Ohrenschmalz

Enzo Enzo und andere Demoiselles d’Avignon

«Un baiser ou deux/serre-moi dans tes bras/une petite heure ou deux/et on remet ça/en état d’ivresse on s’carambole/on n’sait plus lire la boussole/un rien nous émeut/l’amour est un alcool/Un câlin pour la route/un dernier pour l’envol/et l’on se sent mieux/ l’amour est un alcool ...»

L'amour est un alcool. Diese vertrackte, bei Enzo Enzo wie immer doppeldeutige Stück aus der CD Oui. Ein Gleichnis: Eingezwängt in Arme. Eine kleine Stunde oder zwei mit einem Kuß oder zwei. Der Rausch verursacht Carambolagen. Man verliert die Kontrolle über sich: Der Unverstand hat das Monopol. Aber man träumt. Liebe ist wie Alkohol. Und das Ganze geradezu als Barmusik geklimpert. Vielen ist diese Hinterlist zu leise.

Ich lernte diese Frau mit den eindringlich schönen Augen und dem polnischen oder russischen Vater — die Presse ist sich nicht einig — und französischem Paß, wie sie so oft im Land häufig französischer wirken und wahrscheinlich auch sind als alle Pariserinnen, in Avignon kennen. Es gibt (nicht nur zum jährlichen sommerlichen Festival) am Ende der Einflug- oder auch Abflugschneise, wie man mag, am Cours Jean Jaurès einen besonderen Platz. Wenn man vom Zentrum Avignons kommt, der place de L’Horloge, kurz vor der Stadtmauer und dem dahinterliegenden Bahnhof für gemütlich Reisende liegt der gefährlichste Flecken in dieser mit richtigem Leben befüllten Kinogroßkulisse.

Wie alle bösartigsten Schrecken dieser Welt gibt auch dieser sich in den Anfängen milde und sanft. Hier sind es die wenigstens auf vierzig bis fünfunddreißig Grad plus kühlenden Platanen, die gemütlich auf Höckerchen herumsitzenden oder in Liegen dösenden Menschen. Sie tun einem überhaupt nichts, stundenlang lassen sie einen mit Sanftmut und Engelsgeduld in ihren Ständen kramen und auf ihren Tischen wühlen. Nur wenn man eine Frage hat, schauen sie einen, wie überall im Land, direkt an und antworten höflich und zuvorkommend, aber auch diskret. Können sie nicht weiterhelfen, geschieht es, daß sie einen zwei oder drei Stände weiterschicken, weil die Kollegin oder der Kollege dort sicher etwas im Magasin hätten.

Dort lernte ich sie kennen, meine verehrte Polen-Russin, und sie sollte mich teuer zu stehen kommen. Da ich sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte, sie mich aber neugierig gemacht hatte, war ich zu einer näheren Anhörung gezwungen. Deshalb mußte ich ohne weitere Blicke die Rue de la République hinaufeilen zur durchgehend geöffneten FNAC (Fédération nationale d'achat des cadres), der wohl größten französischen Medien-Handelsgesellschaft, und mir eines dieser in den Neunzigern in Frankreich sündhaft teuren Elektrogeräte (die CD kosten auch um einiges mehr als beim rechtsrheinischen Nachbarn) kaufen. Ich wollte Enzo Enzo ja anhören, und dazu bedurfte es eines CD-Abspielgerätes. Und der junge Hüter dieser etwa zweitausend CD — meistens um ein vielfaches billiger als in den Plattenläden — hatte nichts dagegen, daß ich es benutzte. Neben Enzo Enzo begleiteten mich dann etwa weitere zehn gutaussehende und wunderschön singende Damen ins (Stamm-)Hotel zu Füßen des heiligen Gemäuers, in dem die Päpste es früher haben krachen lassen und es heutzutage auch schonmal Krach zwischen Publikum, Presse und Schauspielern gibt.

Sie stürzten mich in einen Liebesrausch mit eindeutig katrigen Folgeerscheinungen. Am nächsten Tag ging ich nach dem Frühstück aus fünf riesigen Grand-Café, einem Schokoladenbrötchen und einer Packung Gitanes direkt dorthin (glücklicherweise packen die Händler am frühen Abend ihre Stände zusammen und fahren heim nach Aix-en-Provence, nach Arles oder Marseille). Und wieder nahm ich ein paar Damen mit aufs Zimmer, und, auf daß uns nicht langweilig werde, auch noch ein paar von diesen alten Büchern. Und einmal auch einen Mann, der uns zuhause dann ein bißchen was erzählt hat: Fernandel auf einer wahrlich herrlichen, uralten, aber sehr gepflegten Schallplatte, mit Briefe aus meiner Mühle von Alphonse Daudet.

Aber es war insgesamt doch nicht weiter kostenträchtig, denn in Frankreich nahmen die fliegenden Händler schon Ende der achtziger Jahre Kreditkarten entgegen. Einige tauschten die Belege in den Ladengeschäften ein, die längst auf Elektronik umgestellt hatten. Meine mittlerweile beachtliche Sammlung an schönen und schön singenden Demoiselles d’Avignon, wie ich sie schubladisiert habe, löst immer wieder Erstaunen aus. Und ich kann mich nicht satthören an ihnen, an Axelle Red, Mylene Farmer, Jorane, diesem stimmlich vibrierenden Violoncello, an Carole Laure, an Jo Lemaire, an der zündelnden Nina Morato (L’allumeuse), an Maurane, der Überamme der Jüngeren, an Elisa Point, vereinzelt durchaus auch an der etwas sülzig-süßen, aber eben wunderschönen Véronique Rivière oder wer sonst noch. Ja, auch (in Maßen) an Nicole Croisille, auf jeden Fall aber Ann Gaytan mit ihrer grandiosen Hymne an Léo Ferré. Irgendwann habe ich in Marseille oben am Cours Julien, bei den Händlern der zweiten Verwertung vorm Archivgebäude, eine Nicole Croisille gesehen: rasend blond inmitten von lauter pechschwarzen Afrikanerinnen. black & blanche lautet der Titel der CD. Klar, da mußte sie mit zu mir nach Hause. Auch Ann Gaytan hatten sie zwischendrin mal fast vampisch abgelichtet. Ebenfalls brennend blond (die vierte Nationalfarbe). Wahrscheinlich haben sie gemerkt, daß sie auf ihrer Ferré-CD doch ein wenig arg bieder ausschaut. Egal. Ich mag sie. So oder so. Aber nur wegen eines neuen Bildes nehme ich eine Blondine nicht nochmal mit auf Zimmer. Ich habe sie photographisch als Hausfrau kennengelernt. Es bleibt dabei. Außerdem ist ja bekannt, was diese Hausfrauen aus durchorchestriertem Schmalz alles zubereiten können: Drogen.

Ja, ich bin abhängig. Ich hänge am Ohrenschmalztropf.

Und Enzo Enzo alias Körin Ternovtzeff — ach. Seit ich sie auch noch in Haut bas fragile von Jacques Rivette sah, begleitet sie mich sozusagen verstärkt, ständig im Auto, aber auch anderenorts. Sie ist immer bei mir und singt mir was in beide Ohren. Nein, ins Gemüt. Und von Copito de nieve de Barcelone kann ich ohnehin nie genug kriegen.
 
Mi, 02.07.2008 |  link | (3370) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica


fluechtig   (03.07.08, 12:00)   (link)  
Kennen Sie Keren Ann (auf Discography kann man sich in die Stücke klicken, ich empfehle "L´Illusionniste" aus dem Album "La Disparition")?


jean stubenzweig   (03.07.08, 14:30)   (link)  
Keren Ann
Ihre erste Platte erinnerte mich musikalisch wie stimmlich verblüffend an die erste von Enzo Enzo: «Oui». Da mir zwei so gleichartige Frauen zu anstrengend gewesen wären, habe ich mich für meine Geliebte entschieden.

Gerne hätte ich «L´Illusionniste» bzw. «La Disparition» gehört, aber es hat technisch nicht funktioniert. Also muß ich wohl bald wieder zur FNAC eilen.

Herzlichen Dank auf jeden Fall für den Hinweis.


hap   (03.07.08, 22:17)   (link)  
Ins Gemüt
Ach Stubenzweig - wenn es dich nicht gäbe, man müsste dich erfinden! Ein Romantiker im besten Sinne, der auch noch mein Zeitgenosse ist. Ich fühl mich beschenkt. Was für ein (hoffentlich) unheilbarer Tor du doch bist. -
Meine Empfehlung fürs Vorparadies: "Trois petites notes de musique" von Cora Vauquaire (ich weiß nicht mal, ob ihr Nachname korrekt geschrieben ist). Das muss irgendwann in den frühen sechziger Jahren das Licht der Welt erblickt haben, im Grunde reiner, wunderschöner Kitsch. Ach, was hab ich dieses Lied geliebt! Wenn mir jemand sagen kann, wo's das zu hören gibt im Jahr 2008 ... An die Möglichkeit, dass mir das jemand brennt und ich könnte das einfach so in den CD-Spieler schieben - nee, daran wage ich gar nicht zu denken.
Schöne Tage!
hap


jean stubenzweig   (03.07.08, 23:21)   (link)  
Cora Vaucaire!
Alte Klasse. Ja doch! Älter sogar als wir. Auch La complainte de la butte. Zum Beispiel. Wo sie sich wohl versteckt hat bei mir? Vermutlich, wie einige(s), in einem der rund sechzig oder siebzig ungesichteten und unausgepackten Behältnisse aus dem (manchmal heimlich ein wenig zu schmückenden) Existentialismus. Aber das mit dem CD-Spieler, das wird nichts. Cora Vaucaire läßt sich nicht in so ein Schltzchen schieben. Eine wie sie will auf dem Präsentierteller kreisen. Anders: Wer sowas noch hört, ist kurz vorm Aussterben. Nein, halt, hier:

Cora Vaucaire

Es gibt ja die neuen Medien.

Trotzdem: Kurz vor Exitus.

Ansonsten: Unabdingbar unerfindbar bin ich. Abfindbar schon eher. Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht wird ja mal ein Schuh draus. Für andere.


hap   (05.07.08, 09:45)   (link)  
Drei Noten
Danke für den Link, Spürnase! Tatsächlich, das ist das Lied - ist schon merkwürdig, es nach all den Jahren wieder zu hören! Ganz bemerkenswert finde ich auch die Illustration zu diesem "Videoclip" - ein Film ist es ja nicht. Meine Güte, das Design sieht ja eher nach fünfziger Jahre aus.
Jedenfalls: Das (be-)rührt ganz tief drinnen, ganz weit hinten in der Erinnerung, als ich noch keinen Gedanken an Bundeswehr oder nicht verschwenden musste, aber schon sicher war: Aus diesem Kaff muss ich raus! Ich muss dahin, wo alles anders ist, ins Café Aux deux magots, denn da sitzt bestimmt Jacques Brel mit Juliette Gréco und Georges Brassens, und sie trinken Rotwein mit Boris Vian und Jean-Paul Sartre. Da gehör ich hin, nicht nach Weißenburg in Bayern.
Wie recht ich hatte mit 15!
Alles Gute, salut les copains!
hap


jean stubenzweig   (05.07.08, 12:15)   (link)  
Behübschung des Existentialismus
Hab ich doch gemeint. Romantik war schließlich Gegenbewegung. Noch vor dem Mouvement der sogenannten 68er Revoluzzer, die ja auch romantisch gewurzelt haben sollen, schenkt man so manchem Analytiker Gehör (oder sollte man hier schreiben: so manchem Analyst?). In jedem Fall ist sie: «Tochter der Aufklärung». Zu seinen Kindern ist man ja lieb und verstößt sie nicht. Jedenfalls meistens.

Hier, bitteschön, das sind die Engel, die über meinem Bette schweben (wenn die Damen eine Boule schieben).


hanspfitz   (05.07.08, 20:42)   (link)  
Gibt's nicht!
Nö. Dass es dieses Foto gibt, das glaub ich einfach nicht. Das ist für mich die Versammlung der großen musikalischen Geister, der Grund für meine Frankophonie. Und der Grund, weshalb ich es nicht fassen kann, dass diese Nation als Kollektiv auch nichts kapiert hat - da musste nur Arthur Koestler lesen, oder den einhufigen Sarkozy angucken. Nichts kapiert. Was soll man da machen?
Weitermachen.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4257 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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