Töten als Broterwerb

Viele Menschen, vor allem berühmtere, hatten außerordentlich viele Berufe, bevor sie endlich berufen wurden und dann nur noch einen hatten, etwa den des Hollywood-Schauspielers oder des Bestseller-Autors. Ich will jetzt gar nicht mit diesem Sinologen anfangen, der nach seiner Promotion sich auch noch achthundert Seiten lang habilitierte, weil es sonst nichts zu tun gab, aber anschließend dann doch Teller wusch oder noble Afrikaner und deren Cola in der Gegend herumkutschierte und Waschmaschinen und Kühlschränke verleaste und Gebäudeversicherungen und Zeitungsabonnements verkaufte an Menschen, die häufig auch deshalb in Sozialwohnungen lebten, weil sie des Lesens nicht nur ihrer Muttersprache nicht mächtig waren. So etwas gibt's ja nicht mehr, denn Chinesisch lernt der Mensch heutzutage bereits in der Kita, wie der frühere Kindergarten ins Neudeutsche übersetzt heißt.

Ich gehöre zu denen, die nicht so viele abwechslungsreiche Berufe ausüben durften, dafür aber immerhin vorübergehend der interessanten Tätigkeit des Vernichtens anderer nachgehen konnten. Tatsächlich wurde für mich aus der zwischenzeitlichen Not heraus der Traum vieler Menschen wahr: Geh mer Tauben vergiften im Park. Nun, nicht immer waren es so hochkulturelle Umgebungen wie die, von der ein von mir wegen seines Sarkasmus einstmals sehr, geradezu hochgeschätzer Bekannter selig — ein Wiener Psychologe, wie anders? — immer wieder gerne auf die Liebe der Grünen entgegnete, das schönste Stück Natur sei für ihn der Englische Garten in München, im besonderen der, um beim Thema zu bleiben, Chinesische Turm, oder die noch rühmlichere Feldherrnhalle. Hin und wieder hatte mein Vernichtungswerk auch an profanen Bauwerken wie dem Arabella-Hochhaus zu geschehen, wo ich hoch oben auf dem Gerüst stehend durch das winzige Hotelfenster immerhin mit einem Großen wie dem Weltumsegler Rollo Gebhard ins Gespräch kam, der zuvor auch allerlei Berufstätigkeiten ausgeübt und eine gewisse Affinität zur Natur vorzuweisen hatte, vermutlich ebenfalls zur chinesischen, segelte er doch um die Welt, also mußte er dort auch mal vorbeigekommen sein.

Es war also nicht die brotlose Kunst, die mir, der ich nichts anständiges gelernt hatte seinerzeit, vergleichbar mit dem Sprachkundler des fernen Ostens, zum Brot verhalf, sondern das Handwerk des Todes. Neben den Tauben tötete ich dann noch Kakerlaken und Ratten. Letztere kamen erst später dran, vermutlich, weil ich alles andere Getier bereits getötet hatte und man mich zu fernen Zeiten, als es noch so etwas wie soziales Gedankengut gab, in Arbeit und damit Brot belassen wollte. Zwar war ich ungelernt, aber nach einigen Wochen Tätigkeit nahe dran am Kammerjäger. Selbstverständlich nannte ich mich nicht so, denn das war, soweit ich mich erinnere und anders als der des Journalists, bereits ein geschützter Beruf mit mehrjähriger Ausbildung, und außerdem hätte ich damit jungen Damen gegenüber einen doch recht fragwürdigen Eindruck hinterlassen, denn im Anschluß daran war ich immerhin Lehrer des Deutschen für welche aus dem Ausland. Aber vermutlich wäre das gar nicht so unwohlklingend gewesen für ungeübte Ohren, spricht man doch auch von der Kammermusik, was schließlich leicht mit höfischem Umgang assoziiert werden kann. Als destructeur de vermines wäre ich vermutlich nichtmal beim belgischen Adel gut an- und damit ins Paradies gekommen.

Ich komme darauf, da dieser Tage mal wieder der übelste Triebtäter in mir zugange war, der vorstellbar ist. Der Traum trieb mich an. Endlich wieder einen Blogbeitrag solle ich verfassen, gemahnte er mich. Er möge mich bitteschön in Frieden schlafen lassen, träumte ich zurück, schließlich hätte ich sozusagen ein altes Recht darauf, gemütlich im Ohrensessel zu sitzen und nichts zu tun als auszuruh'n. Alle Gegenwehr nutzte nichts, er war der Mächtigere. Wenn mir nichts einfiele, dann solle ich meine Phantasie gefälligst, wie in früheren Zeiten, in Bewegung setzen. In eine kleinstädtische Bücherei schickte er mich daraufhin. Es war deprimierend. Wo ich auch hinschaute, ich sah nur auf Buchrücken mit den Namen Inga Lindström und Rosamunde Pilcher, diese aus Pisa stammenden Klassiker des Intelligenzschwarms. Verzweiflung kam hinzu, war das doch alles in einer Sprache gedruckt, die ich nicht lesen konnte, weil ich sie nicht verstand. Als ich die kleine, von Volksspenden bestückte Institution bereits wieder verlassen wollte und darüber nachsann, wie ich mich an diesem Traum vorbeischleichen könnte, der vor der Tür darüber wachte, daß ich mich in meiner Bildungsunwilligkeit nicht einfach davonmachte, und ich zu dem fernsehdramaturgisch einleuchtenden Schluß gekommen war, der beste oder vielleicht schlechteste, aber auf jeden Fall ein Weg sei der durch das Fenster der Toilette, die auch vom Lehrkörper der angeschlossenen Sonderschule mitbenutzt wurde und auf den Pausenhof derselben führte, da blieb mein Blick an einem winzigen Regal mit wenigen Büchern hängen, an dem ein Schild befestigt war, das eine sütterlinartige Aufschrift trug: Fremdländisches. Als ich genauer hinschaute, las ich Veijo Meren noveliit, 1965. Als ich mich durch diese wunderschöne, aber auch zeitlich wie meine Jugend doch so weit entfernte und deshalb für mich mittlerweile äußerst mühsam lesbare Sprache kämpfen wollte, entdeckte ich direkt danebenstehend eine deutschsprachige Ausgabe: Veijo Meri, Erzählungen, 1967 bei Suhrkamp erschienen, übersetzt von dem großartigen Manfred Peter Hein (dem das berühmte oder auch berüchtigte Volkslexikon nicht einmal ein Wörtchen stiftet, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Meri).

Sofort fiel mir Der Töter ein. Nicht nur, weil ich ja ebenfalls ein solcher gewesen war, sondern weil mir diese Erzählung augenblicklich fast komplett in die Erinnerung geriet. Mit großer Faszination hatte ich sie in den Sechzigern und auch danach mehrmals gelesen, diese Geschichte, die häufig als Kriegsliteratur bezeichnet wird, aber doch genau das Gegenteil bedeutet, indem sie in unwirklich scheinender Lakonik den Tagesablauf eines Scharfschützen im finnisch-russischen Winterkrieg beschreibt.
Er ging in sein Zimmer, nahm sein Essen ein und reinigte sorgfältig sein Gewehr, obgleich er nicht damit geschossen hatte. Er füllte die Patronentaschen mit neuen Patronen. Er hatte Spezialpatronen, deren Pulverkörner genau abgezählt waren. Auf dem Moor könnten die Patronen und das Gewehr Wasser angezogen haben. Ebenso sorgfältig wie für seine Waffe sorgte er für sich selbst. Er achtete darauf, daß die Zusammensetzung der Nahrung zweckentsprechend sei. Wenn er sich morgens gründlich entleert hatte, war er wieder für einen ganzen Tag fit, ohne an die Befriedigung seiner Befriedigung oder die Verrichtung seiner Notdurft denken zu müssen.
Als ihn die Wache am frühen Morgen weckte, stieg er in seinen Tarnanzug und bekleidete sein Gewehr. Er war entschlossen, sich mit dem MG-Nest zu befassen. Die Sache schien ohne weiteres klar zu sein, als hätte sein Gehirn nachts im Schlaf die Entscheidung getroffen, wie die Aufgabe durchzuführen sei, obgleich es sich um eine schwierige Gleichung handelte, in der es verschiedene Unbekannte gab.
Während ich so vor mich hintötete und nicht einmal mehr im Traum an den Türsteher dachte, der mich nicht hinauslassen wollte aus ihm, schweifte mein Blick etwas ab und geriet innerhalb des Regals links von Meri auf ein völlig verstaubtes Büchlein, das die Situation sozusagen kafkaesk, mittlerweile der wohl am häufigsten verwendete Begriff in Sportberichterstattung und Befindlichkeitsbloggerei gleichermaßen, geraten ließ: Die Verwandlung vergegenwärtigte sich meiner. Ich war wieder zurück in meinem «unruhigen Traum», meiner traumatischen Vergangenheit als Vernichter massenhaften Lebens, war hineingeraten in die Stahlgewitter des Käferologen. Als ich aufwachte, war ich tot. Wenn auch ungefähr so wie der finnische Töter, dem eine Kugel durch den Kopf geschossen war und der dann mit einem Loch in demselben weiterlebte.


Sollte es tatsächlich jemanden interessieren, was ich als Kammerjäger so getrieben habe, bitte ich um Nachricht. Dann werde ich gegebenenfalls nächtlich meine traumatische Erinnerung befragen.
 
Mi, 02.02.2011 |  link | (2003) | 36 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Traeumereien


nnier   (02.02.11, 09:29)   (link)  
Und ob das jemanden interessiert! Ich selber habe zwar lieber Möbel getragen oder Presseerzeugnisse durch die Nacht gefahren - mein Grusel vor Getier und Gift hätte mich von einem solchen Killerangebot wohl auch abgehalten, wenn es denn eines gegeben hätte. In meiner persönlichen Ausgabe von Ein Mann sieht rot allerdings hatte ich privat einmal mit lästigen Nagern zu tun, und ich kann all die bedrückenden Warnungen davor, wie dünn der zivilisatorische Firnis ist, nur bestätigen: Einen so brennenden, unmittelbaren Vernichtungswunsch, eine so destruktive Raserei hätte ich mir nicht zugetraut.


jean stubenzweig   (02.02.11, 14:16)   (link)  
Ein Traumjob
war das eben nicht gerade, weder mit dem Vernichten der Ratten noch mit dem der Kakerlaken. Aber es ging ja auch nur kurze Zeit, und es half mir über die Runden, bis ich, für weniger Geld, gesellschaftlich zum Haus- und Deutschlehrer aufsteigen durfte. Beim Vergiften der Tauben, das im wesentlichen aus Abwehrmaßnahmen bestand, wäre ich sogar noch ein Weilchen geblieben, da es teilweise vergnüglich war (s. o.) und ich außerdem obendrein ein Auto kostenlos zur Verfügung hatte. Aber dann entsann ich mich meiner schicksalhaft vorgegebenen Berufung und steuerte sie an, wenn auch auf Umwegen – als Beginn quasi meiner Karriere als großer Mäanderer.

Nun werde ich mich also fleißiger als sonst hinlegen und des Traums harren, der mir meine Erinnerung als armer Mörder zurückbringen soll. Ob's so blutrünstig wird, das will ich jedoch nicht garantieren. Ich war schließlich ein Professioneller. Ha.


ilnonno   (02.02.11, 14:45)   (link)  
Das Dasein als Auftragskiller hätte keine große Zukunft gehabt, die Tiere werden wohl inzwischen mittels Futter sterilisert. Wollte mir zumindest meine Frau neulich weismachen. Ihr Text erinnert mich daran, dass ich noch nicht entschieden habe, ob ich das glauben soll.


jean stubenzweig   (02.02.11, 16:59)   (link)  
Georg Kreisler
wäre demnach auch noch ein großer Prophet gewesen in seinem lieblichen Lied. Aber die Umsetzung idealisiert sich vermutlich mittlerweile dennoch ein wenig an der Wirklichkeit vorbei, in der die tierliebende Mensch- und Mehrheit nicht nur in Venedig wohl eher kaum die notleidende pharmazeutische Industrie unterstützen wird durch regen Kauf der Antibabypille für Dachratten, allenfalls durch Kraft- und Vitaminzusätze, die sie dem Futter beifügt. Ich würde den Glauben also erstmal noch ein bißchen anhalten.


damenwahl   (02.02.11, 20:02)   (link)  
Mich hätte das als junge Dame sehr beeindruckt -zumindest während meines Aufenthalts in Afrika. Sonst aber auch. Unerwartetes ist immer spannend.


jean stubenzweig   (03.02.11, 15:04)   (link)  
Jene junge Dame,
die Sie vermutlich waren, dürfte aber auch eine andere gewesen sein als diese, die zu dieser Zeit nahezu durchweg im Federkleidchen elterlicher Denkanweisung vor mir die Schwanküken gaben. Aber ich diskriminiere, war ich doch selber nicht eben jemand, der nach einer Drachentöterin Ausschau gehalten hätte. Mir fehlte dieses Klassenbewußtsein, das andere vor den Fabriktoren mir Revoluzzerchen erfolglos beizubringen versucht hatten. So kamen mir diese Damen im Tutu durchaus recht. So gesehen schlug die Gerechtigkeit mit Recht zurück, als der Belgische Adel über mich oder ich in ihn kam. Danach war ich geheilt. Meinem Hang wenigstens zu Elevinnen tat es allerdings nicht gänzlich seinen Abbruch. Das Unerwartete erwartete mich um einiges später, als ich mich in einem Alter befand, das Menschen bisweilen als das des Erwachsenseins bezeichnen und ich seit langem wieder zu meinen großstädtischen Wurzeln zurückgekehrt war. Da kam dann Spannung auf. Aber als Serienkiller hätte ich ohnehin nicht mehr beeindrucken können, da ich die kurzfristig erworbenen Fähigkeiten längst wieder vergessen hatte. Diese Angeberei hole ich eben jetzt und hier nach, indem ich die Erinnerungsmaschinerie anwerfe.


mark793   (02.02.11, 18:04)   (link)  
Dieses Bekenntnis,
werter Herr Stubenzweig, überrascht mich kaum weniger als wenn Sie geschrieben hätten, Sie hätten in Algerien gekämpft.


ilnonno   (02.02.11, 18:38)   (link)  
Oh, da fällt mir ein, dass ich zu Beginn meiner Berufstätigkeit jemanden kennengelernt habe, der mit der Fremdenlegion in Vietnam war.


jean stubenzweig   (02.02.11, 19:20)   (link)  
Bekenntnis. Wofür?


mark793   (02.02.11, 19:30)   (link)  
Naja,
das Bekenntnis (der Begriff Beichte hätte mir zu viel verrmeintliche Schuld impliziert), eine Profession betrieben zu haben, mit der man Sie vielleicht nicht unbedingt in Verbindung gebracht hätte.


jean stubenzweig   (03.02.11, 06:03)   (link)  
Beichten tät' ich
auch nicht, selbst wenn ich irgendeine Schuld auf mich geladen hätte.

Nun ja, der eine fährt eben Taxi oder geht auf den Bau arbeiten, wenn er nichts zu beißen hat. Während der studentischen Zeit war ich finanziell bestens ausgestattet, aber nach meinem Fünfundzwanzigsten, so hatte das mein Vater testamentarisch verfügt, war Ende der Geldstange. Zeit genug, meinte er, das müsse ausreichen. Von da an wurschtelte ich mich eben durch mit allen möglichen Aushilfstätigkeiten, die meisten in der Gastronomie. Und dann wollte ich auch noch unbedingt in der lieblichen Landschaft des Blauen Reiters mit freiem Blick übers Moos leben, wo man sozusagen traditionsgemäß mit solchen g'spinnerten Kopfgesteuerten nichts anfangen wollte. Wer künstlern wollte, der mußte eben vorher und ggf. auch nachher noch auf den Acker.

Drei Wochenenddienste als Tankwart hatte ich vor diesen Tötlichkeiten auch schon geschoben, für ungefähr fünf Mark die Stunde. Diese Tätigkeit der Abwehr und der Massenvernichtung brachte mir, wenn ich mich recht erinnere, das dreifache ein, plus absolute Freiheit im Sinn nicht vorhandener Überwachung, täglich Weißwurscht mit Brezen, dazu eine Halbe Bier (bayerisches Grundnahrungsmittel) sowie ein Automobil zur freien Verfügung. Nach drei Monaten hatte ich soviel Geld gespart, daß ich mich etwas später wieder der brotlosen Kunst widmen konnte. Aber es sei auch zugestanden, daß ich an diesen manchmal tatsächlich interessanten Job – Erfahrung in Überwindung des Ekels – nur über Vitamin B gekommen war. Die haben seinerzeit nicht jeden genommen.

In Algerien war ich übrigens auch zu Kriegszeiten, wenn auch nur vorübergehend mit dem Vater auf Besuch, den ich zu ruhigeren Zeiten wiederholen durfte. Teilgenommen habe ich also nicht an diesen Schlachten, aber ekelhaft war's nicht minder. Von in Kindergärten geschmissene Handgranaten abgerissene Gliedmaßen sind nicht nur für junge Menschen nochmal ein anderer Anblick als mein spätererer in vierstöckige Wohngebäude voller Kakerlaken, von den Kellern bis unter die Dächer, eine ganze Siedlung. Aber was rede ich, gesehen hat man die lieben Tierchen schließlich nur, wenn man irgendwo eine Tür öffnete oder eine Schublade aufzog oder in den Kellern im Schein der Taschenlampe.


g.   (03.02.11, 05:59)   (link)  
Hach, das erinnert mich an Fat Freddy’s Cat und seinen heroischen Kampf gegen die Kakerlaken.


vert   (07.02.11, 16:54)   (link)  
!!!



jean stubenzweig   (07.02.11, 19:30)   (link)  
Welcher Zeichner
ist das denn? Auf jeden Fall scheint er sich gut auszukennen in den Lebensbedingungen dieser (bestens genährten) Tierchen.


nnier   (07.02.11, 20:07)   (link)  
Wenn ich mal einspringen darf:
Gilbert Shelton, der für manchen Schmunzler gut war, auch bei mir, der von den bekannteren Undergroundlern für mich aber dann doch der eingeschränkteste ist, da es zumeist um Kifferwitzchen und Fressattacken geht. Witzig oft und sicherlich sehr gut getroffen - aber da gab's (für mich) bei anderen deutlich mehr zu entdecken.


vert   (08.02.11, 02:49)   (link)  
"Seit Mitte der 1980er Jahre lebt er in Paris und der Bourgogne. - erst shelton, dann crumb.... nur seyfried ist aus berlin nicht fortzudenken.
das ist übrigens mein lieblingszeichner aus der garde - bei dem gibt es immer was zu entdecken.


g.   (08.02.11, 06:48)   (link)  
Crump ist natürlich eine andere Gewichtsklasse. Nur hat der sich leider nicht mit Kakerlaken beschäftigt.


jean stubenzweig   (08.02.11, 16:07)   (link)  
Robert Crumb,
das ist klar, lieber Nnier, bei dem sind Sie zuhause. Es wäre aber auch verwunderlich, wenn dem nicht so wäre. Dank Ihrer intensiven Hilfestellung bin ich, der ich eigentlich erst seit meiner linksrheinischen Residenznahme beim bissigen Strich genauer hinschaue, dem mittlerweile ja auch ein Stück näher gekommen.

Diese volumnösen Cucarachos sind mir schonmal untergekommen, aber ich habe sie namentlich eben nicht zuordnen können. Da Sie, guter Vert, den Namen Seyfried erwähnen – könnte es sein, daß mich das Gesicht dieses sprechblasenden Tiers an dessen Physiognomien erinnert?

Was mich dann doch immer wieder (nicht) überrascht, daß einige dieser Herren des komischen Stifts offenbar religiöse Tendenzen zeigen, zieht es sie doch dorthin, wo es heißt, Gott müsse Franzose sein. – Möglicherweise gar der der zeichnerischen Komödianten? Der eine ganz unten im Süden, der andere in der Bourgogne. Ob das etwas mit essen und trinken zu tun hat?

Weshalb wohl, bester G., hat Crumb sich damit noch nicht beschäftigt? Es ist ja nun wirklich nicht so, daß es im Département Gard keine Kakerlaken gäbe.


vert   (08.02.11, 20:29)   (link)  
shelton und seyfried sind wohl recht gut miteinander befreundet und waren durchaus dabei, sich wie ein altes ehepaar über die jahrzehnte immer ähnlicher zu werden. also im zeichenstil.
schließlich veröffentlichen sie anfang der neunziger auch einen band zusammen (irgendwas mit "phineas' ...")

das zeitgleiche auftauchen seiner neuen kollegin ziska ließ seyfrieds - bzw. den gemeinsamen - stil kühler werden. die geschichten wurden futuristischer und weniger gute-laune-getrieben. genaugenommen sind sie gelegentlich ziemlich depressiv und pessimistisch, der neue band "kraft durch freunde" ist nicht grad ein loblied auf den aktuellen socialmedia-hype...


nnier   (08.02.11, 20:53)   (link)  
Warum der in Frankreich wohnt, hat er damals auf seine typische Weise beantwortet, ungefähr: Yeah, we've moved to France, don't ask ... ask my wife ..., der sensible und lebensuntaugliche Künstler halt, der zum Glück von seiner Amazone durchs Dickicht getragen wird. Was im Dokumentarfilm "Crumb", gedreht kurz vor dem Wegzug aus Amerika, zu dem Thema durchscheint, ist schon eine tiefe Entfremdung vom dortigen Lebensstil. Aber alljährlich kehrt er für eine längere Reise zurück, denn natürlich ist er kulturell tief verwurzelt - und übrigens ein Liebhaber und Kenner dessen, was auch ich an der US-Kultur sehr gerne mag: Die Vielfalt gerade der "niedrigen" Kulturprodukte (wie Werbung, Comics, Musik) vor der großen Vereinheitlichung. Und so schön und altmeisterlich seine Ansichten aus französischen Mittelalterdörfern usw. auch daherkommen, der ganz große Crumb ist für mich der an sich selbst und seiner Kultur verzweifelnde.


jean stubenzweig   (09.02.11, 19:32)   (link)  
Daraus schließe ich,
daß das komische Tierchen Sheltons Dackel namens Seyfried ist, der sich seinem Herrchen zumindest physiognomisch immer mehr angeglichen hat.

Daß Crumb an sich selbst und an seiner Kultur verzweifelt und das umsetzt, das alleine dürfte ihn zu einem Künstler machen.


vert   (10.02.11, 10:07)   (link)  
das tierchen ist - wie von g. anfänglich an meine gehirnoberfläche geschürft - fat freddy's kater.
und seyfried als der dackel sheltons - also da bin ich jetzt aber schon etwas empört.
und wenn ich jetzt an ihrem resümee verzweifle - bin ich allerdings noch lange kein kommunikationskünstler.


jean stubenzweig   (10.02.11, 10:33)   (link)  
Gut, Abbitte.
Geschmäcklerisch bin ich triebhaft einem Gag hinterhergehechelt. Ich bitte um Vergebung (zumal der Link von G. bei mir «server error» meldet).


prieditis   (03.02.11, 12:07)   (link)  
Solch ein Know-How
fehlte mir auf der Insel, in meinem schlimmen Urlaub. Das nächste Mal nehme ich Sie mit.


jean stubenzweig   (03.02.11, 16:59)   (link)  
Eher eine Knoff-Hoff-Show
war das ja bei mir, und ziemlich lange zurück liegt dieses verschüttete und nun über den Traum wieder in die Erinnerung gerufene winzige Wissen. Aber der kleine Nachtmahr hat sich ohnehin erst auf meine Brust gesetzt, als Sie längst zurück von Ihrer Insel waren. Und mittlerweile würde ich vielleicht auch eher wieder zurückzucken angesichts einer größeren Versammlung. Waren's denn arg viele? Nun, anderswo werden sie ja sehr gemocht.

Mein letztes Erlebnis mit dieser Delikatesse hatte ich in einem berühmten Äbbelwoi-Lokal in Frankfurt-Sachsenhausen. Die Dame, die mich dorthin gebeten hatte, weil sie davon ausging, mir seien solche Attraktionen unbekannt, sie mir also indigene Kultur vorführen wollte, war recht konsterniert angesichts des Cucarachas*, der sich aus der Lüftung in der Decke mitten in die Grie Soß hatte fallen lassen, weil auch er sich mal an etwas anderem laben wollte. Sofort wollte sie die Lokalität verlassen. Ich aber meinte völlig cool, sie solle sich nicht so haben wegen der paar Proteine. Es war schließlich nur einer.

* Wußten Sie, das es im Riocha welche gibt, die sich gezielt in Rotweinflaschen fallen lassen, am liebsten in Gran Reserva mit ganz vielen Parker- und sonstigen Punkten. Jedenfalls hat mir das mal ein Winzer erzählt. Selbstverständlich ein französischer.


nnier   (03.02.11, 17:57)   (link)  
Bah. Nichts für mich. Und das Wissen, dass die auch einen Atomkrieg überleben, macht sie mir kein bisschen sympathischer.
Ein wenig zu nahe kamen mir diese Gesellen einmal auf Gomera, im Tal des Großen Königs, wo ein paar Geschäftemacher wohl auch mal Postkarten mit Cucaracha-Nahaufnahme produzieren lassen haben, Aufschrift: "Grüße aus dem Valle". Die sollen dann aber ebenso schnell von den Behörden kassiert worden sein, wie die Viecher in der Küche hinter die Fußbodenleiste huschen.


prieditis   (03.02.11, 21:05)   (link)  
Ein Einzelgänger
war es. Mir fehlte allerdings die Ambition, die große Gesellschaft zu suchen. Ich hatte schließlich einiges Bauchgrimmen.

Das es alkoholsüchtige Wirbellose gibt, kannte ich bislang nur von mexikanischen Würmern in Spirituosen. Vielen Dank für die aus einer gesicherten Quelle stammende Aufklärung! Ich werde mich fürderhin an Kellergeister halten...


jean stubenzweig   (04.02.11, 00:11)   (link)  
Gibt's im Königstal
(wenn Herr Prieditis schon nicht damit helfen kann; wahrscheinlich befanden die sich alle in der Röstanlage) denn ausreichend viele? Da ich nicht zu denen gehöre, die hippiesken Verwandlungen unterworfen waren, habe ich keine dieser Pilgerrettungsinseln je gesehen. Lediglich von langgewandten Teilzeitauswanderern wurde mir überbracht, daß es dort tiefe dunkle Felseinschnitte geben soll, also ideale geologische Voraussetzungen für solch Getier; und gut warm soll es auch sein, wie ich hörte und gelesen habe.


jean stubenzweig   (05.02.11, 00:52)   (link)  
Nordischen Kellergeistern,
lieber Prieditis, geht vermutlich jegliche Sehnsucht des Sterbens im Rausch ab. Die überleben lieber, und der anhaltenden Kälte in Barbarien wegen auch noch im Süßen.


prieditis   (05.02.11, 02:02)   (link)  
Sapristi
Ich habe die Kellergeisterei ad Regal gelegt.
Ich musste leider feststellen, daß man das hübsch-kitschige Etikett, wie es bereits bei Felix Krull beschrieben, durch eine moderne Variante ersetzte.
Den Glykol erinnere ich, wechselten damals doch viele im Bekanntenkreis (der Eltern) die Rebsorte. Klar wie dicke Tinte, erschien dies den vorherigen Weißrheinern.

Apropos, meinen bislang...äh...interessantesten Wein, fand ich einmal bei einer Hausbegehung in einer Stadt in einem ganz anderen Land. Ein Land der Anarchie, in der sich Menschen Bärte wachsen lassen, um sie dann vermutlich aus Protest zu raufen, die Haare.

Ein Wein, von Urs de la Main, nehme ich an. Baujahr 54.
Ältere Jahrgänge wurden bereits in Camerone, jüngere nicht mehr in Điện Biên Phủ geschlürft. Berauschend war es nicht, das Erlebnis. Aber interessant allemal.


jean stubenzweig   (06.02.11, 01:00)   (link)  
Kruzitürken
Ein Verballhorner, ein Entsteller des Heiligen sind Sie. Ein Ungläubiger? Das sind vielleicht Geister, die Sie da riefen.

Verhielt es sich nicht doch eher so, daß im Bekanntenkreis der Eltern, der Ihren und auch anderer, die Bereitschaft des Schenkens an Bedürftige in Altenheimen und ähnlicher sozialer Einrichtungen sich in dieser Epoche des Weinbaus geradezu dramatisch erhöhte, während in den aufgeklärten Gemeinden allenfalls Süßwein aus dem Schoß von Demeter gesoffen wurde?

À propos Dramatik: Dieser Bärtige ist ja gar kein richtiger Belgier. Aus Namur kommt der, das ist schließlich beinahe Einzugsgebiet der französischen Ardennen. Aber diese Region wird vermutlich ohnehin demnächst an Paris verkauft. Da kann der hinten noch so einen vlaamse Namen haben und behaupten, er sei nur adoptiert. Da kann er sich noch so wehren. Und wenn er noch so recht hat mit dem, was er da so erzählt. Vor allem, was die beiden Damen betrifft, über die er sich ausläßt, die eine psychorigide* im besonderen.

Nordafrikanische Barthaare finden man übrigens in jedem Wein pro Flasche oder Sac en plastique eines Literpreises unter zwei Euro, der letzten Waschung des Tankwagens. Was jetzt nicht, wie üblich im Land der ausgedehnten Kolonien, Verachtung ausdrücken soll. Denn fast jeder Weintrinker weiß, das es auch in den Regionen späterer Revolutionen gut trinkbare Trauben gibt, für spezielle Genießer sogar koshere aus ארץ ישראל, auch wenn die mitten in islamischem Hoheitsgebiet wachsen. Man mag es als kleine Rache ansehen, daß die ihre Massen in die Edelstahlbottiche nicht nur des Landes kippen, in dem Gott Franzose gewesen sein soll. Rache? Man könnte es politisch sehen. Aber ich greife lieber die historische Tatsache auf, daß die Wirtschaftsflüchtlinge aus Europa in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Norden eines Kontinents überschwemmten, auch weil vielen zuhause die Rebstockkrankheit den Wein vor der Geburt dahingerafft hat. Das deckt sich zeitlich mit dem von Ihnen mir zugespielten Ball, den expansiven Geschehnissen von Camerone und Indochine française.

* Ein anpassungsunfähiger Mensch, der in seinen Überzeugungen unerschütterlich bleibt.


cut   (04.02.11, 20:43)   (link)  
Spät
Aber ja. Es interssiert mich ebenfalls. Sehr sogar!


charon   (08.02.11, 07:53)   (link)  
Haben Sie
schon einmal an einer Termitenstraße gewohnt? Schon so manchem, der den freien Waren- und Viecherverkehr störte, gar lahmzulegen versuchte, wurde das (Holzhaus) unter den Füßen weggefressen, und zwar ganz schön schnell. Ein tragender Holzbalken in drei Monaten. Dafür gehen die nicht ins Essen.


jean stubenzweig   (08.02.11, 09:38)   (link)  
Persönliche Erfahrungen
habe ich keine. Aber das wirkliche Landleben abseits der langen Straßen habe ich schließlich erst im nördlichen Barbarien kennengelernt. Dort dürfte es den Kleinen zu kühl sein. Obwohl es sogar eine «Hamburger Termite» (Reticulitermes flavipes) gibt, die, wie der Bratklops, aus den USA kommt. Wo haben Sie das erlebt? In Canada?

Da ich neugierig geworden war, erfuhr ich auch, daß es Menschen gibt, die solche niedlichen Wesen als Haustierchen halten wollen. Und siehe da, der Nachteil: «Die Termiten könnten freikommen und Holzbauteile in Gebäuden befallen.» Und: «Man sieht sie nicht!»


edition csc   (06.03.11, 11:40)   (link)  
Der Töter


jean stubenzweig   (07.03.11, 15:12)   (link)  
Hoffentlich trifft der
nicht die Falschen!















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