Zementspaziergang

Ich bin in meinem Dachboden der Erinnerung auf einen Vortragstext gestoßen, der unter anderem einen Exkurs in den Beton zum Inhalt hatte. Zwar ist er etwas betagt, aber nach erneuter Lekture stelle ich fest, wie aktuell er ist. Deshalb (und des offensichtlichen Interesses wegen) stelle ich ihn als mögliche Anregung und in Ergänzung zu Von Bau- und anderen Häuslern sowie Steinbrüche der Formen unverändert hier ein. Ich warf zur Veranschaulichung — so machte man das früher — seinerzeit einige Dias an die Wand, die mir allerdings nicht mehr zur Verfügung stehen, nicht, weil sie dabei kaputtgegangen wären, sondern weil ich mal mächtig aufgeräumt und so Bild-Abfall produziert habe; aber teilweise konnte mir das nette Netz mit Beispielen behilflich sein.


Ich möchte im Rahmen meiner Rede am Rand etwas aufgreifen, das im Zusammenhang mit der Kritik an der sogenannten modernen Architektur als Verursacherin einer Katastrophe für die Menschheit bezeichnet wird. Ich meine das Baumaterial Beton.

Dazu möchte ich aus einem Aufsatz zitieren, den Dolf Schnebli, Professor für Architektur und Entwurf an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, der ETH, in der ersten Ausgabe der Zeitschrift für Architektur — Internationale Beispiele für zeitgemässes Bauen in Beton, veröffentlicht hat. Ich möchte deshalb aus diesem Aufsatz zitieren, weil ich mit Herrn Schnebli im wesentlichen einer Meinung bin und es wohl kaum treffender formulieren könnte. Er schreibt: «Schon lange rege ich mich darüber auf, wie in den Tageszeitungen über das Bauen geschrieben und am Radio darüber gesprochen wird. [...] Wenn gebaut wird und einige Treppen zu einem Eingang führen, wird nicht von baulichen Hindernissen für Behinderte, sondern von architektonischen Barrieren gesprochen. Damit werden Architektur und die Architekten zu Bösewichten gestempelt.» Er, Schnebli, «wurde recht stutzig», als er «in einem Text Friedrich Dürrenmatts den Begriff die verbetonierte Landschaft las. «Wenn selbst ein begnadeter Schriftsteller solche Clichés übernimmt, ist es an der Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, woher solche Missverständnisse kommen. Die verbetonierte Landschaft — die Stadt als Betonwüste — im Beton-Ghetto wohnen — die verbetonierte Zukunft — alles Ausdrücke, die von vielen Leuten gebraucht werden, die weder wissen, was Beton ist, noch sich darum bemühen, genau zu erkennen, woher das Unbehagen stammt, dem sie mit übernommenen Schlagworten Ausdruck verleihen.» Jetzt mache ich im Aufsatz von Dolf Schnebli* einen weiten Schritt nach vorn, einmal, um zum von mir angeführten Beispiel Olympiadorf, sprich der Möglichkeit des menschenwürdigen Bauens in Beton zu kommen (die durch immense Schludrigkeit herbeigeführten Bauschäden lasse ich aus Zeitgründen außer acht), und zum anderen, um die These — mit dem anschließenden Bildbeispiel — zu widerlegen, mit Beton könne man nicht ästhetisch bauen — was alleine sowohl sprachlich als auch inhaltlich falsch ist. Schnebli schreibt — und damit ist sowohl die aktuell praktizierte postmoderne Architektur gemeint als auch falsch verstandener Denkmalschutz: «Dem Problem der Einpassung, das etwelche geistige Anforderungen stellt, wird dadurch ausgewichen, dass alte Fassaden stehen gelassen werden und, wie es in der Fachsprache heisst, dahinter ausgekernt wird. Man tut so, als ob das Ganze ein altes Gebäude sei, und im Innern wird gedankenlos gebaut wie eh und je. Getragen von der Nostalgiewelle der öffentlichen Meinung wird das Echte vorgetäuscht und so die Welt wieder in Ordnung gebracht.»

•••
Exkurs mit Bild:
Texte zu den einzelnen Dias


Machen wir mal an Hand der Bildbeispiele so eine Art Lebenslauf in Sachen Beton durch. Wir können uns aussuchen, ob wir in einem Einfamilienhaus aufwachsen wollen wie in diesem von Mario Botta im schweizerischen Pregassona. Dieses Haus aus Zementsteinen steht auf einem kleinen Hanggrundstück in einer weitläufig bebauten Wohngegend des nördlichen Stadtrandes von Lugano. Das Gebäude ist innen wie außen in Sichtmauerwerk aus grauen Zementsteinen erbaut. Innen wurden die Wände weiß gestrichen. Die ebenen Deckenplatten sind aus Stahlbeton, die an der Unterseite naturfarben belassen und nur durch die sauberen Schalttafelstöße fein unterteilt sind.

Möglicherweise haben sich unsere Eltern aber entschlossen, uns in einer, mit Verlaub, Ausgeburt postmoderner Architektur aufwachsen zu lassen. Diese Stileversammlung aus Beton stammt von Ricardo Bofill und steht in der Nähe von Versailles östlich von Paris. Bei aller Kritik an dieser Formensprache muß jedoch gesagt werden, daß der Fahrverkehr, wie im Münchner Olympiadorf, außen herum beziehungsweise unterirdisch geführt wird. Kritik dann jedoch wieder an den kleinen Grundrissen von maximal siebzig Quadratmetern und der geradezu konventionellen Bauweise — und das bei zweiunddreißig verschiedenen Wohnungstypen.

Welchen Schaden wir auch immer durch die Architektur erlitten beziehungsweise in welchem Maße sie zu unserem kindlichen Wohlbefinden beigetragen hat: wir müssen zur Schule, auf daß aus uns etwas werde. Gehen wir mal davon aus, daß unsere Eltern nach Amsterdam umgezogen sind und in die Apollo-Schule von Herman Hertzberger gesteckt haben; möglicherweise zuvor in den der Schule angeschlossenen Kindergarten. Die in Typus, Größe und Erscheinungsbild fast gleichen Schulgebäude unterscheiden sich äußerlich lediglich durch die Fensteranordnung infolge ihrer jeweils anderen Lage auf dem Grundstück und etwas in der Eckausbildung am SchuIhauseingang. Die Konstruktion, als architektonisches Ordnungsprinzip aufgefaßt, setzt sich zusammen aus einem zweiteiligen Stahlbetonskelettgefüge mit Auskragungen, ebenen Deckenplatten sowie Treppen- und Stufenanlagen, die zwischengehängt sind. Die außen zum Teil das Skelett verdeckende Ausfachung besteht aus Zementstein-Sichtmauerwerk, desgleichen im Inneren.

Gesetzt den Fall, wir sind mit unseren Erzeugern in die Schweiz übersiedelt und leben in Monte Carasso. Dann ließe sich in der Turnhalle der örtlichen Primarschule, gebaut von Luigi Snozzi, der damit 1985 den schweizerischen Architekturpreis Beton erhielt, doch recht gut toben, und nicht nur in der Halle selbst. Die Turnhalle wurde nach einem neu erstellten Rahmenplan von Snozzi in das historische Klosterarreal von Monte Carasso integriert. Das neue Material Sichtbeton, so der Architekt, «führt [...] zu einem Dialog mit den alten Steinmauern und den verwaschenen Verputzen, ohne jedoch ursprüngliche Formen und Materialien durch nostalgische Interpretationen wiederzugeben».

Wir haben sämtliche Bildungshürden genommen und folgen einem attraktiven Angebot des Österreichischen Rundfunks — schließlich wollen wir nicht in der öffentlich–rechtlichen Diaspora arbeiten —, ins Landesstudio Burgenland, bedacht mit einem passablen Redakteursgehalt, um über Kunst und Architektur zu sinnieren. Wo ließe sich das besser tun, wie ich meine, als in diesem Betonbau von Gustav Peichl. Hier wurde meines Erachtens mithilfe der Grundzüge des Neuen Bauens städtischer vorgegangen als in seines Landsmanns Hans Hollein nachmodernem Museum Abteiberg im ebenso provinziellen Mönchengladbach, in dessen Schönheit man sich auch schonmal verläuft.

Es könnte aber auch sein, daß wir den Sicherheitsbestrebungen unserer Eltern gefolgt sind und einen anständigen Beruf erlernt haben, der uns alle Chancen der freien Wirtschaft bietet. Dann sind wir möglicherweise bei dem Bauunternehmen Zueblin gelandet und somit in dessen neuem Firmensitz in Stuttgart. Gebaut hat ihn Gottfried Böhm, zu dessen Architektur ja wohl weiter nichts zu sagen ist — sie spricht für sich, wie dieses Gebäude, das siebenhundert Arbeitsplätze beherbergt. Nur so viel vielleicht: Die Konstruktion der massiven Bürotrakte zeigt eine Mischbauweise. Neben den vorgehängten Brüstungselementen mit angesetzten Trennwandpfosten wurden alle tragenden Stützen, innen ebenso wie außen, und sämtliche Balken des Skelettgefüges aus Stahlbeton vorgefertigt und am Ort montiert. Lediglich die Deckenscheiben und aussteifenden Wände sind aus am Ort gemischtem Beton.

Es ist uns gelungen, nach einem mehr oder minder arbeitsreichen Leben, zu so viel Geld zu kommen, daß wir uns zu Lebzeiten einen Privat-Friedhof entwerfen und bauen lassen können — wie das die italienische Fabrikantenfamilie Brion in San Vito, nördlich von Treviso in der Region Venetien gelegen, getan hat. Der Entwurf dieser zweitausend Quadratmeter großen Anlage am Rande des kleinen Dorffriedhofes stammt von Carlo Scarpa und ist sein letztes (bis 1976) zu Ende geführtes Werk. Hier wird, so meine ich, deutlich, daß sogar eine so sakrale Angelegenheit wie ein Friedhof — auch in Beton — unpathetische Würde ausstrahlen kann.


* Dolf Schnebli, Gestaltung von Betonbauten, in: Bauen in Beton, Zeitschrift für Architektur, Internationale Beispiele für zeitgemässes Bauen in Beton, Zürich 1986, S. 3

Angeregt zu diesem Zementausflug wurde ich Mitte der achtziger Jahre von Klaus Kinold, der die neue Zeitschrift gegründet hatte und die nach wie vor existiert: Bauen in Beton • Construire en béton, wenn auch unter neuer Regie. Zwar ist das Blatt neu gestaltet, aber die Inhalte mit umfassenden Aufsätzen und internationalen (Bild-)Beispielen wurde beibehalten. Es kann bei cemsuisse kostenlos bezogen werden.

 
So, 31.01.2010 |  link | (6467) | 18 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Form und Sinn


genova68   (31.01.10, 17:51)   (link)  
Ein wertvoller Vortrag, wie ich finde, eine interessante Zusammenstellung, die man natürlich vielfach variieren könnte. Ich möchte nur ganz klugscheißerisch anmerken, dass das Abraxas-Ensemble meines Wissens nicht bei Versailles steht, sondern rund 20 Kilometer östlich von Paris, in Marne-la-Vallée. Diese Architektur hat jedenfalls nicht dafür gesorgt, dass aus den Sozialbauten KEINE Problemgetthos werden. Ich war dort vor ein paar Jahren und wurde von der Polizei hinauseskortiert, weil die nach eigener Aussage meine Sicherheit dort nicht garantieren konnte - an einem sonnigen Freitag Nachmittag.


jean stubenzweig   (31.01.10, 23:24)   (link)  
Unter «klugscheißerisch»
verstehe ich nun wahrlich etwas anderes. Sie haben nichts anderes getan, als berechtigt korrigiert. Man weiß schließlich, wie gerne abgeschrieben wird. Deshalb werde ich es wohl besser ändern.

Ich hatte es südlich von Paris in Erinnerung, weshalb ich das auch so stehenlassen bzw. nicht mehr überprüft habe. Aber es ist wohl auch zu lange her, daß ich dieses Monstrum zu Gesicht bekommen habe (wie ich mich grundsätzlich ungern zu etwas äußere, das mir nicht persönlich bekannt ist, es denn, die Quelle ist – nach meinen Kriterien – absolut zuverlässig). Damals war es noch recht «sauber», wenn auch zu erwarten war, wie es kommen würde und Sie es nun bestätigt haben.

Mir scheint das allerdings als ein typisch französisches Problem. Zwar ist der Mut zum Experimentellen – das in Frankreich allzuoft im (ohnehin geliebten) Kitsch landet – wohllöblich, aber es steht eigentlich immer von vornherein fest, mit welchen Menschen da experimentiert wird. Ich kenne kaum ein zeitgenössisches Siedlungsprojekt, das mag durchaus ein formalästhetisch gelungeneres sein, das nicht mit Beur sowie anderen des «unteren» Randes der Gesellschaft, die also meist irgendwie mit Afrika verwandt sind, vollgestopft wird; ich gehe davon aus, daß das bei Bofills traumhafter Architektur ebenso der Fall ist. Das liegt eben an der Analogie der Randlagen. Die Ausgegrenzten haben, weit mehr noch als die Gelangweilten, zudem kein Interesse an dem, das sie umgibt, sondern andere Sorgen. Zu irgendwelchen geistigen Höhenflügen von Planern fehlt ihnen verständlicherweise jeder Bezug.

Man weiß, daß ein Ghetto entstehen wird, kann sich aber immer darauf berufen, etwas getan zu haben. Ich erinnere mich (geographisch) dunkel an einen relativ kleinen Satellit irgendwo in der südlichen Bourgogne, der mich seiner Architektur wegen eigentlich erhellte, bei dem aber relativ kurz nach Bezug durch Klein-Afrika sich bereits abzeichnete, daß es besser sein würde, ein Jahr später ohne den Begleitschutz durch Anwohner sich dort nicht mehr hineinzubegeben. Heteregonität ist im französischen Sozialbau sehr viel weniger erwünscht als in Deutschland. Égalité ist eine Phrase; wobei nicht vergessen werden darf, daß diese Gleichheit sich ohnehin nur auf die Gerichtsbarkeit bezieht. Erwähnenswert dürfte auch noch sein, daß Deutschland ein vergleichsweise geringes «Ausländerproblem» hat. Aber wem erzähle ich das ...


plautze   (01.02.10, 22:35)   (link)  
Ich würde obiges Bild gerne abwerben wollen, wenn Sie nichts dagegen haben und es aus Ihrem ursprünglichen Fundus stammt...


jean stubenzweig   (01.02.10, 22:57)   (link)  
Gerne dürfen Sie.
Es ist allerdings leicht beschnitten – und im Original farbig, wenn das auch kaum zu sehen ist, da die Witterung bereits schwarz-weiß anzeigte. Ich habe davon noch ein weiteres brauchbares, beide mit sehr viel höherer Auflösung.


plautze   (03.02.10, 17:16)   (link)  
Na, dann kleben Sie das rein - ich würde mich freuen. Wie's geht wissen Sie ja... :o)


jean stubenzweig   (03.02.10, 23:14)   (link)  
Ach so, ach ja,
dann habe ich mal wieder was nicht begriffen. – Ich klebe es später rein, ins Großfamilienalbum der Schwarz-weiß-Malerei.


monopixel   (02.02.10, 07:23)   (link)  
Vielen Dank für das Plädoyer. Jedem Beton-Kritiker sollte man raten, eine Reise durchs Tessin zu machen und dabei die von Ihnen bereits genannten Bauwerke sich anschauen, wie sie sich in die steinige Landschaft einpassen und vielmehr auch eine Großzügigkeit im Innenraum der Landschaft wieder zurückgeben. Und auch das von Ihnen angesprochene spannende und schöne(!) Wechselspiel zwischen Alt und Neu ist beachtlich.
Gerne hätten Sie auch noch das Museum La Congiunta von Peter Märkli und Stefan Bellwalder nennen können. Oder auch Valerio Olgiati mit dem Nationalparkzentrum in Zernez, das Atelierhaus Bardill in Scharans und das Haus K&N in Wollerau. Oder auch das Letzigrund-Architekten von Bétrix und Consolacio. Es gibt derweil viele Beispiel.
Aber vielleicht springen die meisten Leute auf das wahrscheinlich berühmteste Einfamilienhaus am ehesten an: Falling Water von Frank Lloyd Wright. Ohne Beton wäre die Realisierung doch wohl kaum möglich gewesen.
Ich halte mich an den Slogan des Fachverbands Beton:
"Beton - Es kommt darauf an was man daraus macht!"


teutobrecht   (02.02.10, 09:56)   (link)  
Die ersten beiden groesseren Bauten, die Arata Isozaki ueberhaupt gebaut hat, stehen in Oita, gebaut vor 50 Jahren: eine Bibliothek und die sog. Medical Hall, ausgefuehrt in Beton. Als er sie baute, galt er als verrueckt, und heute, da er zu gut im geschaeft ist, will er selbst damit moeglicherweise nichts mehr zu tun haben. Von der Bibliothek ist im Internet nicht einmal ein Bild zu finden, das andere Gebaeude ist aber noch nicht ganz verschollen: unter "Isozaki Oita Medical Hall" googeln. Dass auch solche Betonbauten leben, altern, sich mit einer Patina ueberziehen ... (freilich auch dem Regen so manches Loechlein oeffnen), das ist es vor allem, was mir als blutigem Laien an diesen Gebaeuden. Meine Beurteilungspraedikate entstammen dabei, wie ich gerade merke, eher dem Umfeld der Teezeremonie, des wabi-sabi-Denkens usw.
MfG
G. Schoenbauer


jean stubenzweig   (02.02.10, 13:35)   (link)  
Variieren könnte man
das vielfach, wie Genova das oben bereits anmerkte, und nicht nur im Tessin, wo es allerdings, da gebe ich Ihnen, Monopixel, absolut recht, besonders gelungene Beispiele gibt, aber eben auch anderswo, besser: allüberall.

Was die meisten Menschen sehen, wenn sie's überhaupt tun, ist durchweg das, was ihnen mißfällt. Die Gründe dafür habe ich mehr oder minder umfassend angeführt. Den einen oder anderen Solitär nimmt man wahr, da tragen auch die Medien dazu bei, wenn's mal wieder ein bißchen schief an den Wolken kratzt oder über die Kostensteigerung eines spektakulären Konzertsaals berichtet wird. Nicht anders verhält es sich mit den Ikonen der Architektur. Da schaut man auch schon mal genauer hin, etwa so, als wäre es eine Filmschönheit aus der guten alten Zeit.

Ansonsten wird geschimpft. Da kann man Verständnis für aufbringen, darf sich aber auch ärgern angesichts der Tatsache, daß ganze Seiten damit prall gefüllt werden, wenn's um die Getaltung des Automobilchens geht, bei dem niemand auch nur annähernd das Baumaterial anzweifelt, beim Immobilchen aber sehr wohl. Bei letzterem wird der Beton, dessen man sich vermutlich schämt, romantizistisch zugehängt mit ein Zentimeter dünnen Plättchen aus «Naturstein». Was aber nicht heißt, daß das Fahrzeug, in dem man sich ja ebenfalls ständig aufhält (und sei es im Stau stehend), mit einer Verkleidung aus Furnier beklebt würde.

Nichts gegen Häuser aus Holz oder Lehm, in denen sich wohl leben läßt, aber bei leichten Extravaganzen, vor allem bei Massenbehausungen wird's schwierig. Zum letztgenannten habe ich beispielsweise in Mali mehrstöckige Häuser gesehen, aber auch dort wird das Material längst denkmalerisch betrachtet und dürfte, nicht nur wirtschaftlich, kaum mehr zu handhaben sein. Zudem ist man jenseits von Afrika doch anderen klimatischen Bedingungen ausgesetzt, so daß man doch besser auf den Beton zurückgreift, bei dem es, Sie sagen es, lediglich darauf ankommt, was man daraus macht.


jean stubenzweig   (03.02.10, 02:52)   (link)  
Das genannte Gebäude
von Arata Isozaki, werter Teutobrecht, habe ich nicht gefunden, jedenfalls nicht wie erwähnt, also das, was nach der Zeit vor fünfzig Jahren aussehen könnte.

Halt. Nach langem Suchen* ist die Medical Hall in Oita nun doch aufgetaucht. Ja, das sieht auch spekatakulär, aber nicht unbedingt beglückend aus. Doch hier dürfte es eher die etwas pubertär wirkende oder wie auch immer zu nennende Form sein – zu der er nicht mehr stehen mag wie der Pennäler zu seinem Liebesgedicht? –, die Ihnen mißfällt (mich berauscht das auch nicht, aber ein Bild alleine dürfte nicht ausreichen zur Beurteilung). Ein heutiger schlechter baulicher Zustand könnte allerdings der mangelhaften Pflege zuzuschreiben sein, aber durchaus auch während der Errichtung bereits eingebauter Mängel. Daran muß wahrlich nicht der Architekt schuld sein. Die Erfahrung schiebt sie eher den ausführenden Baufirmen zu, nicht nur in der Zeit der sechziger Jahre. Dafür gibt es auch danach allüberall Beispiele ohne Ende. Das Olympiadorf in München oder die Ruhr-Universität in Bochum hatte ich erwähnt. Da muß dann eben repariert werden, was oftmals nicht gut ausgeht.

Nun ja, die Beurteilungskriterien der Teezeremonie bei städtischer Großarchitektur anzuwenden, ist tatsächlich leicht problematisch. Ich würde da vermutlich aber auch nicht einziehen bzw. mich behandeln lassen wollen. Andererseits – wer weiß, wie's da drinnen aussieht? Ich bin da vorsichtig geworden nach meinen Erfahrungen mit Häusern, die von außen häßlich auf mich wirken. Aber das Äußere kann ich ohnehin schlecht beurteilen, weil mir die japanische Kultur zu fremd ist. Wer weiß, vielleicht ist das ja eine landestypische postfuturistische Anspielung. Fragen Sie doch bitte mal nach. Interessieren täte mich das durchaus.


* Ich guckle übrigens nicht, ich suche, es gibt ja noch andere als diesen Moloch, um den auch ich zugestandenermaßen nicht drumrumkomme, was es noch ärgerlicher macht. Es ist aber auch ein Ärgernis. Immer wieder fehlen genauere Angaben, nicht nur, aber besonders gerne bei der Architektur-Photographie. Hauptsache, es sieht spektakulär aus. Was drinnen ist in der Wurscht ist ohnehin wurscht. Manchmal widert mich diese Internet-Oberflächlichkeit an. Na gut, früher hat man Tage oder auch schonmal Wochen in Bibliotheken und Buchhandlungen verbracht; ein bißchen weine ich dem (pharisäerisch) durchaus nach.

So, das mußte unbedingt raus. Und wo, wenn nicht hier bei Mozzje Stubenzweig. Mozz wollte ich in den siebziger Jahren, als ich noch öffentlich-rechtlich war und der Computer noch in den Windeln der Wissenschaft lag, mal eine zu gründende Zeitschrift nennen, die Beiträge zum Inhalt habe sollte, die, aus welchen Gründen auch immer, in die Papierkörbe der Redaktionsstuben versenkt worden waren. Es kam über anfängliche Versuche nicht hinaus, da ich rasch merkte, daß kaum jemanden interessiert, was niemanden zu interessieren hat. Irgendwie scheinen sich die Zeiten dann doch nicht so entscheidend geändert zu haben. Bis auf die Tatsache vielleicht, daß man heute wenigstens fündig werden kann, wenn man Zeit und Lust hat – gleichwohl der Begriff des Motzens oder Mozzens den meisten, wenn auch durchaus amüsant, ohnehin anderes bedeutet.



genova68   (03.02.10, 09:20)   (link)  
Die Zeitschrift heißt jetzt Motz
und ist ein Obdachlosenprojekt aus Berlin :-)

Das mit der Oberflächlichkeit des Internet in Bezug auf Architektur, stimmt. Es geht bei den vielen Fotos nur noch um Fassade, und die guten Fotos kriegt man im Internet nicht, weil die Fotografen ihr Material nicht kostenlos verschleudern.

Mali würde mich interessieren, auch architektonisch. Nur, falls Sie mit dem Gedanken spielen, dazu etwas zu schreiben.


jean stubenzweig   (03.02.10, 12:16)   (link)  
Eine gewisse Komik
hat das. Eine Architektur-Zeitschrift für Obdachlose, vielleicht sponsored by the industry of Draußen vor der Tür, das wäre dann der nächste Schritt (in die humane Mediengesellschaft [mediale Humangesellschaft?]).

Daß der Mensch seine Arbeit nicht unter Wert verkaufen oder gar verschenken möchte, dafür habe ich größtes Verständnis. Doch ob Architekturphotographen mit ihren im Verborgenen blühenden Archiven heutzutage grundsätzlich Geld verdienen, daran habe ich meine Zweifel. Ein paar wenige sicherlich. Aber das große Gros dürfte ebenfalls von der Hoffnung leben, es könnte eines Tages en detail doch noch etwas gehen. Die Billiganbieter von Honoraren sind wohl doch in der Überzahl. Es gibt durchaus ein paar wenige gute im netten Netz, die ihre Arbeit wenigstens präsentieren, auf die man, sachbezogen und ordentlich zitierend, ansatzweise verweisen kann. Das wäre dann (vielleicht) ein bißchen Werbung. Allerdings findet man meistens das, das man eben gerade nicht sucht.

Mali, ach du meine Güte. Da müßte ich auf in eine Erinnerung zurückzugreifen versuchen, die vor Beginn unserer Zeitrechnung liegt. Aber in letzter Zeit gelingen mir ja immer häufiger solche altersartistischen Leistungen. Ich versuche mal, darüber nachzudenken, ob ich da nochwas zusammenbringe.


genova68   (04.02.10, 09:06)   (link)  
Bei den Architekturfotografen
ist es wohl wie überall mittlerweile: Die Spitze verdient sehr gut, der Rest wohl nicht. Leute wie Christian Richters aber haben ein kleines Imperium aufgebaut, an denen kommt keiner vorbei.

Mali, ja tun Sie sich meinetwegen keinen Zwang an, das Land interessiert mich jedenfalls schon eine halbe Ewigkeit, weil es sich, was Zivilität angeht, abhebt vom Umfeld, soweit ich das beurteilen kann. Und mich interessieren würde, woran das liegt.


jean stubenzweig   (04.02.10, 16:03)   (link)  
Bei Christian Richters
wie auch auch bei anderen kommen mir die scheinbaren Nebensächlichkeiten zu kurz. Photographie der Glanzlichter ist das letzten Endes, wie meistens die abgelichtete Architektur selbst. Aber darunter habe ich schon immer ein wenig gelitten. Wäre ich ein guter Photograph, der mehr könnte als nur knipsen, ich würde mich um den Alltag bemühen, mehr Umgebung durch Zusammenhänge schaffen, ein bißchen in diese Richtung. Davon habe ich, seit ich wieder knipse (wenn auch nur, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, weil ich keine Kamera herumschleppen will), mittlerweile ein Kartönchen voll; nur heißt das heute anders, man muß nicht mehr so viel wegschmeißen.

Mali und Hintergründe – das wird wohl nichts. Es ist zu lange her, als daß ich Fundiertes dazu sagen könnte.


teutobrecht   (05.02.10, 10:49)   (link)  
Nachtrag zur Medical Hall von Oita
... gern erkundige ich mich, ob und ggf. welche landestypische postfuturistische Anspielungen da verbaut wurden, was aber auf die Schnelle nicht zu machen ist.
Wahrscheinlich haben Sie ja recht, dass das Gebaeude mit dem ersten Liebesgedicht eines Pennaelers vergleichbar sein koennte. Habe hier einen schoenen, Isozaki gewidmeten Bildband "The Japan Architekt 12" vor mir liegen, in dem diese ersten Bauten mit keinem Wort erwaehnt sind. Der Gute war ja damals noch keine 30 Jahre alt und sein Chef/Doktorvater (Tange) mit den Planungen der Tokyoter Olympia-Bauten befasst.
Hatte das ganze ja vor vielen Jahren selber photographiert, nur weiss niemand, wo die Bilder sein koennten. In meinem Leben ueberwiegt ja auch das Private, und da kann solcher Schwund schon mal passieren.
Gruss
Guenter Schoenbauer


charon   (03.02.10, 20:16)   (link)  
beruht ein grosser teil der betonkritik nicht auf dem missverstaendnis, dass die kritik an der unwirtlichkeit unserer staedte - eine kritik, der ich mich auch vierzig jahre spaeter noch gerne anschliesse - sich nicht an einem baumaterial festmacht, sondern an den oekonomischen und sozialen bedingungen unseres bauens?


jean stubenzweig   (04.02.10, 05:59)   (link)  
Da könnte was
dran sein. Wobei wir allerdings wieder bei den Besitzverhältnissen wären. Als Beispiel hatte ich ja den Münchner Abel-Plan erwähnt, auf den Winfried Nerdinger mich aufmerksam gemacht hatte. Ich gehe davon aus, daß eine Verwirklichung – bei sachgemäßer Ausführung – positiver ausgefallen wäre als die heutige Umgebung, für dessen Zentrum Kaufingerstraße (Schnee, und das erst kürzlich) mir als die geeignete Metapher erscheint – auch wenn der Name dieser wirklich üblen Shopping Mall, gegen die die Mönckebergstraße sich geradezu dezent (und ehrlicher obendrein) ausnimmt, historischere Rechte hat, als er zu assoziieren vermag. Daß hier, mit wenigen Ausnahmen, am Ende des Kauftunnels nichts ist als beschönigendes Fassadenlicht, das den anderswo kritisierten Beton ummantelt, wird nicht weiter wahrgenommen. Womit wir bei dem angelangt wären, was die meisten eben nicht interessiert: die Wirklichkeit. Die von Mitscherlich benannte Unwirtlichkeit der Städte ist eben unter anderem auf diese Verantwortungslosigkeit zurückzuführen, die jeder Gastlichkeit den Garaus gemacht hat. Das könnte tatsächlich jener Beton sein, der nach rein profitorientierten Kriterien hochgehäuft wurde und den die meisten im Blick haben. Dort, wo er geschönt verblendet ist, sieht man ihn ja nicht.

Sicherlich darf nicht vergessen werden, daß Deutschland platt war und die spätere Bundesrepublik (auch nach außen, weil's innen immer enger und teurer wurde) möglichst rasch Wohnraum benötigte, auch, daß solche Faktoren die Fehlerquote zwangsläufig erhöhten, erhöhen mußten, weil vogelwild an jeder durchdachten Struktur (bewußt) vorbeigeplant wurde. Auch dürfte keineswegs belegt sein, daß städteplanerische sowie architektonische Erkenntnisse der dreißiger in die fünziger und sechziger Jahre hinein allseligmachend gewesen wären. Dessen ungeachtet mochte manch einer früher und heutzutage noch viel mehr am liebsten jedes Wohnhaus von Le Corbusier oder anderen Architekten durch eine gezielt künstlerische Auftürmung ersetzt wissen. Daß die ebenfalls aus Beton besteht (es kommt darauf an, was man daraus macht), anders gar nicht möglich wäre, das wird hinter die aufgemalte Lieblichkeit verdrängt – aber Minarette verbieten wollen.

Ich muß es, wie schon so oft auch in anderen Zusammenhängen geäußert, überwiegend auf curriculare Versäumnisse zurückführen, die mir irreparabel erscheinen: es hat meines Erachtens vor allem im Deutschland der zweiten Nachkriegszeit immer an ästhetischer Schulung gemangelt. Im klaren darüber bin ich mir nicht, ob kein Bedarf bestand oder ob man die Moderne nur dort zum Zug kommen lassen wollte, wo sie gewinnbringend eingesetzt werden konnte; andererseits hat man sie ja auch bald dahingehend ersetzt, indem die Post modern gebaut hat. In der konsequenten Folge wären wir dann im heutigen Kladderadatsch angelangt, der den Menschen aufgrund anderer Nöte oder auch Bedürfnisse noch mehr den Blick auf Wirklichkeiten verstellt und sie sich deshalb nach Heimeligem sehnen. Ein paar wenige versuchen, das Banner aufklärerischer Gedanken auf den Trümmern der zweiten Zerstörung eines Landes zu hissen. Einer hat sich hier bereits geäußert; bei sich zuhause tut er das ständig, unter anderem zu Alexander Mitscherlich. Erwähnenswert – sicherlich unter weiteren – erscheint mir auch die Seite Aisthesis. Dem einen oder anderen mag das zu theorielastig zu sein. Aber möglicherweise ist genau das das Problem, daß viele die Wirklichkeit vor lauter Beton nicht sehen, weil ihnen niemand beigebracht hat, durch Erkennen zu unterscheiden.

Sie sind immer so anregend (bis zur Logorrhoe). Und mich beschämend erinnern Sie mich daran, daß ich das Buch vielleicht doch mal wieder lesen sollte. Immerhin fault es nicht in einem der vielen Kartons irgendwo vor sich hin, sondern hat es tatsächlich ins Regal geschafft, quasi allzeit bereit. Wahrscheinlich wußte es, daß da jemand kommen würde, der darauf aufmerksam macht ...


charon   (04.02.10, 09:25)   (link)  
wie sie wissen, laeuft der gang der dinge bei mir zur zeit in die andere richtung. beim allmaehlichen verpacken meiner habe in kartons stosse ich fortwaehrend auf texte, buecher, photos etc., die ganze stroeme an erinnerungen ins fliessen bringen. manchmal beisst man sich dann fest und faengt an zu lesen bis der hahn kraeht.

danke fuer die hinweis auf aisthesis.

















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