Bargeld tanken!

Vor einiger Zeit rappelte sie besonders heftig, diese von unsereins nicht sonderlich geliebte Rassel für zwischenmenschlich kommunikationsgestörte Infantilisten. Bei den beiden Damen meiner nächstgelegenen Familie verhält sich die Beziehung zu diesem Gerät ein wenig anders, und dieser Logik entsprechend war auch eine der beiden dran. Befreien aus den Klauen dieses Schandsystems solle ich sie, nein, sie habe nicht geklaut, eher habe man ihr etwas genommen, nämlich die Möglichkeit, dieses Gelände unbehelligt wieder zu verlassen, die sogenannte Euro-Karte gelte offenbar nur in Europa, das Agrarland Schleswig-Holstein läge offenbar außerhalb der EU-Genze, auf jeden Fall funktioniere sie nicht, die Karte, und dieser vorösterliche Karl Freitag von der Verkaufshilfsschule wolle sie nicht vom Hof lassen. Eine normale, stakkatohaft gesprochene Büddenwarderin-Sentenz, nach kurzem Atemholen fortgesetzt: Nein, sie habe ihr Konto nicht leergekauft, die Leitung könne nicht in Ordnung sein oder sonst was, aber der Pickelknabe kapiere das nicht, und sie stehe auf einem abgelegenen Tankhof, wo das Benzin zwar billiger sei, wenn das nicht mal ohnehin ein ungeheuerlicher Euphemismus sei, man das also überhaupt so sagen könne also, sie aber niemand kenne, alle Bekundungen und Ausweisvorlagen interessierten diesen Benzinausgabenjüngling nicht, sein Chef habe gesagt und so ... Ich möge sie bitte auslösen, befreien aus diesem elektronisiert-kapitalistischen System.

Sie hat sich das zwar selbst ausgesucht, aber auf unsereiner ständige Ermahnungen, man benötige immer ein paar Scheinchen im Täschchen, reagiert sie immer ablehnend, mit der Begründung, wenn sie bares Geld im Portemonnaie habe, gebe sie's auch sofort wieder aus für irgendwelche Nettigkeiten, die da immer so wegelagerisch herumstünden oder -lägen. So denn, nennen wir's Prokrastination, schlüpfen wir in die Ausgehlatzhose, nehmen die Entenkurbel von der Wand und fliegen an den mondänen Badeort an der östlichen See (wo sie zuvor vermutlich wieder einige Parfumerien aufgekauft hatte).

Das erinnert mich an die einige Jahre zurückliegende Situation. Paris in Richtung Süden verlassend hatte ich den Tank des in Frankreich wegen seines Sterns und dem etwas zu ausladendem Format nicht sonderlich beliebtem Fahrzeug (die Zeiten haben sich geändert) fast leergefahren. Es war unbedacht, denn es befanden sich nur noch wenige Francs in meiner Tasche. Und damals war es außerhalb der größeren Städte noch nicht überall möglich, mit internationaler Kreditkarte zu bezahlen. Mit Carte bleue (gleichzusetzen mit manchmal funktionierender national gültiger Bankkarte) kein Problem, damit wird sogar der petit rouge bezahlt, aber ich zu dieser Zeit noch nicht so patriotisch Gesinnter hatte eben keine, sondern nur weltweit gültige Plastikwährung.

An einer schlimmen Trümmerstation irgendwo dörflich der Nähe des burgundischen Nevers (wohin ich nicht mehr gekommen wäre) sah ich schwach ein völlig verrottetes Plakat mit der gerade noch lesbaren Aufschrift MasterEuroDinersVisaCard vor sich hindösen. Dahinter etwas Tankstellenähnliches. Es hatte (noch) nicht den Charakter eines großeuropäischen Supermarktes. Es sah irgendwie sehr französisch aus in seinem scheinbar heillosen Durcheinander. Nachgerade heimelig. Sofern sich eine Tankstelle so beschreiben läßt. Es ist anders als in diesen globalen Kraftfahrzeugversorgungsstationen für Fastfoodabhängige. In denen weiß man nie so genau, ob man sich im süddänischen Gedser, auf der grünen Wiese neben dem thüringischen Apolda oder weitab vom Rand des katalanischen Gerona befindet. Es ist erstaunlich, daß MacDonald's noch keinen Sprit verkauft. Oder Tankstellen überhaupt noch Benzin.

Wegen des schon sehr verblaßten Hinweises auf weltweite Zahlungsmöglichkeit hatte ich wenig Hoffnung, aber ich wollte sie nicht aufgeben, bevor sie endgültig dahin war. Ich ging also auf diesen Schrottplatz zu, aus dem ein klappriges Hüttchen herauslugte. Vorsichtig fragte ich das aus ihm herausschlurfende Michelin-Männchen, das fast zu hundert Prozent aus noch unverarbeitetem Erdöl zu bestehen schien, ob ich denn — und winkte mit meiner Karte. Bien sûr, Monsieur! Er kriegte sich dann fast nicht mehr ein, weil es gar nicht mehr aufhören wollte, hineinzulaufen in den Tank. Und tatsächlich unterbrach die Pumpe bei achtundachtzig Litern. Ein paar Tropfen gingen dann noch, aber seine elektronische (!) Kartenlesemaschine nicht. Sie war wohl ebenso ein bißchen verschlammt. Oder sie hatte wegen jahrelanger Nichtbeachtung ihrer Anwesenheit gestreikt. Pas de souci ! Monsieur. Kein Problem also. Er schlug ein paarmal heftig drauf — und dann fiepte sie zweimal und spuckte den Beleg aus.

Seitdem fahre ich, wenn es irgend geht, solche Tankstellen an. Aus Sympathie und Solidarität gegen diese Kaputtmachglobalisierung. Und zur Aufrechterhaltung der Tradition von Werkstätten, in denen man den Motor eines Döschwoh mit verbundenen Augen ein- und auszubauen vermag (so man über fünfzig ist). Und sogar Benzin für Mercedes bekommt.

Aber, bitte, nie mehr ohne Bargeld in der Tasche, gnä' Frau!
 
Di, 03.06.2008 |  link | (3578) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs


jean stubenzweig   (03.06.08, 09:16)   (link)  
Ich erinnere mich noch gut, als ich die ersten dieser die "Die Freiheit nehm ich mir" Kärtchen bekam und mir nicht nur die Freiheit nahm sondern auch lediglich mit meinem damals noch guten Namen bezahlte. Es war wirklich überraschend wieviel Geld man in relativ kurzer Zeit doch verbraten kann. Ja. Auch in angenehmer Gesellschaft. Selbstverständlich schenkte ich diesen Zettelchen die einem dauernd aufgenötigt werden und auf denen ja doch nur der eigene Namen und irgendwelche Zahlen stehen keine Aufmerksamkeit.

Für ein Jahr Wohlleben musste ich dann anderthalb Jahre deutlich kürzer treten und verbannte die Kärtchen zum Reisepass, wo sie friedlich schlummernd nur zu besonderen Gelegenheiten gebraucht wurden und trat eher mit der dicken Rolle Geldscheine auf, was ich noch durch den Spruch "Nö. Ich brauche keine Kreditkarten, ich habe noch Geld." auf das feinsinnigste und zurückhaltendste zu untermauern verstand.

Dann jedoch fuhr ich mal wieder über diesen Teich in unser Bruderland. Das müssen unsere Brüder sein, weil man sich Freunde ja aussuchen könnte. Allerdings vergaß ich jene Plastikkärtchen, obwohl ich gerade neue, bunte bekommen hatte. Für eine Woche brauche ich kein Plastegeld, ich habe richtiges.

Zum Glück waren Hotel und Mietwagen bezahlt. Aber meine Rolle von Dollarscheinen war seit der letzen Invasion von Texaner dort nicht mehr beobachtet worden. An jeder Tankstelle, bei jedem Essen erregte ich unangenehmes Aufsehen, weil ich mit Bargeld zahlen wollte. So ekelhaftem Zeug, das man zählen und zur Bank tragen muss. Zum Glück war ich ein wenig entschuldigt, schließlich war ich ja Ausländer.

So langsam geht das auch bei uns los. Wenn ich einen Computer bar bezahle, ohne mich wenigstens durch eine Payback oder sonstige Rabattkarte auszuweisen, ernte ich erstaunen und selbst beim Supermarkt meines tiefsten Misstrauens erwartet man, das ich dann wenigsten meine Postleitzahl offenbare.

Es wird schwer mit dem baren Geld. Sie wollen uns kontrollieren, wissen wofür, wann und mit wem wir es ausgeben.


aubertin   (03.06.08, 15:50)   (link)  
ton texte:
Was viele nicht wissen: Das romantische Frankreich war — da machte unser Kärcher-Sarkozy noch nicht einmal in seine multikulturellen Windeln — bereits US-amerikanischer, als man sich das irgendwo in Europa überhaupt vorstellen kann. Es war das Land, das in den fünfziger Jahren den Supermarkt aus den USA importiert hatte (und die kleinen Läden in den Städten fortan nur noch für Touristen aus Castop-Rauxel offenhielt, die gekommen waren, um nach ihren Wurzeln zu suchen).

So ist es wohl naheliegend, daß in Frankreich bereits Ende der achtziger Jahre die fliegenden Händler Kreditkarten entgegennahmen und die Belege mit den alten Hobeln kopierten. Sie tauschten die Belege in den Ladengeschäften ein, die längst auf Elektronik umgestellt hatten — beispielsweise in Besançon sitzen die Afrikaner seit Jahr und Tag auf der Brücke über den Doubs, am Pont de Battand, und verkaufen ihren Fabriknippes an schweizerische und besonders gerne an deutsche Pappnasen (ein Begriff, den ein Husumer Fischhändler einmal jenen gab, denen er besonders gerne den ganz alten Fisch verkaufte). Doch der Hang, auch einen Kaffee mit Kreditkarte zu zahlen, dürfte wohl eher an der französischen, sehr unreflektierten Faszination allem Neuen und Technischen gegenüber liegen. Es wird im Land auch allzu leicht gemacht.

Ob die Deutschen dabei so ausgeprägt mitmachen werden, das nehme ich nicht an (ausgenommen davon ist selbstverständlich die zum Schwarzen tendierende digitale Bohème und deren geistige Verwandtschaft im blaugelben=grünen Lager). Doch den meisten sind die Gebühren zu hoch. Beim Kleingeld hört nämlich die Liebe zu den Westfreunden auf. Andererseits ist es sicherlich richtig, daß der bargeldlose Zahlungsverkehr mit Zwang eingeführt werden wird; ein passables Kontrollmittel ist es ja, nicht nur zur Profilerstellung. Aber auch dem wird der deutsche Kadavergehorsam sich beugen. «Dagegen kann man doch sowieso nichts machen ...»

t'embrasse, Yves















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