Zur Multiplikation

Aus meinem halbverdunkelten, immer leicht eingeschränkten Blick durchs Badezimmerfenster-schnittlauchpetersilienblau, die fliehenden Linien scheinbar etwas fester im Auslösergriff als sonst:




Ein Student kämpft gegen Windmühlen
[...] Max Schrems ist ein der Jurisprudenz zugeneigter Student aus Wien, der bei der irischen Datenschutzbehörde 22 Anzeigen gegen das populärste Social Network dieser Tage einbrachte und sich damit international Gehör verschafft hat. Die Anzeigen betreffen allesamt Praktiken, die mit den geltenden Datenschutzrichtlinien nicht unter einen Hut zu bringen sind. Dabei handelt es sich etwa um Löschpraktiken, die diesen Namen nicht verdienen oder um fehlende Auskunftsmöglichkeiten in Bezug auf die im Netzwerk gespeicherten Daten. Interessierte können sich die Anzeigen im Wortlaut auf der Website der Gruppe europe-vs-facebook durchlesen. [...]

Die Mobilmachung der Worte
[...] Was soll uns das sagen, daß sich die gelisteten Worte alle im Text wiederfinden? Nicht, daß ich listengeil mal vorne landen will, sondern daß wir den Krieg vergessen haben. Das Leid und den Horror den Nationen über uns bringen. Den «Demozid» den Regierungen über ihre entfernten Nachbarn und ihr eigenes Volk bringen, wohl wissend, daß sie im schlimmsten Fall, wie Henry Kissinger, mit dem Friedens-nobelpreis ge-outet werden. All die Meister des asozialen Superlativs. [...]

Kein Wort über Gauck!
Verstehen Sie nun, warum mir nichts einfällt? Gaucks Wahl ist der worst case. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Die Atomphysiker haben einen Fachausdruck für solche Fälle: Supergauck.

Coast-Gardening
Ich hatte so einen in der Familie. Er fuhr in jüngeren Jahren mit der Küstenwache vor Seattle im Pazifik Patrouille, war Demokrat und folglich sanfter Lehrer für Schwererziehbare und füllte ansonsten sein Leben in der Freizeit auf mit dem Sammeln von Marines and Artefacts.

Es gab da eine Debatte
[...] (ist das das rechte Wort?) bei Phyllis Kiehl (‹Tainted Talents›) über Netzliteratur, Lewitscharoff-Bashing, Autor und Werk, Wert und Unwert von Literatur, die zwischen einigen Beteiligten hässlich wurde. Da ich mich (zu Beginn) daran beteiligte und durchaus harsche Worte fand, möchte ich dazu (im wesentlichen zu meinem Beitrag und seinen Folgen) hier Stellung nehmen. [...]

Es sind aber meine Erfahrungen und sie haben ihre Schranken in meiner Person (meinem Geschlecht, meinem kulturellen und sozialen Hintergrund, meiner Körperlichkeit, meinen Vorlieben u.v.m.). Solche Schranken nehme ich auch für Autor:innen an. Sie sind für mich die Subjekte, mit denen ich — über ihre Texte — virtuell kommuniziere. Das ist eine phantastische und auch sehr störungsanfällige Kommunikation. Es ist aber daher nicht gleichgültig für mein Interesse und meine Anteilnahme, wer schreibt oder geschrieben hat. Das ist keine Frage der Qualität, sondern eine der Anschlussfähigkeit. [...]

Der ungläubige Thomas
[...] Es steckt, das Verlangen des ungläubigen Thomas zeigt es, im Bilderwollen genauso viel Gewalt wie im ursprünglichen Bilderverbot. [...]

Wie in der Wörterwelt das Konkrete der Abstraktion geopfert wird, so wird in der Bilderwelt ausgeschlossen, was als nicht bildwürdig gilt. Die Installation MOUNTAINS OF DISBELIEF von Thomas Hartmann zeigt Ihnen vieles, aber sie trifft offenbar diese Unterscheidung zwischen bildwürdig und bildunwürdig nicht. Vor meinen Augen entsteht hier — jenseits des Logos — ein faszinierender und lustvoller Einspruch gegen die Herrschaft der erstarrten und erstarrenden Sinn-Bilder. Es ist nicht wahllos, was und wie Sie hier etwas zu sehen bekommen, aber es ist auch nicht zwingend in jenem zwanghaften Sinn, der behauptet, etwas könne nur so und nicht anders sinnfällig und bedeutsam werden. Sie können umher gehen in dieser Kirche und zeigen: auf bunte Bälle und Trinkhalme, auf Sumo-Ringer-Hosen und Joseph-Silhouetten, auf Teppichrohre und Kruzifixe, auf Grass und Ente, Pfeife und Schlange. Sie können einen eingehegten Altar umkreisen oder eine Raucherecke finden. Aber wann immer Sie versuchen werden, sich ein Bild zu machen, werden Sie vor diesen Gebilden feststellen, dass der Bilderrahmen überschnitten wird, dass es aus ihm herausquillt und in ihn hineinwuchert. Immer wieder kann man hindurch und hinaus schauen. Sie können sinnstiftende Bezüge herstellen zwischen Formen und Farben, Zitaten und Metaphern und doch wird sich wohl kaum alles schlüssig zu einem einzigen Gesamtbild fügen. Das Gebilde, das hier entstand, ist stabil und fragil zugleich: Es hält, aber es wird nicht bleiben. Die Bildwerke aus Pappe und Papier, Zeitungsausschnitten, Spielzeug und Müll, die hier gezeigt werden, können woanders ganz anders zusammen gesetzt sein. Sie stehen nicht für sich allein, sondern sind in Beziehungen und Abhängigkeiten gebracht, die jedoch nur befristet gelten. Metamorphosen deuten sich an; alles kann zu anderer Zeit, an anderem Ort sich anders fügen. Vielleicht werden Sie stehen bleiben und staunend schauen, während andere durch die Pappkonstrukte hindurch auf Sie schauen, wie Sie zeigen, was Sie gerade sehen. Die Gesetze des Bildes: Kohärenz, Konzentration, Kontemplation sind hier außer Kraft gesetzt. Stattdessen finden Sie Übersprünge und Überfülle, stoßen Sie auf Weiterungen und Wucherungen. [...]

Verdammt. Romantisch (eine Polemik)
[...]Das Romantische wehrt sich gegen die ewige Schufterei und die böswillige Nützlichkeit. Man will nichts haben, sondern werden. Der Romantiker ist der Mensch gebliebene Antipode des „Homo oeconomicus“, jenes imaginierten Monsters, dem anzugleichen sich die Apologeten der Geldwirtschaft tagtäglich mit ihren Weckmaschinen, Mobiltelefonen und Terminkalendern abmühen. Abends wollen sie aber doch ein bisschen Kerzenschein und weiß gewaschene Unterhosen. Der Feierabend-Romantiker verkostet guten Wein, tiefrot wie Blut. Auch Dracula, nicht wahr, war doch im Grunde ein Romantiker? So rot wie Blut, so weiß wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz. Ach ja, die Liebe... [...]
Dabei schmetterlingt mir so etwas wie eine Blaue Blume durch das Herz.
 
Fr, 01.06.2012 |  link | (953) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Kritische Anthologie Universalis

In meinem Verständnis von Gemeinsamkeit gebührt auch dem etwas anders Denkenden Platz in der Runde derer, die am liebsten alle auf demselben Stuhl sitzen würden. Deshalb möge Nachfolgendes weitere Verbreitung finden, denn ich kann mir vorstellen, daß es noch einige weitere Interessenten gibt, denen die sklerotische Enge der Vorstellungswelt der Funktionäre mit ihrem Hang zur Nivellierung nach unten nicht behagt.1
KAU wurde ausgelöst beziehungsweise baut auf auf Henner Reitmeiers Von den Umtrieben der POC-Jäger. Darin heißt es unter anderem: «Denn um so ausgefeilter der Stil eines Artikels, desto geringer die Chancen des durchschnittlichen ‹Mitmachers›, sich in diesen Artikel einzubringen. Beat begreift jeder; Tango nicht.» Das war für mich mit ein Grund, bei Wikipedia nicht mehr mitzuwirken.



«Die KAU ist ein nach Stichworten (Themen) geordnetes Internet-Nachschlagewerk, das sich durch stets namentlich gezeichnete Beiträge hoher sprachlicher Qualität auszeichnet. Die Anzahl der Beiträge zu einem Thema ist nicht begrenzt. Diese Beiträge können von unterschiedlichen Autoren stammen. Auch Kontroversen sind statthaft, doch sollten sich alle Autoren einer kritischen, wahrhaftigen und parteilichen Sicht von unten verpflichtet fühlen. Herrschaft und jede Verschleierungstaktik wird abgelehnt.

Das Konzept basiert vor allem auf Erfahrungen libertär und egalitär orientierter Kommunen. Das bedeutet insbesondere: Keine Hirarchien/Verbindung von Kollektivität (Kooperation) mit persönlicher Verantwortung/Transparenz. Weiter verwertet es Erfahrungen aus publizistischer und verlegerischer Tätigkeit. Von daher hat es Qualitätsansprüche, die in Kommunen eher unbekannt sind. Schließlich zehrt es von Erfahrungen (und Informationen) der Wikipedia [...].

Nachbemerkung von Henner Reitmeier

Ich bin der ‹Erfinder› dieses Konzepts. Ob es etwas taugt, steht auf einem anderen Blatt. Vermutlich ersähe man dies frühstens aus einer monatelangen Erprobung — und schon diese erfordert einen Aufwand, der wahrscheinlich nicht unbeträchtlich ist. Mag man sich auch auf (freie) Software wie die von Wikipedia benutzte stützen können, so muß sie doch auf KAU zugeschnitten werden. Man benötigt also sowohl für die redaktionelle wie die technische Arbeit Fachleute. Mehr noch, es muß gewährleistet werden, daß sich auch alle zukünftigen Mitglieder verhältnismäßig leicht mit diesen Arbeiten (und der Software) vertraut machen können. Die Gruppe darf nie Gefahr laufen, von ihrem Sekretariat wie von Kanzler Schröders Kaffeekränzchen oder Walter Ulbrichts Politbüro verschaukelt zu werden. [...]»

Der gesamte Text: Das Konzept KAU


1Der Begriff Allgemeinbildung «[...] maßt sich an zu wissen, was ‹man› wissen muß. In seinem Verständnis natürlich alles, was der Aufrechterhaltung seiner gut geschmierten Megamaschine nützt, die wiederum seiner Elite dient. In Wahrheit gibt es unter den Menschen - solange sie noch nicht erfolgreich angepaßt worden sind — eine derart große Vielfalt an Naturellen, Bedürfnissen und Lebensformen, daß sie alle ihrer eigenen, darauf zugeschnittenen Bildung oder auch Schwänzerei bedürften. [...]»

Henner Reitmeier in Schulen.

 
Sa, 28.04.2012 |  link | (839) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Marginale Empörungen

Nachdem die Kopfschüttlerin mir einmal mehr vorgelesen hat, (wiederholt) hat vorlesen müssen, bis es auch in meiner Aufmerksamkeit gebührend ankommen konnte, sehe ich mich nunmehr außerstande, weiterhin einen Auszug dessen zu verweigern, was mich seit langem bewegt und mich mit Zeitverzögerung auf das stößt, was auch gesagt werden muß oder besser: gar nicht oft genug gesagt werden kann:
«Charakteristisch für die Proteste deutscher Wutbürger/innen ist generell, worüber sie sich nicht empören: die täglichen Abschiebungen von Nicht-Deutschen, Hartz IV, Rente mit 67, Verelendung der abgehängten Unterschicht, Sarrazins menschenfeindliche Thesen, alte und neue Nazis, gleich ob sie höchste politische Ämter auch im ‹Ländle› bekleiden oder mordend durch die Republik ziehen, deutsche Rekorde beim Handel mit dem iranischen Holocaustleugner-Regime — solche Petitessen bringen Wutbürger/innen im allgemeinen nicht aus der Ruhe.»

Der gesamte Text von Lothar Galow-Bergemann und Markus Hofmann ist nachzulesen in: Krisis bzw. in Konkret 1.2012
 
Mi, 18.04.2012 |  link | (806) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Eine Laterne für Wikipedia

Als Autor war ich nicht von der ersten Stunde, aber Mitte des letzten Jahrzehnts ward ich von einem solchen gebeten worden, doch hin und wieder hineinzuschauen, was die Wikipedianer aus seinen Texten gemacht haben, und gegebenenfalls einzugreifen, er selbst sehe sich dazu nicht in der Lage, da sein Herzensarzt ihm als pensioniertem Fachmann des Versuchs nicht einmal mehr die Verliebtheit im literarischen Essay gestatte, also jede Aufregung strengstens untersagt habe. Das habe ich dann auch versucht, es jedoch bald wieder aufgegeben. Da fanden Debatten statt, die ich nicht nachvollziehen konnte und auch nicht wollte. Einmal noch tat ich's dann doch. Vor ein paar Monaten habe ich's doch nochmal gewagt, wie ich es Einemaria mitteilte. Lediglich den Präsidenten einer Kunstakademie wollte ich tilgen, da er ein solcher seit längerem nicht mehr war. Man hat's dreimal wieder rückgängig gemacht, aus mir nicht ersichtlichen Gründen, die ich erst gar nicht mehr erforschen mag. So habe ich mir vorgenommen, von der Encyclopedia Wikipediana zu lassen, auch wenn die akademische Welt sich ihr mittlerweile gar gerührt hingibt. Nun bin ich gestern auf einen Text gestoßen, der all das zusammenfaßt, das mir und anderen zugestoßen ist innerhalb dieses basisdemokratischen Nachschlagewerks des Wissens. Henner Reitmeier, kürzlich zugezogen ins hiesige Bloggerdorf und eine Bereicherung für die Freunde des nicht so knappen Wortes, hat es mit ordentlich Fleisch an den Knochen ausgeschrieben. Ich erlaube mir, einen Auszug zu veröffentlichen, diesen hier vor allem deshalb, da mich diese Scheinneutralität immer seltsam anleuchtete und nach meinem Kenntnisstand nie sonderliche Erwähnung fand:
Der Versuch, der menschlichen Subjektivität ein Schnippchen zu schlagen, gleicht Calinos Taktik, eine Laterne anzuzünden, damit er sehe, wie dunkel es in der Höhle sei. Man soll die eigenen Augen nicht benutzen, weil sie einen möglicherweise trügen könnten. Nur der objektive Autor hat das geeignete Instrument, die Wahrheit der dunklen Höhle zu ergründen. Er hat die wunderbare Laterne, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Aber die WP-Neutralitäts-Apostel lassen nicht darin locker, den Anschein von Objektivität zu erwecken, um ihn als die Objektivität selber ausgeben zu können. Denn darauf belaufen sich diese „sachlich-korrekten“ Artikel mit den 20 Schubladen und den 60 Fußnoten. In Wahrheit sind sie natürlich stets von Jemand geschrieben worden, und zwar von einem, der wie wir alle seine Befangenheit, seine Vorurteile, seine Launen und diese ganze Verworrenheit hat, in die ihn die 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Synapsen seines Gehirnes stürzen können, sofern es ihnen gerade gefällt. Und natürlich sind wir auch stets parteilich. Vor allem wünschen wir recht zu behalten, unser Gesicht zu wahren, in möglichst günstigem Licht dazustehen. Doch die wenigsten geben es zu. Und ähnlich wenige machen dann lieber aus der Not eine Tugend, indem sie gleich bewußt und erklärtermaßen parteilich sind. Für die erwähnten Kommunisten ist es selbstverständlich, einen Aufsichtsrat eine Ausbeuterbande zu nennen, es sei denn, sie haben in der Ex-PDS mit dem unaussprechlich anmaßenden Namen überlebt. Der WP-Kommissar dagegen möchte es sich weder mit dem Kommunisten noch mit dem Aufsichtsrat verderben. Er möchte es allen recht machen. In einer Welt, die vor Gegensätzen schreit und die bereits die halbe Milchstraße blutig gefärbt hat, möchte er die mindestens afrikagroße Insel der Wissensseligen schaffen — und natürlich auch verwalten.
Von den Umtrieben der POV-Jäger
Man lese den gesamten Artikel, er ist so lohnenswert wie manch anderes dieses Autors, der mit seinem «essayistischen Stil» teilweise direkt aus meinem Kopf zu schreiben scheint. Nachhaltig erheitert hat mich seine verbindende Argumentation zwischen Kommune und Hund:
Freilich kann ich es inzwischen, nach 15 Jahren der rotgrünen Restauration, irgendwo auch wieder verstehen. Die Kommunen kämpfen ums Überleben; sie haben wenig Zulauf; man sollte ihnen nicht auch noch die Hunde wegnehmen.

 
Sa, 07.04.2012 |  link | (1477) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Meine Rede

seit dem Ausschalten des Nachdenkens durch das authentische Hinterfragen in den modischen Medien.

Angeregt durch Einemaria.
«[...] Die auffälligste Fehlentwicklung der Zivilisation ist die Vermarktung alles Menschlichen.[...]

Das Neue aber und zunehmend Verheerende ist, dass nichts Menschliches mehr der Logik der Finanzmärkte entzogen bleibt: Alles muss möglichst hohe Profite abwerfen, vom Ersatzteil zum Krankenhausbett, vom E-Commerce zum Nachhilfeunterricht, vom neuen Medikament zum Transfer von Fußballspielern. Das führt aufseiten der Manager zu Verhaltensweisen, die bis zum brutalen Exzess gehen. Wir erleben eine Verschmutzung der Arbeit, die nicht weniger schlimm ist als die der Gewässer.

Außerdem führt es zu einer umfassenden Kommerzialisierung von Dienstleistungen, die dazu da sind, Menschen auszubilden und in ihrer Entwicklung zu unterstützen: Gesundheit, Sport, Bildung, Forschung, Kunst und Kultur, Freizeit, Information, Kommunikation. Der Aufschwung dieser Dienstleistungen zeugt von der Entwicklung zu einer Welt, deren entscheidender Reichtum der Mensch ist. Auf sie stürzt sich der Kapitalismus, um auch sie seiner Logik zu unterwerfen. Alle Ziele, denen diese Aktivitäten dienen, werden tendenziell durch die Gesetze des Kohlemachens abgelöst. So wird aus dem großartigen Medium von Kultur und Solidarität, das das Fernsehen sein könnte, durch den Werbemarkt ein primitives Vehikel zum Verkauf von Zugriffszeit auf verfügbare Gehirne. Die Bildung wird Profitraten unterworfen — kann man ein solches Verbrechen dulden? [...]»
Le Monde diplomatique: Der Mensch im Kapitalismus
Der Mensch Lucien Sève


Nach dem von Sève erwähnten Jean Jaurès (bei ihm Anmerkung 5) sind in Frankreich viele Örtlichkeiten benannt. Einer der mir liebsten Orte ist der Cours Jean Jaurès in Avignon. Er ist der Platz, an dem ich mir in dem Frankreich, das es, wie mir's immer wieder entgegenschallt, überhaupt nicht mehr gibt, auf dessen Straßen und Plätzen ich mich dennoch aus unerklärlichen Gründen ständig wiederfinde, gerne Ohrenschmalz in Auge und Gehör gebe. Das ist mein links des Rheins, wo ich mich mit dem Sandler, wie auch der Bayer diesen österreichischen Begriff aus der Nachbarschaft gebraucht, auch für den nicht seßhaften, den fahrenden Händler, den Non sédentaire, unter dem auch Herr Prieditis durch die Lande führt, wo ich mich mit dem Verkäufer von vom LKW gefallenen oder aus Nachlässen erstandenen Platten, CDs (Ohrenschmalz), Bücher, Lithographien oder solchen volkssängerischen combattants solitaire ebenso problemlos über politische oder philosophische Themata, gefahrloser über links oder rechts beplaudern kann als mit dem holsteinischen oder mecklenburgischen Bauern, bei dem es rechts nie gab, weil links ein Hirngespinst ist und ich doch rübergehen soll nach links des Rheins. Deshalb sei hier gesondert zitiert, wonach Sève auf Jaurès hinweist:
«[...] Die kleine Empörung entfernt sich von der Politik, die große führt zu ihr zurück. Oder führt vielmehr zu einem politischen Handeln ganz neuer Art: nicht zu einer Revolution alten Stils mit ihren zum Scheitern verurteilten Veränderungen von oben, sondern zu einem Engagement auf allen Ebenen in der gemeinsamen Aneignung gegen neue Formen von Organisation und Aktion. Dies ist die Stunde der Innovation. So lässt sich die Abwendung des Unabänderlichen in Angriff nehmen. [...]»

 
Di, 29.11.2011 |  link | (1063) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

«Die Fallhöhe entfällt. Es rauscht. So grün.»

Davon möchte ich mehr lesen. Es bezündelt mich dermaßen, daß ich sehr gerne hätte, auch andere hätten gerne mehr davon, da «es noch anderes gibt, eine Literatur nämlich, für die Sprache mehr ist als Briefträgerin für Botschaften».
«[...] Auch ich bin eine Irre. Ich glaube nicht an die Marktwirtschaft. In Ewigkeit. Amen. Aber an die unerschöpfliche Produktivität der Menschen. Ich glaube sogar daran, dass es ein nachkapitalistisches Zeitalter geben wird. 1986 stellten Jean-Marie Straub und Daniele Huillet im Frankfurter Filmmuseum ihren Hölderlin-Film ‹Der Tod des Empedokles› vor. (Der Philosoph, der sich in den Ätna stürzt, weil er sieht. Wie hörbar der Wind durch die sizilischen Bäume streicht.) Jean-Marie Straub legte sich fest: Es begann mit dem Geld. Von da her: der Untergang der Menschlichkeit. Das glaube ich nicht. Es geht weiter. Eben auch: von da her. Wohin ? — Das können nur die Götter sagen. Und die Seher. Die stürzen müssen. Doch wir — sollen leben! Vielleicht ohne Geld. Tauschhandel wird verboten! Stell dir das mal vor! Kann eine denken. Kein Grund, sie einzusperren. Kein Sturz in den Ätna. Die Fallhöhe entfällt. Es rauscht. So grün. [...] »
Ob man Melusine heißen muß oder darf, um so weise zu sagen? Ja, immerzu muß ich dabei, bei ihr an die Undine der Bachmann denken, an Das dreißigste Jahr, an diesen Hans: «... daß ein Mann Hans heißen muß, daß ihr alle so heißt, einer wie der andere. Es ist immer nur einer, der diesen Namen trägt.» ()
 
Mo, 14.11.2011 |  link | (487) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Ausgelaugt

Meine hochgeehrtesten Herren und Sehr werthen Freunde,
Endlich bin ich im Stande Ihnen auch den Rest des 8. Theil von Shakespear zu übersenden. Ich wünsche Ihnen und mir selbst zu dem erreichten Zeil dieser weitläufigen Unternehmung Glück. Ich habe dabey geleistet, was (zumal in den Umständen worinn ich war, noch bin, und so lange ich leben werde, ohne Freunde, ohne einen Ratgeber, ohne einen Aristarch) möglich war. Ich schaudre selbst, wenn ich zurücksehe und daran denke daß ich den Shakespear zu übersetzen gewaget habe. Wenige können sich die Mühe, die Anstrengung, die oft zur Verzweiflung und zu manchem Fluch, (der doch die Pferde nicht besser ziehen macht) treibende Schwierigkeiten dieser Arbeit vorstellen. Ich sehe die Unvollkommenheit dessen was ich gethan habe; aber ich weiß es, daß Richter von ebensoviel Billigkeit als Einsicht mit mir zufrieden sind. Genug, diese Herculische Arbeit ist nun gethan, und, bey allen Göttinnen des Parnasses! ich würde sie gewiß nicht anfangen, wenn sie erst gethan werden sollte. Indessen hab` ich doch sie nicht schließen wollen, ohne ein paar Wörtchen mit den Berliner Kunstrichtern zu sprechen, welche ebenso boßhaft als dumm über unsere Uebersetzung geurtheilt haben. Ich hoffe das Publikum soll nun mit mir zufrieden seyn; denn von Lessingen und seinen Freunden hab` ich doch weder Gnade noch Gerechtigkeit zu erwarten.

Ich habe die Ehre, Meine Herren und Freunde, mich Ihnen zu empfehlen und mit alter unveränderlicher Hochachtung zu seyn
Dero ergebenster Diener

Biberach, den 8. May 1766 Wieland

Christoph Martin Wieland, Brief an seine Verleger Orell, Gessner & Cie. in Zürich; in: Das Buch Deutscher Briefe, Insel-Verlag Zweigstelle Wiesbaden 1957, S. 135 – 136

«Als Wieland den Versuch wagte, die Dramen des genialen englischen Stückeschreibers erstmals ins Deutsche zu bringen, prophezeiten ihm die Literaten der Zeit ein sicheres Scheitern: Shakespeare sei nicht zu übersetzen! Wieland ließ sich nicht beirren, übersetzte in vier Jahren 22 Stücke und löste eine beispiellose Welle der Shakespeare-Begeisterung aus. [...]» Weiter im Perlentaucher.

Die Menschen amüsieren

 
Fr, 08.07.2011 |  link | (1123) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Warmer Novemberschauer

«[...] Es kann vieles sein. Und, ja, es ist auch viel. Viel gewesen, vor allem. Vergangenheit überall. Solange der Mensch lebt, produziert er Vergangenheit. Und je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Vergangenheit ist in der Welt. Eine mächtige Überproduktion. Man weiss nicht mehr wohin mit all der vielen Vergangenheit. Deponien, groß wie Kontinente, bedecken die Kontinente: VERGANGENHEIT! [...]»
Andreas Glumm: Herbst in Germanien
 
Do, 18.11.2010 |  link | (638) | 13 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Untiefen am Fluß


«Seitdem jagt eine Horrormeldung die andere. Die Grünen begangen offen Wahlbetrug.»
 
So, 18.07.2010 |  link | (1241) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Vom schwarzen Loch im Physiker

Ich werde in unregelmäßigen Abständen zu begründen versuchen, weshalb in meiner Rubrik Andererseits (rechts unten) bestimmte Namen ihren Platz gefunden haben. Mal werde ich Ergänzendes hinzufügen, mal schlicht auszugsweise auf Texte hinweisen, die für sich selbst stehen, die einfach gelesen werden wollen, die in etwa belegen, wes' Geistes Kind (ich setze das biblische Wort hier bewußt ein, aber eher um dessen Säkularisation zu betonen, im aufklärerischen Sinn also) durchaus Autorin oder Autor sind. Den Anfang habe ich mit Daniel Rapoport gemacht (es hat funktioniert; danke, g). Mit ihm setze ich letztlich fort. Die heutige Empfehlung stammt nämlich von ihm, und nur zu gerne schließe ich mich ihr an: Nachdenklichkeiten einer Krankenschwester. Das geheime Sudelbuch der Ina Eff.

Jahrzehntelang habe ich mich mit Physikern abgemüht. Die geraten nämlich so leicht ins Philosophieren. Oder vielleicht doch eher sie sich mit mir. Weil ich eigentlich nie weiß, ob das jetzt Physik ist oder Philosophie oder beides. Weshalb ich mich immer so schwer tat, gleichwohl es immer spannend war, vermutlich, weil ich selten etwas verstanden habe, Harald Lesch* sei mein Zeuge, aber jetzt, mit Hilfe von Ina Eff, bin ich deutlich näher an den Rand des schwarzen Lochs gerückt, in dem ich irgendwann vollends verschwinden werde; wenn ich das so sagen darf ...

Wirklich schwarzer Humor

«Ich spreche von Physikern. Die stehen nicht wie wir vorm schwarzen Loch und rufen: ‹Ich sehe aber gar nichts!› Die stehen da und rufen: ‹Ich sehe es!› Der Unterschied zwischen uns und denen ist, sie tragen ein Bild des schwarzen Loches in sich. Die wissen, wonach sie suchen müssen. Die haben so intensiv hingedacht, dass es in ihnen entstanden ist, das schwarze Loch. Als einseitiges Spiegelbild des wirklichen, unbeobachtbaren da draussen. Und wenn sie erst einmal dieses Phantombild in alle Physikerzentralen der Welt gefaxt haben, dann kennt Kosmopool (kann man die Fahnder nach kosmischen Verbrechern so nennen?) nichts mehr. Dann wird gefahndet und gerastert bis die Instrumente versagen, und irgendwann verfängt sich der kosmische Schlund im Netz seiner Verfolger (oder verfängt sich das Netz in seinem Schlund?). Physiker. Irgendwann kriegen sie jeden.»


* Oft saß ich auch nächtens mit ihm und Wilhelm Vossenkuhl in der Kneipe. Und in die gehe ich jetzt auch, um mich von diesen Plagedünsten zu reinigen, mit denen ich seit meiner Flucht aus Ägypten dank Gregor dem Achten kalendarisch vom Regen in die Traufe gekommen bin.
 
Fr, 02.04.2010 |  link | (1903) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4455 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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