Partitürliches im Sonnenloch

Vor mehr als zehn Jahren wies Romain Finke mich in Weingarten nahe des Bodensees auf die Arbeit einer Künstlerin hin, von der ich sehr angetan war. Sie hatte das getan, was ich auch immerfort tue, gleichwohl mir das Talent abgeht, das so zu tun, wie sie das damals getan hat und teilweise wohl auch heute noch tut: Pappe stapeln. Sozusagen auf diese Art entstehen beim genaueren Hinschauen, was, um der Sache auf die Spur zu kommen, vielleicht ohnehin hin und wieder geschehen sollte bei der Betrachtung von Bild und Kunst, zeichnerische Strukturen. Nach langer Zeit sehe ich diese Bilder zum ersten Mal wieder, zwar in der photographischen Wiedergabe, aber die Erinnerung ruft den außerordentlichen Eindruck ab, dem ich damals ausgesetzt war.

Nun gibt es einen aktuellen Anlaß zur wiederholten, nein, zur gänzlich neuen Betrachtung, ist doch mir bislang Unbekanntes hinzugekommen. Selbst wenn es, wie metereologisch angekündigt, das ausgewiesene deutsche Sommerloch in Südwest am kommenden Wochenende zuregnen sollte, wird es wohl dennoch heiter werden (nicht nur, weil einem keine Mücken ins Auge fliegen und man so besser hinschauen kann). Denn am Freitag wird dort am Abend eine Ausstellung eröffnet, die ich ungesehen empfehle, weil ich ahne, weshalb mir dabei so fröhlich wird. Zum einen dieser nachstehenden Abbildung wegen, die mir mit der Einladung zugesandt wurde — wobei hinzufügen ist, daß es sich bei ihr um eine zeichnerische Collage beider, ohnehin eng verbundenen und (in der Regel) gemeinsam ausstellenden Künstler handelt, die dieser Gemeinsamkeit wegen einen zusätzlichen Reiz ausübt —, und zum anderen, da mir der Katalogautor, der zur Eröffnung auch ein paar Takte reden wird, mitteilte: «Die besprochenen neuen Arbeiten sind einfach zauberhaft im besten Wortsinn.»


Dabei mag vielleicht eine nicht nur farblich erotisierende Stimmung aufkommen durch die zarten Tuschverläufe von Andrea Kernbach, die jedoch selbst im intensiven Grau erhalten bleibt, wie mir weitere Abbildungen zeigen. Das zu bewerten bleibt dem Betrachter im einzelnen überlassen. Aber sich auf mich übertragende Gefühle sind es offensichtlich, die dabei aufkommen; künstlerische Automatismen möglicherweise, deren Entstehung Herbert Köhler in seinem Katalogtext Zeichnung als Auftrag an das Papier sachlicher vermittelt, als mein Seelchen das könnte:

«Die Künstlerin sowie das Hadernpapier [hier hochwertiges Bütten; Anm. jst] sind [...] beide gemeinschaftlich aktiv an der endgültigen Zeichnung beteiligt. Diese ist einmal abhängig vom Duktus des Tuschestiftes sowie dessen Verweildauer und zum zweiten co-abhängig von den kapillaren Saugeigenschaften des Papiers. Damit übernimmt das Hadern jenen Teil des Gestaltungsauftrages der Künstlerin, der von ihr nicht mehr beeinflussbar und kontrollierbar ist, aber eine Ausformulierungshoheit beansprucht. So ergibt sich eine Situation, die eine Art Schwingungsverhältnis zwischen Künstlerin und Hadernmedium aufbaut. Eine Oszillation von Handführung und Saugeigenschaft entsteht, die einerseits und impulssteuernd als Partitur auf der Arbeitsseite verfasst ist und andererseits auf der Schauseite als Interpretation gelesen werden kann.»

Ähnlich verhält es sich bei dem Bildhauer Nikolaus Kernbach, dessen Lineaturen sich in die obigen Tuschverläufe partitürlich einlagern:

«Der Gneis [aus Arvigo; Anm. jst], der von Nikolaus Kernbach nie klassisch behauen, sondern einem künstlerischen Prozess unterzogen wird, der sich aus den Variationen von Spalten, Brechen und Schichten ergibt, bleibt nicht Endresultat, sondern wird Ausgangsmaterial für einen weiteren Umgang, der Handdrucktechnik und Zeichnung kombiniert, also weder reine Druckgrafik noch reine Handzeichnung ist. Dagegen spricht nicht nur das grafische Unikat, sondern besonders die Tatsache, dass der Stein während der Entstehung der Zeichnungen im weitesten Sinne aktiv mitarbeitet; also geradezu zum Komplizen des Künstlers wird. Denn er stellt seine individuelle Liniengrafik dem Künstler zur weiteren gestalterischen Disposition zur Verfügung. Daraus ergeben sich zwei energetische Trägerschaften der kreativen Arbeit. Während Nikolaus Kernbach die kinetische Seite übernimmt, liefert der Stein die potenzielle.»

Wem also nicht nur angesichts der oben abgebildeten Einladung heiter musikalisch wird, dürfte nicht unbedingt allzu weit daneben liegen. Bei mir stellt sich auf jeden Fall ein, was Köhler im Text über Andrea Kernbach festhält:

«Wer sich also fragt: Was wird sichtbar von dem, was ich tue? kann durchaus musikalisch verfahren, indem er seinen Lese- bzw. Partiturtext durch ein entsprechendes Medium so instrumentalisiert, dass der Endzustand als Interpretation dieses Textes verstanden werden kann.»

Ich assoziiere hierbei wohl allerdings nicht zuletzt den Autor Köhler, der nach Mathematik und Physik später dann Kunstgeschichte und Musikwissenschaften studierte und seine möglicherweise aus letzterem resultierenden Empfindungen einmal eindrucksvoll mit einem Höllengleichnis unterstrichen hat und überhaupt gerne über Zeichenhaftigkeiten des täglichen Lebens nachdenkt.


E-Werk Freiburg I Andrea Kernbach I Nikolaus Kernbach

 
Do, 06.05.2010 |  link | (1455) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Form und Sinn


nnier   (06.05.10, 20:29)   (link)  
Mensch, Herr Stubenzweig, was Sie da immer aus Ihren Pappstapeln ziehen! Zwar steht in der näheren Zukunft kein Ortenau-Besuch an, weshalb wohl auch ich diese Ausstellung nicht besuchen werde, aber ich täte es, so neugierig haben Sie mich gemacht. Und auch noch zwei sehr schöne Texte (des Herrn Köhler) verlinkt. Danke dafür!


jean stubenzweig   (07.05.10, 12:33)   (link)  
Die beiden sitzen
ausstellungstechnisch irgendwie ein wenig in der Ecke Deutschsüdwest fest. Da mag eine gewisse Verbundenheit zu Land und Leuten mit hineinspielen, der dieses Künstlerpaar unterworfen zu sein scheint; was mir immer wieder auffällt auch bei anderen Artisten aus dieser Region. Gerade weil die sich bis in die Schweiz, mit leichten Berührungen nach Vorarlberg und auch Frankreich hin ausdehnt, ist auffallend, daß hier so eine nicht sichtbare Mentalitätsgrenze zu existieren scheint. Denn ich rätsele seit gut zwanzig Jahren darüber, warum wohl im besonderen Künstler aus dem Gebiet, das sich vom Norden des Bodensees aus nach Süd und West erstreckt, oftmals beinahe unter sich bleiben. Denn dort sind sie häufig recht gefragt, während man sie außerhalb seltener zur Kenntnis nimmt.

Die einzige Erklärung, die sich mir dabei böte, wäre eine Geschichte, die sich seit weit über tausend Jahren hält und auf EUropäische Einigkeit pfeift. Wobei ich allerdings seit den Neunzigern den Eindruck habe, daß mit zunehmender Vereinheitlichung durch die EU die Regionen wieder erstarkt werden, um die Gemüter zu beruhigen. Die Wiederbelebung der Dialekte oder auch regionalen Sprachen beispielsweise, die vor noch gar nicht allzu langer Zeit gebietsweise sogar verboten waren, wie beispielsweise das Okzitanische in Frankreich, erscheinen mir dabei mehr als auffällig.

Und die Künste sind ja letztlich auch eigene Sprachen oder meinetwegen Dialekte. Ich denke dabei etwa an eine Zeichensprache, wie sie westlich des Rheins recht häufig «gesprochen» und die östlich kaum und nördlich gleich gar nicht verstanden wird, wie sie sich etwa in Die gerettete Hermetik ausdrückt und bei der die Écriture automatique mitklingt. Auf jeden Fall scheint das ziemlich von der Lingua franca der Kunst abzuweichen, wie sie seit einigen Jahren an den globalen Märkten euphorisch geradebrecht wird.

Ich bin mir durchaus im klaren darüber, daß Sie dabei ohnehin nicht mitquasseln. Ihr Gefallen an den köhlerschen Texten verdeutlicht das. Dafür danke ich Ihnen!


apostasia   (07.05.10, 20:33)   (link)  
Esperanto der Kunst,
wäre das eine Lösung? Wobei die künstlich wäre. Was auch nicht in ihrem Sinn sein dürfte.


jean stubenzweig   (08.05.10, 08:33)   (link)  
Die Künste haben bereits
eine gemeinsame Sprache. Das sind ihre Arbeiten. In Bild und geformtem oder anders komponiertem Ton benötigen sie keine Übersetzer, und wenn es bisweilen zu Miß- oder Unverständnis kommt, dann kann einem der eine oder andere mehr oder minder hilfreiche Erklärgeist weiterhelfen. Zwar kann es dabei geschehen, daß man, wie bei der literarischen Übertragung in die eigene Sprache, etwas völlig anderes sieht als das, was dort steht oder man selbst gesehen oder gelesen oder gehört hat. Aber dann kann man immer noch zurückkehren zum eigenen Urteil oder sich abwenden. Kunst stellt ja kein Bildungsprogramm dar, auch wenn das immer wieder so verkündet wird. So ließe sich denn sagen: Kunst ist bereits Esperanto, wenn auch ohne die vereinsmeierischen Attituden, die den Propagandisten dieser Kunstsprache manchmal anhaften. Wobei es durchaus von Vorteil ist, das eine oder andere Begriffs- oder Wortelement zu kennen; zur Not nimmt man Hände und Füße, das hat noch immer geklappt. Dann ist man relativ rasch integriert in die grenzenlose Gemeinschaft und kann sich darin im besten Wortsinn frei bewegen. Als Gesangbuch für neureligiöse Lieder taugt sie allerdings nicht, für kulturelles Hineinschnuppern durchaus.


jean stubenzweig   (08.05.10, 10:34)   (link)  
Kunst und Musik,
Geschriebenes und Nichtgeschreibenes, zu diesem Thema ist mir, bester Nnier, gerade jemand eingefallen, über den ich bereits einmal ein paar Takte geäußert hatte und die nach erneuter Erwähnung ruft: Jorinde Voigt.

Am besten innerhalb des Textes auf Perm Millennial klicken und auf der Seite von Jorinde Voigt Portfolio öffnen. Innerhalb des pdf Files No 12 finden sich unter Symphonische Studien bzw. Symphonic Area ungemein spannende, mich nach wie vor faszinierende sowie neuere Zeichnungen.

Die 2007 bei schmoll et copains veröffentlichten Zeichnungen sind dahin wie die Seite.















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