worden, die's mit den Lesebüchern nicht so haben, weil die so anstrengend sind, nicht nur beim Schleppen. Schließlich tönt es bald nur noch, da das Lesen als solches ja nicht mehr unterrichtet wird beziehungsweise vor fünfzehn Jahren Rechtschreibreform kapituliert hat; deshalb schreibe ich auch so, wie ich vermute, es einmal gelernt zu haben, und warte ab, bis eine der nächsten aus Politikern bestehenden Fachkommissionen die Kurve zu denen gekriegt hat, die mein Deutsch kreiert haben. Einmal mehr muß ich auf den geschätzten Gianni Celati verweisen (und zu einem Link verführen?). Wobei ich selbstverständlich unterschieden wissen will zwischen den dem Marketing lauschenden (Hör-)Verlagen und deshalb abgeordneten professionellen oder auch prominenten Erzählern von Gutenachtgeschichten auf ganzjährig weihnachtlich glitzernden Scheiben und Bearbeitungen literarischer Vorlagen, die früher überwiegend als Hörspiele ausgestrahlt wurden und deren ältere Fassungen man seit einigen Jahren kaufen kann, da die Rundfunkanstalten ihre Fähigkeiten als Trödelhändler entdeckt haben und den Fundus verhökern; ein Beispiel wäre der NDR-Gontscharow (was hat Gert Westphal eigentlich nicht gesprochen, manchmal möchte man glauben, es hätte nur einen Experimentator gegeben?), den irgendjemand irgendwann mal geschenkt bekommen hat und der nun «originalverschweißt» via Internet offeriert wird. Was mir allerdings einfach nicht einleuchten will, daß so etwas im untersten Archivkeller liegenbleibt wie die grandiose Inszenierung von Per Anhalter ins All nach Douglas Adams' Galaxis-Odyssee für den Bayerischen Rundfunk. Ich hatte Anfang der achtziger Jahre das Vergnügen, bei der Hörspielproduktion dabeigewesen sein zu dürfen — damals mit etwa 150.000 Mark eine der aufwendigsten Hörfunkproduktionen innerhalb der ARD. Ursprünglich sollte August Everding Regie führen, doch der war verhindert. Dann übernahm glücklicherweise Ernst Wendt — und alle kamen, sogar Bernhard Minetti für einen einzigen Satz. Die anderen auszugsweise: Dieter Borsche, Rolf und Markus Boysen, Barbara Freier, Hans Korte, Klaus Löwitzsch, Hans Reinhard Müller, Doris Schade. Entdeckt und als Stoff empfohlen hatte die Geschichte seinerzeit eine Hörerin des Bayerischen Rundfunks, die sich in einer Londoner Buchhandlung in The hitchiker's guide to the galaxie festgelesen hatte. Zwar hatte ich alles auf (drei) Kassetten aufgezeichnet, ich erinnere mich wie heute, ein Virus hatte mich hingestreckt, aber keiner vom Schwein, das hatte seinerzeit noch andere Aufgaben, als Gazetten zu füllen, und so nahm ich unter Schweiß die Bänder auf, aber die gingen verloren, als ich meine Plünnen auf verschiedene Orte verteilte. Weshalb darf ich so etwas nicht nachkaufen? Ich will mich nicht als Exot gehandelt wissen. Auch in meinen Regalen steht der eine oder andere geschenkte Gaul, dem ich nicht nur nicht hineinschaue, sondern der manchmal sogar in mein Ohr darf. Einen bestimmten Oblomow habe ich sogar vor einiger Zeit in mein EiBückchen hineingespeichert, weil ich dessen Bettgeschichten hin und wieder auch schon mal ganz vorgelesen bekomme, wenn ich nächtens einsam unter leichter Hoteldecke liege, zumal ich sie alle drei recht gerne mag: Millberg, Manteuffel und Sander, wobei ich letztere noch gut aus antiken Theaterzeiten kenne, als es noch kein guter Ton war, anderswo zu sprechen als auf einer Bühne. Aber mittlerweile lädt die nächste Generation sich so etwas eben runter oder holt sich all die Damen und Herren via Internet ins Haus. Auch ist es verständlich, daß der eine oder andere ein paar Centimes verdienen möchte, zumal aufgrund der zu rettenden Finanzkrise das eine oder andere Haus demnächst dichtgemacht werden wird oder bereits worden ist; man kennt es, von früher oder später. Wenn ich so lese, was ich da mal wieder notiert habe, muß ich mir ernsthaft die Frage stellen: Gehöre ich am Ende gar längst der nächsten Generation an, der Generation MP3, die nicht mehr liest, sondern nur noch sabbelt, wie alle Feuilleton-Darsteller im Internet, weil sie keiner mehr lesen mag? Höre ich zuviel und lese zuwenig? Gehe ich demnächst nicht mehr mit Büchern, sondern mit meinem Eibuck ins hotelene Bett und lasse mir die Finanznachrichten vorlesen? — Nein. Ich schlafe lieber beim Fernsehen ein, noch anders: ohne es kann ich es gar nicht. Außerdem ist die Klapprechenmaschine zum Behufe der Anrufung irgendwelcher ominösen virulösen Formeln ohne mich unterwegs. Ich lese doch lieber noch ein wenig. Gerne solche Sachen, deren gruseliger Rätselhaftigkeit ich seit vielen Jahren oder auch Jahrzehnten auf der Spur bin und die ich als Privatier nun endlich weiterverfolgen darf: «Gebe der Himmel, daß der Leser, erkühnt und augenblicklich von grausamer Lust gepackt gleich dem, was er liest, seinen steilen und wilden Weg durch die trostlosen Sümpfe dieser finsteren und gifterfüllten Seiten finde, ohne die Richtung zu verlieren; denn wofern er nicht mit unerbittlicher Logik und einer geistigen Spannung, die wenigstens seinen Argwohn aufwiegt, an diese Lektüre geht, werden die tödlichen Emanationen dieses Buches seine Seele durchtränken wie das Wasser den Zucker.» Sowas geht einfach nicht elektrisch. Lautréamont. Die Gesänge des Maldoror. Erster Gesang, erste Strophe. In: Das Gesamtwerk. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Ré Soupault. Reinbek 1963
«Goldene Plazenta» Während meiner Überprüfung dessen, der am Gitter rüttelt, stieß ich, es muß an der Vorweihnachtsszeit liegen, auf den oben zitierten Mutterkuchen. Er stammt von einem Polizisten einer niedersächsischen Gemeinde, wohl etwas größer als Frau Braggelmanns idyllisches, weil schleswig-holsteinisch und überdies polizeifrei, Dörfchen Büddenwarder, der offensichtlich nicht zu denen gehört, die ihre Protokolle nach dem Adlersystem in die alte Olympia hineinhacken müssen. Auch ließe sich sagen, der Mann kann schreiben. Zum Beispiel solches: «Es ist noch gar nicht so lange her, dass in Berlin der Posten-Poker gespielt wurde, bei dem so manche im ersten Moment nicht nachvollziehbare Entscheidung getroffen wurde. So stand die Gewinnerin der goldenen Plazenta, Ursula von der Leyen, plötzlich völlig perplex vor einem jungen Mann mit Migrationshintergrund, der ihr den so heiß begehrten Posten im Gesundheitsministerium vor der Nase weggeschnappt hatte.» Das ist die eine Geschichte, die es weiterzulesen lohnt. Eine andere wäre die der angedeuteten Vorweihnachtszeit. Die mir die frühen Morgenstunden derart versüßt hat, daß ich andere gerne daran teilhaben lassen möchte. «Nein! Hihihi», antwortet das Rentier. «Ich bin der Guido!» Das zweite Tier sagt mit leicht näselndem Tonfall: «Und ich bin der Ronald.» Herr Sliggel ist deshalb schweißgebadet aufgewacht. Ich aber kann mich jetzt ruhig schmunzelnd in den Schlaf begeben. Sozusagen befitticht von einem Polizeibeamten, der mir Guido und Ronald vom Traum fernhält. Danke, nicht nur liebes Internet. Sliggels Blog: Es weihnachtet
Hohe Zeit. Wunderwein. Hohe Zeit. Anstieg.; Talstation.; Traumhafte Lage. Der Wein zum ausgezeichneten Entrecôte schmeckte ebenso, nur anders, den anderen Inhaltsstoffen gemäß eben. Er konnte ihn nicht zuordnen. Die Eltern seiner Gastgeberin hätten, ließ die ihn wissen, sich vor zwei Jahrzehnten günstig ein kleines Weingut im Nordwesten von Lyon gekauft, dessen Besitzer die Lust verloren und wohl auch keine Erben hatte, die sich die Arbeit antun wollten. Der Vater wollte Abwechslung vom vielen Geldverdienen und auch mal welches ausgeben. Nach einiger Zeit entstand ein Wein, der nur für die Familie und deren Freunde angebaut wurde. Die Wohnzimmer-Betreiber Sami und Dienne gehörten dazu. Und nun wußte er, wie ein anderer als der europaweit angebotene, champagnerartig immergleichgemachte Chardonnay schmeckt, in diesem Fall angereichert mit kleinen Anteilen von Pinot Blanc. Darin könnte er, wollte er still in sich hineindenken, gut zum Weltvergessen beitragen, als seine Hausmutter mundvoll und nachspülend nickend meinte, auch ihr Vater sei sich bewußt, nach der Zeugung seiner Kinder noch einmal Höchstleistung vollbracht zu haben. Seit sie alle diesen Wein tränken, hätten sie sich von der Welt ab- und sich selber zugewandt. So vertrete der ältere Bruder als Rechtsanwalt zwar nach wie vor fast die gesamte nicht recht koshere christliche Gesellschaft der Stadt, aber er tue dies, seit seiner Scheidung von einer weiteren höheren Tochter der Handels- und Finanzkommune, in Frauenkleidern. Seine Klientel sorge sich nach anfänglichen Irritationen nicht mehr weiter, da er mit seinen Rechtsauslegungen überaus erfolgreich sei; seit er sich vor einigen Jahren zu ihrem respektive seinem Geschlecht bekannt hatte, war nicht ein Prozeß mehr verlorengegangen. Seitens der Richterschaft werde schon seit geraumer Zeit in Erwägung gezogen, ihn wieder ins Althergebrachte zurückzuzwingen, ihn zumindest vor Gericht wieder als Mann auftreten zu lassen. Doch dem Männerbund fehle jede rechtliche Handhabe, zumal er namentlich immer als der auftrete, der er nach der Geburtsurkunde ist. Lediglich privater Post füge er eine Kleinigkeit an, so daß er mit einem schlichten Stäbchen den großen Schritt in die Welt zumindest der geistigen Geschlechtsumwandlung quasi unterstreiche. René(e) sei längst auch an internationalen Gerichtshöfen bekannt wie eine bunte Tunte, aber eben nicht als Hofnärrin, sondern als wilder Feger des Rechts und dessen sich bietenden Möglichkeiten. Auch halte er es wie der älteste Bruder, der als quasi gut florierende Zahnärztin — der Vater habe eben immer nur Mädchen gewollt, weshalb wohl der Zweitälteste frauengerechte Häuser baue — die einen völlig überteuert liqudiere, um die anderen kostenlos behandeln zu können. Unter anderem sei der eine oder andere ehemalige sans papier keiner mehr, da der Bruder ihm zu einer neuen Identität verholfen habe. Sie liebe ihre obendrein musisch veranlagten Robins sehr. ![]() Lediglich die Schwester sei ein wenig aus der Art geschlagen, da sie immer wieder das Glück dieser Erde auf dem Rücken eines Mannes suche. Allerdings lebe die auch im teuren Paris sowie überhaupt inmitten von Illusionen. Das möglicherweise Entscheidende könnte allerdings sein, daß sie ihrer eher seltenen Heimatbesuche wegen diesen wunderbaren und -samen Wein nicht so recht nachgeschoben bekomme, und wenn sie denn tatsächlich ein paar Flaschen mit in ihre Dachstube in der Rue Monge brächte, die sie früher einmal teilte, seien die jedesmal innerhalb kurzester Zeit ausgetrunken und sie müsse sich anschließend immer wieder auf die Suche machen. Nach einem neuen Mann. Vielleicht sollte sie, gab sie dem letzten Bissen dieses nicht minder wunderbaren, ebenfalls aus familiarem Anbau stammenden Entrecôte mit auf den Weg, öfter mal nach Hause ins schöne Lyon kommen. Hier hielten sich in letzter Zeit so viele wundersame Männer auf, die allesamt die Frauen sehr zu lieben schienen. So langsam schien er endgültig zu erfassen, in welch seltsame Umgebung er einmal mehr in seinem Leben geraten sein könnte, und dachte erneut an eine baldige und definitive Weiterreise, zumal er sich offensichtlich auf einem Feld befand, auf dem es für ihn nichts zu bestellen gab. Vor allem diese exotische Blüte namens Anouk war offenbar bestens assimiliert, wenn auch unter Umständen, die seinen Vorstellungen nicht unbedingt entsprach. Um so abwegiger kam es ihm vor, ausgerechnet hier sozusagen abgeholt worden zu sein. Andererseits hatte diese Landschaft allein des sich andeutenden, nicht nur gastronomischen Abwechslungsreichtums ihre Reize. Und zu prallem theatralischen Umfeld fühlte er sich obendrein von jeher hingezogen. Das schien hier geboten. Überdies stand es heute abend an. Das wollte er dann wenigstens noch mitnehmen. Was denn gegeben werde, fragte er seine Nachbarin zur Rechten, ohne sich noch größerer Hoffnung auf Erhörung hinzugeben. Aber von der Anmut konnte er auch nicht lassen, die sich ja erwiesenermaßen draußen als Schönheit präsentierte, und sei sie noch so entfernt. Mit einem Lächeln, das durch diesen Wein offenbar noch verzückender geworden zu sein schien, antwortete sie, extra für den englischen Besuch, auf daß er sich ein wenig heimisch fühle, werde ihm heimatlicher Stoff geboten, wenn der auch im wärmeren Süden angesiedelt sei, wo der Engländer sich ja bekanntermaßen ohnehin wohler fühle, was sich merklich auf die Weinpreise südlich der Loire auswirke. Und man ginge schließlich in ein Opernhaus, deshalb geschähe es in musikalischer Form. Seinen neuerlichen Versuch, die ihm anhaftende Herkunft zu verneinen, wischte sie mit der Bemerkung weg, wer wisse heutzutage schon, woher er komme und von wem was stamme, selbst Shakespeare habe vermutlich nicht gewußt, welch herausragender Dramatiker er gewesen sei. Selbst Sami und Dienne hielten sich Polen zugehörig, was wohl damit zusammenhänge, daß sie als pieds-noirs in den sogenannten Kommunismus geflüchtet seien, da sie sich dort willkommener fühlten als in dem Land, dessen Bürger sie eigentlich sein sollten. Ursprünglich müßten sie wohl tatsächlich einmal Polen gewesen sein, was aber einige hundert Jahre zurückläge, als sie einem Fürsten namens Stanislaus untertan und mit ihm nach Lothringen gezogen waren, wo er eine hübsche Architektur hinterlassen habe, die heute vornehmlich dem glanzvoll aufpolierten Tourismus der kleinen bürgerlichen Sehnsüchte nach Adelung diene. Als die Vorfahren dann nichts mehr zu beißen gehabt hätten, seien sie nach Nordafrika aufgebrochen. Das kolonialisierende Frankreich habe seinerzeit alles genommen, was habe krauchen und siedeln und auch ein bißchen schießen können. Dann wurde zurückgeschossen, auch in der dann wieder neuen Heimat. Weshalb sie sich für die ganz alte entschieden hätten. Daß sie auch von dort wieder flüchten mußten wegen anderer, weniger politischer als mehr gesellschaftlich bedingter Unvereinbarkeiten, belege nur, welchen Wert eine Nationalität oder ein Paß darstelle. Sie selbst spüre in sich eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der Unüberwindbarkeit dieser ganzen Wälle, die rundherum um einen aufgetürmt würden. Man getraue sich ja gar nicht mehr hinaus aus dem Kontinent, vor lauter Furcht, nicht mehr hineingelassen zu werden. Selbst eine traute Heirat garantiere heutzutage keine Heimat mehr. À propos Heirat. Es sei an der Zeit aufzubrechen, um zu schauen und zu hören, welches Gewese zu des alten Herrn Shakespeare Zeiten darum gemacht wurde. Um die Widerspenstigen zu Lebzeiten kümmere man sich später. Das wird wohl Folgen haben. Hohe Zeit • Erzählung
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