Rückmeldung mit Erhellung

Ich war mal eben eine Weile weg, weg von alldem, das mir meine Lust an veröffentlichter Meinung verargte. Es waren nicht alleine die Trollos. Ich fühlte mich ausgebloggt. Das ist zwar immer noch der Fall, aber ich will wenigstens ein Lebeszeichen gegeben haben, nicht zuletzt, da es freundliche Anfragen nach meinem Status gab, quo oder nicht quo. Ich tu's mit dem leicht abgewandelten Fazit eines meiner Lehrer: Kultur ist die Gesamtheit der Lebensäußerungen eines Volkes.

Meine heute etwas späteres Frühstücksfernsehen führte mich zu ‹Westart›. Es wird womöglich am Moderator gelegen haben, der ansonsten wegen seiner schnoddrigen und zugleich fast liebesdienerischen Nähe zur Kohlenpottkultur nicht eben zu meinen Lieblingen zählt. Aber dieses Mal hielt er mich als zum Ost-West-Fernsehen zurückgekehrten Zuschauer frisch und am Bildschirm. So erheiterte es mich zunächst, wie er seinem Gesprächspartner zu recht dessen missionarische Rede abschneidend infragestellte, ob man mit Skateboardfahren in Nahost die Kriegsgedanken Jugendlicher verändern könnte. Seine Anmoderation zu einem Beitrag über die Kölner ‹Troerinnen› war geradezu köstlich theaterlustmachend, aber allem voran seine einführenden Worte zu dem neuen Film von Margrethe von Trotta über Hannah Arendt hätten mich um ein Haar motiviert, zu früher Stunde meine persönliche Frau Doktor Blaulicht anzurufen und sie zu bitten, die Sackkarre zu polstern und mich darauf ins Kino zu karren.

Allerdings könnte es auch ein wenig daran liegen, daß ich Frau von Trotta schätze und es sich bei Barbara Sukowa um eine Schauspielerin handelt, der ich nicht nur wegen ihrer Darstellerei, sondern auch wegen ihrer eigenständigen und aufrechten und gleichermaßen intellektuell bestimmten Lebensweise — die meines Erachtens Schönheit gebiert — nach wie vor fast ein wenig zu Füßen liege. Sie scheint mir die Idealbesetzung für diese wegen ihrer Auseinandersetzung mit Adolf Eichmann von der breiten Masse bis hinein in innere Zirkel abgelehnten, ja verteufelten Philosophin zu sein. Für mich paßt dieser Film auch zur gerade stattfindenden Debatte über alten und neuen Antisemitismus. Hannah Arendt wurde seinerzeit ebenfalls vorgeworfen, sie als Jüdin — Kulturjüdin würde ich sie heißen, war sie doch von religiösen Bestimmungen durch die Eltern frei — hätte ihr Volk verraten. Ja, ihr Volk. Als sei man durch das Hineingeborensein in eine Religion gleich Israelitin. Oder wie immer man das nennen mag.

Überhaupt mag ich als der quasi geborene Kritikaster, ohne zugehörige Nationalität, unter der Prämisse, Kultur kenne keine Grenzen, mal loben, und zwar die gesamte Ausgabe von Westart. Sogar mit einem Moderator könnte ich mich mittlerweile anfreunden.
 
Sa, 12.01.2013 |  link | (5541) | 19 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Vom Fensterbankerl zur Schlachtbank

Spricht mir gegenüber jemand von einer Bank, dann fällt mir zunächst der von mir überaus geschätzte, aus der Alpenrepublik stammende einstige Kollege Gustl Weishappel ein, der früher im Bayerischen Hörfunk fast immer allmorgendlich früh bereits um fünf zum ersten Mal aufs Thermometer auf seinem «Fensterbankerl» schaute, um die (Wetter-)Lage der deutschen Nation zu verkünden. Die nächste Gedankenstufe wäre das, von der aus ich in Ruhe und Frieden den Karpfen zuschauen kann, wie sie sich ihr Weihnachtsfett anfressen.


Eigentlich, womit ich zunächst beim gestrigen Thema wäre, denn ich habe abends, ich befehlige nicht nur eine Apfelcomputerarmada, sondern verfüge auch im Gegensatz zu den Nichtfernsehbesitzern über zwei Geräte, mit denen ich in die Ferne zu sehen sehen vermag. Gestern abend also habe ich es schon wieder getan, dieses Mal jedoch ohne für mein Dasein als Schlafbürger eine Trainingseinheit zu absolvieren. Um eine Bank ging es, angesichts derer alle Teichkarpfen dieser Welt noch soviel fressen könnten und doch nie so fett würden wie diese. Vermutet habe ich es ohnehin seit längerer Zeit, einiges gar gewußt, etwa daß die Finanzwirtschaft längst die Politiker regiert, die immer wieder einknicken, geht es darum, diesen üblen Raubfischen, ach was, die armen, ins menschliche Denken übertragenen Viecher, also diese der Welten Lauf beherrschenden Heuschrecken und wie sie sonst noch genannt werden, Einhalt zu gebieten. Immer wieder drohen sie nur, wie beispielsweise US-Präsident Obama nach der sogenannten Finanzkrise, sie belassen es dabei, vergleichsweise nach dem demokratischen Prinzip der Wahlbürger, man könne es ohnehin nicht ändern.

Längst hat vor allem diese eine Bank, und von diesem Ausmaß beziehungsweise dieser Tragweite war ich dann doch ein wenig arg überrascht, über die in meinem Blütensternengärtchen,
«dieser Fernsehanstalt gewordene Zen-Buddhismus mit den seltsamsten Überleitungen des Planeten, bei denen entweder Frauen in pailettenbestickten Körperstrümpfen grazile Bewegungen über wehenden Luftschlangen machen oder verwackelte Handkamerabilder von Straßenschildern und Toreinfahrten in Paris auf das kommende Feature über Lesbianismus in der Daladier-Ära oder die Yakmist-Dokumentation hindeuten»,
gestern abend berichete, ihr Personal sorgfältig vorbereitet in höchste Ämter plaziert. Auch die europäische Zentralbank wird, das scheint mir in dieser Dokumentation eindrucksvoll nachgewiesen worden zu sein, von einem Vertreter dieses Wall-Street-Monsters geleitet. Wer sich für die Hintergründe unseres Finanzwesens am Beispiel dieses monströsen Instituts des Geldhandels, das zweifelsohne als System im über alle Ufer getretenen kapitalischen System bezeichnet werden darf, das sich das besonders gerne in Deutschland gescholtene Griechenland untertan gemacht hat, der sollte sich diesen Film anschauen, solange er noch zur Verfügung steht:

Eine Bank lenkt die Welt.

Für diejenigen, die, das soll's noch geben, keinen Computer, aber ein Fernsehgerät besitzen: Wiederholt wird die Dokumentation am 19. September 2012. Fernsehen macht beileibe nicht dumm. Dumm bleiben diejenigen, die sich das nicht anschauen.
 
Mi, 05.09.2012 |  link | (3393) | 21 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Fernsehen zum Einschlafen

gibt es nicht nur, mir hilft es tatsächlich beim Entschlummern. Es muß allerdings monotones Gebrabbel sein, da fühle ich mich wie in meiner Kindheit, nach dem Essen auf dem Sofa, während nebenan geplaudert wurde. Das Gerät wird jeweils zur Selbstabschaltung programmiert. Heute nachmittag schaltete ich das Gerät ein, um via Nickerchen für den Status des Schlafbürgers zu trainieren. Es hat mich in meiner erwünschten Kondition nicht weitergebracht, denn auf meinem haßgeliebten und deshalb ganz oben gepflegten Blütensternengärtchen war gerade der Film angelaufen, den ich einst alleine deshalb auf Video aufgenommen hatte, weil ein in den Achtzigern des öfteren bei mir nächtigender, mittlerweile längst seliger Freund nicht einschlafen konnte, bevor er ihn erneut gesehen hatte. Ich kenne ihn also fast auswendig, zumal er entscheidende Stellen des Films einem Soffleur gleich und sehr zu meinem Mißfallen immer wieder vorsprach. Dennoch war an Schlaf nicht zu denken, er hielt mich wach, geradezu elektrisiert war ich mittendrin gar in aller Hektik gezwungen, die automatische Abschaltung wieder rückgängig zu machen. Und so sei einer der köstlichsten Sätze daraus wiedergegeben, vielleicht auch, weil ich dazu gestern und heute nebensätzlich beim Thema war: «Was der mit Shakespeare gemacht hat, das machen wir heute mit Polen.» (Konzentrationslager-Erhardt)
 
Di, 04.09.2012 |  link | (1854) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Dienstleister mit Hang

Eine gute Bekannte hatte ich, zu einer Zeit, da gab's noch keine virtuelle Gesichtserkennung via Zwischennetz, nach der wäre sie eine Freundin gewesen. Wir kannten uns von einem Stammtisch und debattierten unter dem Einfluß von Piccolo und einer Halben oder auch drei über Sozialismus und Voegelin und so; die Nouveau Philosophes, da wären Pascal Bruckner, André Glucksmann und Bernhard-Henri Lévy, waren außerhalb Frankreichs noch nicht auf die antimarxistischen Barrikaden gestiegen. Ihr sagten einige Menschen, heute würde man sie wohl Neider nennen, einen gewissen Hang zum sozialen Unten nach. Sie war gerade dabei, die jüngste Professorin der Bundesrepublik Deutschland zu werden und ließ sich gerne hofieren von Männern, die man in Bayern Tandler und teilweise unterschiedslos auch Sandler nannte und wohl auch noch nennt.

Da ich diesem Land vor längerer Zeit entflohen bin, weiß ich nicht, wie sich dort die Sprache entwickelt hat und sie möglicherweise mittlerweile alle in die Berufsgruppe der wohnsitzlosen Antiquitätenhändler emporgestiegen sind. Auf jeden Fall waren das allesamt patente Kerle, mit denen angenehm zu plaudern war und mit denen auch ich durchweg gerne zusammensaß. Manchmal kaufte ich ihnen etwas ab, zum Beispiel Tische und Stühle, die sich bis heute zwar noch in meinem Besitz befinden, also nach wie vor völlig intakt sind, aber durchweg die Räume anderer schmücken, weil der bürgerliche Thonet seit längerem schon keine Einheit mehr mit meinen Geschmacksvorstellungen bildet, ich aber zu denen gehöre, die seit je einfach nichts wegschmeißen können oder auch wollen. Einige von ihnen hatten nach dem achtzehnten oder dreiunddreißigsten Semester der Universität den Rücken gekehrt, weil die ihnen anscheinend nichts mehr beibringen konnte oder zu der Zeit etwa die Berufsaussichten für Sinologen ungünstig waren. Da Taxifahren oder das Ausliefern coffeinhaltiger Limonade nicht jedermanns Lösung war, trödelten sie eben, nicht unbedingt durchs Leben, aber ein bißchen schon.

Über welche Qualitäten die Herren darüber hinaus verfügten, etwa im Sinn oder der Sinnlichkeit meiner Bekannten, das blieb mir verborgen. Aber auf jeden Fall waren sie mir nahezu alle sympathisch. Das lag in erster Linie daran, daß sie in der Regel nicht ein solches Gewese um sich machten, obwohl sie nahezu durchweg über einen Bildungsgrad verfügten, den man heutzutage vermutlich nicht einmal per Dissertation erreicht, weil bereits das erste Semester, wenn nicht gar die letzten gymnasialen Jahre, an den Vorschulkindergarten mag ich gar nicht denken, derart zielgesteuert ist, daß gar keine Zeit bleibt, sich zu bilden. Sie hatten sich eben eingerichtet in ihrem Leben und lebten vom Handel, mit dem, was andere nicht mehr brauchten. Second hand war zu dieser Zeit noch kein Begriff für diejenigen, die zwar exquisit modisch sein wollten, aber das Geld dafür nicht hatten. Sie waren überwiegend ordentlich bestallt, legten jedoch keinerlei Wert auf Statussymbole und kamen, nenne ich's mal so, recht léger gewandet daher, was sowohl mit leicht als auch mit gewagt zu übersetzen wäre. Sie verfügten sicherlich nicht über Vermögen, die man heutzutage einem Banker zuschreibt.

Einer von ihnen, ein beinahe abgerissen daherkommender ehemaliger Leutnant der Bundeswehr, korrigierte mich einmal, als ich sorglos oder sprachlich vorwärtsgerichtet von einem Militär daherplapperte. Ein Militär, meinte er, sei nicht das, in dessen Zusammenhang ich den Begriff gebrauchte, also ein schlichter Soldat, sondern ein innerhalb der Hierarchie des militärischen Systems weiter oben angesiedelter Offizier eines Stabes. Heute nennt sich jeder sogenannte Schütze Arsch eines ebenso sogenannten Geldinstituts Banker, früher war das ein Bankangetellter, viele sprachen gar ehrfurchtsvoll vom Bankbeamten. Das muß daran liegen, daß der heutige, eine erweiternde Variante, Bankster seinen zwar althergebrachten, aber neuinterpretatorisch eltern-zielgesteuerten Weg des erstmal was Anständiges genommen hat, vermutlich in der Form des Erlernens des Wirtschaftschinesischen im Mutterleib mit dem Abschluß Bachelor.

Der wiederum hat einen leichten Hang nach oben. Das entnehme ich jedenfalls einer Sendung jener Anstalt, die wir einst Häßlicher Rundfunk nannten, woran sich nicht nur nichts geändert hat, sondern es gar sehr viel schlimmer geworden ist mit deren volksmundiger Einschaltquotenqualität und die gerne ständig von Wir (in) Hessen daherreden läßt. Sie zeigt mit dem Brustton des Stol(t)zes, in guten alten Zeiten so etwas wie der Nationaldichter der Stadt, un es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!, Bilder aus dem Frankfurter Banken-viertel, aus dem auch schonmal Okkupanten evakuiert werden nach dem Prinzip des einstigen Ministerpräsidenten mit der Dachlatte. Dort lassen sich besagte Bankangestellten für zwölf Euro pro Durchgang die Schuhe putzen, darunter wohl auch Dienstleister der unteren Etage, schließlich wird man dort gesehen, sogar das Fernsehen kommt vorbei. Bei einem Schuhputzer, von dem der Reporter meinte, er sei der bestangezogene überhaupt; um ein Haar hätte ich bestangezogenste geschrieben, wie keinstigstenfalls. Deutschlands! Derselben Meinung muß ich nicht unbedingt sein angesichts des Anblicks eines Operettengigolos, als der er wohl in den fünfziger Jahren in der Stadt angehimmelt worden wäre, als sie noch völlig äppelwoiselig in sich ruhte und allenfalls von einer Furt über den Main und noch nicht so sehr vom Anhängsel Bank gesprochen wurde, als noch die Fraa Rauscher aus de Klappergass regierte, die e Beul am Ei hatte. Überhaupt sei die Mainmetropole das Zentrum der Dienstleistung schlechthin. Da schwingt große Achtung vor solchen Leistungen mit. Ich frage mich allerdings, was er wohl gelernt haben mag. Sinologisches vermutlich eher nicht. Denn dann säße er wohl nicht, wie es in dem Bericht hieß, «untertänig» vor seinen Kunden, die geradezu herrschaftlich über ihm im «Eschenholzthron» residieren, sondern etwas weiter oben in einem dieser Geldbunker. So herausgeputzt, wie er sich präsentiert, hätte er als Dienstleister anzunehmenderweise keine Chance bei meiner ehemaligen guten Bekannten mit ihrem sozialen Hang nach unten. Dazu wäre er dann doch nicht léger gewandet genug. Aber solch ein Gockel ist vermutlich genau das richtige Ab-Bild einer Stadt, die es offenbar noch immer nicht überwunden hat, nicht Hauptstadt geworden zu sein, oder auch einer ständischen Geldgesellschaft, in der das Äußere als Nachweis für Seriosität gilt, und sei das Innere noch so hohl und/oder bestünde aus aufgeschäumter Latte, dem Nationalgetränk derer, die's neuerdings mit der gehobenen Dienstleistung haben.
 
Sa, 25.08.2012 |  link | (1274) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Cabaret, Cabaret

Oft genug ärgere ich mich über Wiederholungen im Fernsehen. Vor allem, wenn es zu wiederholten Neuaustrahlungen kommt, deren Inhalte längst von neueren Erkenntnissen eingeholt worden sind und man sich nie auch nur ein wenig Mühe macht, darauf hinzuweisen. Manch einer, der nicht über den entsprechenden Informationsstand verfügt, wird so in die Irre geführt. Ich bin ohnehin der Meinung, die öffentlich-rechtlichen Multiplikatoren oder auch Erzeuger der Langeweile hätten sich zusätzliche Kanäle nur geschaffen, um all das in einer Art Endlosschleife zu senden, um dort Kosten für ihren Bildungsauftrag zu reduzieren, um anderswo fetten Gänsen die Ärsche zu schmieren. Fußball wäre solch ein erheblicher Kostenfaktor. Als Alternative zu dem hat die Kopfschüttlerin denn auch ein, ohne Zweifel völlig sachliches, Fragezeichen gesetzt. So stand es für mich außer Frage, was wichtiger sein könnte, dieses unsägliche Ballgeschiebe oder die sich allein durch das Stichwort Kabarett ankündigenden filigranen Kurzpässe. Es war eine Wiederholung, genauer: eine fein abgestimmte Zusammenstellung von Wiederholungen aus bis in die frühen Sechziger reichender Kleinkunst.
Für sein Projekt Freßtheater hätte der Kabarettist Helmut Ruge 1977 gern 8.000 Mark aus dem Steuersäckel gehabt. Dem Münchner Stadtrat war dies ein suspektes Anliegen, ein plebejisches zudem. In der Verbindung von Völlerei und Kunst vermochten die Stadtväter und -mütter nichts Förderungswürdiges zu entdecken! Ein kategorisches Nein fegte diesen allerdings kulturhistorisch bedeutsamen Vorschlag vom Tisch.

Essen, Trinken und Theater unter einem Dach war nämlich bereits vor der Jahrhundertwende das Rezept für ein Unterhaltungsmenü, das unter dem Begriff Kleinkunst populär wurde. Chat noir nannte Monsieur Rudolphe Salis sein am 18. November 1881 auf dem Pariser Montmartre eröffnetes Cabaret, seine Kleinkunstbühne. Cabarets hießen die kleinen Wirtshäuser, in denen die Gäste ihre Speisen in bunter Reihenfolge auf sogenannten Fächerschüsseln serviert bekamen. Während man in der Wirtsstube aß und trank, agierten auf der Bühne Akteure aller Gattungen der Kleinkunst: Karikaturisten, Schnelldichter, Grotesktänzer, Klavierakrobaten, Bänkelsänger, Magiere und Rezitatoren. [...]
Minnesang und Tingeltang

Unter dem Begriff Variété firmiert in Frankreich das gesamte Schlagertralala.
Und selbst für mich als langjährigem Beobachter der sogenannten kleinen Kunst waren es teilweise Erstauffühungen. Aber die Dokumentation aus dem Jahr 2010 an sich war neu für mich. Man sollte sich nicht übermäßig festlegen. Ein Lob der Wiederholung also.

Allerdings gleich wieder Wasser in den Wein, ein Tröpfchen zumindest, ein Widerwörtchen. Was ist das für eine Pressearbeit?! Nur andeutungsweise ist in der Ankündigung darüber zu lesen, um welches Format es sich dabei handeln könnte. Eine Aufreihung von Namen, abschließend ein Zitatchen von Dieter Hildebrandt, vermutlich als Zugpferd. Dann noch: «Länge: 89 Minuten.» Ende. Hat man mittlerweile sogar im Kulturkanal 3sat Angst vor der eigenen Wirkkraft? Will man dem «mündigen Bürger» letzlich nicht zumuten, mehr als vier Zeilen zu lesen? Befürchten die Pressearbeiter des Themas — Praktikanten U 25 allesamt? Viel zu sehr mit Fußball beschäftigt? Da kuckt ohnehin niemand rein? —, ein Fitzelchen mehr an Information könnte abschreckend wirken?

Der Dokumentarfilm von Josef Rödl zeigte nämlich eine ganz andere als zu vermutende Richtung, also keine Ansammlung immerfort wiederholter Wiederholungen wie etwa die eintausend-dreihundertdreiundneunzigste Andacht an den großen Comedian, den Komödianten Dieter Krebs. Auch gab es keine Reihung wie beispielsweise die hinlänglich bekannten Nummern aus der Lach- und Schießgesellschaft oder Wolfgang Neuss. Den wie immer leisen Rödl beschäftigten im Vordergrund die Fragen: Existiert(e) eine Zensur? Was kann Kabarett bewirken?

So schnitt er beispielsweise in seine Dokumentation mehrfach Szenen von Siegfried Zimmerschied ein, die meines Wissens im Fernsehen — das dieser Passauer Teufel lange mied wie das Weihwasser — nie gezeigt wurden, darunter aus seinen Programmen, die er Ende der siebziger und dann in den achtziger Jahren in seinen Stammhäusern, in Münchens Fraunhofer, der Drehleier sowie im Scharfrichterhaus von Passau darbot, wo die Oberzensoren Kirche und Stadtrat und sonstiges Volk für heutige Verhältnisse unvorstellbar grausam wirkten. Er bewahrte denen gegenüber nicht nur Haltung, er blieb seiner Überzeugung treu, innerhalb der Region, also letztlich im einzelnen etwas gegen diese Übermacht bewirken zu wollen. Wie heute ist mir sein Mia druckn ois, nur des, des druck ma ned in Erinnerung, womit er einen Druckereibesitzer nachstellte, der die Vervielfältigung solch «linken» Dreckszeugs ablehnte, das zum Aufruhr gegen den niederbayerischen Kirchen- und gleichermaßen Kleinstaat aufforderte.

Zimmerschied war es auch, der die markante Erkenntnis prägte: «Die Satire ist nicht in der Lage, die Realität einzuholen.» Und letztere war hart zur Zeit von Der Kandidat. Der Bayerische Rundfunk als Wahrer des Edlen, Guten und Schönen wollte seinen Zuschauern nicht nur den hildebrandtschen Scheibenwischer nicht zumuten. Jochen Busse, Henning Venske und andere erzählten von kleinen Sendern, deren Namen hier nichts zur Sache täten, in denen man ihnen bedeutete, bestimmte Namen nicht zu nennen, da ansonsten Verträge nicht verlängert werden könnten et cetera. Urban Priol machte, mit einem zufriedenen Lächeln und auch sichtlich mit ein wenig Stolz, darauf aufmerksam, es sei durchaus erhebend, nach siebenundzwanzig Jahren ohne (politisches) Kabarett im ZDF mit dem 2007 erstmals gesendeten Neues aus der Anstalt die Kleinkunst auf die dortige Bühne zurückgebracht haben zu dürfen. Auch die DDR geriet nicht in randgelegene Vergessenheit. Ernst Röhl und Peter Sodann berichteten, belegt von juristischen oder auch sicherheitsministeriellen Begleitschreiben, von den gegen sie ergangenen Urteilen von einem Jahr beziehungsweise zwanzigmonatiger Haft wegen Staatszersetzung. Dabei sei es, so Sodann, ihnen um den Erhalt des Sozialismus gegangen, habe die kabarettistische Kritik lediglich mit zu dessen Verbesserungen beitragen wollen.

Was die kleine Kunst gegen die große Politik ausrichten könne, erwies sich als zweite zentrale Frage. Viele der von Rödl Befragten äußerten sich eher resignierend. Der bedachte Ottfried Fischer, ich sah ihn in den Neunzigern, aber auch weitere sahen sich zudem erdrückt vom aktuellen medialen Überangebot, einer Reizüberflutung wie etwa durch die sogenannten Comedians, das die Wirkung des Brettls eliminiere, das abstumpfe. Luise, die (Kin)Seherin, zeigte sich überzeugt vom Theater. Ihr nachdenkliches Wort ging einher mit der finalen Stimmung von Dieter Hildebrandt, wenn sie, die Kabarettisten, den Zuschauern und -hörern nur ein wenig auf den Nachhauseweg mitgeben könnten, dann hätten sie ihre Aufgabe bereits erfüllt. Es fiel, ich erinnere mich nicht mehr genau, von wem es kam, es klingt nach Henning Venske, der alte Spruch der Achtundsechziger, der APO, der Außerparlamentarischen Opposition: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.

Kabarett, Kabarett — ein großes Kleinkunststück gesamtdeutscher (Bühnen-)Geschichte. Wat ham wer jelacht bei de Beerdijung. De Kinner wollten in Sarch rin.
 
So, 17.06.2012 |  link | (1629) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Die arme Kichererbse und der Lifestyle

Ich bin einer, der recht gerne in die Ferne sieht, aber nicht im Sinne etwa eines Gernsehabend, wie der RBB vor einigen Jahren sein tatsächlich auf die Verblödsinnigung hin zielendes Schlachtwort proklamierte. Unterhaltung ist nicht unbedingt mein Begehr, Filme schaue ich selten, allenfalls solche, in denen weniger Aktion betrieben als überwiegend, wie das heute heißt, dialogisiert wird. Serien oder so etwas wie Harald Schmitt oder die schwach köchelnden Auftritte von in der Küche mit Gummihandschuhen agierenden sogenannten Prominenten interessieren mich nicht, nein, sie langweilen mich bis zum Abschalten. Ich bin jemand, der möglichst umfang- und inhaltsreiche Informationssendungen wie Reportagen und Dokumentationen et cetera bevorzugt. arte, trotz aller Kritik an der verzweifelten, popularisierenden Suche nach der Einschaltquote im Haufen der Massenfernseher und sonstigen Danebengriffen, ist nach wie vor mein Erstes. Von dort gingen die Themenabende aus, die mittlerweile viele nachmachen, wogegen meinerseits nichts einzuwenden ist, weil sie oftmals in eine Tiefe gelangen, die ein Morgenmagazin, eine Tagesschau oder andere Regularien der Informationsvermittlung nicht leisten können oder wollen. Ich halte also das Gerede vom verblödenden Fernsehen für dümmliches Geschwafel vor allem derjenigen, die den ganzen Tag vor ihren EiPads hängen und Infos oder Apps saugen und damit meinen, Avantgarde zu sein. Auch hierbei hat, logischerweise, meine Verteidigung des Erkennens und Unterscheidens Gültigkeit.

Beim genauen Hinschauen habe ich das früher als langweilig verschrieene Zweite entdeckt. Möglicherweise habe ich schlicht das dafür erforderliche Alter erreicht. Dabei mag ich das Frische, häufig von jungen Menschen gemachte Fernsehen. Und richtig, wiederholt stellte ich fest, wie abwechslungsreich und informativ von Mainz aus gesendet wird, unter anderem via zdf-info. Sie nennen sich, wohl auf der Suche nach der im Internet verborgenen Klientel, leicht überkandidelt «interaktives Fernsehen», weil die Zuschauer mit daran beteiligt sein sollen, welche Beiträge wiederholt werden. Und die sind anscheinand doch nicht so verblödet, wie es mir aus dem Zwischennetz ständig entgegenhallt. Denn die Qualität der neuerlich angeforderten Sendungen ist beachtlich. Und ganz nebenbei werde ich eines besseren belehrt. Sicherlich zwei Jahrzehnte lang bin ich mit dem ahnenden Halbwissen hausieren gegangen, Bill Gates habe zu nahezu jugendlichen Zeiten Steve Jobs in der Garage beklaut, seit gestern weiß ich es dank zdf-info besser. Es geschah erst zu Zeiten, als der Entwickler der harten Ware an seinem Mac II gearbeitet hat und der Programmierer der weichen Ware ersterem die seine anbot. Während dieser Zusammenarbeit hat er das Betriebssystem abgekupfert und mit seinem Fenster in alle Welt die Apfelfirma so gut wie pleite gemacht.

Der obere Teil meines in den Neunzigern erstandenen, in Ruhe vergilbten EiMäckAntiGatesPads.

Nun will ich hier keineswegs die Schlacht um das Für und Wider erneut ingang bringen. Mir ist das ohnehin wurscht, zumal ich alles andere als einer dieser Verwirrten bin, die auf eine bestimmte Marke schwören und sich dafür an Ladentüren ketten. Ein Werkzeug ist es für mich wie früher meine gute kugelköpfige Schreibmaschine, nichts anderes, allenfalls etwas, das mehr kann, gleichwohl eines, mit dem ich trotz mittlerweile teilweise durchaus auch unangenehmen Erfahrungen weiterarbeiten würde, da die guten überwiegen. Es ist lediglich ein Beispiel dafür, was das Fernsehen, hier zdf-info, über Seifenopern und unterschlagene Fakten hinaus an Informationen bietet, also ein Nebenprodukt meiner Mitteilungssucht. Frau Braggelmann hat mir nämlich vorhin neben einigen Schokoladeneiern ein Apfel-feuerzeug mitgebracht und mich nahezu immer über den Dingen Stehenden dabei ertappt, daß ich mich wie ein kleiner Junge darüber gefreut habe. Denn eigentlich wollte ich eine völlig andere Kulturkritik um den weltweiten Webeglobus senden. Aber der Anlaß stammt auch aus diesem Mitmach-Zweiten.

Denn eigentlich geht's um Falafel unter Lifestyle. Da gab's nämlich einen halbstündigen Beitrag. Anregend war er gestaltet, angefangen von der schlichten Bude, in der man gewohnheitsgemäß Döner vermuten würde. Zugange waren jedoch zwei von der Fleischlosigkeit angehauchte Jungdesignerinnen (gibt es eigentlich noch einen anderen Studiengang, so irgendwas mit Medien?), wogegen nichts einzuwenden wäre, stünde da mittlerweile nicht immer so ein Hauch Doktrinäres davor oder dazwischen, so etwas ersatzreligionsgleiches wie Vegan und Ismus. Da mag ja zu recht darüber debattiert werden, ich stelle mich dem nicht entgegen, wenn ich auch ohnehin das Milchkalb verzehre, das von der Bäurin persönlich zur Brust und mit in die Heia genommen wird. Vor allem aber stößt mir dabei eines auf: Drei junge Menschen überkommt die Idee, die von mir als Dönerbude empfundene Falafelbutze nicht nur umzugestalten, sondern prospektiv gleich eine Ladenkette daraus zu erfinden. Geschickt oder auch gekonnt wird ein Intermezzo hineingehäkelt, das die Geschichte der Kichererbse als «Nahrungsmittel der Armen» skizziert und nebenbei darauf hinweist, daß sie schon aus Gründen ihrer protein- und hormonhaltigen Inhaltsstoffe geeignet wäre, den irrsinnigen Fleischkonsum der und in Massen zu reduzieren oder gar zu ersetzen. Aber alles lief letzten Endes darauf hinaus, die existierende soziale Marktwirtschaft etwa nach Verständnis der FDP oder deren grüne Nachfolger als solche nicht zu erschüttern.

Recht unterhaltsam war das inszeniert. Viele Informationen waren beinahe schillernd hineingepackt: Die Wahrheit ist nur mit List zu verbreiten, hier eben die, daß es ein Ende haben muß mit dem täglichen Kilo Gammelfleisch oder Siech- statt Suppenhuhn auf dem Teller. Nun ist es zweifelsohne erforderlich, eine Idee zu propagieren. Aber warum muß dann in dieses Schau-Spiel gleich eine Werbeagentur eingebaut werden, das Ganze unter «und sei es als Lifestyle» angepriesen werden? Kann das nur unter der Prämisse des Vermarktens von Markenzeichen gedeihen? Reicht es nicht aus, es hier im besten Sinn des Wortes als Mundpropaganda in Umlauf zu bringen, meinetwegen über sogenannte soziale Netzwerke. Ich empfinde es als erschreckend, daß die Jungvölker der industrialisierten Länder es nur noch über die Wege der Konsummechanismen gebacken bekommen, Ideen unter die Leute zu bringen. Geht es denn nur noch via Espresso mit aufgeschäumter Milch an EiPad in Kreuzberg? In den Zwischenspielchen wurde wie nebenbei und in einem Satz erwähnt: Die Kichererbse dann wird teurer werden. Weshalb wird in der Dramaturgie eine solche Konsequenz nicht mehr herausgearbeitet? Denn bei einer solchen anvisierten Strategie werden sich die Monsantos oder wie auch immer sie heißen mögen schneller als die Politik erlaubt oder den Vorgang heimlich befördert eine neue Züchtung patentieren lassen und die Broker neue Aktien befeuern, auf daß die weit hinauf zu den Gipfeln ihrer Wolkenkratzer steigen. Aber wahrscheinlich sind das alles Kunden des Zweiten. Ich weiß es nicht, denn ich fernsehe nicht in Programme, die Werbung zeigen.
 
So, 01.04.2012 |  link | (2420) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Am Anfang war das Bild.

Dann kamen welche, die genauer hinzuschauen in der Lage waren und deshalb etwas dazu schrieben, wenn auch einseitig oder eindimensional, wie dieser Marcuse (es gibt noch einen anderen) das nannte. Auf jeden Fall blieb für die Nurkucker die biblia pauperum, die heute Armenflachbild(schirm) heißt. Ein gewisser Luther, den sie vorgestern einmal mehr einer Renaissance zu unterziehen versuchten, vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil das Protestantische dem Wirtschaftswachstum eher in die Schuhe des Fortschritts hilft als die südländisch-katholische oder gar jüdische Völlerei, hatte etwas gegen letztgenannte. Einen gewissen Gutenberg hatte er unterm Arm, mittels dessen Erfindung er seine Thesen nicht mehr nur an die Kirchentür, sondern den Leutchen vor den Kopf nageln konnte. Da die das meiste nicht verstanden, weil Chinesisch im Mutterleib noch nicht erfunden war, hat er gleich die erste vereinfachende Schreib(re)form mit vorgelegt, hat sogenannte Sprachbilder gemalt. Das sind aus der Umgangssprache übernommene, auf einen Einfachstnenner gebrachte Wörter oder ganze Sätze, gleichwohl solche ohne grammatikalischen beziehungsweise syntaktischen Ballast, heutzutage bekannt unter dem neudeutschen Begriff Cartoon oder auch, in der anspruchsvolleren Form, das Buch zum Film.

Entscheidend weiterentwickelt — ich will hier nicht das Paradies zerstören, indem ich bei Adam und Eva anfange und bei Tele(mord)visionen wie denen von Kain und Abel ende — hat sich das alles vermutlich über eine künstliche Sprache namens Esperanto, die allerdings unter dem Namen Internet außerordentlich mißverständlich weitergeführt wurde. Das Esperanto wollte nämlich eigene, ursächliche, eigenartige oder -tümliche Sprachen nicht ersetzen, die sollten bestehen bleiben. In der aktuellen oder auch akuten Variante oder Auslegung gibt es nur noch einen Kladderadatsch (neudeutsch mixed media, wie der Mix im Wetterbericht), in dem sich kaum noch jemand zurechtfindet, wohl nicht zuletzt deshalb, weil das als Modezwang hinzugekommene Multitasking kaum noch Konzentration zuläßt. Der hinkende Bote als quasi behinderter, also logischer- oder naheliegenderweise nachdenklicherer Mensch ist darüber gestolpert, hat es The TV-Immigrant betitelt und die Frage gestellt: «... ob es am Medium oder an dem Herumhektiken (Ist ja alles so schön bunt hier!) mancher Leute liegt, dass sie längere Texte nicht lesen oder nicht verstehen wollen.»

«Wer Medien nicht in der Weise nützt, die ihnen adäquat sind, die Stärken und Schwächen nicht reflektiert [...]», schreibt G., der wird, in meinen Worten, auch Adam und Eva nicht verstehen. Dabei wäre so manches geradezu begreifbar, also nach einem haptischen Prinzip auch das unterhaltende von Gianni Celati verstehbar; dieser Schiller, ein Deutscher eignet sich ohnehin eher zur Tiefgründelei, hat mal gemeint, die Wahrheit sei nur mit List zu verbreiten. Mich hat beispielsweise das Fernsehen vorgestern, während im Land der Kirchenaustreter die Protestsender schier endlos das hineinpredigten, was von der seinerzeitigen geistigen, vielleicht besser geistlichen Revolution übriggeblieben ist, zur Urform der geschriebenen Sprache zurückgeführt, mit der alles den Anfang über den Haufen warf: dem gedruckten Buch. Mein Blütensternengärtchen beschäftigte mich nicht nur mit einem Thema, das mich schon seit langer Zeit beschäftigt und auf dessen Zusammenhänge ich auch hier immer wieder mal hingewiesen habe, nämlich daß zumindest der europäische Konsumrausch nicht etwa aus dem wilden Westen kommt, sein geistiges Zentrum in der Ethik des protestantischen Schaffenswillens hat. Das ist nämlich ein ebenso weitverbreiteter Irrtum wie der, daß die feine Küche aus Frankreich kommt (nun gut, auch hierbei soll es sich, die Historiker sind unerbittlich gegenüber meinen lange gepflegten [Vor-]Urteilen, um ein Anekdötchen handeln, das die Gerüchteküche lange am Köcheln hielt). Ein am Smith College in Massachussetts lehrender Soziologe mit dem phantastischen Namem Rick Fantasia bestätigte zur Jahrtausendwende meine langjährige Beobachtung des französischen Supermarché, die ich hier vor gut drei Jahren unter USA in unseren Köpfen zusammengefaßt habe.

Die Entstehung des Kaufhauses stand auf dem Programm, erzählt wurde vom Bon Marché, im Jahr 1838 eröffnet und 1848 von Aristide Boucicaut übernommen und ausgebaut, der erste Konsumtempel, der seine Pforten einer neuen Pariser Bourgeoisie öffnete, dessen Idee von den US-Amerikanern übernommen und später als deren Erfindung gedacht wurde. Es war ungemein unterhaltsam aufbereitetes Wissen, das die auf der linken Seite des Rheins aufbereitet haben. Nur zu gerne empfehle ich diese Dokumentation, die wiederholt wird.

Mich hat's im Anschluß daran direkt zum Bücherregal getrieben. Darin stand nämlich Au Bonheur des Dames von Émile Zola, das ich vor Jahrzehnten bereits einmal gelesen habe, es allerdings für vernachlässigbar hielt, da ich Liebesgeschichten außer meinen eigenen oder den hochdramatischen anderer nicht sonderlich zugeneigt bin und vermutlich, weil meine Studien zum französischen Konsumrauschhaus seinerzeit noch längst nicht ingang gekommen waren. Doch nachdem innerhalb der Sendung daraus einige Male zitiert wurde, lese ich es aus einer völlig neuen Perspektive. «Wer Medien nicht in der Weise nützt, die ihnen adäquat sind, die Stärken und Schwächen nicht reflektiert ...»

Das Ganze stellt die erneut die Frage nach Liebe und Ästhetik. Folge ich Zola, dessen Zeit aus der heutigen beleuchtend, ist auch die eine reine Männerkonstruktion, die die (von ihnen geschaffene?) offensichtliche Schwäche der Frauen obendrein schamlos ausnutzt. Aber darüber muß ich erstmal mittagsschlafen.

Die obige Abbildung zeigt den Boulevard Haussmann nach seiner Vollendung. Von dieser Lithographie aus meinem Kunstkeller (andere nennen das Depot oder Fundus, in dem alles in der Finsternis der Vergessenheit verschwindet, bis die Braggelmann kommt) habe ich eine etwas größere Ansicht beim Stubenzweig der bunten Bildchen eingestellt.

 
Di, 01.11.2011 |  link | (1924) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Nicht Ado-, sondern Oboleszenz

lautet der kryptische, genauer lateinische Begriff für einen alles andere als jugendlichen Scherz, auf den unter anderem in meinem Blütensternengärtchen mal hingewiesen wurde. Das könnte auf jenen Publikumsanteil zielen, der sich zumindest in den Wunschvorstellungen von Strasbourg tummeln dürfte, verdeutlicht vielleicht über das eigenwerberische, zwischenreingespielte Filmchen, in dem frische, weiß gewandete, mich an eine wahrhaft komische Szene der Schweizermacher erinnernd, mit dem italienischen Kommunisten Francesco Grimolli alias Claudio Caramaschi, der so gerne schweizerisch-germanisch blond gewesen wäre wie die weichgezeichneten hochklassigen Heroen samt Gespielinnen zu Pferde, ungefähr so, vielleicht etwas blonder, wenn auch nicht ganz so arg teutonica, in dem junge Menschen, vermutlich allesamt mit Abitur versehen beziehungsweise mindestens mit einem Bachelor ausgezeichnet, wenn hier auch ohne «realitätsferne» Weichzeichnung, das Bild von Wald und Flur durchhüpfen oder -laufen, als ob Clementine samt männlichen Partnern einer Verjüngungskur unterzogen worden wären (und vielleicht von den Verbänden der plastischen Chirurgie schleichend beworben wird?), die bei mir immerzu die Assoziation fröhlicher, vorwärtsstrebender Spermien hervorruft.

Ein hervorragendes Beispiel für diese auch mich gefangennehmende Programmatik ist das Magazin Global. Ich muß wohl vor mir selbst eingestehen, daß ich die Sendung vermutlich alleine wegen der entzückenden Emilie Aubry einschalte. Bei ihr, mit ihrem pariserischen Charme erlebe ich die Welt nachts um halb eins nicht wie die, die in Deutschland morgens um sieben gerade noch in Dortmund ist, sondern mit ihr schwebe ich in den lieux saints, den heiligen Orten des immer kritisch betrachteten Konsumrauschs. Es ist zwar schon eine Weile her, daß das geäußert habe, aber wie nicht anders zu erwarten war, hat sich daran nichts geändert, im Gegenteil, die fairen Ritter und Jungfern des Kaufrauschs haben sich vermehrt, nicht nur virtuell, also unter Nutzung sämtlicher EiPossibilities. Aber in dieser Glaubensgemeinschaft ruht mein Gewissen nunmal sanft in beinahe okzitanischer Liebeslyrik. Ach Emilie. Einfach wunderschön.

Halt, ich muß meinen wonnehaften, am Thema vorbeifliegenden Schwebflügen durch die schöne Bourgoisie (da kann diese eine, das muß ich noch loswerden, die sie so gerne abbildlich repräsentieren würde, wahrlich nicht mithalten) Einhalt gebieten, es geht schließlich nicht um Ado-, sondern Oboleszenz. Sollbruchstelle hatte ich das vermutlich hier zum ersten Mal genannt, was selbstverständlich nicht korrekt war, hat die doch eine andere Funktion als die von mir erwähnte, in der es um das vermutete ganovenhafte Treiben der Elektroindustrie ging, nämlich die, wie mir einmal mehr Wikipedia erklärt: «Eine Sollbruchstelle ist ein durch konstruktive oder mechanische bzw. physikalische Maßnahmen oder Auslegungen vorgesehenes Konstruktionselement. Im Schadens- oder Überlastfall wird dieses Element gezielt und vorhersagbar versagen, um hierdurch den möglichen Schaden in einem Gesamtsystem klein zu halten oder eine besondere Funktion zu erreichen.» Schwachstellen muß es richtig heißen, genauer: um eine von der Ganovenindustrie «geplante Produktionsstrategie». Auch hier Wikipedia: «Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden. Der Kunde will oder muss es ersetzen.» Das war bei meinem EiMäck G5 der Fall. Seit gestern bin ich sicher. Im Magazin Kontrovers des Bayerischen Fernsehens wurde unter anderem darauf hingewiesen, daß besonders in diesem elektronischen Apfel ein Wurm sein Unwesen treibt (Da ist der Wurm drin war der Titel einer Sendereihe im BR der früheren Hörfunkjahre, in denen noch nicht jeder beliebig glotzte, sondern öfter mal hinhörte). Auf gezielt schlechte, dadurch zur Schadhaftigkeit neigende Lötstellen war beispielsweise hingewiesen worden, ein ziemlich wütender Mensch (namens Hartmut ..., den ich leider nicht finde), der im Internet Reparaturtips geben soll, nannte gar einen Kondensator, dessen verbesserte Qualität lediglich ein paar Cent koste, aber vom Apfelzüchter, in meinen Worten, gemieden werde wie die Pest der Langlebigkeit eines Produkts.

Als ob ich's geahnt hätte. Ich glaube, ich fange lieber an zu glauben, schaffe diesen ganzen Elektroschrott komplett ab, greife wieder zur Füllfeder und kleckse in die papierne Kladde. Ein nicht mehr gartelnder und deshalb auch nicht mit dem seit ein paar Tagen wieder unheilvoll durch die Medien geisternden, alles vernichtendem Gebräu namens Glyphosat handwerken müssender Stubenhocker hat schließlich Zeit, dem Unkraut (es gebe keine Unkosten, rief mein Steuerberater so lange aus, bis auch ich's begriffen hatte und meine Kostenbelege fortan nur noch Kraut nannte) von oben beim wachsen zuzuschauen.

Ich gehe besser Mittagsheia machen, sonst fällt mir noch ein Unheil ein.
 
Do, 20.10.2011 |  link | (1345) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Tiefes Radio aus flachem Fernseher

Vor einiger Zeit hatte ich davon erzählt, daß ich in meiner Nordbürodependance fernsehtechnisch digitalisiert wurde. Die Besitzer der Revolutionskate, die zu berufsgeschäftigen Zeiten jede Verbindung zu Kommunikationsmitteln ablehnten, die über das morgendliche chansonette Morgengedudel von Madame Lucette oder die für deren Gatten bestimmten Weinbörsenkurse hinausgingen, verweigerten mit der Begründung der Überflüssigkeit jede technische Neuerung, die über die Vermieterpflicht hinausging. Dann klingelte es eines Tages an unserer Bürotür, ein Fernsehtechnikus begehrte Einlaß, um das zu prüfen, um das ich in den Anfängen meines Mieterdaseins eine Zeitlang vergebens gebeten hatte: beispielsweise die Möglichkeit des Empfangs solcher exotischen TV-Stationen wie das der francophonen Gemeinde. Das ist für mich fast dasselbe wie für andere MTV.

Man hatte den Betrieb an den Sohn übergeben und offenbar mit einem Mal Zeit im Überfluß. Nach der Eindeckung sämtlicher zum Grundstück gehörenden Dächer mit Sonnenkollektoren war jene Technik dran, die unter anderem auch einen Blick erlaubte in diesen selbst vielen Franzosen unbekannten, tief ins Belgische hineinragenden ardennischen Zipfel der Grande Nation, aus dem Madame stammt. Wir konnten also fortan in die digitale Ferne blicken, und seitdem weiß ich annähernd, wie riesig der internationale Fernsehmüllhaufen ist und wie sehr man darin nach der perlenbekopften Stecknadel hoher Qualität suchen beziehungsweise daß man dafür gesondert bezahlen muß. In Erfahrung gebracht habe ich auch, weshalb deutsch-öffentlich-rechtlich eine so außerordentliche Kanalvielfalt geschaffen wurde: Es lassen sich so sehr viel besser rund um die Uhr Wiederholungen ausstrahlen, womöglich in der Annahme, der Gebührenzahler merke wegen dieser vorgetäuschten Vielfalt nicht, daß es bis auf Seifenopern und Breitenmassenmord mit Bällen keinerlei Neuproduktionen mehr gibt — mittlerweile nudeln sie sogar alle erdenklichen, allzu heftigem intellektuellen Tiefgang halbwegs unverdächtigen Arte-Reportagen nächtens durch die Dritten, und auch das Tabu, über die Regionalen keine Werbung auszustrahlen, wird bald so zerbröselt sein wie die Berliner Mauer für Touristen aus dem Sauerland oder Vermont.

Aber ach, darüber wollte ich doch gar nicht schon wieder motzen, so gerne ich das ansonsten grundsätzlich auch tue; das war mir vermutlich ohnehin Antrieb, mich vor etwa vierzig Jahren für gut ein Jahrzehnt im kulturellen Journalismus zu betätigen; so kann man beispielsweise Kritiker werden oder sich so nennen. Dem vielzitierten Positiven wollte ich mich widmen, allem voran dem des Radios, in dessen Umgebung ich mich überwiegend betätigte. Und das habe ich zufällig wiederentdeckt beim Fernsehen, genauer im Fernseher, meiner nach wie vor wunderschönen und wie ein alter Apfel bedienerfreundlichen, über zehn Jahre alten Loewe-Xelos-Bildbratröhre. Mülltrennung betreiben wollte ich, diese ganzen Dreckssender aussortieren, um sie wegzuschmeißen. Während der Suche in der Sortiermaschine nach dem Wegwerfprogramm stieß ich auf ein Symbol mit Kopfhörern, klickte darauf und landete im heute so genannten Audiobereich. Auch hier eine außerordentlich große Anzahl Wegzuwerfendem, beispielsweise den Sender für die auf Ballermann angesiedelten Deutschen oder Kanäle wie Notre Dame sowie Gloria, Horeb et cetera, aber insgesamt doch mehr Solitaire als im TV-Bereich: in allen erdenklichen Sprachen und meist auch aus dem Ausland noch kostenfrei.

Vor allem aber erfahre ich eines, von dem ich zwar schon immer überzeugt war, das ich jedoch immer nur dann bestätigt bekam, wenn ich mich in den Regionen aufhielt, in denen die jeweiligen Sender vor sich hinstrahlten: der Rundfunk schlägt das Fernsehen qualitativ um Längen. Unprofessionell assoziiert könnte das als Gleichnis für die Ausschüttung des Glückshormons im Gehirn des Marathonläufers stehen, die der Sprinter nie erfahren wird. Auf jeden Fall scheint mir das wie der Unterschied zwischen dem Buch und dem nach ihm gedrehten Film; seit der Absage von Gianni Celati an Hollywood heißt diese Rubrik bei mir Kopfkino. Ich entdecke also auf dem Umweg über den im All kreisenden Satelliten gerade das Radio neu, und zwar in einer zuvor allenfalls geahnten Vielfalt. Darüber hinaus muß ich neu unterscheiden lernen zwischen Fernseh- und Rundfunkanstalten, die zwar von einer Immobilie aus senden, aber in ihren Qualitäten von außerordentlichem Unterschied sind. So fiel mir beispielsweise auf, wie flach das offenbar ausschließlich auf Einschaltquote ausgerichtete TV-Programm des Hessischen Rundfunks ist im Vergleich zum Tiefgang der Audioabteilung hr2 Kultur. Eine einstündige Sendung wie die vorgestrige zur siebzehnten Stunde zum Thema der durch ein paar teetrinkende, in ihrer evangelikalen Machttrunkenheit jedwede soziale Gemeinsamkeit mit Andersdenkenden abtötende Republikaner schwer in Mitleidenschaft gezogenen USA war beeindruckend in seinem Facettenreichtum: ein sanftmütig, aber dennoch mit Bestimmtheit moderiertes Konzentrat aller erdenklichen Fakten und Meinungen zum Zustand eines Landes, das aufgrund zweier Legislaturperioden eines Mannes fast alleine zugrundegerichtet wurde und dessen aktueller Präsident das vermutlich auch nicht mehr repariert bekommt. Immer noch leicht euphorisiert behaupte ich: Das schafft nicht einmal Arte an einem Themenabend.

Das Schönste jedoch ist, daß ich jetzt auch mal eben dort hineinhören kann, wo ich früher teilweise selbst zugange war, angefangen beim damaligen Heimatsender Bayern, dem seinerzeit sehr geschätzten bremischen, dem saarländischen in Saarbrücken, südwestfunklich (früher allein auf dem Hügel über Baden-Baden) oder westdeutsch am Appellhofplatz in Köln, Frankreich und die Schweiz nicht zu vergessen. Nur bei einem, in den Achtzigern nicht nur ARD-weit überaus beachteten Auftraggeber bleibt mein vor etwa drei Jahren gefälltes vernichtendes Urteil bestehen, dem tagsüber zum öffentlich-rechtlichen Klassik-Dudel-Radio verkommenen NDR-Kultur. Aber das höre ich deshalb seit längerem nicht einmal mehr analog. Auch digitalisiert bleibt Müll ein Haufen Abfall, daran ändert auch nichts das in den Abenden leicht verbesserte Programm.

Die Digitalnativen, also diejenigen, denen mittlerweile qua Zeugung das Gehirn durch eine Festplatte ersetzt wird, zeigen sich nun äußerst verwundert, schließlich ließe sich das alles doch quasi durch Direktleitung oder gar per Funksignal am mobilen Computer erledigen, wozu seien diese Geräte denn sonst erfunden worden als zum live streamen und so, und fernsehen am Fernseher sei ohnehin überhaupt sowas von vorgestern oder, auf neudeutsch, oldschool. Nun gut, das bin ich ohnehin. Aber da seit einiger Zeit neunzig Prozent des in mir befindlichen Wassers sich in meinen Beinen zu versammeln scheint, wenn ich länger als fünf Minuten auf dem Stuhl an der Arbeitsplatte sitze, sind meine Live-Sende- und Empfangszeiten im Internet extrem eingeschränkt.

So gerate ich in eine Haltung, von der ich mir nie vorstellen konnte, sie einmal einzunehmen und die ich als zwar erfahrener, aber letztlich doch ziemlich altbackener Computernutzer immer bekopfschüttelt, zumindest aber ihrer komischen Wirkung wegen belächelt habe: Ich sitze auf meinem, nein, nicht schwedischen, sondern spanischen und holzmassiven, aber auch handgepolsterten Canapé oder auch Biplaza, habe die Beine hochgelegt und befehlige meine während des Verfassens entstehenden Gedanken in die auf den Schenkeln positionierte Tastatur meines im Jahr 2000 gekauften EiBüchleins mit nicht erweiterbaren zehn Gigabyte Festplatte, befülle eine portable Chipansammlung mehrfacher Kapazität und kippe den Inhalt anschließend in die Datenumlaufbahn.

Und schon bin ich zurück am Fernseher und höre wieder Radio.
 
Fr, 05.08.2011 |  link | (3597) | 17 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 

Deutsches Sehnen sucht

Da ward er einst so gepriesen, der weißblaue alpha-Sender, der, wie eine in meinem Notizbuch nicht nachgewiesene Quelle behauptet: «... seiner Informationspflicht nachkommt, sondern Seriosität allein bereits dadurch unter Beweis stellt, daß ein informierender Abspann nie mal eben so abgeschnitten wird.» Doch ach oder von wegen! Da muß doch gleich ein riesiger Büschel Wer- und auch Wehmut hinein in den Lobewein über den früheren bairischen Buntfunk, der als belächelter und auch bespöttelter Sender längst abgelöst wurde, der gleichwohl von einem dirigiert wird, der als Karriereblitz mit dem seinerzeit noch richtigen Parteibuch und rechten Ansichten von Anstand und Moral rübermachte wie einst ausrangierte Politiker. Nun, sicher gab's den Abspann. Aber erkennt der geneigte, also aufmerksame Zuschauer bei dieser Geschwindigkeit das alles, in diesem besonderen Fall: Wer hat das feine Stück verfaßt? Nun gut, denkt der sich, ist nicht weiter schlimm, das läßt sich ja nachlesen. Eine so sorgfältige Redaktion stellt die erforderlichen Daten doch sicherlich in seine Internet-Seite. Doch nichts. Nichts geht mehr. Eben. Weil privatwirtschaftlich-zeitungsverlegerisch verboten mittlerweile. Irgendwo am Rand liegt ein Hinweis, die «Dokumentation, BR 1994» sei unter der Reihe Straßennamen bereits einmal wiederholt worden. Ende. Unser aller Liebling Internet wird immer nur gefüttert, aber für das Wechseln der Windeln fühlt sich niemand zuständig. Die Sucherei im massenhaft herausquillenden Aa ist mehr als ärgerlich, dieser neumodische, mittlerweile auch öffentlich-rechtlich alles negierende Mut zur Lücke gegenüber denen, auf die das Prädikat kreativ tatsächlich zuträfe, weil sie das nämlich gemacht haben und nicht nur dieses wenn auch kaum noch wahrgenommene Weglassen, denn die Autoren sind es nunmal, die den Kanal (wie auch die vielen lustigen Blättchen, deren substanzlosen Mist man auch in dreißig Jahren noch nachlesen kann) vollmachen. Und eben nicht die verwaltungshalbverbeamteten Redakteure, von deren Kreativität der Ignoranz ich den Kanal vollhabe.

Also hinabtauchen in die Recherche; heute muß man zu solchem Behufe glücklicherweise nicht mehr unbedingt unter Gefahr der Verstaublungung ins Archiv. Nach einigem Suchen stoße ich auf einen Namen, den die dunkle Erinnerung freigibt: Friedhelm Sikora.

Wie die Renaissance nach Nürnberg kam und wie ein Schuh daraus wurde — Hans Sachs zum 500. — Ein Gratulationsversuch. (06.11.1994)

oder?

Hans Sachs und der Club der 500-jährigen — was bleibt? (12. 02. 1995)

Wie auch immer, er war es wohl, der es verfaßt hat, das köstliche Gedicht über den Dichter. Da ist sich unsereins fast sicher. Denn das, was der Autor dann doch ein bißchen arg bescheiden sein opusculum, also sein «kleines Schriftwerk» nennt, ergibt nicht unbedingt einen eindeutigen Hinweis, welche der Sendungen das war. Problematisch wird's, da diese Beiträge dem Hörfunk zugeordnet sind. Trotzdem spekuliere ich auch den filmischen Essay einfach Friedhelm Sikora zu.

Es war herz-, vor allem aber geisterfrischend, wie der Sprecher die vom zweifellos vitalen, aber gewohnt souverän halsstarrigen Joachim Kaiser unbeeindruckte Autorenmeinung wiedergab, die da lautete: Na gut, Herr Professor, Ihrer Ansicht nach hat das mit sogenanntem Patriotismus nichts zu tun, da mögen sie ja recht haben, aber es ist nunmal eine Tatsache, daß Hans Sachs als Inbegriff einer in Fragen wurzelnden Deutschtümelei gelten muß. Doch nicht der Autor gibt dazu dem Sprecher das Wort in den Mund, er erteilt es einem wahrlich unterhaltsamen Münchner Altphilologen. Der singt gar ein Beispiel dafür, und es klingt kein bißchen peinlich, sondern eher wie fröhliche Wissenschaft, denn der Herr hat nebenbei noch einiges über die doch eher schlichten Verse des dichtenden Schusters zu sagen, dem so viele den deutschen Dichterheros andichten möchten. Auch kommt ein Nürnberger Stadthistoriker zu kritischem Wort oder der frühere Kulturdezernent Hermann Glaser, der mich schon 1973 mit seinem Buch Der Gartenzwerg in der Boutique erfreut hatte, in dem er unter anderem auf die Gefahr einer «Betäubung des Logos zugunsten des Mythos» hingewiesen hatte.

Und Mythos ist das Thema Hans Sachs allemale zu Zeiten, in denen man sich nicht mehr wie in den Siebzigern incognito zum Grünen Hügel der quasi benachbarten, in letzter Zeit durch ein ausgefallenes höheres Universitäts-Lob bekannt gewordenen Stadt anschleichen, sondern mittlerweile dorthin pilgern muß, weil die Prominenz — und nicht nur die aus der Bunten Bild, sondern auch die patriotisch gesinnte aus dem mecklenburgisch-vorpommerschen Berlin — dort den bildungsbürgerlichen Schal wehen läßt, um den Nürnberger Gesangsverein und dessen dichtendem Obermeister zu lauschen.

Eine Metropole der Clubberer wird gezeigt, die sich (nach wie vor oder noch mehr als früher!) dem ewig ins Mittelalter wandernden, das Kleinteilige dieser Stadt so verehrenden Tourismus hingibt. Die fränkische Großstadt steht nicht nur für Bier und Bratwörschtla, sondern in erster Linie als Synonym für Verirrte: die ihr Zentrum Romantik gesucht und von ihrer veralteten Weichware in einen ähnlich klingenden Ort namens Romantizismus gelenkt wurden. Dieses bigöttliche Kaff ist in diesem Film prächtig zur Schau gestellt, «der Deutschen Sehnsucht nach ihrem fachgewerkten» Inbegriff von Heimat, diese vergessen machende Schönmalerei aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bilder werden gezeigt, wie die propagandistischen Nationalsozialisten sich des Volkes Stimmung zueigen machen, die hervorragend geeignet schien, Reichsparteitage auf dem Zeppelinfeld aufmarschieren zu lassen. Auf einen spannende Geschichten erzählenden Brunnen wird verwiesen, den Einheimische wie Besucher gleichermaßen (liebevoll und mit glänzenden Augen) anhimmeln, ein Denkmal, angesichts dessen keiner auch nur mal einen Gedanken daran verlieren möchte, daß er ursprünglich nichts anderes sein sollte als ein Abluftrohr für den von unten kommenden Gestank; bezeichnend ist, daß man dafür ausgerechnet den Klischee-Kitschier Jürgen Weber engagierte. In sehr komischen Sequenzen eines alten Films freit Stadtschreiber Sixtus Beckmesser tölpelig um (s)eine Eva, die vor ihm zum soliden Schuhmachermeister flieht, gar um dessen Hand anhält, um diesem fiesen Ahnvater eines Eduard Hanslick oder auch des oben erwähnten Joachim Kaiser zu entgehen. Doch der kümmert sich lieber um seine geschusterten Gedichte und Gesänge.

Und selbstverständlich schickt der Autor Richard Wagners Generalbaß Hans Sachs auf die Bühne. Aber auf eine schwäbische, auf die der Staatsoper Stuttgart. Denn anderswo werde (zu dieser Zeit, also in den Neunzigern) eine kritischere Opernbeleuchtung des urdeutschen Stoffes, der Meistersinger von Nürnberg nicht geboten. Und wer hat inszeniert? Sicher doch: ein jugendlich wirkender und dennoch nachdenklicher Hans Neuenfels, der ihn brumme(l)nd auf und samt Brandenburger Tor hinauffahren läßt ins deutsche Nirwana, in die nirgendwo (be-)greifbare Seligkeit Wallhallawagneriana.

Das sind Wiederholungen, die die Wiederholung verdient haben (und wenn man sie sich selbst erstellen muß). Hoffentlich verdient der Autor auch was dran!


Fundstücke (aus meinem Festplattenaufzeichnungsgerät)
 
Di, 10.05.2011 |  link | (1227) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 





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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4213 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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