Auf Wasser wandelnd ...

Das Gespenst, 1982 (DIF)


Das sieht nicht nur so aus, es entspricht der Tatsache: Dieser Mann konnte sogar auf dem Wasser stehen. Der ist so leicht, der setzte einst Naturgesetze außer Kraft. Zwei Jahre, bevor sein Gespenst in Bayern für Windstärken sorgte, daß man meinen konnte, der Starnberger See befände sich kochend kurz vor Helgoland, da heizte er mir mit einem Buch die Seele. Ich habe im Anschluß alles von ihm gelesen, alle seine großartigen kleinen Filme und viele seiner Bilder gesehen; von letzteren sind, das ist mehr als bedauerlich, fast überhaupt keine im weltweiten Netz hängengeblieben. Meines Erachtens ist er der einzige überhaupt existierende wirkliche Bayer. Er ist derart er selbst, daß manch einer ihn heute eine Kunstfigur nennen würde. Aber das käme einer Herabwürdigung gleich. Oder es wäre eine Selbsterhöhung derer, die sich so bezeichnen.

Herbert Achternbusch ist der einzige Mensch, der mir glaubhaft vermitteln konnte: Es ist ein leichtes beim Gehen den Boden zu berühren.

Im Vorwort bittet er den Leser, «das Buch zu zerlegen und nach eigenem Gutdünken zusammenzustellen». Und wirklich: Es ist ein Kompendium, ein Führer durch die Gedankengänge des um die Ecke schreibenden und filmenden Bayern von den Ufern des Starnberger Sees.

Wie in seinen Filmen und Gemälden herrscht auch in diesem Buch eine Art geordnetes Chaos vor. Drehbücher und Theaterstücke werden zusammengehalten von einer Prosa, die in etwa von dem bestimmt ist, was er in seinem Film Der Atlantikschwimmer (wahrscheinlich war's doch eher in Servus Bayern?) so formulierte: «Dieses Land hat mich kaputtgemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man es ihm ansieht.»

Ich bin geflohen. Er ist geblieben. Aber das eine oder andere Erinnerungsstück ist heimlich mit auf Reisen gegangen. Nachdem ich die letzten Tage so seltsam fiebrige Träume mit bayerischem Hintergrundgeräuschen hatte, schob es mich in der nicht minder seltsamen Phase der Rekonvaleszenz auf den Dachboden, und da kam er mir gespenstisch aus einem Bücherkarton entgegen. Und tatsächlich: der Geist ist der alte; auch ließe sich sagen: der lebt nicht nur, sondern er ist richtig lebendig. Mir scheint, ich hätte es gelesen wie damals. Sollte es jemanden aus einer Antiquariatsecke her anblinzeln, lächeln Sie nicht nur zurück, das mag der Grantler nicht so sehr, steigen Sie ein: Es ist ein leichtes beim Gehen den Boden zu berühren.
 
Di, 02.11.2010 |  link | (4026) | 15 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino


g.   (03.11.10, 05:54)   (link)  
Es ist still geworden um Herbert Achternbusch, möglicherweise ist ihm das aber ganz recht so. Mitte oder Anfang der 70er Jahre war ich mal auf einer Filmvorführung in einem Programmkino (Das Andechser Gefühl?) in Stuttgart mit anschließender Diskussion. Als Schüler haben wir uns nicht getraut, eine altkluge Frage zu stellen. Das war wohl auch gut so. In der Diskussion interpretierten die anwesenden Lehrer und die örtliche Kulturschickeria den Film zu Tode. Achterbusch wurde immer einsilbiger, trank viel und verspürte nicht das geringste Bedürfnis, seinen Film mit einer der geäußerten, zurichtend-einpassenden Deutungen zu versehen. Als das zunächst irritiert, dann ärgerlich reagierende Publikum anfing, ihn schärfer anzugehen, verließ er einfach den Saal.

Achternbusch ist großartig.


jean stubenzweig   (03.11.10, 11:06)   (link)  
Man läßt sich ein
auf ihn. Oder eben nicht. Bei mir hat es über seine Arbeit funktioniert. Zwei-, drei-, es mag auch viermal gewesen sein, bin ich ihm außerhalb von pressialen Veranstaltungen begegnet, da war er wie du und ich, nur eben ein bißchen anders, weil er er selbst war, keine Kunstfigur oder künstlerische Gestalt, die sich durch den Zirkus führen ließ oder gar freiwillig durchs Rund trabte. Er mochte das kulturschicke Geschwafel nie. Hin und wieder kriegten ein paar Höflinge das deutlich zu spüren. Bei den Eiskunstlaufbewertungen des heutigen kürenden Ästhetischen käme es möglicherweise ohnehin zu Desastern. Es wird wohl so sein, daß es ihm recht ist. Vor einigen Wochen sah ich im Bayerischen Fernsehen ein Filmportrait, in dem er mir recht gelöst erschien.

Welchen Stellenwert er heutzutage hat, belegen meine hiesigen Einschaltquoten. Sie sind die niedrigsten seit langem. Äußere ich mich nur ein paar Takte lang zu jemandem, der wenigstens einmal einem Gespenst gleich durch irgendeinen Kunstmarkt schwebte, geht's gleich nach oben. Aber vielleicht liegt's ja auch daran, daß mir der alte Schwung dahingegangen ist.


frau braggelmann   (03.11.10, 08:13)   (link)  
badetag
bei herrn stubenzweig. – ach, das sind doch sie auf dem hauseigenen löschteich....


jean stubenzweig   (04.11.10, 00:05)   (link)  
Einmal mehr sind Sie
die Einzige, die erkennungstechnisch sozusagen in situ die Situation erkannt hat. Eigentlich hatte ich Gespenst nichts anderes vor, als meine monatliche Reinigung vorzunehmen und bei dieser Gelegenheit gleich mal wieder einen Happen des mietvertraglich zugesicherten Dorfteichkarpfens zu nehmen. Doch dann hatte der Hausherr, der nach seiner Absentierung in die Rente ohnehin offensichtlich unter Beschäftigungsmangel leidet, nach zwanzig Jahren doch tatsächlich den Stöpsel gefunden. Und das zu dem Zeitpunkt, als ich mich gerade eingeseift hatte.


buecherabissz   (03.11.10, 08:47)   (link)  
Wie das Leben so spielt...
Mein erstes Buch von Herbert Achternbusch war „Das Buch Arschi“. Reich illustriert, typographisch schön – und absolut nichtssagend. Ich guckte, las und als ich damit fertig war sagte ich mir: Der verarscht mich nie mehr. Dabei ist es auch geblieben. Vermutlich dachten viele Leser so wie ich, bedauerlicherweise für Herrn Achternbusch, aber zu Recht. - ?


jean stubenzweig   (03.11.10, 13:48)   (link)  
Zu Recht?
Na gut, Sie haben ein Fragezeichen dahintergesetzt. Denn ich wollte gefragt haben: Gibt es, außer der des Urhebers, in der Kunst ein Recht? Dem einen gibt er was, der Achternbusch, dem andern nicht. Das hier ist keine Missionsstation. Mich hat er von Beginn an angesprochen; nenne ich's Initialzündung. Daraufhin habe ich mich ein wenig mit seiner Arbeit beschäftigt. Aber mit der Beschäftigung mit Kunst, mit der ich mich eigentlich ja immer irgendwie beschäftige, weil es nichts ohne Zusammenhänge gibt, beschäftige ich mich morgen dann aus besonderem Anlaß nochmal gesondert. Oder übermorgen. So genau weiß ich es noch nicht. Aber ich tue es.

Vorher kriegt allenfalls Frau Braggelmann noch eine Dusche aus dem Löschteich. Aber jetzt fordert zunächst einmal das Nickerchen sein Recht.


kopfschuetteln   (03.11.10, 17:38)   (link)  
achternbusch, kenn ich mal wieder nicht, (macht nichts).
"ich kann nicht weinen. ich kann nur saublöd lachen." herrlich.
der herr kommt auf meine merkliste 2011, garantiert.

sie sind wieder wohlauf? das ist gut.


jean stubenzweig   (03.11.10, 21:03)   (link)  
Viel zu jung sind Sie.
Das nehme ich einfach mal an. Ob das schön ist für Sie oder nicht, das kann ich nicht beurteilen.

Oder vielleicht doch besser so: Es ist, wie erwähnt, tatsächlich recht still geworden um ihn in den letzten Jahren. Zumal er ja, wenn überhaupt, ohnehin eher als dieser wahnsinnige, also kranke Filmemacher bekannt ist. Ich weiß auch gar nicht, ob noch irgendetwas gedruckt Poetisches von ihm auf dem Buchmarkt erhältlich ist. Aber zweiter Hand geht zur Not ja auch. Auch wenn er davon nichts hat. Wie jeder Künstler, dessen Einzelstücke bereits im Umlauf sind.

Wohlauf bin ich noch nicht. Ich schwächle noch ein wenig. Aber ich habe heute nach einer guten Woche zum ersten Mal wieder etwas zur Rettung der deutschen Wirtschaft west getan (auf daß sie den Rest des Ostens auch noch aufkaufen kann). Ein untrügliches Zeichen dafür, daß aufwärts geht.


kopfschuetteln   (04.11.10, 17:45)   (link)  
dass ich zu jung bin, nehmen sie richtig an. (wenn ich das nicht schön fände, würde das auch nichts ändern.) auf jeden fall ist noch was gedrucktes erhältlich, sagt mit mein online-buchhändler.
zum teufel auch mit den in meiner umgebung verschwundenen buchhandlungen alter art. schon allein deshalb, mich haptisch veranlagtem wesen dem online-gedöns auszuliefern. das musste jetzt mal sein(!)


jean stubenzweig   (04.11.10, 20:07)   (link)  
Keine Buchhandlung in Berlin?
Nun ja, in Ihrer Umgebung, schreiben Sie. Wo ist das denn? Leben Sie so weit draußen? Oder flieht der willige Geist endgültig die Stadt.

Aber das ist auch ein Kreuz mit dieser Onleinerei. Der Bücherherr der von mir gerne besuchten kleinen Handlung erzählte mir, daß die im jugendstiligen Haus über ihm wohnenden jungdynamischen Mitmenschen ihren Lesestoff bei den Amazonen bestellen und der Postbote die Sendungen dann in seiner Bücherklause hinterlegt. Als müßte ich mich für diese Unverfrorenheit entschuldigen, habe ich gleich noch ein paar Büchlein mehr eingepackt. Ich kaufe grundsätzlich nichts, aber auch gar nichts via Internet. In Not rufe ich den Bücherklausner an. Er versendet ebenfalls portokostenfrei und genau so schnell wie diese Monster, die den gesamten Einzelhandel plattmachen. Aber am liebsten gehe ich doch hin und stöbere ein wenig, bevor die Kantine öffnet, die mittlerweile meine liebste ist – nicht nur, weil dort ein ungemein wohlschmeckendes viergängiges Menu tagsüber (französische Methode) fast preiswerter ist als jede Schnellfraßfreßbude.

Ich freue mich darüber, daß es Achterbusch noch frisch und apart gibt. Was kriegen Sie denn von ihm?


kopfschuetteln   (04.11.10, 21:39)   (link)  
in berlin, gibt es wohl buchhandlungen. aber was hilt mir das, wenn - ganz richtig - mein geist der stadt entflieht, und das täglich. nach weit draußen ins brandenburgische. weit draußen kann man auch 500 meter hinter einer stadtgrenze sein. was auch immer zum hinsiechen der buchhandlungen in nächster nähe führte, ich habe nichts damit zu tun. stöbern, das ist es doch. (online sollte man lieber wissen was man sucht bzw. tut.) so stöbere ich, dann und wann und viel zu selten, bei dussmann. im dazugehörigen cafè lässt es sich gut weiterlesen oder -stöbern.

weit draußen wohnen ist doof, in einem mitte-townhaus wäre es auch doof. unsere gemeindebibliothek ist so klein wie unser wohnzimmer: doof. aber, die kinder haben einen echten garten (ich leider auch) und können so oft sie wollen ums haus rennen, das ist nicht doof.

achternbusch, da hätten wir:
1. Die Olympiasiegerin.
2. Der gelbe Hahn der Nacht: Vier Theaterstücke von Herbert Achternbusch
3. Akira Kurosowa.
4. Wellen
5. Die Reise zweier Mönche
6. Die Stunde des Todes.
7. Spectaculum 31: Fünf moderne Theaterstücke von Herbert Achternbusch, Bodo Kirchhoff, Heiner Müller, und Dario Fo
8. Revolten
9. Es ist niemand da
10. Die Einsicht der Einsicht. Theaterstücke
11. Happy oder Der Tag wird kommen.
usw. nicht alles neu, aber das macht nichts. und filme gibt es auch, natürlich auch das gespenst.
antiquario: 358 gefundene dokumente. na!

ich werde mir einen buchhändler in der übernächsten nähe suchen, online selbstverfreilich.


jean stubenzweig   (05.11.10, 12:43)   (link)  
Einen Buchhändler
in der übernächsten Nähe. Gut – aber «online»? Bin ich begriffstutzig? Oder treiben Sie Scherzchen mit mir?


kopfschuetteln   (05.11.10, 13:49)   (link)  
aber nein.
ich meinte, ich könnte einen echten buchhändler via internet finden.


seemuse   (03.11.10, 19:01)   (link)  
achternbusch...............hm.
mir kommen jetzt "unsere" Künstler in Gugging in den Sinn http://www.gugging.org/ und der mich sehr faszinierende Film von Christian Beetz über die Sammlung Prinzhorn. meinegüte!


jean stubenzweig   (04.11.10, 13:27)   (link)  
Die Gugginger kenne ich.
Ich war sogar schonmal dort. Allzu nahe Erinnerungen habe ich allerdings nicht. Es datiert in die Anfänge; zu meiner kunsteditorischen Zeit erreichte mich eine Einladung, wohl, weil ich mal aus dem Glashaus mit Steinen geschmissen hatte.

Sicher, Achternbuschs Gemälde mögen durchaus eine Verwandtschaft zur art brut assoziieren. Aber in der autodidaktischen Nähe, gar zu Prinzhorn sehe ich ihn nicht. Dazu ist er dann doch zu antiakademisch-akademisch, zu intellektuell. Möglicherweise würde er das nicht lesen mögen, aber es ist genau das, was mich zu ihm hingezogen hat.















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