Die kleine Freiheit

Eine Antwort für Herrn Nnier (weil's schon wieder so lang geraten ist, kommt's nach vorne)

Für den einen steht sie an der Reeperbahn, für mich liegt sie in der «Unstrukturiertheit» des Free Jazz. Sie ist das Gegenteil der exact gesetzten Ordnung beispielsweise bestimmter Zwölftöner, die mich bisweilen unangenehm «gefangen» nehmen. Om ist geradezu harmonisch beispielsweise gegenüber der Musik einer musikalischen (Un?)Formation, das die Tube leider nicht anbietet, da ich es sonst ausgewählt hätte, von der Herbert Köhler in Platonische Musik einmal «unerhört» schrieb: «In einer Art autistischer Selbstverteidigung schnalle ich mir den Kopfhörer um und ziehe die Regler auf. Zeit, Raum und Mitwelt bleiben ausgeschaltet: ich zelebriere, lasse mich fertig machen ohne SM-Gefühl! Verliere ein paar Kilo, nachdem ich The Jazz Composer's Orchestra* ohne Pause durchgehört habe. Nebenprodukte sind heiße Ohren und eine solipsistische Freude am heimlichen Euphorikon.» Bei mir ist's nicht ganz so ausgeprägt, daß es mir gleich den Bauch wegnimmt (früher hat solches mal die Musik via Tanz erledigt), dazu fehlt mir die Leidenschaft, aber «solipsistische Freude am heimlichen Euphorikon» kommt gut hin.

Entscheidend und auch für mich gültig ist allerdings Köhlers Aussage zur Musik überhaupt: «Sie ist kein soziokulturelles Bindemittel [...], ich bin temporärer Datenträger in einer auf handlichen Konserven beruhenden akustischen Vermittlung.» Das ist keine konstante Situation, aber wenn ich bewußt höre, also nicht an meinem france musique-Tropf hänge (der mir allerdings manch ein Frischzellen-Schübchen verabreicht), dann bin ich verloren für den Rest der Welt, dann gibt es keine Gesellschaft mehr, in die ich integriert gehörte. Besonders häufig ist das der Fall, wenn ich Free Jazz höre — er macht mich tatsächlich frei, jedenfalls insoweit oder -fern, als ich dann köstlich gedankenlos bin.

Valse triste stammt aus der Bühnenmusik zum Drama Kuolema von Arvid Järnefelt. Es wird nahezu ausnahmslos als Teil einer Bonbonière gehört, die die späten Romantiker beinhaltet; des Norwegers Edvard Grieg Ases Tod oder Solveigs Lied aus der Peer Gynt-Suite beispielsweise sind dem auch zuzuordnen. In der Tube hat jemand gemeint, zu einer bildlich etwas seltsamen Finlandia-Illustration Bilder von norwegischen Landschaften stellen zu müssen; Sibelius war Finne. Das ist das Dilemma, an dem die (Konserven-)Industrie mit ihrer Geschmacksbildung schuld ist — irgendwann firmiert solches dann unter «Weltmusik». Dabei bezieht sich diese Musik auf eine in der Welt vergleichsweise winzige (Kultur-)Landschaft, in und mit der der finnische Komponist gelebt hat. Die Leckerei Valse triste schmeckt sehr viel intensiver, begebe ich mich mit Haut und Haar hinein in diese Umgebung (angerissen habe ich das thematisch mal in Tondichters Lautmaltag). Möglicherweise erleichtert dieses Sich-Einlassen auch die Annäherung an Kimmo Pohjonen oder an die typische Polka von Maria Kalaniemi oder gar an M. A. Numminen, der zwar alles vergackeiert, nicht nur den höchst gesittet getanzten Tango als Leidenschaft (2000 erschienen, nicht wie häufig angegeben 2003) seiner Heimat, dessen Humor aber ohne Finnland häufig frei ins Unverständnis entschwebt und für manch einen rätselhaft bleibt wie die Filme von Aki Kaurismäki.

Ein wenig davon steckt übrigens auch in dieser Musik von Enzo Enzo. Sie hat in ihren ersten Platten die Barmusik französisch gegen den Strich gebürstet — jedenfalls sehe, besser höre ich das so: «L'amour est un alcool. Diese vertrackte, bei Enzo Enzo wie immer doppeldeutige Stück aus der CD Oui. Ein Gleichnis: Eingezwängt in Arme. Eine kleine Stunde oder zwei mit einem Kuß oder zwei. Der Rausch verursacht Carambolagen. Man verliert die Kontrolle über sich: Der Unverstand hat das Monopol. Aber man träumt. Liebe ist wie Alkohol. Und das Ganze geradezu als Barmusik geklimpert. Vielen ist diese Hinterlist zu leise.» Wenn ich dieses Stück ausgewählt habe, dann selbstverständlich unter dem Aspekt des Gesamten. Als ich diese Musik zum ersten Mal hörte, ging es mir nicht anders: «... in einer Bar als angenehmes Hintergrundgeräusch». Dann meinte ich hinter diese Vertracktheit gekommen zu sein. Und daß ich dieses Stück hereingenommen habe, liegt an der Tatsache, daß die Tube und andere nicht anderes angeboten hatten, ich aber ohne erneute Liebeserklärung an diese Dame nicht von der Bühne wollte (auf die Sie mich gezerrt haben).

Was von Ihnen Charlie Parker genannt wird, hat mit dem berühmten Bebop zwar zu tun. Mir aber ging es um die Interpretation von Maria João und Aki Takase — die im übrigen bei mir mit My Favorite things/My funny Valentine nochmals auftreten — sozusagen getanzt von dem recht gelösten Herrn, der eben irgendwie diese «solipsistische Freude am heimlichen Euphorikon» zu haben scheint. Maria João und Aki Takase haben früher einige Jahre zusammengearbeitet; Denkmale ihrer Kunst sind für mich die Platten Looking for love von 1988 oder Alice (mit Niels-Henning Orsted-Pederson). Maria João trat später eine Zeitlang mit ihrem portugiesischen Landsmann Mário Laginha am Piano auf, bei deren Platte Cor (mit Trilok Gutu und Wolfgang Muthspiel) kann ich mich vergessen (da rolle ich [im Konzertsaalauto] ab über die abgelegenen Sträßchen Südfrankreichs wie in Jan Garbareks I took up the runes; es geht sogar, wie ich gerade höre, klar, logisch, schließlich kommt die Musik ursprünglich aus dem Norden, kurz vorm zur Zeit eklig feucht-kalten Mare Balticum); ein winziges bißchen von Cor ist übrigens zu ahnen in Unravel.

Ob man von Miles Davis alles oder nichts hat, kann ich nicht beurteilen. Er gehört zu meiner Zeit, während der ich mich vom mütterlichen Opern- und sonstigem terror befreite (mein Vater muß deshalb ständig die Flucht ergriffen haben, was mir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht vergönnt war — aber dann, 1963), also seit den Sechzigern. Aber ich war, wie überhaupt nie, ein Jünger (von irgendwas). Eine Zeitlang dümpelte er mit einer Platte so für sich hin in meinen Regalen. So richtig entdeckt habe ich ihn erst mit Bitches Brew (Lesbares dazu hier). Danach habe ich auch seinen früheren Kompositionen und späteren Interpretationen (etwa Sketches of Spain beziehungsweise Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo, in Ermangelung von Herrn Miles hier mal das Original und von einem anderen gern gehörten großen Meister gespielt) aufmerksam zugehört. Und ich tue das noch heute, aber mehr als drei Scheiben habe ich nicht von ihm. Léo Ferré — sollte es je einen Gott gegeben haben oder ihn geben, dann war oder ist er selbstverständlich Franzose und trägt diesen Namen. Von ihm habe ich tatsächlich alle Platten und manches auch noch auf CD; das glaube ich zumindest (wenn wir schon beim Glauben sind). Runaway — wie Del Shannon wollte ich früher mal singen können, zumindest dieses eine Lied. Und da ich mittlerweile weiß, daß ich nicht singen kann, höre ich es mir immer wieder gerne mal an, sozusagen als Erinnerung an meine Träume. Mit Gustav Mahler überraschen Sie mich ein wenig. Und dann auch noch Dimitri Schostakowitsch. Sie werden doch nicht älter werden? Sie schreiben gar vom Dasein als Rentner (meinen Sie, Sie kriegen sowas mal?). Sie sind doch noch so jung. Und Sie ohne Beatles beziehungsweise Herrn McCartney? Mir das vorzustellen, fällt mir so schwer wie Sie mit ohne einen bestimmtem Zeichner. * Das tue ich Ihnen musikalisch jetzt nicht an; mir muß ich's ja nicht zumuten, da ich sowas gerne höre (wenn auch nicht ständig). Aber vielleicht versuchen Sie's für den Anfang mal mit Gato Barbieri, der ja auch manierlich saxophonierte.
 
Do, 19.11.2009 |  link | (1888) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ohrensausen















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