Kompendium der Sprachverunfallungen.

Ich werde mich demnächst wohl mal daranmachen müssen, ein Handbuch der sprachlichen Verunfallungen anzulegen, um darauf hinzuweisen, daß der allgemeine deutsche Wortschatz längst bei den fünfhundert Wörtern des dänischen angelangt ist.
Der Anlaß.

Aber jetzt muß ich erstmal meine neuen Kuckgläser abholen gehen. In dem Maß, in dem meine Altersweisheit zunimmt, nimmt die Sehschärfe ab. Man kann es auch verschleyernden Durchblick nennen (ich habe mal wieder die RAF-«Chronik» des unsäglichen ZDF-Historikers gesehen).




 
Sa, 19.05.2012 |  link | (3915) | 23 K | Ihr Kommentar | abgelegt: lingua franca


jagothello   (19.05.12, 12:16)   (link)  
Plus 7000
Anglizismen. So viele soll es geben und die allermeisten sicherlich auch arge Unfälle nach unsicherem Wanken auf der deadline. Bitte berücksichtigen. Wird die Schrift hier wieder kleiner, wenn Sie die neuen Gläser haben?


jean stubenzweig   (19.05.12, 16:24)   (link)  
Ich sehe wieder.
Deshalb werde ich die Schrift vermutlich auch wieder verkleinern.
Auslöser war die Schriftkleine auf dem Bildschirm meines G5, den ich wiederbelebt habe. Auf dem G4 mißfällt mir das sehr; mir muß es schließlich gefallen. Ach, ich bin so unschlüssig.

Anglizismen gehen ja noch, wenn sie wenigstens korrekt sind. Doch die werden häufig genug noch falsch angewandt. Die Idee, dieses Dummschwätz zumindest mal aufzulisten, hatte ich bereits vor einigen Tagen, weil mich das inzwischen aufregt, mir meine Altersgelassenheit nimmt, was die mittlerweile öffentlich-rechtlich alles an sprachlichen Schiefständen hinausposaunen und alle Welt das nachplappert, vermutlich weil sie davon ausgeht, daß das richtig sein muß, weil es von solch' gebildeten Leuten kommt. Aber ob ausgerechnet ich da ran soll, dessen bin ich nicht sicher, gibt es doch so viele gute Sprachseiten.


terra40   (19.05.12, 13:11)   (link)  
Nun kuck mal an
Ein neuer Stil, neue Kuckgläser, ein neues lay-out mit größeren Buchstaben die, wenn zu Wörtern bzw Worten gestapelt, ich ohne Brille oder Fernglas lesen kann! Wie fortschrittlich dies alles!
Gruß, T.


jean stubenzweig   (19.05.12, 16:49)   (link)  
Ein neues Lay out
ist das nicht. Lediglich die Schrift ist eine andere (Gill Sans) und etwas größer, der Fließtext jetzt 13 Punkt. Wie sieht das aus für Sie?


jagothello   (19.05.12, 19:08)   (link)  
Lesefreuden
Das ist ganz schwer zu sagen. Sie kennen doch das Phänomen: Ein neues Erscheinungsbild, ob TV-Studio, Kühlergrill oder iPhone, löst erstmal Irritation und (wenigstens) stillen Protest aus, bis dann irgendwann alles vollkommen organisch und gewohnt erscheint- bis zum nächsten Mal. Leserfreundlicher ist die größere Typographie in jedem Falle.


jean stubenzweig   (20.05.12, 11:31)   (link)  
Die Frage
nach dem Aussehen war zunächst einmal an Terra gerichtet, da er sich primär auf die Schriftgröße bezog. Die hatte ich nämlich gestern noch einmal geändert gehabt, und zwar von 14 auf 13 Punkt im Fließtext. Dabei erscheint mir die Auswahl der Schrifttype, die Gill Sans, die Lösung zu sein, da sie im Angebot bei Blogger.de über eine ideale Spationierung verfügt.

Das Problem ist ja offensichtlich die unterschiedliche Darstellungsform auf verschiedenen Bildschirmen. Auf dem meines G5 kommt die Schrift wesentlich kleiner als auf dem des G4. Ich dippele jedoch weiterhin auf dem Lampenschirm-EiMäck, da ich Genius zwar unbegreiflicherweise den Rechner mit dem (höchst selten genutzten) Hollywood-Breitleinwand-Format renaissanciert habe, aber nicht in der Lage bin, dessen eMail-Gewerk neuerlich ingang zu bringen.

Ach was, das wird zur eigenen Thematik. Ich komme später gesondert darauf zurück; dieses Mal kommen Sie auf Seite 1.


terra40   (22.05.12, 14:27)   (link)  
Schrifttypus & Spationierungsmodus
Mir gefällt's so. Und, da stimme ich mit Ihnen überein, wichtiger als der Schrifttypus ist die Spationierung.
Gruß, T.


jean stubenzweig   (22.05.12, 17:28)   (link)  
Gerade die Gill Sans
ist es, die hier angenehmerweise eine so vorteilhafte Laufweite hat. Das habe ich allerdings erst nach einigen Versuchen herausgefunden.


jean stubenzweig   (20.05.12, 16:08)   (link)  
Das Thema
— wer möchte es (im deutschen Sinn) suffisanter können? — unabhängig aufgegriffen hat einmal mehr die frühere Erbsenbewahrerin, die sprachkundlerische und -forscherische, mein hüpfendes Herz immer wieder aufbrechende Frau Herzbruch mit polyamant, so etwas ähnliches wie ein Franglaisizismus.
«und waehrend mein mann und ich unter dem deckmaentelchen der neuen ehe immer couchaffiner werden, kann er sich polypoppend gar nicht mehr vorstellen. sei bestimmt anstrengend. allerhoechstens koenne er platonisch polyamant, fuer mehr habe er keine reserven. (und ich dachte, das neue gewebe ueber dem hosenbund, das seien reserven, aber ich sollte besser nichts sagen.)»
Das gefällt mir nichts als gut.


jean stubenzweig   (22.05.12, 10:08)   (link)  
Anglizismen




Bereits mit seiner Gründung hatte man im Laubacher Feuilleton begonnen, Sprachgequengle zu betreiben. Bei Rücklicht betrachtet dürfte dieses Blättchen ohnehin eine verspätete Umsetzung des Vorhabens aus den Siebzigern gewesen sein: Motz. Sprache war allerdings immer ein Thema, auch ohne Gemeckere. Allem voran stand ohnehin die von Roland Barthes so getitelte Lust am Text, Le plaisir du texte. Einzelne Anmerkungen zur Sprache folgten, dann entstand einige Zeit später die Rubrik Germslang. Hauptwort-Führer war seinerzeit Hans Pfitzinger selig. hap, wie er kürzelhaft nicht nur zum typisch deutschen jour fixe, zur freitäglichen heure bleue genannt wurde, hatte einige politische Studien-, Kiff- und Radlerjahre in den USA, die meiste Zeit im in die Beine gehenden California, verbracht und war nach seiner Rückkehr unter anderem auch als Übersetzer aus dem US-amerikanischen tätig. Das dümmliche Geplapper im öffentlich-rechtlichen, vor allem aber im sogenannten privaten Bereich veranlaßte ihn, eine erste, kommentierte Liste mit Begriffen anzulegen, die ihm besonders danebenliegend erschienen: Germslang, begründet in einem ausführlichen Vorwort über Jean Paul, einen seiner Lieblingsschriftsteller aus der Epoche der deutschen Romantik. Zuvor jedoch war Manfred Jander, auch er selig, ins Grübeln geraten. Als gelernter Schriftsetzer und etwas später erwachter, aber letztlich geborener Historiker war er auch zum Korrektor nicht nur befähigt, eine Tätigkeit, die er eine Zeitlang mit einer heutzutage von jüngeren Menschen kaum mehr vorstellbaren Präzision ausübte, unter anderem für ein Kunstlexikon, bei dem oftmals heftig über Sinn und Bedeutung und schließlich um die richtige oder auch unmögliche Anwendung eines Wortes gerungen wurde. Darüber hinaus machte er sich auch so seine losen Gedanken, zum Beispiel über das Denken. Deshalb dieser Versuch von 1992 an den Anfang des hiesigen Kompendiums gesetzt, das ich in unregelmäßigen Abständen weiterzuführen gedenke:
Ich denke, daß ...
Ich habe gedacht: Wahrscheinlich kennen sie das auch: ein Wort, eine Redewendung, eine Melodie ergreift Besitz; der Kopf, das Gehirn, alle Sinne lauern nur darauf, dasselbe Wort, dieselbe Melodie, dieselbe Redewendung von anderen zu hören. Sie kennen das.

Seit langem schon bin ich besessen von der Redewendung «ich denke, daß ...». Offensichtlich ist allen Menschen das Glauben, Meinen, Fühlen abhanden gekommen. Niemand mehr hat eine Ansicht, Einfälle gibt es nicht. Bereits für eine winzige Ahnung wäre ich dankbar. Doch es muß partout das Denken sein.

Nicht, daß ich gegen das Denken etwas einzuwenden hätte — aber doch nicht «ich denke, daß ...», auch nicht «ich denke ...», ohne daß. Es geht zwar, weil die Sprache sich nicht wehren kann; aber es ist falsch. Während des Denkens ist das daß noch nicht zu haben, und hat man das daß, denkt man es nicht mehr, sondern hat einen Gedanken zu Ende gedacht.

Warum also gebraucht alle Welt diese grammatikalisch wie logisch falsche Redewendung? Unser Kohlenpott-Germanist-Anglist tippt auf einen weiteren Anglizismus. [...]
Laubacher Feuilleton 3.1992, S. 1



jean stubenzweig   (22.05.12, 10:13)   (link)  
Erinnert etwas?




«Stimmt, ich erinnere die Quarzerei.» Das nur als ein Beispiel von vielen, weiteren Anglizismen.

Dieser Anglizismus in der deutschen Sprache war mir bis vor wenigen Jahren eigentlich nur aus dem hamburgischen, hanseatischen Seefahrerlager der späten Störtebekers bekannt. Gelitten habe ich den dort auch immer relativ peinfrei, weil man dort nunmal mit dem Anglischen angeln geht; sooo lange ist das schließlich noch nicht her, daß man aus der Umgebung noord-noordoost von Hamburg zur Insel hinüberschwamm, um sie zu besiedeln und auch die Römer ein kleines bißchen zu besiegen. Daß aber ein niederrheinischer Prieditis oder auch mittlerweile die halbe deutschsprachige Welt so anglizistisch daherkommt, darüber schüttele ich heutzutage den immer wieder mit dieser Frage zermarterten Kopf. Ralph Köhnen, der oben von Manfred Jander erwähnte Kohlenpott-Germanist sowie -Anglist, hat das vor zwanzig Jahren bereits getan, auf seine köstlich feine Weise, die sogar einem ausgebufften Manager ein- oder heimleuchten dürfte:
Erinnert das ...?
Philosophisch fabelt's, daß alles, was dem Geist so vorschwebt, ein Wiedererinnern vorgeburtlich geblickter Ideen ist (Plato), tragödisch gemünzt werden dadurch Schlüsselstellen des Erkennens im Drama heraufbeschworen (Aristoteles): familiäres Wiedererkennen, Happening, Ödipus erinnert sich. Rhetorisch taucht Erinnern in zweierlei Funktion auf. Als admonitio — jemand soll sich an etwas oder einer Sache erinnern, um zur ethischen Umkehr zu gelangen («ich erinnere euch aber, lieben brüder, des evangelii», 1. Kor. 4, 17) — und im Sinne der memoria, des wiederholenden Bewußtseins. Daraus macht Freud eine archäologische Tiefenhermeneutik, Patienten mit der Nase oder dem Genital auf Erinnerungen im Wunderblock der Seele stoßend, diese Wachsplatte, in die halbleserlich Spuren geprägt sind. Man erinnert sich gründelnd. Man erinnert sich an Alltagstriviales und -quadriviales, es fällt einem eben ein, man erinnert sich jemandes, etwas ist einem gar erinnerlich — nun aber soll es um eine Wendung gehen, die zwar vereinzelt schon im 19. Jahrhundert auftaucht, aber erst in den letzten Jahren so richtig an Tempo gewonnen hat: erinnern ohne persönlichen Akkusativ: eine Sache, einen Inhalt, kurzum: etwas erinnern.

Der direkte Zugriff, den die englische Sprache mit dem häufigen Gebrauch des Akkusativ nach Verben des öfteren beweist, dort nicht ohne trockenen Charme von Oxford und Cambridge, wird hier zu einer ausgepichten Lehnwendung (von «to remember sth.»), zum bald institutionalisierten Anglizismus. Verknappung angedeutet, Präzision suggeriert, kein Zaudern zugelassen, man spart 6 (in Worten: sechs) Buchstaben im Vergleich zum Dativ mich an oder dem Genitiv dessen, seiner oder ihrer, abgesehen vom Inhalt, der eben zupackenden Wesens ist, den Sprecher als vom Schlage eines ausgebufften Managers darbietet — solche Atmosphäre verbreitet ich erinnere etwas. Und wird damit zu einem Chamäleon der Gegenwartssprache: dem Frühstücksdirektorendeutsch, das mit dem «Ja gut, ...» verschwitzt interviewter Fußballprofis beginnt, einer phatischen Phrase zum (gedanklichen) Luftholen, die ineins alles dementiert und kommentiert, und etwa endet bei «ausgelasteten Kapazitäten, die durch nichts mehr zu überbieten sind» [sic]. Darf in solcher Gegenwart die Kunst womöglich noch heiter sein und abgehetzten Yuppies nette Zerstreuung bieten, müssen demgegenüber die Strömungsverhältnisse der Alltagssprache reibungslos funktionieren. [...] (Der gesamte Text.)
Laubacher Feuilleton 4.1992, S. 1



enzoo   (22.05.12, 11:14)   (link)  
sie können
einem schon auch angst machen, geschätzter herr stubenzweig!

nichts läge mir ferner, auch da ich mich nur selten vorhersehbar erfolglosem zu widmen bereit bin, ihnen auch nur andeutungsweise vorschreiben zu wollen, worüber sie hier schreiben sollen.

wahrscheinlich sind ihnen die repliken ihrer leserInnen auch nicht so wichtig, dass sie sie überhaupt ins kalkül ziehen, und das sollte bei einem blog und jeder sonstigen äusserung auch stets so sein, aber dass sie durch derlei, wie nenne ich es denn??? --- ich sags, den rüffel riskierend, spitzfindigkeiten ihre leserInnen nicht gerade zur replik auffordern, weil sie in angst versinken, etwas falsches, dummes, anglizistisch oder sonst wie -istisch angehauchtes dabei zu produzieren, behaupte ich jetzt einmal von mir selbst ausgehend generalisierend. gleichzeitig finde ich es aber sehr interessant, diese dinge von ihnen und ihrer umgebung professionell beleuchtet zu sehen.

ich fürchte, ich habe auch schon mehrfach, auch hier bei ihnen, "ich denke" geschrieben und frage mich, ob ich ihnen dabei nicht etwas schlechtes tue, wenn ich repliziere, ob nicht alles, was ich hier schreibe, ihrem gesundheitszustand abträglich sein könnte, weil sie sich vielleicht über sprachliche ungenauigkeiten und auch wahrscheinlich sogar grammatikalisch schlicht falsches wenn schon nicht zu tode, aber jedenfalls richtung unwohlsein ärgern. von meiner art privatim nur klein zu schreiben und das ß durch ss (mein kleiner protest) zu ersetzen will ich da noch nicht mal reden.

da sich "ich denke" jedenfalls auf eine vergangene, abgeschlossene handlung bezieht, also gar nicht im moment des denkens gesagt werden kann, weil man da ja denkt: sollte man da nicht die duden-bastler informieren, dass die erste person präsens von "denken" als obsolet zu erklären ist?

(sehen sie, und schon zweifle ich, ob "obsolet" hier auch wirklich das richtige wort ist. aber ich werde das jetzt nicht prüfen. nein. vielleicht, weil ich dachte, dass ich als leser auch das recht habe, das zu schreiben, was ich will [zwinkernde gefühlsglyphe].)


jean stubenzweig   (22.05.12, 12:57)   (link)  
Sie verängstigen mich!
Ich fürchte, Sie könnten mir von der Seite gehen. Das werden Sie (hoffentlich) nicht tun.

Sag ich's mal so: Es ist mir zwar nicht gänzlich wurscht, wie jemand schreibt, denn sonst täte ich mich hier nicht zum Sprachkritikaster, zum Beckmesser alias Hanslick aufmanteln. Ich bin kein Sick oder sonsteiner dieses Gewerbes, ich mache selbst Fehler zuhauf, letztendlich auch zunehmend verunsichert durch diese sogenannte Reform, deren Initiatoren längst selber nicht mehr wissen, was sie da angerichtet haben, und mittlerweile ist mir das auch mehr oder minder egal. Auch ich habe seit längerem eingesehen, daß Sprache sich verändert. Sie benötigt auch kein Gesetz, das Regularien dieser Art vorschreibt.
«Unzufriedenheit mit der Sprache ist uralt. Besonders bei Menschen, deren alleiniges Handwerkszeug die Sprache war und die ihr Handwerkszeug in ihren Händen zerbrechen fühlten.»
Das schrieb beispielsweise 1913 Fritz Mauthner.
Wogegen ich allerdings bin, ist das erbarmungslose Vereinfachen. Denn das richtet eine Kultur, unterschiedliche Kulturen in ihrer Vielfalt zugrunde. Es gibt eben nichts ohne Zusammenhänge. Wer etwas nicht erklären kann, ist sprachlos. Also erkläre ich (mich in meiner Geschwätzigkeit).

Herr Duden trägt übrigens nur nach, er schreibt nicht vor. Ich bin also ein Nachtrager des Nachgetragenen, wennauch ein ständig motzender.

Bleiben Sie mir als Leser und Kommentator jedoch bitte gewogen beziehungsweise erhalten. Sie dürfen wie andere auch selbstverständlich denken, wie und was Sie wollen; daran bestand nie ein Zweifel. Dennoch werde ich unbeirrt weitermachen. Auch ein Rentier braucht schließlich eine Aufgabe, nicht jeder hat einen Aufsitzrennrasenmäher wie die Männlichkeit meiner Vermieterin Madame Lucette (die ihn wegen des andauernden Lärms gerade für eine Woche zum Golf-Spaziergang ins Dithmarsche verbannt hat). Das mag allerdings darin seine Ursache haben, daß ich ansonsten nichts zu tun und obendrein nichts Anständiges, nichts Handfestes, sondern vor längerer Zeit von allem möglichen jeweils ein bißchen was gelernt habe. Sogar zu einer Berufung kam ich mehr oder minder zufällig. Aber wer weiß das schon, vielleicht ist auch das Nichtstun Schicksal.

Ja, hinter alles eine zwinkernde Gefühlsglyphe.


enzoo   (23.05.12, 08:14)   (link)  
wir sollten
wahrscheinlich beide unsere ängste verjagen. mich jedenfalls werden sie hier nicht so schnell los, zu lieb ist mir ihre seite geworden. also wenn, dass müssten sie mich schon hinwegkomplimentieren!

an ihrem feldzug gegen das vereinfachen nehme ich gerne und schon seit langem teil, denn da haben sie zweifelsohne recht, dass damit grosse verluste einhergehen. die gefahr, dafür als seltsame käuze gehalten zu werden, muss man einfach in kauf nehmen. in manchen kreisen von technikern, in denen ich mich berufszwangsläufig bewege, und in denen man ja manchmal auch ins private wechselt im gespräch, fällt mir das besonders auf. dabei meine ich ja, dass gerade techniker von der vielfalt auf diesem planeten profitieren könnten, auch abseits der bioniker, die häufig ja einfach kopieren (wollen), was ihnen die natur vorzeigt. natürlich kann man etwa von goethes faust nicht direkt profitieren, wenn man ein neues betriebssystem herstellen will, aber indirekt und wahrscheinlich so, dass man es selbst gar nicht bemerkt, sicher, davon bin ich überzeugt.


prieditis   (24.05.12, 01:40)   (link)  
Verflixt!
Ich erinnere mich, erwischt worden zu sein.

Aber ich bin entschuldigt!
Die britische Rheinarmee war ein wichtiger Arbeitgeber in der Region... ( hier stünde nun ein Kniepemänneken)


jean stubenzweig   (25.05.12, 09:39)   (link)  
Einen Grund
muß es ja geben, weshalb Sie sich immerzu so hanseatisch erinnern. Wie der gepflegte Hamburger, der ja bekanntlich nicht nur die Kleidung derer von der Insel pflegt und eine ähnliche Figur bei den Pferdchen macht sowie dabei den Tea bei abgespreiztem Finger trinkt, auch sein Deutsch hat dieses Insulanerische. Ich nehme an, das niederrheinische Straßenbild dürfte vergleichbar ausgesehen haben. Und wenn ich genau hinschaue, stelle ich fest: Sie haben durchaus etwas very britishes. Sie dürfen also, kniepemännekene ich Ihnen zu. Ich gestehe Ihnen zu, was ich bei jedem Hamburger seit Urzeiten für statthaft halte.


prieditis   (29.05.12, 11:19)   (link)  
In der Tat,
die Straßenbeleuchtung in meinem Heimatoberzentrum ist in den ehemals britisch bewohnten Stadtteilen gelb.
UND, einige Straßennamen lassen einen britischen Einfluss vermuten. So z.B. bei "Marlborough Road" oder "Queens Avenue".


jean stubenzweig   (29.05.12, 13:36)   (link)  
Dieses Indeed-In der Tat,
dieses beinahe anglizistischste aller fetten Anglizismen gestehe ich auch nur Hamburgern, also quasi Ur-Angeln oder Gehirnwäscheunterzogenen zu, wie Ihnen das geschah im Heimatoberzentrum Queens Avenue. Bereits Anfang der Siebziger startete ein Bekannter, auch noch einer, das stelle man sich vor, der seinerzeit als urig urbairisch sprechender, aber höchst deutsch schreibender Werbetexter tätig war, in seinem heimatlich oberbayerischen Widdersberg während der Eröffnung des dortigen Eintagsmuseums (von dem ich noch erzählen werde) einen Feldzug dagegen. Er wollte das zahlreich angereiste Publikum, das in weiten Teilen aus Sprachmächtigen bestand, für seine Zwecke mißbrauchen. Aber man lächelte ihn in Grund und Boden, er ging inmitten des ersten Geballeres seiner Bataille darin kläglich unter, wie allüberall zu vernehmen ist; siehe beispielsweise Thomas Hoof, 1996: «Wer Ladyisches will, der searcht nicht bei Jil Sander.»


enzoo   (29.05.12, 15:16)   (link)  
wie sagt man
anstelle von "ich habe das (nach)gegoogelt", was jedermannfraukind versteht, im gegensatz zu "ich habe das mit hilfe des vermutlich bekanntesten zwischennetz-suchprogrammes nachgeforscht", was zwar ein paar müde lächler bei den verständigeren generieren könnte, allgemein aber ein "hä?", bei den k-und-k-affineren hierzulande möglicherweise ein "wie meinen?", hervorbringen wird?


jean stubenzweig   (30.05.12, 12:48)   (link)  
Genau diesen Punkt
treffen Sie, der mich seit langer Zeit wund macht, der jedoch kaum mehr verstanden wird, weil nahezu niemand mehr etwas gegen Werbung oder Markennamen haben will, weil beides heutzutage landläufig unter Kultur als Lebensäußerung eines Volkes meinen Lehrer Brockhaus bestätigt. Wie sagte doch der Werber um die Gunst des Überkonsumenten, Jean-Remy von Matt, nicht zu verwechseln mit dem Germanisten Peter von Matt, der über E. T. A. Hoffmann habilitiert wurde, in einer der in letzter Zeit üblich gewordenen Fernsehsendungen, in denen immer irgendwelche Leutchen komische, bei mir also seltsam ankommende Kommentare abgeben dürfen: Er sei froh, nicht mehr in den Siebzigern leben zu müssen, in denen man als Werber der Büttel des Kapitals gewesen sei. Geändert hat sich nichts seither, im Gegenteil, es ist viel schlimmer geworden, die USA haben mithilfe ihres Kapitalschutzvereins CIA alles dem Nichtgeldigen Entgegenstehende niedergekämpft, in den Siebzigern angefangen unter Einsatz von späteren Friedensnobel-preisträgern. Es merkt nur niemand mehr, besser: es will niemand mehr merken, es ist einfach zu wunderbar, sich mit dem zu schmücken, was anderen Pein verursacht. Das alles kardinalsübermantelnde Turbokapital hat bis ins kaum Erkennbare gesiegt, zwei, drei, vier, zart «Dominanz des Marktes» genannt.

Nun, da bin ich tatsächlich ewig Gestriger. Ich war immer dagegen, daß man Tempo sagt statt Papiertaschentücher, weil es, nenne ich's mal verhalten so, den Wettbewerb verzerrt. Ich habe diese Identifizierung mit Marken noch nie gemocht und halte es für ein großes Ärgernis, daß sie heutzutage mehr denn je anstelle von Begriffen benutzt werden, die von der Sprache dafür geschaffen und auch allgemein darunter verstanden wurden. Daß inzwischen dafür auch noch freiwillig mehr bezahlt wird, ob man will oder nicht, steht auf einem sehr, sehr langen Blatt, das ich auch noch gesondert vollschreiben muß, bevor auch mich dieser Mechanismus hat verfaulen lassen, dem man auch via Gesundheitsreform, sprich Verprivatisierung des Allgemeinguts Krankenhaus unterworfen wird, in dem nur gut leben darf, wer das Geld dafür hat beziehungsweise meint, es für Chefärzte ausgeben zu müssen (die Universitätsklinik zu Lübeck soll ebenfalls ein privatwirtschaftlich geführter, endlich funktionierender Betrieb werden). Demnächst wird man wohl nicht mehr davon sprechen, in die Klinik zu müssen, sondern zum Beispiel zu Herrn Asklepios, der einem in Hamburg möglicherweise nur dann persönlich das Leben rettet, wenn man bei Freunden eines ehemaligen Bundespräsidenten und auch eines noch ehemaligeren Bundeskanzlers assekuriert ist. Ach nein, das wollte ich ja auf ein gesondertes Blatt schreiben, dort eine kalte Spalte füllen; hier verfehle ich nur wieder das Thema.

Ich habe Google auch benutzt, nachdem mich Ende der Neunziger ein Freund darauf hingewiesen hat, daß es eine neue Suchmaschine gebe, die offensichtlich mehr hermache als seinerzeit Fireball und wie sie alle hießen, die allesamt vom Markt oder zumindest an dessen Rand gedrängt wurden. Doch während ich und andere auch sich von diesem Datengreifmonster mit seiner schier unglaublichen Macht — das muß man sich vorstellen: wer, wie Frau Braggelmann, gezwungen wird, eine Datei gelöscht haben zu wollen, muß bei dieser von niemandem auch nur annähernd beaufsichtigten, weil die US-amerikanische Freiheit verkörpernden, also kein europäischer Datenschutz-Colt auf sie zielende Bank ein Konto eröffnen und somit seine kompletten, dem Computer anvertrauten Innereien preisgeben — so fern als irgend möglich zu halten versuche, da es schließlich noch andere Möglichkeiten der Suche gibt, spricht alle Welt, die ohnehin nicht mehr als nach Schnäppchen (auch auf dem Freundemarkt) Ausschau hält, nicht mehr vom Suchen, sondernd vom Googeln. Das ließe sich erweitern in alle erdenklichen Markenbereiche. Mich wundert durchaus, daß das Kulturvolk nicht, seiner Auffassung gemäß, statt vom Einkaufen oder Shoppen vom Lideln oder Aldiln oder, da ich's gerade thematisch gestreift habe, vom Facebooking spricht.

Ich habe suchmaschint. Aber Sie haben durchaus recht. Das versteht kaum jemand, das klingt so sprachartfremd, irgendwie vervolksdeutscht, so exotisch wie etwa moteur de recherche statt kurz und knapp chercheur Web, knapper noch google. Der Ordinateur hat auch keine Chance.

«Wie meinen» hingegen ist k.u.k-österreicherisch, also Hofhochdeutsch. Das versteht auch niemand, weil alles von gestern ist. Wie Ihre Sissi. Da mag man sie noch so wiederbeleben, von einem Bataillon an Medien-Zwergen in die Horizontale geküßt. Weil's Romerl Todestag hatte. Das als Königskind Griechenland so lieb hatte. Das keiner mehr mag. Ach, ist das alles traurig.


jean stubenzweig   (24.05.12, 15:34)   (link)  
Allgemeine Verunfallungen




Mir ist aufgefallen, daß sprachliche Ungenauigkeiten zunehmen, meiner Beobachtung nach seit Einführung des Internets beziehungsweise der parallel verlaufenden Spracherneuerung. Manfred Jander hätte zu noch netzfreien Zeiten unter Umständen eine einstündige Diskussion hervorgerufen über die eigentümologische Bedeutung beziehungsweise Anwendbarkeit solcher Formulierungen wie einen Verein hassen. Das kann jemandem auf die Nerven gehen. ist jedoch zulässig angesichts der Tatsache, daß alle Welt nach Norm schreit, aber sie hierbei für vernachlässigbar hält. Sicher, darüber darf, vielleicht sogar muß debattiert werden wie über eine Erneuerung des Urheberrechts. Aber sich über alle Sprachregelungen hinwegsetzen, das mag zwar rechtens und gut sein, hilfreich ist es nicht, da es die Kandidaten der Unsicherheit noch weiter durcheinanderbringt, denn immer öfter wird nachgeplappert, was andere so vor sich hinreden, wobei besonders die öffentlich-rechtlichen Lautsprecher Erwähnung finden sollten, die als Vorbild oder auch Deutschlehrer der Nation(en bis hin zum Balkan und auch dem Röstigraben) empfunden werden. Das mag mit dem (hier erörterten Bauchgefühl [Postskriptum]) losgehen, das bei mir vor etwa ein bis anderthalb Jahren ankam wie die Tritte einer X:enius-Jungreporterin des Bildungsfernsehensehsenders arte (und gerade gestern höchst ernsthaft wiederbelebt im sogenannten Wissenschaftsmagazin nano) in meine Gehirnregion unterer Magen, da sie es innerhalb einer solchen Erklärsendung fertigbrachte, etwa alle zehn Sekunden die vermutlich eingedeutschte Form für Intuition oder gar menschfremdem Instinkt zu ge- oder auch insofern zu mißbrauchen, als sie für ein spontanes Denken steht, dem keine reine Vernunft weiterzuhelfen gedenkt, allenfalls ein gerüttelt' Maß an Aufmerksamkeits- oder Wieder-erkennungsversammlung. Es ist ein Beispiel für Sprachmodismen (meine gegenläufigen, gelegentlichen Um- oder Falschschreibungen sowie Neuschöpfungen lasse ich dabei geflissentlich außeracht), denen hier nach und nach weitere Auseinandernehmungen folgen sollen, gerade so, wie ich Bereitschaft zeige, jedesmal zu Stift und Notizpapier zu greifen, wenn eines dieser Unverständlichkeiten aus dem Äther in meinen Kopf dringt. Dann werde ich es in meinen Blog einfüllen, diese Ablagevorrichtung für jemanden, der ansonsten keine Sorgen hat, der sans souci lebt; wenn ich den wohlmeinenden, anders-linksrheinischen Herrn Terra richtig interpretiere.

Da wären noch diese Verunfallungen — im übrigen ein Begriff, der sich vor noch gar nicht so langer Zeit in Deutschland nicht in Gebrauch befand, der aus der Schweiz, die gar nicht zu Europa gehört —, die also die Grenze überschritten, einen will ich, noch so einer, schlußendlich noch vorab nennen, da er die Vermodung von Sprache belegt. Auch das ist nichts neues, eine Zeitlang war es das Französische, nun ist es eben das sozusagen Postanglische, das meist über den großen Teich herübertsunamite, gegen das es ebenso kein Kraut zu geben scheint. Sei's drum. Ich werde diese sprachlichen, teilweise unsäglichen Dummheiten wie etwa die über das Handy gestülpte Wellness nicht mehr ändern können, wenn ich meinem Ärger darüber auch immer Luft machen muß.

Aber diese fragwürdige Verdünnerei, als ob es darum ginge, die Homöopathie als grundsätzliche Gesundheitsmaßnahme einzuführen! So wird beispielsweise nur noch von herabgestuft gesprochen oder geschrieben; es ist wohl die Sprache der alles auf einen Punkt bringen wollenden Analysten — womit wir wiederum einen kleinen Ausflug ins Reich der Anglizisten machen. Wobei ich mich bei alldem gerne auf Enzoo beziehe, der trefflich erweiternd meint: «dass gerade techniker von der vielfalt auf diesem planeten profitieren könnten, auch abseits der bioniker, die häufig ja einfach kopieren (wollen), was ihnen die natur vorzeigt. natürlich kann man etwa von goethes faust nicht direkt profitieren, wenn man ein neues betriebssystem herstellen will, aber indirekt und wahrscheinlich so, dass man es selbst gar nicht bemerkt, sicher, davon bin ich überzeugt.» Mir fallen dazu beispielsweise die Technikaffinen aus dem Kopf auf die Tastatur. Rund zwanzig Jahre ist es her, als die Technologie überhand zu nehmen schien und der Semiotiker, der Wahrnehmungstheoretiker S. D. Sauerbier mehrfach darauf aufmerksam machte: In der deutschen Sprache bedeute dieser Begriff einzig und allein die Lehre von der, die Erforschung der Technik. Technologie ist also ein Anglizismus, der zwar die Technik meint, aber die Forschung durch den Rost des schwindenden Wortschatzes fallen läßt.

Die Analytiker und die Analysten.
«Analyst» nannte die resche öffentlich-rechtliche phoenix-Dame im Gespräch mit dem SPD-Herrn (Dreßler) einen Politikwissenschaftler der Universität XY, der die akute Parteilage anal ... — ja, was denn nun, analystiert? klistiert? — hat. Hätte sie nun dem Nachwuchs angehört, der's nicht anders kann, weil im Bachelor-Schnellgang für solche Erbsenzählereien keine Zeit vorhanden ist, weil keiner mehr da ist in den Redaktionen, der's ihm sagen könnte, schulterzuckend resignierend hätte ich's hinnehmen müssen. Aber besagte gestrige Frau Moderatorin dürfte einem Jahrgang angehören, zu dessen Schul- und Studienzeiten man noch nichtmal eine Ahnung davon gehabt haben dürfte, wer oder was so ein deutscher Bachelor (nicht nur sprachlich) alles kaputtmachen kann.
Analyst vor Ort
Mich (und mir verwechsle ich nich, das kommt bei mich nich vor) wurden dazu einmal unterschiedliche Bedeutungen gelehrt, nach der örtliche Ausgangspunkte auschlaggebend sind. Steht der mehr oder minder heimliche Verbund der Analysten oben, sitzt er auf einem hohen Podest über allen Politikern, dann stößt er also die seiner Meinung nach nicht mehr haltbare Bank hinab Oder harrt er unten beim Volk, nimmt also die Perspektive des Grases und nicht der Burg ein? Dann stuft er sie herab. Das verhält sich ähnlich wie bei Haltungen oder Bewegungen. Nahm ich eine bequeme ein, dann habe ich gesessen, geriet ich in bewegte sprachliche Unsicherheit, dann bin ich geschwommen. Weshalb, warum, wieso (auf diese Unterscheidungen komme ich irgendwann noch zurück) werden diese wahrlich leicht zu merkenden Leitpunkte kaum noch genutzt? Das ist klar, weil sie kaum noch jemand kennt, weil sie vermutlich in den Schulen auch nicht mehr gelehrt werden. Aus welchem Grund muß ich mir von Sendeanstalten mit Bildungsauftrag, nicht zuletzt auch noch in Beiträgen, die an ein gebildetes Publikum gerichtet sind, eigentlich ständig diese sprachlichen Eindampfungen anhören? Reduziert wird in der Küche, etwa um aus einem großen Topf mit Brühe aus einem Suppenhuhn mit Kalbsfuß oder Schweinekopf und vielen Gemüsen, Gewürzen und Kräutern einen wohlschmeckenden Fond zuzubereiten, den ich dann weiterzuverarbeiten gedenke, beispielsweise indem ich ihn mittels Spirituosen unterschiedlich parfümiere. Aber was macht das Volk, das sich für informiert, für aufgeklärt hält? Es geht in den Supermarkt und kauft die verpulverte Sauce aus so nicht erkennbaren billigsten Abfallknochen in der Tüte oder als Pampe in der Tube, alles instant, nach Möglichkeit noch light, allenfalls die gesamte Nahrung convinence aus dem Kühlregal, auf daß es gar nicht mehr lerne, wie köstlich (sprachliche) Vielfalt zu munden vermag. Allerdings ist es nicht weiter verwunderlich, denn die Kultur wird insgesamt eingedampft, da sie offenbar immer noch oder auch unwiederbringlich an die Meinung abgegeben worden ist, nach der sie als Hochkultur von denen aus der Höhe bestimmt wird. Der Zeichen-, Literatur- und somit Kulturtheoretiker Roland Barthes, der in den Sechzigern auch die Mythen des Alltags aufgespürt und erklärt hat, war zwar für eine, nenne ich's mal etwas flapsig, Entherrschung von Sprache, der «die subtile Analyse der Sinnprozesse, mit deren Hilfe die Bourgeoisie ihre historische Klassenkultur in universelle Natur verwandelte» (S.8 f.). In Wikipedia heißt es, und das will ich gerne abnicken: «Es ist dies eine Form, die an die Moralistik, d. h. an philosophische Texte, die sich mit dem guten und dem bösen, dem moralisch richtigen oder falschen Leben auseinandersetzen, anknüpft. (Damit steht er in der Tradition von Abaelards Sic et Non) Dies geht so weit, dass er identische Begriffe in unterschiedlichen und sich teilweise ausschließenden Bedeutungen verwendet. Damit fordert er in diesem Text selbst die Herangehensweise ein, die er in den Aphorismen beschreibt: Eine Leseform, die sich zunächst von „Bedeutung“, „Sinn“ und „Verstehen“ verabschieden muss.» Aber er hat, nach seinem Vorgehen, eben genauso auf sprachliche Fallstricke hingewiesen, die zu Verwicklungen oder Erlahmungen führen können.
[...] Man sagt gewöhnlich «herrschende Ideologie». Dieser Ausdruck ist unangebracht. Denn was ist Ideologie? Eben gerade die Idee, insofern sie herrscht: Ideologie kann nur herrschend sein. So richtig es ist, von «Ideologie der herrschenden Klasse» zu sprechen, da es ja eine beherrschte Klasse gibt, so inkonsequent ist es, von «herrschender Ideologie» zu sprechen, weil es keine beherrschte Ideologie gibt: auf der Seite der «Beherrschten» gibt es gar nichts, keinerlei Ideologie, außer eben gerade — und das ist die letzte Stufe der Entfremdung — die Ideologie, die sie gezwungenermaßen (um symbolisieren, also um leben zu können) von der Klasse, die sie beherrscht, übernehmen. Der soziale Kampf ist nicht auf den Kampf zweier rivalisierender Ideologien reduzierbar: es geht um die Subversion jeder Ideologie. [...]
Aus: Roland Barthes, Die Lust am Text S. 49



edition csc   (02.06.12, 13:52)   (link)  
Am besten
täglich lesen.

–cabü


jean stubenzweig   (03.06.12, 09:52)   (link)  
Herrn Trepls Anmerkungen
stehen bei mir schon des längeren auf meiner Liste der Leseempfehlungen.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4455 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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