Mein (verlorener) Kampf

Als noch nicht die ganze Welt im Zwischennetz gefangen war.

Angeregt durch eine Anmerkung von Herrn Nnier zu diesen Jahres war ich archäologisch tätig geworden und bin während meiner tiefschürfenden Forschung nach der Vergangenheit von Sprache über ein paar Bruchstücke meiner eigenen gefallen: Ich war als Junge für alles über längere Zeit unter anderem als Lektor oder auch Redaktor tätig, und etwa fünfzehn Jahre später war ich von der sich zusehends verlängernden und erweiternden Sprachpotenz immer jünger werdenden Autorinnnen und Autoren derartig überwältigt, daß ich begann, Rundbriefe an die Autorenschaft zu versenden. Es war ein leichtes, das Internet hatte gesiegt. Weshalb ich es auch bald wieder aufgab, an die Liebe zur Sprache zu appellieren; mittlerweile bin sogar ich selbst völlig verschludert und zerlumpt. Hier also für Liebhaber des Schmunzelns über Puristereien ein paar Tonscherben aus den (Un-)Tiefen einer verlorenen Liebe. Um den Trümmerhaufen nicht überhand nehmen zu lassen, greife ich als «Sprachpfleger» (so wurde früher im Bayerischen Rundfunk der Blockwart mit dem Rotstift genannt) nach und nach in die Güllegrube.


Ein Nadelöhr für das Autorenkamel

Stand: 07.10.2001 9:21

Zur (hausorthographischen) rechten Schreibung und typographischen Formatung et vice versa ein Vademecum, andere würden einen Cicerone bemühen — mit einer Anmoderation von Albrecht Fabri:
«Erörterung ist Komplement, und nur doch dem Inkompletten gegenüber hat das Komplement eine Funktion; auch das wiederum drückt sich im Sprachgebrauch aus. Die französische Redewendung ›trouver à dire à quelque chose‹ besagt soviel wie: eine Sache unzulänglich, an einer Sache etwas auszusetzen finden.

Literaturfähig ist erst der Gedanke, den man über dem Schreiben entdeckt, nicht der Gedanke, welcher ein Resultat ist des Satzes, nicht der Satz, welcher ein Resultat ist des Gedankens.

Der Ausdruck ‹minutiöse Kritik› ist nicht mehr als ein Pleonasmus.»
Aus: Zur Theorie der Kritik, aica-Schriften zur Kunstkritik, Bd. 10, Köln 2000


Es gilt grundsätzlich die alte Rechtschreibung, auch in Groß-Kleinschreibung sowie Interpunktion. Veränderungen in unserer Hausorthographie werden (wenn überhaupt) schrittweise vorgenommen, um im Lauf der Zeit eine sinnvolle (was auch immer das sei) Annäherung an neue (?) Standards zu erreichen.

• Auf jeden Fall völlig unsinnig ist, genauer: jeder angestrebten Vereinfachung zuwider läuft die neue Regelung ß/ss. Deshalb haben wir — auch, um andersprachigen Publizisten das Zitieren zu erleichtern und ihnen die Quälerei des ß abzunehmen (allein die Suche auf der Tastatur!) — dieses ß zur Gänze getilgt. Es gilt also grundsätzlich das Doppel-ss, auch wenn drei hintereinander stehen wie bei ‹Genusssucht›. Wen(n) es zu arg schmerzt, dann ist auch ein Bindestrich zulässig (was, in ihrer Wankelmütigkeit, sogar die Neudeutsch-Kommission «empfiehlt»), etwa: Genuss-Sucht. Nicht vorenthalten werden soll ein Leserbrief der Süddeutschen Zeitung vom 1. September 2000. Hans Joachim von Hopffgarten aus Homberg merkt an:
«Mir ist keine europäische Sprache bekannt, in der in einem Wort drei gleiche Konsonanten, wie jetzt in Schifffahrt oder Betttuch, folgen. Ich kann daher eine Reihe von Autoren verstehen, die in ihren Werken diese bildliche Schriftentstellung der Reformer nicht mittragen wollen.»

Der neueste Stand am 17. Oktober 2001: Nach vielfacher und erheblicher (berechtigter) Kritik an der neududendeutschen ß/ss-Schreibung haben wir unserer oben beschriebenen hausorthographischen Variante den Garaus gemacht. Völlig zu Recht entgegnet S. D. Sauerbier (stellvertretend für viele), wir müßten schließlich die Schreibweisen anderer Sprachen auch akzeptieren; und wer, wie der Erstleser, die französischen Accent aigu, Accent grave et circonflexe diese Sprache für die der Liebe schlechthin hält, kann dem, wenn auch mit allem möglichen knirschend, nur zustimmen. Also: aus ist's mit der Spaß-Sucht oder des Spaßes Sucht nach noch mehr s wie Spasssucht, es heißt wieder wunderbar schlicht Spaßsucht. Mit sofortiger Wirkung kommt das gute alte ß wieder in den Produktionsablauf zurück.

Mit sofortiger Wirkung getilgt ist auch die nachfolgende Regieanweisung:

«Voll der Widersprüche in uns haben wir eine Konzession an die Kommission gemacht: Aus der Phantasie machen wir den fantasielosen Elefanten.» Der Elephant erhält seine Phantasie zurück!

• Städte- bzw. Ländernamen sind Eigennamen und werden bei uns entsprechend respektvoll behandelt, also nicht, wie mittlerweile üblich, Romplakat, sondern Rom-Plakat, nicht Frankreichurlaub, sondern Frankreich-Urlaub; bei einem solchen denkt man auch sehr viel eher an die 13,5 Prozent eines 89er Chateau Laroque Grand Cru von Alexis Lichine aus Saint Christophe an den St.-Emilion-Côtes (wo man 1996 zum Grand cru classé aufgewertet wurde); überdies dient es auch einer besseren Lesbarkeit (um die es der von einem Massen-Chianti beseelten Neudeutsch-Kommission ja angeblich geht, der durch die Sozialkanailleisation gepumpt wurde).

• Eigennamen: Hierbei ist unbedingt darauf zu achten, daß die jeweiligen Akzente (s. o.) eingehalten werden; ausgenommen bei Namen von Personen, die selbst einer international besseren Lesart wegen ausdrücklich darauf verzichten. In keinem Fall darf geschehen, was im (eigentlich — zumindest annähernd — deutschsprachigen) Österreichischen Fernsehen und mittlerweile auch in unserem Privat-TV üblich ist und vermutlich mit einer nachgerade überzeugungstäterischen dämlichen Ehrfurcht der österreichischen Sportreporter vor den US-amerikanischen Kommentatoren bzw. deren Unfähigkeit einhergeht, Umlaute zu sprechen, da sind: Hakkinen statt Häkkinen (andererseits und seltsam: do you häve enough money geht doch auch). Also, denn wir haben schon genug Germslang (so Hans Pfitzinger in der Guten Alten Zeit des Laubacher Feuilleton): entweder deutsh oder inglish.

Hierzu auch eine Strophe aus einem der pointiertesten Poeme, die der Erstleser gelesen hat, seit er lesen kann. Claus Koch, dieser von der Süddeutschen Zeitung acht- und ziellos über Bord geschmissene Rettungsring für eine vom Absaufen bedrohte (Schreib-) Kultur, meinte in seinem brillanten Essay Der Inländer:
«Wer mehrere Sprachen spricht, wird sich schwerlich als Inländer seines Landes eingeengt fühlen. Weil er das Glück hat, weniger Identität zu besitzen, kann er sich besser amüsieren, wo es auch sei. Aber es ist nun einmal so, daß die Mehrheit der Inländer in allen Ländern keine Fremdsprachen beherrscht und daß die Zahl der Sprachkundigen trotz der gewaltigen Reiserei nur wenig zunimmt. Das Englische zählt dabei nicht. Denn wenn es auch von sehr vielen benutzt wird, so doch nicht als eine Sprache, sondern als eine vorzivilisatorische Verständigungstechnik, mit der man wenig versteht. Keine Sprache wird ja so sehr mißhandelt wie das Englische von den unzähligen Ausländern, die in ihrer Unverschämtheit meinen, sie seien dadurch nicht so inländisch.»

Fortsetzung folgt (eventuell).
 
So, 17.10.2010 |  link | (5756) | 36 K | Ihr Kommentar | abgelegt: lingua franca


jean stubenzweig   (17.10.10, 19:20)   (link)  
Albrecht Fabri: Boutade
« ‹Boutade› nennt man diese Art von Ausspruch im Französischen: ein Wort, für das wir im Deutschen kein Äquivalent haben. Saillie d'esprit et d'humeur definiert es der Dictionnaire der Académie françalse; der Dictionnalre von Littré sagt: saillie d'esprit ou d'humeur. Aber der humeur ist nicht ad libitum in der Boutade, sondern ihr Prinzip und Motor. Eine Boutade ist ein Ventil, durch das sich eine Irritation Luft macht. Daher das Element Rabelais und Münchhausen in ihr: eine Boutade ist hyperbolisch oder überhaupt nicht; sie will abstoßen, provozieren, ihrem Autor Feinde machen; an der Boutade erkennen und scheiden sich die Geister. Darum auch gibt es keine Antwort auf eine Boutade. Eine Boutade ist kein Wort, sondern eine Art von militärischem Signal. Sie ruft gleichsam zu den Waffen; sie zwingt, Positionen zu beziehen; ist man betroffen von ihr, bleibt einem nur, sich drüber zu ärgern; ist man unbeteiligt, mag man sich dran ergötzen.
A. F., Der schmutzige Daumen [1948]. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000, S. 135 f.

Schmidtiomanie



jean stubenzweig   (21.10.10, 16:17)   (link)  
Sprachverunfallungen
Lieber Herr Maier-Müller,
ich bedanke mich für Ihren inspirierenden, ja schönen Text. Ich habe mir allerdings erlaubt, den sprachlichen Unsinn vor Ort direkt am hiesigen Ort zu ändern — Wollen Sie (wie andere Autoren mittlerweile ebenfalls im Übermaß) alle Welt unter Tage schicken? Denn nichts anderes bedeutet dieser — vom ehemaligen Ersten Bürgermeister zu Hamburg zur Flutkatastrophe der sechziger Jahre in die Sprache der Unkenntnis eingeführten und von, dem Neuen gegenüber immer aufgeschlossenen, Journalisten begierig aufgenommenen (in letzter Zeit extrem seit dem ICE-Unglück von Eschede) — aber eben aus dem Bergbau stammenden Begriff!!! Wie machen wir's zu unserer nächsten Verabredung in Ihrem Haus? Soll ich dann vor Ort warten? Oder sollte ich doch besser eintreten?

Man muß ja nicht jede sprachliche Verfehlung nachplappern, die, einem Virus gleich, über die Menschheit kommt,. Deshalb gestattet sich die Redaktion auch in Zukunft, solcherlei Äußerungen wieder der deutschen Sprache zuzuführen.

Um beim Thema Sprachmoden zu bleiben, möchte ich aus dem geschätzten Streiflicht der Süddeutschen Zeitung vom 8. Januar 1999 zitieren:

«Eines der von Helmut Kohl so oft mit Recht gerügten Hamburger Wochenblätter kündigt wieder einmal die Antwort auf eine jener Fragen an, die außer bleichgesichtigen Alster-Redakteuren niemand stellt. ‹Warum katholische Mädchen am häufigsten Sex haben›, heißt es da. Gewiß, die Verbindung der Worte [hier irrt der Streiflicht-Autor, denn es muß — richtig — ‹Wörter› heißen; Anm. des Sprachpflegers] ‹katholisch›, ‹Mädchen› und ‹Sex› sichert Aufmerksamkeit auch beim intellektuellen Leser. Der aber kommt zu dem Schluß, daß man zwar alles mögliche ‹haben› kann, zum Beispiel die Grippe oder, unglücklicherweise, ein Abonnement der Woche. Aber Sex kann man nicht haben, es sei denn, man ist Amerikaner, und dann sagt man: ‹I have sex twice a day›, was grammatikalisch richtig, dafür aber gelogen ist. Wer jedoch als Deutscher sagt oder schreibt, jemand, und sei es ein katholisches Mädchen, habe Sex, der stammelt die wörtliche Übersetzung eines englischen Ausdrucks vor sich hin. Sex haben macht in unserer Sprache keinen Sinn, so wenig wie Sinn machen in unserer Sprache sinnvoll ist.»

Nun ja, letzteres ist zwar korrekt zurechtgewiesen, wohl aber auch wieder einmal die Frage, ob die Münchner immer alles besserwissen müssen, ob sie Kenntnis darüber haben, daß an der bleichgesichtigen Elbe nunmal sprachlich anglisiert wird, seit man eher in Richtung Insel blickt und lieber Tweed trägt als westfalisierten Trachtenjanker.

Bis zum nächsten Mal. Ich komme mit dem Auto und nicht mit der Bahn. Denn ich befürchte, daß die wieder um einen Brückenpfeiler nicht herumkommt und Feuerwehr und Rettungsdienst zwar schnell an der Verunfallungsstätte sein werden, aber eben vor dem Ort warten werden, bis eine Regierungseinweisungsanordnung erfolgt, nach der die Hilfskräfte zum Einsatz kommen dürfen. Dann hätte Ihr leidenschaftlicher in Küche und am Backofen keinen Sinn gemacht.

Es grüßt Sie mit allen gerade noch intakten Sinnen

Ihr Stubenzweig


Bitte keinen Kommentar direkt anschließen. Diese Fortsetzungsreihe möchte der sprachpflegende Chronist ggf. für weitere Anekdötchen aus der guten alten Zeit reserviert haben. Unten ist ja Raum genug für die Neuzeit.


jean stubenzweig   (22.10.10, 09:38)   (link)  
Momentum
«[...] Der Diplomat stammelt gern halb Ausländisch, was ihn in sprachästhetischer Hinsicht zu einer Kreuzung aus Jil Sander und Franz Josef Wagner macht.

Das jüngste Beispiel dafür ist die Erkenntnis, dass man in Mazedonien «das Momentum der positiven Chance» nutzen müsse. Den Satz hat Gerhard Schröder gesprochen, ausgedacht aber hat ihn sich Schröders außenpolitischer Berater Michael Steiner, ein Diplomat. Dafür spricht folgendes: 1) Momentum, zu Deutsch: Schwung, ist ein englisches Wort lateinischen Stamms, das es im Deutschen nicht gibt; 2) der Satz ist sinnlos; 3) Schröder kennt Momentum nur in der Bedeutung: ‹Momentum, Doris, ich ess’ noch schnell ’ne Currywurst.›

Leider ist die Geschichte damit nicht zu Ende. Des Kanzlers Worte haben in Deutschland unglücklicherweise sprachbildende Kraft. Schon am nächsten Tag nach Schröders Momentum verkündete auch eine eigentlich intelligente Sprecherin des Auswärtigen Amtes, dass es das Momentum auf dem Balkan zu nutzen gelte. Seitdem ist der scheußliche Begriff schon in dem einen oder anderen Artikel aufgetaucht, weil er irgendwie schick klingt. Bald werden Johannes B. Christiansen und Sabine Kerner im Fernsehen vom Momentum sprechen, und in ein paar Wochen sagt der Metzgerschädel Carsten Jancker dann, er habe den Ball mit Momentum ins Tor gedroschen. Oh weh. Man möchte mit Momentum vom Fernsehturm springen, aber vorher noch den öffentlichen Gebrauch jenes Wortes unter Androhung der vorläufigen Erschießung verbieten. Apropos verbieten: Gleiches gilt für alle, die immer noch Witze mit den Floskeln ‹ruhige Hand› oder ‹und das ist gut so› machen. Zuwiderhandelnde müssen in einem abgedunkelten Raum hundert Stunden lang Schröders ausgewählte Reden hören oder ersatzweise Klaus Wowereit heiraten.»


Süddeutsche Zeitung Nr. 189, Samstag, 18.8.2001, Seite 1, Das Streiflicht


jean stubenzweig   (22.10.10, 15:29)   (link)  
Grauenhaft greuliche Gräuel
«So sehr die Begegnung mit Theodor W. Adornos ‹Minima Moralia› nach 50 Jahren erstaunt und erfreut — nicht zuletzt durch die verständigen Kommentare, die alles anschaulich auf die Höhe der Gegenwart heben —, so befremdlich wirkt auf den Leser die Tatsache, dass die SZ sich nicht scheut, diese ja fast schon kanonischen Texte der Moderne ins Korsett des ‹Regelwerks› der Rechtschreibreform zu zwingen, mit der sie täglich den treuen Leser schockt.


Die ‹Gräuel› der Vergangenheit und der Gegenwart gehören zum Repertoire einer Tageszeitung, und man nimmt sie zähneknirschend hin. Aber nimmermehr hätte Adorno ‹platzieren› und ‹selbstständig› geschrieben. So viel Entfremdung war nie! Er kann sich ja nicht dagegen wehren. Möge sein rächender Geist als Gespenst nächtens den Schuldigen im Traum erscheinen! Der Umgang mit dem Text der ‹Minima Moralia› verdient das Prädikat ‹Summa arrogantia›! Leider!»

Ursula Flügler, Offenburg

Süddeutsche Zeitung Nr. 199 v. 30.08.01, S. 10, Leserbriefe

À propos Adorno:

Der Satz und seine Zeichen


Bitte keinen Kommentar direkt anschließen. Diese Fortsetzungsreihe möchte der sprachpflegende Chronist ggf. für weitere Anekdötchen aus der guten alten Zeit reserviert haben. Unten ist ja Raum genug für die Neuzeit.


jagothello   (18.10.10, 14:32)   (link)  
Hausortographie
kennen Schüler auch. Ich Spaßbremse nenne das dann immer "Fehler"!


jean stubenzweig   (18.10.10, 14:51)   (link)  
Ouf ! Schreck.
Nun habe ich aber schnell meine interne Suchmaschine anschmeißen müssen. Aber Veler hat sie glücklicherweise keinen gephunden.

Aber trotzdem brauche ich jetzt ein Erholungsnickerchen.


kopfschuetteln   (19.10.10, 19:34)   (link)  
bitte setzen sie unbedingt fort,
lieber herr stubenzweig.
Hausortographie: würdevoll und (nun ja, vielleicht heute als damals eher) schelmisch zugleich. das klingt einfach, im gegensatz zu einem "corporate irgendwas". wobei das irgendwas nicht nur für die verpackung sondern auch für dessen inhalt steht - auf einem anderen papier.


jean stubenzweig   (20.10.10, 07:29)   (link)  
Wie denn? Was denn?
Hat die Rechtschreibexpertensachkundigenfindungskommission dem Wörtchen am Ende, nein, mittendrin ein h genommen, das andere ihm aber gelassen und kein f daraus gedreht? Zum zweitenmal jetzt: Ortographie. Mir geht's bald wie weiland Rainer Candidus Barzel, der mal nicht mehr durchguckte, bei ihm war's ein Wahlergebnis, bei mir ist's diese Rehphorm.

Sprache hat ja irgendwie auch etwas mit sprechen zu tun. Ich weiß das, schließlich war ich mal aktives (also nie Rats-)Mitglied im Hör-, auch Rundfunk genannt. Ich habe die Sache mit dem Sprech-Tick mal in meinem Herbstgeflöte kurz angerissen. Aber nun bin ich während meiner kopfschüttelnd aufgeforderten archäologischen Weitergrabung auf eine von mir mit mehreren Ausrufezeichen versehene Notiz des seit den Siebzigern schon, also lange vor den vielsagenden Auftritten von dem Volkstribuns meinerseits überaus gerne gelesenen, aus unerfindlichen Gründen nur nicht so berühmt gewordenen Eike Christian Hirsch gestoßen. Der hat 2004, so lange ist das ja noch gar nicht her, seine – allerdings unerhörte (er wäre wohl besser auf die Bühne gegangen, anstatt einfach nur weiterhin Bücher für Besserdeutsch zu schreiben) – in meinen seit zehn Jahren (oder Jahrzehnten?) währenden, wenn auch längst verlorenen Kampf eingegriffen und folgende Botschaft hinterlassen:
Sehen wir uns einmal das Schicksal der West- und Süddeutschen an. Die sagen ja von Haus aus: «Das find isch rischtisch!» So etwa unser Exkanzler, der Pfälzer Kohl. Um ihre Schwäche auszugleichen, fallen diese Mitmenschen nun ins andere Extrem und sagen «richtikkk». Nein, leider nicht ganz richtig ohne das weiche ch am Ende, diese schöne deutsche Spezialität, die uns kaum ein Ausländer nachsprechen kann. Sie geht nun verloren. Statt dessen hören wir das harte k am Schluss. Um nun aber nicht wieder das Falsche nahezulegen, nenne ich jetzt ein paar Wörter, die alle dieses weiche ch haben: Mit dreißig ist ein König wenig wichtig. Ja, so hat's eigentlich mal geklungen, seidenweich. Aber selbst der hoch gebildete Badener Wolfgang Schäuble sagt: «Da sollten wir uns einick sein.»
Aus: Eike Christian Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch, Verlag C. H. Beck, München 2004, S. 107 – 110

Das gibt es mittlerweile sogar als Elektrobuch! Mir bringt das nichts, da ich zwar seit zwanzig Jahren auf Äpfeln herumhacke, mir aber so ein EiPäd mit seinen ganzen Apps mich technisch irgendwie verwirren oder gar voll down machen und ich EiTjuhns auch nicht als Orderprogramm, sondern allenfalls fürs Tralala oder meine Oblomowereien nutze. Da können noch so viele aufs Kind gekommene Autoren (die zu noch nicht so in die Pflicht genommenen Zeiten mal richtige Bücher geschrieben haben) freundliche elektrische Rundbriefe «mit frohgemuten Grüßen» schreiben:

«[...] nach mehrmonatigen Vorarbeiten sind sie ab heute endlich zu haben: unsere ersten Ridis!


kopfschuetteln   (20.10.10, 12:17)   (link)  
oh! und
ich hab es ohne h kopiert. rechtschreibaffin bin ich leider nicht. ambitioniert, aber nicht affin. schlimmer noch: eine hobby-legasthenikerin, hierinbei wieder ohne ambitionen.

ah danke!
diesen „sprachpfleger“ kannte ich noch nicht. den volkstribun schon und den herrn wolf schneider, der immer sagt: substantive sind die leuchttürme, kleinschreibung ausgeschlossen oder so ähnlich. recht hat er, sage ich (bei mir leuchtet nichts, ich darf also alles und jeden gleich behandelnd schreiben. aber klein schreiben will ich niemanden, im grunde genommen, am wenigsten die sprachpfleger. oftmals überlegte ich, zur alten recht-schreibung zurückzukehren, bedauerlicherweise fehlt mir einfach der richtige landepunkt.

es mag ja sein, dass man auf der bühne nicht unerhört bleibt, aber die leute nehmen oft das komische nicht ernst genug. leider, vielleicht. vielleicht denke ich das auch nur, weil ja u(nterhaltung) und e(rnsthaftes oder anspruchvolles) hierzulande so schön wie genau getrennt wird.

Ridis? ich fürchte, der zusammenhang fehlt mir. oder ging es um die apps? darfs noch ein app mehr sein? mit dem „EiTjuhns“ geht’s mir ähnlich wie ihnen. ich beschloss, mich den apps zu verschließen (obwohl ich wenigstens technikaffin bin). „illustrierte, sprechende Kinderbücher“ ganz toll. ich sag nur: vorlesen.


jean stubenzweig   (20.10.10, 17:01)   (link)  
Das ist das Kreuz
mit dieser Rächtschräibfephorm, es ließe sich auch schreiben: weshalb ich sie verabscheue, da sie kaputt macht, was das Sprachgefühl und damit die Leutchen kaputtmacht, beispielsweise: getrennt schreiben und zusammenschreiben. Kleinschreibung hat mich nie gestört, Wolf Schneider mit seinem utilitaristischen Adjektivverteufelungs- und Substantivierungswahn durchaus. Den dürfen Sie gerne weiter kleinschreiben. Und dabei klein schreiben.

Eike Christian Hirsch hat, obwohl ich mit seinem oftmals theologischen Ansatz nie konform ging, eben nie etwas Priesterliches gehabt. Das geht Sick völlig ab, zumindest seit er auf die Bühne gegangen ist. Davor habe ich auch ihm in Maßen zugehört. Allerdings hat er keinen Witz und schon gar keine (Selbst-)Ironie, im Gegensatz zu Hirsch.

Ich habe jemanden in der Familie, der ganz verrückt, ja süchtig ist nach diesen Apps; er muß sie einfach alle haben. Er ist gut zehn Jahre älter, also stramm auf die Sechzig zugehend, als der erwähnte, offensichtliche Ridis-Miterdenker. Allerdings hat der bereits sehr komisch im Internet getobt, als andere das noch für Soziologenchinesisch oder eine Zirkusdisziplin hielten (das ist jetzt noch eine geheime Leseempfehlung). Zur Ehrenrettung dieses Applikationenverrückten muß ich jedoch hinzufügen, daß er als etwas späterer Vater aber auch ein liebevoller Vorleser und Geschichtenerzähler ist und auch ein Meister im Windelnwechseln und anderen Erziehungsmaßnahmen.


kopfschuetteln   (20.10.10, 19:38)   (link)  
ein gewisses maß
an selbstverliebtheit scheint der selbt-ironie abträglich zu sein, ja.

ehrenrettung, auch ja. das eine schließt das andere niemals-nicht (das hab ich erfunden oder unwissentlich plagiiert) aus. die welt wäre langweilig, wenn alle ihre stoppschilder an die gleiche stelle setzten. das wäre zudem noch jeder ironie abträglich.

danke auch für die leseempfehlung, die favoritenleiste verlängernd.

und (nicht aber), ernsthaft, haben sie einen tipp? ich suche eine schöne thomas mann-biographie. ich besitze eine von donald a. prater. ich bin auf der suche nach einer weiteren. vielleicht? nur wenn es ihnen nix ausmacht.

ps: Hausorthographie, Erziehungsmaßnahmen. da soll noch einer behaupten, die sprache ginge unter.


charon   (21.10.10, 09:05)   (link)  
Das von Eicke Christian Hirsch beobachtete Kompensations-"kkk", wo ein weicher "ch"-Laut zu erwarten wäre, ist mir - in Deutsch-Südwest hochgezogen - natürlich aus eigener jahrelanger Anhörung bekannt. Es geht aber auch anders herum. Die kognitiven Anstrengungen im Prozess der simultanen Verhochdeutschung der eigenen Mundart während des Sprechaktes sind derart fordernd, dass auch der Umkehrfall feststellbar ist. Bedenket, der Pälzer sprischt in diesem Moment zwar Hochdeitsch, denkt åber woiterhien pälzisch! Auch ist es nun gar nicht so, dass der Mundart-Sprecher noch nie etwas von der g-Spirantisierung gehört hätte! Nein, er hat eine Ahnung, dass am Wortende auf den "g"-Laut nach Vokal etwas passieren muss. Da in den süddeutschen Varianten des Deutschen "-ik" Endungen gerne weich als "igg" gesprochen werden - Beispiele: Fabrigg, Schaschligg, Agrobatigg usw. -, den Süddeutschen (vom Krischer über den Brigande bis zum Cleverle und darüber hinaus) jedoch diese Ahnung beschleicht, kann aus Plasti"k" schon einmal "Plasti"ch" werden. Beispiel für eine Komplettverwirrung aus dem Geist der Ahnung: "Plastich ist praktich und richtik wichtik."

Und manchmal ist der mundartliche Sprecher derart überfordert, dass er seine Gosch in die freie Entfaltung entlässt und, einmal entfesselt, eine eigene hybride Sprache mit leicht frankophonem Einschlag entwickelt: "Då håt es mich mit der Kinnerschäse voll någewäschen." Unübertroffen bleiben jedoch die bilingualen Sprachschöpfungen am westlichen Ufer des "teutschen Flusses". Ein beliebtes: "Scheng, chass mr de Goggel ausm Schardeng, dr fresst ma des gånze legüm weg!"

Bei Thomas Mann empfehle ich Hermann Kurzke und warne vor Harpprecht.


jean stubenzweig   (21.10.10, 09:48)   (link)  
Thomas MannoMann.
Kopfschütteln. Da dürfte ich nicht so der richtige sein, auch wenn's mir nichts ausmacht; man tauscht sich schließlich miteinander aus. Aber vor dem laufe ich seit Jahrzehnten weg. Der hat es sogar geschafft, mich aus seinem lieblichen Lübeck zu vertreiben. Ich komme mit dem ebensowenig klar wie mit dem Herrn Geheimrath, bei dem fühle ich mit Jean Paul. Da kann ich von all denen noch so viele Ausgaben durchforsten, die deutsche Leidkultur des Wahren et cetera will irgendwie nicht so recht in mich eindringen. Der Lübecker ist mir in einer zu eigenartigen Weise bürgerlich.

Und überhaupt habe ich's nicht unbedingt mit Biographien. Die letzte, die ich gelesen habe, war vor langer, langer Zeit: eine von André Maurois über Balzac – wenn die mir auch gefallen hat.

Doch soeben eingetroffen ist des Fachmanns Empfehlung: Kurzke, nicht Harprecht.

À propos Mann. MannManMann ! ist das eine köstliche Nummer, die Sie, bester Charon, da aufgeführt haben!!! Die kommt ins Fundsachen-Archiv. Aber vorher lese ich sie nochmal. Da kann ich dann den ganzen Tag laut lachen und ihn im Schmunzeln enden lassen.


kopfschuetteln   (21.10.10, 13:32)   (link)  
vielen dank für den tipp. ich glaube, das könnte mir gefallen.

herr stubenzweig, sie lassen sich von einem toten schriftsteller vertreiben? eigenartig ist war er, ja. aber auch faszinierend, für mich. dafür muss ich ihn nicht sonderlich mögen.
(davongelaufen: schopenhauer. den habe ich genervt bis gereizt ins regal zurückverfrachtet.)


jean stubenzweig   (22.10.10, 06:37)   (link)  
Nicht von direkt vor ihm
bin ich weggelaufen, eher vor seinen Nachfahren, dieser recht schlichten Schlichtheit, die sich Bürgertum heißt und ihm unreflektiert huldigt. Allein Sohn der Stadt zu sein, reicht völlig aus, mit einem, gleichwohl protestantischen, Heiligenschein versehen zu werden.

Andererseits sei angemerkt, daß erstaunlicherweise ausgerechnet an einem Ort, wo sich ringsherum via Holstentor-, Grass- und Mann-Pilgertum das Städtchen in dem Maß füllt, je mehr es ladenkettenartig innerstädtisch verarmt, eine fast alteingesessene – Herr Hinkebote! – Konditorei zentrales Terrain zurückerobert hat. die nicht nur Torten wie zu des literarischen Meisters Zeiten anbietet, sondern der obendrein das zuvorkommende Personal seiner Epoche mitentsandt zu haben scheint. Hat man doch tatsächlich einen dieser To-go-Läden vertrieben, in dem die Jeunesse sich regelmäßig den Latte ins äppelige EiBuch kippte. Entweder es ist diversen Investoren, die gerade dabei sind, die alten innerstädtischen winzigen Häuser mit ihren teilweise zauberhaften Hinterhöfen modern zu modernisieren, nicht gelungen, eine Erbengemeischaft zum Rausrücken dieser Immobilie zu motivieren, oder die Hausbesitzer wollten sich schlicht eine Rettungswarft der Heteroginität aufschütten in diesem Meer der Monokultur. Auf jeden Fall sitzen an diesem beruhigend kleinen Ort mittlerweile wieder drei Generation bei Kaffee und Kuchen in einer wirelessfreien Zone, die nicht einander kommunizieren, sondern miteinander plaudern. Aber vielleicht liegt das auch daran, daß die schleswig-holsteinische Landesregierung unter diesem nordfriesisch-fröhlichen, frühmorgendlichen Köm liebenden Nebenerwerbslandwirt die Medizinstudenten aus der Stadt nach Kiel jagen will, der Stadt, aus deren Nähe meine Reiseführerin Braggelmann stammt und von der sie behauptet, es zöge dort immer so arg.

Aber vielleicht liegt es ja daran, daß die Lübecker ihren Thomas Mann in guter Erinnerug behalten und ihn nicht über so'n modernen Kram wie Internetz verstümmeln lassen wollen.


kopfschuetteln   (22.10.10, 12:57)   (link)  
ich hoffte, meine frage war nicht zu provokant. oh, glaube zu verstehen: das bürgertum. den vor allem denn unreflektierten heiligenschein, ob ihm das gefallen hätte? zurückgekehrt ist er jedenfalls nicht. 1955 wurde er ehrenbürger. 1955 ist er gestorben, kurz davor, kurz danach? ich meine das gar nicht scherzhaft.

das bürgertum, ich habe die tage erst was gelesen, im zusammenhang mit der weimarer republik. dieser tage wird dieses wort doch auch immer wieder bemüht, auch im zusammenhang mit schichten und der mitte oder was auch immer. (04/2005 im cicero: "verschwindet das bürgertum?" sehr schön, ähm welches jetzt genau?)

ich kann mit diesem stempel, höchstens historisch, nicht allzu viel anfangen - als kind der ddr. ich meine, die leute sind nicht rumgelaufen und haben sich als teile des proletariats, damit als proletarisch bezeichnet. die gegebenheiten der ddr führten (natürlich) dazu, dass sie ein „erstklassiges“ spießbürgertum hervorbrachte. aber dass sich die leute nun selbst als so bürgerlich (als abgrenzung zu anderen, niederen, wohl) verstanden hätten, kann man nicht sagen. ätepetäte-bürgerlich wollten sie nicht sein, das ist jedenfalls meine erfahrung, oder die meiner generation (muss man vielleicht dazu sagen).

"und ihn nicht über so'n modernen Kram wie Internetz verstümmeln lassen wollen." das ist doch wenigstens was. jedenfalls nicht direkt verkehrt.


jean stubenzweig   (22.10.10, 17:38)   (link)  
Provokant? Wie?
Im internetten PonyBloggerhof habe ich schließlich gelernt, auf harten Bandagen mein Gemüt unterm Sattel bis nach Waterloo zu stählen (oder wird das nach den neuen Sprachgestaltungssatzungen jetzt stehlen geschrieben?).

Bürgertum, ach, wissen Sie, ich bin aus einer Mutter des Jahrgangs 1904 geschlüpft, zuvor in sie hineinbefördert hatte mich (m)ein Vater, der im selben Jahr wie der Lübecker, also acht Jahre vor Marx' Tod geboren wurde. Entsprechend bin ich aufgewachsen worden. Dabei kam ich mit den Verhaltensweisen und -maßregeln der Manns et cetera mehr als in Kontakt. Bis meine Eltern mir, auf Geheiß oder auch den einzigen Befehl meines freiheitsliebenden Vaters, den er meiner Mutter wohl je erteilt hatte, die Tore ihres Gemäuers öffneten, wurde ich darin unterwiesen. Dann habe ich in Berlin versucht, einigen auf die Zinnen zu steigen und das alles abzuschütteln. Das ist gar nicht ganz so einfach, wie Heimito von Doderer feststellte. Kurzum – ich meine, das Bürgertum einigermaßen zu kennen, zumal es mich beruflich später immer wieder mit ihm zusammenführen sollte. Aber das, was sich heute als solches darstellt oder selbiges gern sein möchte, möglicherweise, weil es nicht mehr Höfling werden kann, das ist dann doch wieder etwas anderes. Das ist es eventuell, das verschwindet. Ich meine, es wird mit einem Mittelstand verwechselt, der sich mühsam hochgeschuftet hat und dem nun die Felle davongeschwommen werden, nennen wir's erst- oder auch zweitklassiges Spießbürgertum. Aber das sind keine Menschen, die, in welcher Form auch immer, für die bürgerliche Freiheit kämpfen würden, die schließlich aus dem Schoß einer Revolution gekrochen ist. Diejenigen, auf die ich ein wenig spöttelnd blicke, beziehen ihre geballten Informationen alleine aus ihrer scheinbar regionalen Tageszeitung (fast alles Gute, also nicht nur der dem tiefen Glauben verhaftete deutsche Bundespräsident oder einer seiner ländlichen Vorgänger an der Leine, kommt ja mittlerweile, wie wir wissen, aus Hannover) sitzen meistens in der Bürgerstube des Ratskellers und trinken Rotspon. Menschen soll es geben, die das Stammtisch nennen.


kopfschuetteln   (22.10.10, 21:11)   (link)  
stählen oder stehlen. bestimmt sie sind gestählt. (mir war bisher nur der “streit” um aufwand und aufwenden bekannt, danach hab ich dicht gemacht.) nichtsdestotrotz will ich nicht provozieren, schon gar nicht unbewusst.

dämlich frage (noch) meinerseits bezüglich der ehrenbürgerschaft: (s. 680f. Bereits genannter biographie) >>er wünsche sich nur, sagte er, … , oder sein vater, …, hätte zugegen sein können, um zu erleben, … “wie ich das ehrenbürgerrecht der stadt empfange … und sehen, daß ich mich eben doch, gegen allen erwartungen, auf meine art als sein sohn, sein echter erweisen konnte.”<<

das bürgertum, schimpfwort und hohelied zugleich, sollte für mich rechte und pflichten kennen. insofern halte ich es für weitgehend verschwunden.


g.   (21.10.10, 05:56)   (link)  
Beruflich sollte ich ja die neue Rechtschreibung verwenden und tapfer wie Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah versuche ich das ja auch. Nur ahnte das Fräulein Weller, das mir in der zweiten Klasse das Schreiben beigebracht hatte, wohl nicht, wie sich dir Regeln im Laufe der Zeit ändern sollten, im Ergebnis muss ich nun eigentlich jeden Text handschriftlich niederlegen um ihn dann anschließend in die neue Schreibweise zu übersetzen. Je nun, so kommt es mehr als häufig zu greulichen Gräueln, zumal die neuen Regeln mehrmals noch verkomromisst wurden und ich irgendwann den Überblick verloren habe. Hach war das im 17. Jahrhundert noch schön: Jeder schrieb, wie es ihm genehm war und unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes auf der selben Buchseite wurden nicht als störend empfunden. (Danke für die Boutade)


jean stubenzweig   (21.10.10, 11:11)   (link)  
Fast völlig durchkonfust
bin auch ich mittlerweile. Andererseits aber auch gänzlich runter von den Gestaltungen für – als Regularienschreiber. Die Sprachpflegereien sind lediglich Erinnerungen an alte Zeiten; und vielleicht auch, weil ich der Bitte der Kopffüßlerin gerne nachkomme. Allzu lange wird es nicht mehr dauern, bis es auch bei mir soweit ist, wie es Ihr wohliges Sehnstöhnen ausdrückt: «Hach war das im 17. Jahrhundert noch schön: Jeder schrieb, wie es ihm genehm war und unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes auf der selben Buchseite wurden nicht als störend empfunden.»

Dafür nicht, wie im Norden die Antwort auf Danke lautet – es ist aber auch ein zu schönes Stückchen.


daniel buchta   (25.10.10, 12:53)   (link)  
Heute gehört.
Im deutsch sprechenden Bildungsradio (Journalistenschule?). Nicht zum ersten Mal, aber immer öfter: Anstatt mit Antibiotika verseuchtes Hähnchenfleisch aus Massentierhaltung zu kaufen, solle man besser, wenn auch das inzwischen genauer Prüfung bedürfe, gezielt zu biozertifizierter Ware greifen. Aber: «Der Preis ist teurer.»


charon   (25.10.10, 14:13)   (link)  
Auch gut
war die mit gönnerischer Tantenhaftigkeit camouflierte Neugierde der Vermieterin über den Berufsstand des Mieters: Geschichte ist ja auch eine interessante Zeit!


jean stubenzweig   (25.10.10, 16:03)   (link)  
Vermutlich bayerische Geschichte.
Das wäre ohnehin gesondert zu bewerten. Dort gehen bekanntermaßen die Uhren anders. Und obendrein hat das immobilienhistorische Ursachen. Gute Zeit!


daniel buchta   (27.10.10, 15:57)   (link)  
Dialektische? Laute
Als es ums Essen ging – und momentan geht's öffentlich-rechtlich um nichts anderes, weil man dem mündigen Bürger offenbar erklären muß, daß Lebensmittel nicht vom Leben, sondern mit anderen Mitteln erzeugt werden –, es sich also die noch ungeborene Wurst im Cutter drehte, da sprach der Sprecher mehrfach klar und deutlich, geradezu überbetont vom Bret. Gemeint hatte er jedoch Brät. Aber wahrscheinlich ist er Veganer und kennt deshalb auch kein Wildbret. Oder der Autor hat's so geschrieben, und der Sprecher hat sich überakzentuierend gerächt.


edition csc   (26.10.10, 20:00)   (link)  
Mir und mich
verwechsel ich nicht, das kommt bei mich nich vor. Ist eigentlich die alte Redewendung mich deucht ebenfalls durch den Rechtschreibwolf gedreht worden? Immer öfter liest man das, bevorzugt verfaßt von Menschen, die allzu offensichtlichen Wert darauf legen, als Akademiker erkannt zu werden. Mir deucht klingt offenbar erhöhender als mir scheint. Ein Vivil auf den neuen bürgerlichen Mittelstand. Einem Inschinör ist nichts zu schwör.

Ähnlich verhält sich's mit weiland, das ebenfalls inflationär falsch in Wörterreihungen auftaucht, etwa im Sinn nicht nur österreichischen SportSprechs, in dem alle sechzig Sekunden davon die Rede ist, daß der ansonsten gefürchtete Schütze den Ball in diesem Spiel bis dato nicht im Tor untergebracht hat. Da klingt unversehens Lothar Matthäus oder einer seiner nicht nur sprachlich mitgeschädigten geistigen Verwandten mit, die nach einer Blutgrätsche meinten: Ich habe ihn doch gar nicht tangiert. Wo bleibt denn da des Schiedsrichters Zeigefinger auf den elfmeterpoint of no return, also dessen Griff nach der Arschkarte?

«Ein Beispiel für den Epochenwandel dieses Verständnisses zunächst aus dem Bereich des Schiedsrichterdeutsch. Folgender wichtiger Dialog zwischen Willi Ente Lippens und einem Schiedsrichter anläßlich einer gelben Karte wird bis heute an der Essener Hafenstraße memoriert: Ich verwarne Ihnen.Ich danke Sie. Was den Platzverweis nach sich zog, denn irgendwie ging dem Schiri auf, daß da was nicht stimmte — oder war ihm gar klar, daß es sich um eine intertextuell veranlagte, ironisierende Replik auf den Satz von Boß Rahn handelte (der 1954 auf den Glückwunsch des Essener Bürgermeisters ebenso antwortete, nur ernstgemeint)? Das Bild des stammelnden Profis gehörte lange zum Grundverständnis des Sportfreundes, und vielleicht liegt es in der Tradition der Naturbünde, Wandervögel et cetera, daß man nur bei Hirnabgabe so richtig Mensch sein durfte, das Andere der Vernunft zu seinem Recht kommen lassen konnte. Aus dem Rahmen fallend, wenn mal einer lesen/schreiben/sprechen konnte oder gar Zahnarzt war (wie Frankfurts Torwart Peter Kunter, dessen Doktorgrad bei jeder Robinsonade mitgenannt wurde). Heute hingegen gehört Eloquenz zur Grundausstattung wie Ballstoppen, Anlaufnehmen oder Schuheputzen, sind Interviews ja auch vertraglich festgelegt — und wiederum betrifft das auch den Schiri, vulgo: Schiedsrichter, der sich gegen Videobilder mit Rhetorik wappnen muß: Ich pfeife live, nicht Zeitlupe, eine staunenswerte synästhetische Figur bei adverbialem Gebrauch eines Substantivs (hier von Dieter Pauly).»


caterine bueer   (28.10.10, 16:49)   (link)  
Der Meister ist erkrankt.
Schwerst. Das sind Männer, wenn ein grippaler Infekt sie aufs Lager wirft. Deswegen komme ich pflichtbewußt der Aufforderung nach und setze hier ein, was in die Kategorie der seltenen Sprachen gehört:

Neusprech


kopfschuetteln   (28.10.10, 18:46)   (link)  
gute besserung dem meister!


charon   (28.10.10, 19:39)   (link)  
Er lebte wie eine Lerche und fiel wie eine Lärche, hätte der Kardinal gepredigt.

Gute Besserung, auf daß der Orpheus des Nordens seine Stimme bald wiederfindet!


jean stubenzweig   (29.10.10, 13:51)   (link)  
Aus tiefsten Kissen
mich aufbäumend danke ich, denkbar schwach, und wünsche,
daß ich die Sprache wiederfinde, um Spöttern zu entgegnen.

«Manches Buch, das nicht geht, eilt selbst dann seiner Zeit voraus, wenn es liegen bleibt.»

Peter Schifferli: Vom Druckfehlerteufel und von der Hoffnung Jakob Hegners auf ein himmlisches Alphabet, Einige Brocken Verlegerlatein, Arche Verlag, Zürich 1984

Ich bleibe liegen.


kopfschuetteln   (29.10.10, 18:02)   (link)  
bis sie wieder wohlauf sind,
bleiben sie gefälligst bitte liegen!
die spötter warten sowieso.
es hat zwar nix damit zu tun, aber gefällt mir:
"Die deutsche Literatur ist einäugig. Das lachende Auge fehlt.", von erich käster.


jagothello   (31.10.10, 00:30)   (link)  
Sekt oder Selters?
Paris oder London? Schweinsteiger oder Ronaldinho? Harpprecht oder Kurzke? Die Antwort kann eigentlich immer nur lauten: "Die Frage stellt sich gar nicht!", oder: "Natürlich beide." Am besten gleichzeitig. Denn beide wollen und tun ganz unterschiedliches, ergänzen sich prima. Harpprecht tratscht über 2100 Seiten- sehr gekonnt, sehr routiniert, sehr amüsant. Die klassische Edelfeder. Ein Feuilletonist ersten Ranges. Ein Redenschreiber. Einer, dem es gefällt, seine Kapitel "Der Dichter, ein Prinz" zu nennen.
Kurzke ist da etwas ganz anderes. Literaturwissenschaftler, dem Gehalt und der Form auf der Spur, Strukturalist: "Die Autonomie des Effekts ist also nur Schein und legt in Wahrheit den Blick auf die Tiefenstruktur der Welt als Wille frei." So geht das bei Kurzke- immer schön parataktisch, 8 Nomen in einem Satz. Nicht gerade die klassische Freizeitlektüre. Aber Sie lesen ja auch Fabri (zu dem ich mich von Ihnen habe inspirieren lassen- vielen Dank dafür).


jean stubenzweig   (31.10.10, 12:16)   (link)  
Kurzke und Harprecht,
diese beiden Namen brachte der Fachmann für Dialektik und Diplomatie auf die kopfschüttelnde Frage hin ins Gespräch. Ich hab's ja, wie erwähnt, nicht so mit dem Lübecker. Würde ich gezwungen, mich mit ihm zu beschäftigen, griffe ich vermutlich zu Harprecht, weil ich mich beim lesen auch gerne unterhalten lasse. Aber 2.200 Seiten? Sogar der Literaturwissenschaftler Kurzke hat sich kürzer gefaßt als die, wie Sie Harprecht nennen, «klassische Edelfeder». Nun, ich mag ja feine Schreibe und vereinzelt vielleicht sogar die von ihm, auch habe ich nichts gegen dicke Bücher, im Gegenteil, es ist häufig genug vorgekommen, daß mir eines zu dünn geraten schien. Aber so viel über Thomas Mann? Und dann vielleicht doch ein bißchen arg viel «Der Dichter, ein Prinz»? Da schwingt irgendwie etwas mit von der bürgerlichen Sehnsucht nach dem König. Dann also vielleicht doch lieber den Wissenschaftler, weil der vermutlich nicht auf Nebengeleise führt, die von der Sehnsuchtsindustrie poliert werden.

Wenn das so weitergeht hier, sehe ich mich tatsächlich gezwungen, diesen ollen Mann aus der Gruft zu holen und ihn mir mal näher anzuschauen. Vielleicht kenne ich ihn schlicht zu wenig. Aber ich weiß nicht, ob es ihm gelingt, mich von meinem Urteil abzubringen: bürgerlich verlogen, es nicht Religion, sondern Ästhetik nennen, ein heimlicher Calvinist der Literatur. – Vermutlich wird er deshalb so geschätzt.

Das war ein kurzes Aufbäumen vom Krankenlager. Nun erschöpft zurück in die Kissen.


caterine bueer   (04.11.10, 16:09)   (link)  
Genitiv-Problem?
(Nein, ausnahmsweise nicht Genital ...) Mehrfach gelesen, in ein- und derselben Spalte oder auch immer wieder anderswo:

„ ... sondern auch der Name des Autoren darunter.”

Sprachreform?

Warst Du das nicht, der mal was erzählt hat von Rühmkorf, der Dich darauf aufmerksam gemacht hat, Du würdest doch auch nicht sagen „ ... wegen des Motoren”?

Ansonsten: eine interessante Geschichte. Du warst doch auch mal so ein Glattbügler. – Also gut, das ist schon eine ganze Weile her. Später hast Du ja dann nur noch sanft die schlimmsten Grate weggehauen. Aber jetzt bist Du selber eine Gratfabrik.


jean stubenzweig   (05.11.10, 08:26)   (link)  
Gratfabrik? Gratwanderung?
Nun gut. Ich bin mittlerweile eine freilebende Wildsau, die sich durch die metropolischen Vorgärtchen des Seriösen wühlt und dabei auch auf Gartenzwerge keine Rücksicht nimmt. Es ist wohltuend, sich nicht mehr an die Ge- und Verbote oder Gestaltungssatzungen von Kleingärtnern halten zu müssen. Jedenfalls trifft das für mein elektrisches Tagebuch zu. An anderen Orten muß auch ich mich einreihen, wenn das auch kaum ins Gewicht fällt, da der flanierende Privatier die Orte meiden darf, wo alle Arbeitsameisen entlangrennen. Aber das ist ja bekannt.

Und früher – nun ja, ich hatte eben auch das Glück, gut zwanzig Jahre lang selber das Redigierzepter schwingen zu dürfen. Da schließe ich mich allerdings Jan Söfjer an, der bei Niggemeier unter 74 meinte: «Artikel brauchen aber Überarbeitung. [...] Ein guter Autor überarbeitet deswegen seinen Text selber mehrfach, bevor er ihn abschickt.» Ich mußte es leider allzu oft erleben, daß die Leutchen sich nicht an diese schlichte Regel gehalten haben. Dann waren sie eben kein zweites Mal Autor. Jedenfalls nicht bei mir. Hinzufügen sollte ich vielleicht noch, daß ich mir nach anfänglichen persönlichen Niederlagen, die sich in einem Übermaß an Arbeit ausdrückten, weil es nunmal wesentlich aufwendiger ist, ein Haus zu sanieren, als einfach die Abrißbirne ingang zu setzen und anschließend neu zu bauen, Leseproben grundsätzlich in Manuskriptform habe schicken lassen. Häufig hat das zu Irritationen geführt, wenn auch lediglich unter unerfahreneren Autorinnen und Autoren, verstärkt unter letzteren, da der Mann, dem schließlich das Technische in die Gene gegeben wird, grundsätzlich zunächst einmal der Meinung ist, er habe gerade das Rad erfunden; aber auch ich war schließlich mal ein solcher, da nutzte es auch nichts, daß ich als Kind lieber mit Puppen spielte.

Und die angesprochene Zeit davor, in der habe ich selber das meiste gelernt. Das war gutbezahltes Lernen durch Tun. Heutzutage zwingen sie die vielbeschworenen Hoffungsträger der Zukunft für so etwas zumindest vorübergehend in die Sklaverei.

Rühmkorf war das, ja, anläßlich eines Interviews, das ich mit ihm führen würde. Mitte der Siebziger war das, in meinen journalistischen Anfängen, als auch ich noch zu denen gehörte, die meinen, man müßte im Strom der (Sprach-)Moden mitschwimmen. Das war eine Phase in meinem Leben, in der ich meinte, Worte wie wider den Stachel löcken könnten unmöglich richtig oder aber völlig überaltert sein, weshalb ich aus dem letzten Wörtchen ein c tilgte, also Luther unbewußt gleich mit reformierte.


edition csc   (10.11.10, 17:19)   (link)  
Neutsch
«[...] Kommen Sie rein, schauen Sie sich um, besuchen Sie auch unser Forum und zögern Sie nicht, uns Ihre eigenen Ideen kundzutun, wie man eine seit jeher lückenhafte Sprache wie das Deutsche auf möglichst kuriose Weise perfektionieren kann. Die Hemmschwelle haben wir nämlich per Dekret gesenkt, und auch die Sprachbarriere sollte Sie nicht schrecken: So etwas wie korrektes Neutsch gibt es nicht, Sie können also gar keine Fehler machen. [...]»















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