Duftmarken

Der Geschichte Ungleiche Brüder erster, zweiter, dritter, vierter Teil.

Er entließ sich aus dem Grübeln über diese Seltsamkeiten und ging zum direkt nebenan gelegenen Badezimmer, um sich frischzumachen. Wie bereits im unteren Geschoß kam ihm eine Duftmischung aus leichter Muffigkeit und synthetischem Geruchsaufheller entgegen, wie er sie auch aus anderen französischen Haushalten des Nordens kannte.

Sogenannte Düfte erfreuten sich im Land der Frische außerordentlicher Beliebtheit, nicht nur im Norden. Einer ansonsten überaus wohlriechenden — Napoleon kam ihm dabei in den Gegen-«Sinn», der in einem Brief an Josephine schrieb, sie möge sich nicht waschen, er komme (in zwei Wochen) heim — und überhaupt appetitlichen jungen Frau, die im österreichischen Süden lebte und nicht allzuoft in den ihres französischen Zuhauses kam, hatte er bei seinen Besuchen von seinen regelmäßigen Reisen via Italien stets drei preiswerte Artikel mitzubringen: zum einen einen bestimmten nußartigen, aber auf ihn doch eher künstlich wirkenden Brotaufstrich, da der vom italienischen Hersteller in ihrem Heimatland weicher, geradezu dünnflüssig hergestellt wurde; der zweite war ein Raumgas, das den im Laboratorium produzierten Lavendel der Haute-Provence suggerierte; sowie der dritte, ein speziell für Frankreich kreiertes und etwas wie Maiglöckchen vermittelndes Geschirrspülmittel eines belgischen Produzenten. Daß sie an kein erwähnenswertes Baguette und andere Selbstverständlichkeiten französischen Lebens kam, daran hatte sie sich gewöhnt. Aber ohne diese synthetischen Geruchsnoten wollte sie nicht leben.

Die Neugierde ließ ihn wieder hinausgehen auf den Flur des Obergeschosses. Ob es überall so roch, wollte er wissen. Er öffnete die direkt neben dem Bad gelegene Tür. Es handelte sich dabei offensichtlich um das eheliche Schlafzimmer, stand doch ein sehr breites Bett darin. Andererseits nichts auf eine männliche Anwesenheit schließen ließ, auch keine zwischenzeitliche, und mit Sicherheit nicht die seines Bruders. Dazu war das Zimmer zu angenehm schlicht, ein wenig zu feminin und zudem mit einigen buddhistisch oder auch indisch anmutenden Wandbehängen samt auf einem Stuhl abgelegter, in eine ähnliche Richtung weisende Literatur ausgestattet. Von alldem konnte er sich, nicht nur nach den Worten der mütterlicherseits hinzugeheirateten Stiefschwester, nicht so recht vorstellen, daß der Bruder es in unmittelbarer Umgebung zulassen oder gar goutieren würde. Und es roch, abgesehen von leichtem Parfumschimmer, auch zu neutral. Offenbar wurde es des öfteren gelüftet. Und dann erinnerte er sich, wie rasch er am Telephon war, als seine Frau ihn aus dem Schlaf gerufen hatte. Demnach dürfte er seine Ruhestätte im unteren Bereich des Hauses haben. Es lag auch nahe, denn immer wieder fuhr er auch Nachtschicht, wie er meinte, innerhalb der Gesprächsrunde der Taxifahrer vernommen zu haben. Vom Geschäft war die Rede, das am Freitag ab Mitternacht begänne, manchmal sogar Fahrten bis ins rund sechzig Kilometer entfernte Nancy einbrächte und das man sich selbstverständlich nicht entgehen lasse. Heute war Freitag.

Nachdem er weitere Neugier unterdrückt und sich ein wenig aufgefrischt hatte, ging er hinunter. Sein Bruder saß vor dem Fernsehgerät, das er nicht ausschaltete und auch kaum aufblickte, als er in den Raum trat. Es war offensichtlich und wie früher, man hatte sich nicht sonderlich viel zu sagen. Auch das geschwisterliche Wiedersehen nach zwanzig Jahren ergab keinen Wissensdurst. Das schien eine der wenigen Gemeinsamkeiten zu sein, die sie hatten. So bedeutete er dem Bruder, sich ein wenig umschauen zu wollen und fragte, ob es recht sei. Das kurze Nicken des Kopfes, dessen Blick gebannt auf das Gerät gerichtet war, in dem gerade Piloten verschiedener automobilähnlicher Gefährte dabei waren, sich gegenseitig von der Strecke zu rammen, wertete er als Einverständnis. Bevor er sich abwand, schaute er noch einmal genauer hin und sah, daß der eher flaumige Bart die in der Jugend heftige und offenbar noch immer nicht ausgestandene Akne nicht verbergen konnte. So richtete er seinen Blick auf das Ambiente. Es war die obligatorische Einrichtung der meisten Franzosen, die beim Einzug in eine Wohnung oder ein Haus sich einmal eine solche zulegten und dann nie wieder das Bedürfnis nach Erneuerung spürten. Auch der röhrende Hirsch, hier in Form einer Phototapete, die ein Stück recht dunkel bewaldeter nördlicher Vogesen darstellen könnte, wäre da nicht das elsässisch wirkende Dörfchen im Hintergrund, dürfte seit dem Hausbezug die Wand zieren. Die Vergilbung, sicherlich hervorgerufen von den selten ausgehenden und seltsam riechenden Zigarillos, deren Art er meinte, vor langer Zeit in Deutschland gesehen und gerochen zu haben, würde sicherlich halten bis zum Ableben des Hausbesitzers. Für solche Neuerungen mochte man nicht ins Portemonnaie greifen. Das tat man um so mehr für das Essen. Im Land gab man gut zwanzig Prozent seines Einkommens dafür aus. Allerdings zweifelte er an, ob das in diesem Haus ebenso der Fall war. Der heutige Einkauf der Schwägerin schien ihm eher eine Ausnahme zu sein. Um nach ihm zu sehen, ging er dem Geklapper der Töpfe nach, hinüber in die Küche. Die allerdings machte auf ihn den Eindruck, wie ihre Haupt- oder einzige Akteurin jüngerer Generation zu sein. Überrascht war er, sich inmitten einer in letzter Zeit Mode gewordenen sogenannten Cuisine américaine zu befinden, gemäßigt zwar, aber ausreichend für zwei Menschen, die wohl nicht allzu häufig Besuch bekamen, und mit Sicherheit nicht so alt wie der Hausherr.

Die Köchin bewegte sich anmutig und lächelnd inmitten von Gerüchen aus fernöstlichen Kräutern und Gewürzen, die ein hohes Maß an Sinnlichkeit verströmten. Ja, das hier sei ihre kleine europäische Kochkiste, ihr petit sanctuaire. Etwas größer hätte sie es sich gewünscht mit etwas mehr fröhlicher Helligkeit und auch ausgestattet mit «offenem Feuer», womit sie das in Frankreich zum Kochen lieber benutzte Gas gemeint haben könnte, aber sie habe dem Gatten glücklicherweise zusätzliches Gerät abtrotzen können, sonst würde das nicht so recht mit dem indochineschen Mahl für den Ehrengast. Da fielen ihm die Photographien wieder ein, und da er nicht annahm, sein Bruder hätte sie für ihn bereitgelegt, fragte er sie danach. Bevor sie sich zur Seite drehen konnte, sah er, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß. Offensichtlich stammte diese Art Heiligenbildchen tatsächlich von ihr, und sie hatte sie wegzuräumen vergessen. Oder aber, wohl wissend, daß ihr Mann nie einen Fuß in diesen Haushaltsraum setzte, bewußt für ihn und wie zufällig aufs Bügelbrett drapiert? Langsam drehte sie sich ihm zu und bedeutete ihm mit einem zwar ernsten Gesicht, in dessen Augen er allerdings ein Flunkern zu erkennen glaubte, ihm das erklären zu wollen, aber bitte erst später, wenn der Bruder aus dem Haus sei. Sie habe ihn einfach nicht davon überzeugen können, die Nachtschicht für den doch wahrlich seltenen Besuch ausfallen lassen zu müssen.


Von jahreszeitlich bedingten Imponderabilien zum Stillsitzen verurteilt, wollte das kleine Präsent noch raus. Eine Fortsetzung dürfte allerdings aus der Kälte des nahenden nächsten Jahrzehnts kommen.
 
Mi, 23.12.2009 |  link | (3841) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ungleiche Brueder



 

Bewegung

Der Geschichte Ungleiche Brüder erster, zweiter, dritter Teil.

Wie sollte er sich verhalten? Bereits die Küsse für die Mutter, auch wenn sie landesübliche auf die Wangen waren, hatten ihn Überwindung gekostet. Und nun dieses grizzlyartige Wesen, aus dessen rötlichbrauner Behaarung etwas Grau durchblitzte, womit die Farbigkeit der Person sich erschöpft hatte. Bestimmt dreißig Kilo hatte er zugenommen seit der letzten Begegnung, es konnten auch vierzig sein, es verlor sich ein wenig bei diesem Hünen, der ihn um zwei Köpfe überragte und die ihn immer wieder einmal hatten rätseln lassen, welche verwandtschaftliche Erbmasse dafür verantwortlich zu machen sein könnte bei elterlichen Formaten wie auch dem eigenen, die weniger Altnormannisches assoziierten als mehr mittelasiatische Reiterei. Der ein wenig an Thor erinnernde Koloß nahm ihm seine Nachdenklichkeit ab, indem er ihn umarmte und ihm anschließend heftig auf die Schulter klopfte. Wie in alten Zeiten, als er ihn unzählige Male gebeten hatte, das zu unterlassen, er sei schließlich kein Römer. Frühstück gebe es später, bei den Freunden. Hierbei regte sich massiver Protest in ihm. Nein, ohne einen Kaffee verlasse er dieses Haus hier nicht. Kaum hatte er es ausgesprochen, stand eine geradezu widerspenstig gelockte Blondine vor ihm, die dem Aussehen nach die frische Tochter eines Sammlers von Pferdefüßen oder ähnlichen Feinheiten aus der Bretagne oder der Normandie sein konnte, und reichte ihm lächelnd eine Tasse mit seinem südlichen Lebenselexier. Hastig schüttet er das passable Gebräu hinunter. Er würde noch einige Tassen benötigen. Das war vermutlich das einzige, das er von der Mutter hatte: Kaffee, zu jeder Zeit und wo auch immer man sich aufhielt. Den Bruder hatte er nie welchen trinken sehen. Seine Hoffnung lag nun alleine bei seiner Schwägerin und deren Ankündigung, ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ohne Kaffee würde er auf dem Absatz umdrehen und das Haus verlassen. Aber das auch für den Fall, daß man extra für den Kaffeekauf nach Deutschland führe, «der Qualität wegen».

Sein Wagen stand in der Hotelgarage. Er durfte ihn dort stehen lassen, das hatte er mit dem Direktor des Hauses vereinbart. Es waren nicht sonderlich viele Gäste anwesend zur Zeit. Er hatte kein Bedürfnis, mit seinem Bruder über Autos zu sprechen. Dazu käme es zwangsläufig, sähe er die Type. Einen solchen Franzosenschrott könne man nicht fahren, allenfalls schnell verkaufen, die Neger da unten in Afrika nähmen sowas gerne, hörte er den begeisterten Anhänger des deutschen Sterns sagen, ihn anheben zu einem sicherlich seit Jahrzehnten gehaltenen Vortrag. Deshalb ließ er es lieber gleich und sich in guter rechtsrheinischer Wertarbeit herumkutschieren. Das schließlich war des Bruders Profession, die sich leidenschaftlich seines Leben bemächtigt hatte, über die ging bereits in jungen Jahren nichts, auch daran dürfte sich nichts geändert haben. Als er eingestiegen war in das schwarze Gefährt, das auch in seinem Herkunftsland gerne als Traktor bezeichnet wurde, fragte sein Chauffeur ihn, wie er eigentlich in die Heimatstadt gekommen sei.

Er gab vor, bis Paris geflogen zu sein und von dort aus seine Reise mit der bummeligen Bahn fortgesetzt zu haben. Diese abwertende Bemerkung über ein von ihm nicht sonderlich geschätztes Verkehrsmittel würde ihn milde stimmen, und da der Bruder früher schon nicht geflogen war, weil er unter anderem die Sicherheit des Transportmittels Flugzeug stark anzweifelte, dürfte der die Umständlichkeit einer solchen Reiseroute nicht bemerken. Frankreich verfügte über ein dichtes Netz regionaler Flugverbindungen, und so gab es von allen möglichen Flughäfen aus raschere Wege nach Metz beziehungsweise Nancy. Als Taxifahrer sollte er das wissen, aber Paris klang einleuchtender. Und die Frage nach dem Fahrzeugtyp war damit rascher vom Tisch. Zumal die Autofrage auf andere Weise schnell wieder aufkommen sollte. Auf dem Weg zu den Kollegen waren sie. Denen habe er heute früh zu Schichtbeginn bereits von seiner Ankunft berichtet, und einige unter ihnen seien ihm sicherlich noch bekannt, er ihnen auf jeden Fall. Daß das zwanzig Jahre zurücklag, kam ihm in seinem mikrokosmischen Blick auf die Welt nicht in den Sinn. Er ahnte, worüber gesprochen werden würde oder auch gestritten. So war es denn auch, nachdem ein paar der Herren, an die er sich allesamt nicht erinnerte, ihn begrüßt hatten wie einen in der Fremde verlorenen Sohn. Doch bald kam man zum die Welt bewegenden Thema. Einmal mehr ging des Bruders Stern als Minderheit unter. Doch das focht ihn nicht an. Bei dieser Thematik war er gerne Exot. In anderen Bereichen war man sich schließlich einig. Beim Essen beispielsweise. Da herrschte der regionale Patriotismus vor.

So war er dann doch auch recht bestürzt, als er sah, was seine Frau an argen Exotereien eingekauft hatte. Vermutlich dachte er zunächst an die Kosten, etwa, daß man dafür sicherlich vier neue Pneus bester Qualität erwerben könnte. Aber vorrangig dürfte gewesen sein, daß ein Teil des Einkaufs sich noch bewegte. Da die Gattin, ein zartes, geradezu filigranes Geschöpf, diese Bewegung offenbar vorausgesehen hatte, beeilte sie sich, ihm mitzuteilen, eigens für ihn habe sie eine Hure besorgt, auch das sei letztlich eine südostasiatische Spezialität. Damit sei er nicht ganz so ausgegrenzt von der heutigen, zu Ehren des Gastes etwas orientierteren Küche. Das kulinarische Mitbringsel für den Bruder wollte er gar nicht so recht anschauen, doch auch auf die anderen, ihn in all ihrer Farbigkeit schon eher beindruckenden Köstlichkeiten vermochte er sich trotz seiner eigentlichen Wahrnehmungsfähigkeit nicht recht konzentrieren. Um ein Haar hätte er laut ausgerufen: Wie kommt solch ein grober Klotz inmitten dieser Umgebung maschinell gestrickter röhrender Hirsche zu einem derart feinen Gebilde?! Mit einem Mal erinnerte er sich an die wie nebenbei einfließenden Worte der Stiefschwester, denen er keine Beachtung geschenkt hatte, was sie nicht davon abhielt, weitere Charakteristika zu liefern, die ihm nun im eigenen, von leichter Garstigkeit geprägten Wortformat präziser aufschienen. Es sei, nach einer über eine Art Wettbüro gekauften Philippina, die nach einem knappen Jahr gen London entschwunden sei, die dritte, über die erste wisse sie nichts, Ehefrau des Bruders. Diese staatlich sanktionierte Verbindung habe nun bereits seit drei Jahren Bestand. Über Katalog hätten sie sich kennengelernt. Kurz nach ihrem Eintreffen, eine Visitation in ihrem Land habe er aus Verkehrssicherheitsgründen abgelehnt, hätten sie geheiratet. Mit ausschlaggebend dürfte gewesen sein, als sich herausgestellt hatte, daß ihr Vater ein in Indochina stationierter Soldat aus einem lothringischen Dorf nahe der Grenze zu Deutschland war, der in thailändischen Urlaub geflohen und gleich dort geblieben sei. Sieben Kinder habe er hinterlassen. Jedes Jahr eines. Dann sei er erschöpft dahingegangen. Dem Bruder würde das sicherlich nicht passieren. Denn es habe den Anschein, als sei er derjenige, der nicht so recht zugange komme und nicht, wie zuvor gemutmaßt, seine Ehefrauen.

Er traute seinen Augen nicht. In dem kleinen Zimmer, in dem vermutlich ansonsten die Wäsche aufbewahrt und geplättet wurde und das für ihn aufgeräumt worden war, lagen auf dem zur Seite gestellten Bügelbrett Photographien. Sofort hatte er sich darauf erkannt. Es waren Bilder ausschließlich von ihm und, bis auf eines, aus einer Zeit, als er sämtliche Familienbande längst gekappt hatte. Dieses eine konnte er seinem Bruder aus Höflichkeit geschickt haben. Es zeigte ihn als jugendlichen Bräutigam neben seiner Braut, die ihm an der Universität in Kopenhagen aufgefallen war, da sie grundsätzlich in Tracht erschien und immer in seiner Nähe Platz nahm. Zwar kam sie aus Südwestfinnland, akzeptierte jedoch, wenn auch widerwillig, seinen Wunsch, in diesem etwas anderen Rathaus zu heiraten, dessen Baumeister er sehr verehrte. Man hatte sich kurz danach in Freundschaft getrennt, sicherlich auch, weil sie ihre Heimatverbundenheit gar zu ungern ablegte. Auf den anderen Photographien war er als agil wirkender Redner in einer Umgebung zu sehen, die Hochschulcharakter hatte. Höchstens anderthalb Jahre alt konnten sie sein, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Gastprofessur im Südwesten Frankreichs angetreten, zugeschanzt von einem Freund mit Lehrstuhl. Wie zufällig lagen sie dort, als hätte man vergessen, sie wegzuräumen. Das bewegte ihn durchaus, machte ihn aber vor allem nachdenklich.


Über eine Fortsetzung wird noch nachgedacht. Aber zunächst einmal habe sogar ich den jahreszeitlichen Ereignissen gemäße Verpflichtungen: Erma mam (das ist kleinmoritzisch und heißt in der Übersetzung: Erstmal was essen. Alles andere ist unwichtig.) Ich wünsche allen die dafür erforderliche Ruhe.
 
Sa, 19.12.2009 |  link | (3369) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ungleiche Brueder



 

Lothringischer Eintopf

Der Geschichte Ungleiche Brüder zweiter Teil.

Ein unangenehmes Geräusch unterbrach seinen sanften und freudvollen Schwebeflug über das saftige Grün internationaler Begegnungen mit all ihren göttlichen Farbtupfern. Nach einer Weile identifzierte er es als typisches Gerassel eines Hoteltelephons. Die Uhr zeigte kurz nach sieben, aber man hatte ihm mit freundlichem, fast schon liebevollem Lächeln im Restaurant noch eine Flasche des besinnlichen Moulis serviert, den er von anderen Häusern dieser von ihm bevorzugten Kette kannte und der ihn einigermaßen in eine innere Gerade zurückbrachte. Das Gerassel endete, begann jedoch erneut, als er sich gerade hineinbegeben wollte in die Hoffnung auf die Fortsetzung seines Gleitflugs. Er würde seinen Bruder anrauzen, quasi zurückraunzen auf dessen Reaktion gestern abend, des einen senile Bettflucht sei möglicherweise ein ausreichender Grund für eine erneute Beendigung von Familienbanden. Am anderen Ende der Leitung flötete ihn Engelhaftes an mit tausenden von Entschuldigungen für die frühe Störung, aber die enge Verwandtschaft sei unterwegs auf dem Weg zu ihm und deren ausgeprägtes Organ sicherlich in Kürze zu vernehmen. Sie wolle ihn vorbereiten. Das täte sie nun auch, wenn auch anderweitig, auf dem Markt, wo sie mit Sicherheit auch ein paar Schalentierchen erstehen könne, wenn nicht dort, dann in den Galeries Lafayette, die hätten sogar häufig Garnelen aus dem Golf von Thailand. Überhaupt sei sie glücklich, ihn hier zu wissen, nicht nur, weil der Bruder, der seiner Heimat auch in der Küche streng verbunden sei und am liebsten dreimal am Tag das äße, woran sie sich mittlerweile zwangsläufig auch schon gewohnt hätte, an Quiche lorraine nämlich, die nähme er durchaus auch in einer Art Suppe mit viel Speck zu sich. Und froh mache sie sein Dasein, da ihr Gatte ihr mit leicht distanzierendem Gesichtsausdruck erzählt habe, sein Bruder nähme die seltsamsten Dinge zu sich, gerne Meeres- und Flußgetier, sogar Frösche, und schrecke auch vor fremdländischer Nahrung nicht zurück. Er wollte sie fragen, wie denn sie überhaupt zusammengekommen seien, erinnerte sich dann doch zunächst lieber an die chinesische Übersetzung der Frage «Wie geht es Ihnen»: Haben Sie heute schon gegessen? Kaum hatte er den Hörer aufgelegt, klingelte es schon wieder. Er telephonierte höchst ungern, und am frühen Morgen schon gar nicht. Seinen Bruder erwartete er. Doch es war erneut seine Schwägerin, die ihm noch einmal sagen wollte, wie froh sie über seine Anwesenheit sei und daß sie ihm diese auch so angenehm wie möglich ausstatten würde, auf daß er möglichst lange bleibe. Die Aussicht auf weitere Redeflüsse einer offenbar im Schweigen Inhaftierten und zwischenzeitig aus ihrem Gefängnis Ausgebrochenen ließ allerdings leichte Zweifel an seinem Wohlbefinden aufkommen, zumal das Telephon kurz nach dem Auflegen des Hörers schon wieder klingelte. Dieses Mal war es sein Bruder. Er stünde an der Rezeption und warte auf ihn. In fünf Minuten ginge es los, bellte er noch hinterher, er solle seinen Plunder zusammenpacken, viel habe er ja nicht. Sie schienen sich beide nicht geändert zu haben. Zwanzig Jahre zurückversetzt fühlte er sich, in eine Zeit, die ihm nicht sonderlich gut in Erinnerung und weshalb ihm die Trennung unter anderem von ihm nicht schwergefallen war. Er nahm seinen Weltbegleiter mit ins Bad, das kleine Radio mit allen erdenklichen Wellen. Ein wenig drehte er daran, und als Musik erklang, fixierte er sie, obwohl er eigentlich lieber Wort hörte. Irgendwie kamen ihm die sanften, fast zärtlichen Klänge buddhistisch vor. Radio France lehnte sich eine Woche lang, so der Moderator mit leicht ironischem Unterton, zurück im möglicherweise nicht ganz so bequemen Sessel der südostasiatischen Vergangenheit des Landes.

Als er auf seinen immerleisen Sohlen am Ende der Treppe angekommen war und sich der Réception zugewandt hatte, sah er seinen Bruder sitzen, vertieft in eine Zeitschrift für Automobile oder deren Zubehör. Sofort hatte er ihn erkannt, und das trotz seines Vollbartes, der wenigstens dieses Arschgesichtgewächs übertünchte, wie er es früher nannte, das er nie ausstehen konnte an ihm wie an anderen, diese behaarte Oberlippe mit den beiden Streifen hinunter zum umwachsenen Kinn. Eine Gesichtsfrisur war das, die typisch war für Männer, die jeden verrosteten und sich vermutlich seines Besitzers wegen krümmenden Nagel aufbewahrten, weil der ihn, mangels sinnvollerer Beschäftigung, noch einmal würde geradeklopfen. Doch nicht haushalterisches Talent trieb solche Menschen zu solchen Sammeltaten an, sondern nichts als der schiere Geiz. Sie waren es, die sich die diffizilsten Besorgungen machen ließen, die oftmals mehrere Tage in Anspruch nahmen, und dann auf den Centimes genau abrechneten, unabhängig davon, wieviele Gallonen Gazol man verbrauchte. Seine Mutter hatte einen solchen geheiratet, nachdem sein Vater an den Spätfolgen des Aufenthaltes in Bergen-Belsen gestorben war. Jahrzehntelang Polizist war der, früher auf dem Dorf, dann via Vichy beziehungsweise Pétain in die gehobene Umlaufbahn befördert. Man hatte ihn in ihr gelassen, auch wenn er, was ihm allerdings nie nachgewiesen werden konnte, einige der Résistance seinen Gewehrkolben zierten. Vater sollte er ihn nennen, nachdem die beiden einen Tag nach Beendigung des Trauerjahres geheiratet hatten. Er sei schließlich ihre Jugendliebe gewesen. Sein Bruder ließ sich darauf ein. Es sei doch angenehm, endlich als Familie zusammengefunden zu haben. Das war einer der vielen Gründe dafür, daß er ihr eines Tages in seinem letzten Brief schrieb, er habe keine Mutter mehr. Den Bruder ignorierte er gar nicht einmal mehr. Er beglich per Kreditkarte seine Rechnung und sprach dabei mit der Rezeptionistin bewußt etwas lauter. Sein Bruder bemerkte nichts. Die Vergangenheit hatte ihn wieder. Er trat an sie hin.


Über eine Fortsetzung wird noch nachgedacht.
 
Do, 17.12.2009 |  link | (3990) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ungleiche Brueder



 







Werbeeinblendung

Jean Stubenzweig motzt hier seit 6562 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



... Aktuelle Seite
... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis)
... Themen
... Impressum
... täglich
... Das Wetter

... Blogger.de
... Spenden



Zum Kommentieren bitte anmelden

Suche:

 


Letzte Kommentare:

/
Echt jetzt, geht noch?
(einemaria)
/
Migräne
(julians)
/
Oder etwa nicht?
(jagothello)
/
Und last but not least ......
(einemaria)
/
und eigentlich,
(einemaria)
/
Der gute Hades
(einemaria)
/
Aus der Alten Welt
(jean stubenzweig)
/
Bordeaux
(jean stubenzweig)
/
Nicht mal die Hölle ist...
(einemaria)
/
Ach,
(if bergher)
/
Ahoi!
(jean stubenzweig)
/
Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut.
(einemaria)
/
Sechs mal sechs
(jean stubenzweig)
/
Küstennebel
(if bergher)
/
Stümperhafter Kolonialismus
(if bergher)
/
Mir fehlen die Worte
(jean stubenzweig)
/
Wer wird schon wissen,
(jean stubenzweig)
/
Die Reste von Griechenland
(if bergher)
/
Richtig, keine Vorhänge,
(jean stubenzweig)
/
Die kleine Schwester
(prieditis)
/
Inselsommer
(jean stubenzweig)
/
An einem derart vom Nichts
(jean stubenzweig)
/
Schosseh und Portmoneh
(if bergher)
/
Mit Joseph Roth
(jean stubenzweig)
/
Vielleicht
(jagothello)






«Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.»



Suche:

 




Anderenorts

Andere Worte

Anderswo

Beobachtung

Cinèmatographisches + und TV

Fundsachen und Liebhaberstücke

Kunst kommt von Kunst

La Musica

Regales Leben

Das Ende

© (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig





pixel pixel
Zum Kommentieren bitte anmelden

Layout dieses Weblogs basierend auf Großbloggbaumeister 2.2

pixel pixel