Das Doppelleben des Herrn Palomar

oder Vom Verlust der Sinne
«Die Gegenwart aber, die in der Mitte liegt, ist so kurz und unfaßlich, daß sie keine Länge annimmt und nicht mehr zu sein scheint als die Verbindung des Vergangenen und Künftigen und außerdem auch so unbeständig, daß sie nie am selben Ort ist; und alles, was sie durchläuft, nimmt sie von der Zukunft weg und legt es der Vergangenheit zu.»
Henri Bergson, Zeit und Freiheit, Paris 1920. Frankfurt am Main 1989, S. 171

Als wenn es das Zu-Ende-Spielen der Tonleiter bedurft hätte, versteht er — mit einem Mal? — diese Intentionen. Gewiß, erkennende Schmunzeleien ergaben sich bereits bei Italo Calvinos hilflos in sich und der Literatur Verlorenem, der die Welt wahrlich hätte begreifen können, aber dann doch die ‹virtuelle› der Literatur bevorzugte. Ob Dummheit oder Lebensuntüchtigkeit den von diesem Buch Ergriffenen davon abhielt, mit Genuß in den dargereichten Apfel zu beißen, oder schlichte, vom Kardinalsmantel des an der Literatur Interessierten einhüllende Schüchternheit, das läßt der Italiener die Treppe der ironischen Distanz hinunterfließen.

Das definitive Urteil quillt ohnehin aus allen Furchen der eigenen Erfahrung, verknüpft mit diesem schiefen deutschen Sprichwort vom Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach. (Ist der kleine Sperling nicht ohnehin sehr viel begehrenswerter? Sollten wir nicht seinetwegen aufs Dach schielen? Doch vermutlich ist er zu flatterhaft, zu sprunghaft, zu behende, zu flink, und so träumen wir von der scheinbar Unerreichbaren hoch oben in der Ferne und bilden uns in unserer Bequemlichkeit ein, dieses feiste, gerade mal ein wenig mehr schillerndere Tier verkörpere die Sehnsucht.) Doch da ist doch noch diese ganz andere, sehr viel tragischere, im nachhinein sicher auch um so komischere, also tragikomische Erinnerung: die ausreichend Möglichkeiten bietet, diese männliche (?) Unbeholfenheit zu interpretieren.

Hier die in der Anfangsblüte stehende Schönheit und dort diejenige, die bereits die Nacht in der Hand des Verkäufers durchlebt hatte, dessen feingeschnittenes Gesicht eben jene, seiner Ware ähnlichen, Pigmentierung kennzeichnete, die aus Säften entstanden ist, deren Wurzeln aus tiefem Sand gerissen und zwischen den Kalkstein und den Lehm des französischen Jura verpflanzt worden waren.

Heute ist ihm klar, daß der senegalesische Herrscher über die weibliche Welt seines Reiches, die kleine Bar, es arrangiert hatte. In fürstlicher Gastfreundschaft hatte er dem Besucher gestattet, im dargebotenen Zelt die Jungblüte zu bewässern. Und wie reagiert der? Er wendet sich in stoischer Dämlichkeit der bereits fest im Beet Verankerten zu, ihr, die bereits Literatur war. Der aufscheinende Glanz der Zukunft hatte ihn derart geblendet, daß ihm auf einmal auch die Gegenwart in die uneinholbare Vergangenheit entflattert war. Der Gedanke an die so nahe, neben ihm sitzende Taube in der Hand war offensichtlich reizvoller, und weg war er, der Spatz, und putzte sich oben auf dem Dach fröhlich sein Gefieder.

«Es wurde dunkel. Unten endeten die Felsen, schräg abgleitend, in einer kleinen Bucht. Sie war jetzt dort hinuntergegangen und stand im Wasser. ‹Komm her, laß uns noch einmal schwimmen ...› Amadeo biß sich auf die Lippen und zählte die Seiten, die er bis zum Schluß noch zu lesen hatte.»*

Eigentlich fehlte nur noch der in Calvinos Palomar personalisierte Härtefall, jener «diskrete Zeitgenosse», der «weiß, daß Frauen in solchen Situationen, wenn ein Unbekannter daherkommt, sich häufig rasch etwas überwerfen», daß «aus halbrespektierten Konventionen mehr Unsicherheit und Inkohärenz im Verhalten als Freiheit und Zwanglosigkeit erwachsen», der seinen wiederholten Wandel-Gang über das immerselbe Stück Strand begründet: «Das dürfte genügen, um die einsame Sonnenbadende definitiv zu beruhigen und alle abwegige Schlußfolgerungen auszuräumen. Doch kaum naht er sich ihr von neuem, springt sie auf, wirft sich rasch etwas über, schnaubt und eilt mit verärgertem Achselzucken davon, als fliehe sie vor den lästigen Zudringlichkeiten eines Satyrs.» Und so quadratiert er sein ‹moralisches› Kreisen denn: «Das tote Gewicht einer Tradition übler Sitten verhindert die richtige Einschätzung noch der aufgeklärtesten Intentionen.»**

Dabei ist's ihm wohlergangen. Denn er vermochte sich vor der Brandung anlandender Aufwallung hinter dem Fels verbergen, dem ihm sein bißchen bürgerlich-aufgeklärte Erziehung hingestellt hatte. Gänzlich hilflos wäre er gewesen als jener in den Servennen. Als dieser hätte er die langen Philosophenwege am Ufer des Flüßchens erst gar nicht auf sich genommen, sondern hätte, seinem hugenottischen Gedankenfluß folgend, den Fels in dessen Einzelteilen protestierend genutzt und damit die ruchlose Nacktheit in die züchtige Bekleidetheit zurückgejagt. Die Gegenwart köchelte nach wie vor im Tiegel einer Vergangenheit, die selbst einer noch glimmenden Schlafzimmerglut den Hut der apodiktischen Dunkelheit aufsetzt. Unvorstellbar ist es für diesen ‹Traditionalisten›, daß es eine Gegenwart gibt, in der eine zweisame Nacktheit im grellen Bühnenlicht und noch dazu von einer Frau gesungen wird: «Pépère tellement pépère / Pas pressé d'arriver /Se laisser la riière / Gentiment déborder / Nager c'est magnifique / Même s'il y a qu'l'océan / Qui reste pacifique / Et pas pour très longtemps. // Reste sur moi / Que je respire avec toi /Reste sur moi / Que je respire avec joie.» (Ruhig, ganz ruhig / Es nicht eilig haben, anzukommen /Den Fluß ganz langsam / Übertreten lassen / Schwimmen, das ist herrlich /Auch wenn nur / Das Meer friedlich bleibt /Und das nicht für sehr lange Zeit. // Bleibe auf mir / Damit ich mit dir atme / Bleibe auf mir / Damit ich mit dir Freude atme.)*** Dies bedeutet ihm das Höllenfeuer Zukunft. Ihm ist die Vergangenheit immerwährende, gültige Gegenwart.

Palomar darf sich also glücklich schätzen, nicht in einer solchen festen Burg wohnen zu müssen. Palomar darf sich überall in seinen geistigen Umwandlungen ergehen — und auch inmitten der großen Stadt wieder in sein Fazit zurückgejagt werden. Da war er, von der idealen Aussichtsplattform eines Straßencafés aus, gerade dabei zu konstatieren, daß, «obwohl Angehöriger einer älteren Generation, für welche sich Nacktheit des weiblichen Busens mit der Vorstellung liebender Intimität verband, dennoch mit Beifall diesen Wandel der Sitten begrüßt, sei's weil sich darin eine aufgeschlossene Mentalität der Gesellschaft bekundet, sei's weil ihm persönlich ein solcher Anblick durchaus wohlgefällig erscheinen kann», daß es ihm also «gelingen möge, genau diese uneigennützige Ermunterung in seinem Blick auszudrücken». Die Hoffnung auf eine demgemäße Erwiderung für diese erbrachte ihm die wild um sich blickende Flucht des Objekts seines Urteils «vor den lästigen Zudringlichkeiten eines Satyrs» in ein nebenliegendes Ladenlokal. Vielleicht war die Ermunterung in seinem Blick falsch ausgelegt worden? Und sehr verwirrt erschien ihm Herr Palomar auch, als sich die Stimme eines Körpers, der seinen bewegungsreichen, lasziven Gang direkt im Stuhl neben ihm beendet hatte, auf sein Ohr zubewegte und ihm bedeutete, es sei wohl eine angenehme Tagesbeschäftigung, den Mädchen, den Frauen zuzuschauen.

Herr Palomar tat ihm nachgerade leid. Wie er seine Anordnungen auch reihte, sie schienen zu mißlingen. Dabei hätte er sich nur erinnern müssen. Er hatte sich in der Cafeteria eines Kaufhauses einen dieser Säfte aus der Auslage genommen, die vornehmlich der Gesundheit vorbehalten waren (und dennoch durchaus schmackhaft waren). Und als er den Kopf wieder gehoben hatte, stand sie auf einmal da. Da er sich der Gefahr bewußt war, wiederum als Satyr eingestuft zu werden, wandte er den Kopf rasch zur Seite, wobei sein Blick allerdings hineingerieht in eine ganze Ansammlung von Anmut und Schönheit. Da die drei Generationen jedoch ins Gespräch vertieft waren, ließ er seinen betörten Gedanken auf ihnen ruhen und faßte dann den Mut, sich wieder umzudrehen in der Hoffnung, die dunkelhäutige Schönheit könnte sich bereits an einen anderen Ort begeben haben. Doch schier verzweifelt stellte er fest, daß sie, wohl nach dem passenden Getränk suchend, noch immer vor der Kühlvitrine verharrte. In einem Anfall von Mut ruhte sein nachgerade verstörter Blick eine Weile auf ihr — den sie erwiderte. Nein, sie lief nicht weg. Sie bedeckte nicht ihren Busen (was derzeit auch nicht unbedingt notwendig gewesen wäre) oder ihr vollendet geschnittenes Gesicht. Sie schaute ihn an. Und als sie an dem Platz vorbeikam, an dem er sich niedergelassen hatte, erwiderte sie seinen Blick nicht nur nochmals, sie lächelte ihn gar an. Dabei stand in seinem Gesicht sicherlich nicht unbedingt jene uneigennützige Ermunterung, sondern vermutlich eher eine ratlose Hilflosigkeit, wie sie einen befällt, wenn man nicht Herr seiner Sinne ist.


*Italo Calvino: Abenteuer eines Lesers, in: Der verzauberte Garten, Berlin 1998, S. 48
**ders., Der nackte Busen, a. a. O., S. 9 f.
***Patricia Kaas, Je te dis vous, 1993

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählungen

 
Mi, 16.02.2011 |  link | (1864) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage


nnier   (16.02.11, 21:00)   (link)  
Ach, wie schön! Ich muss zugeben, dass ich hier nicht jedes Wort verstehe, und doch gefällt mir wie stets der Klang Ihrer Dichtung. Ganz besonders mag ich die Idee mit dem Spatzen. Und die Zitate haben Sie auch ganz wunderbar ausgesucht.


jean stubenzweig   (17.02.11, 08:52)   (link)  
Das Nichtverstehen
verstehe ich. Das ist schon sehr nach innen gerichtet und eingewoben in die Melancholie der beiden Erzählungen von Italo Calvino, von denen vor allem dieser alternde Herr Palomar mich ziemlich in die Entrückung schickte. Zweifelsohne wäre der auch weniger romantisch zu lesen, aber ich habe ihn interpretatorisch persönlich in Besitz genommen. Außerdem steht es wohl innerhalb der sentimentalen Reise auch zu vereinzelt da, oder sie ist für Außenstehende mittlerweile zu weit entfernt; eigentlich ist es davon nicht zu trennen (vielleicht hätte ich besser verlinkedingst, was ich aber auch irgendwie nicht wollte, denn ich bin ja immer noch so dümmlich-naiv zu glauben, daß dieser Blick nach hinten von selbst losgeht). Da also alles (s)eine Geschichte hat, geht sie mit der ersten los, vielleicht auch mit Fadila oder überhaupt mit den Sechshundertdreißig Seiten. Die kennen Sie ja (ein bißchen an Sie als meinen Reisebegleiter gedacht habe ich ohnehin, als ich das gestern hier reingesetzt habe).

Doch es gibt auch noch diesen anderen Calvino, um den es mir auch geht, diesen großartigen Schriftsteller, auf den im anhängenden Kommentar verwiesen ist.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 3225 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 30.10.2015, 03:53



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