Geteiltes Leid

Zwar hängt alles mit allem zusammen, aber der Adel soll jetzt in Ruhe seiner Asche frieden. Jedenfalls hier.

Nun ja, ich weiß nicht so recht, geschätzter gonzosophischer Genosse, vielleicht nicht so sehr das Leid als vielmehr der Verdruß über die Schlampigkeiten und deren Folgen, die wir Politiker und Medien gleichermaßen zu verdanken haben. Wobei ich nach wie vor unsicher bin, wer da zuerst gekräht beziehungsweise nachgeplappert hat — der homo politicus oder der den homo ludens spielerisch interpretierende Autor. Es gibt ja nicht eben wenige, die das unter Sprachwandel zusammenfassen, während ich das für einen nachlässigen und nicht etwa -haltigen, teilweise recht beschönigenden, also zeitgemäß oder -geistig kosmetisch-chirurgischen Umgang mit dem geschriebenen und im Anschluß gesprochenen Wort halte, auch ließe sich sagen und schreiben: deren Entsorgung. Man schmeißt die Sorge auf den Müll, Wörter könnten eine bestimmte Bedeutung haben und präziser sein als hohle Worte.

Das Laubacher Feuilleton hat das in den neunziger Jahren immer wieder aufgegriffen, weil die große Runde der Dilettanten sich durchweg einhellig wunderte, was da alles so herauskam, wenn man die Zeitung aufschlug oder das Radio- oder auch das Fernsehgerät einschaltete. Ob es dieses vor Ort war, das aus dem Bergbau stammt und allerdings bereits lange vor dieser sich abzeichnenden Entwicklung Einzug hielt in eines Politikers Mundwerk, der das Gewerk unter Tage lediglich von Besuchen in Polen kennen dürfte (meines Wissens war er es, der diesen Begriff während der über Tage stattfindenden hamburgischen Sturmflut von 1962 bundesweit einzuführen versuchte, dabei allerdings mindestens dreißig Jahre warten mußte, bis er sich durchzusetzen begann). Ich selbst habe das lange Zeit redigiert und Autoren benachrichtigt, sie unter anderem darauf hingewiesen, daß wenn die Feuerwehr sich vor Ort befinde, den Brand nicht gelöscht und sie gleich gar nicht nicht gerettet kriege, wenn sie nicht hineinfahre in den Ort. Es hat nichts genutzt, diese sprachliche Kurzärmeligkeit hat sich ebenso nachhaltig ausgewirkt wie diese ganze Anglisiererei, die besonders grundiert in den hamburgischen Hanseaten verankert ist, die sich den Angeln und den Sachsen historisch nunmal verbundener fühlen, ob das nun Sinn macht oder ergibt oder sinnvoll ist oder man das korrekt erinnert, beispielsweise das mit dem Denken. Begierig wird letzt- oder schlußendlich alles geschluckt, was wenigstens ein bißchen einen schicken Geschmack hat. Das schließt den AKüFi mit ein, denn es klingt nunmal rasanter, von Doku oder Info et cetera zu sprechen und unterstreicht zudem die eigene Wichtigkeit, denn heutzutage will schließlich jeder keine Zeit mehr haben, weil auch er soviel zu tun haben will wie diese ganzen Leute aus den bunten Blättern, die im Wartezimmer der Arztpraxis herumliegen, in dem sie sich, wie Frau Braggelmann mir erzählt hat, lieber aufhalten als zuhause, weil's da so langweilig ist.

Nun gut, nennen wir's, meinetwegen, Sprachwandel. Aber es geht mir zusehends auf die Nerven, wenn Menschen, die bislang in der Lage waren, plastisch und anregend von ihrem Alltag in der Tischler- oder Fleischerei zu erzählen, mit einem Mal im Hofladen hinterfragen müssen, was denn das Huhn aus dem Freilauf für in die Suppe nochmal gekostet hat. Ich kann nur ahnen und vermuten, wer oder was dahintersteckt, wenn eigentlich genügsamen Menschen solche pseudoakademischen Sprachflöhe ins Ohr gesetzt und die von denen dann logischerweise auch benutzt werden. Dabei haben sie das nicht unbedingt aus dem Blatt mit den vier Buchstaben, dem man nicht entkommt, liegt es doch wirklich auf jeder Brötchen- oder Wursttheke, sogar auf der des biologisch orientierten Dorfkramers. Selbst aus Blättern oder Radio- und Fernsehsendungen, denen wenigstens sprachlich eine gewisse Qualität nachgesagt wird, quellen solche Sprachverunfallungen längst zuhauf hervor. Lieschen und Fritzchen saugen es begierig auf, von Bedeutungen nichts ahnend, weil es in der Schule nicht (mehr?) vorkommt und ohnehin das Internet seit Mitte der Neunziger für die Alphabetisierung der Gesellschaft zuständig ist (ganz unten im Text). Denn auch Frau Dr. Müller, das ist angesichts mancher Lektüre meine Erkenntnis, plappert längst genauso unsortiert vor sich hin. Wahrscheinlich hat auch sie keine Zeit mehr gehabt, ihre Dissertation vor Abgabe zu lesen.

«Die Menschen seien nicht dumm und hätten ein feines Gespür dafür, worauf es [...] ankomme.» Eine solche Sprechblase hätte auch ein Politiker von sich geben können, am ehesten noch oder am liebsten im Zentralorgan der deutschsprachigen Bildungspolitik.
 
Mi, 09.03.2011 |  link | (7116) | 22 K | Ihr Kommentar | abgelegt: lingua franca


mark793   (09.03.11, 11:50)   (link)  
Also ich stelle bei mir eher zunehmende Altersmilde fest angesichts des Sprachwandels, weißuwieschmein?

Bergleute gibts fast nur noch in Chile oder Südafrika, warum also nicht "vor Ort" als konzisere Variante von "am Ort des Geschehens" akzeptieren? Das war im Übrigen schon gängiges Mediendeutsch, als ich vor einem Vierteljahrhundert anfing mit der Schreiberei.

Ich will freilich keinen davon abhalten, gegen Windmühlen anzurennen seine Ideale hochzuhalten, bekenne aber offen, dass mir die Riege der professionellen Besserwisser (ich sage bewusst nicht grammar nazis von W. Schneider bis B. Sick allmählich auf die Gonaden geht. Den betreffenden Herren mit ihren Genus-Numerus-Casus-Sophistereien möchte man mal zurufen, ey komma klar, alda.


jean stubenzweig   (09.03.11, 12:06)   (link)  
Da sehen Sie
mich sitzen, mich Windflügelritter, so grüblerisch vor mich hinleidend, während dem andern da das völlig wurscht ist. Ja, in Umlauf ist das schon länger, das vor Ort. Ich hatte ja geschrieben: Helmut Schmidt könnte es 1962 gewesen sein. Aber so richtig los fetzte das Anfang der Neunziger. Egal.

Schneider, Sick und et cetera sind auch nicht meine Wellenlänge, auch das habe ich hier mehrfach betont. Aber wenn Begriffe völlig unterzugehen drohen in ihrer falschen Anwendung, da gehe ich eben die Mühlen hoch. Den Wind anhalten will ich auch gar nicht. Aber ohne Motzen fühle ich mich nunmal nicht wohl. Das ist Legende.


mark793   (09.03.11, 12:17)   (link)  
Aber ohne Motzen fühle ich mich nunmal nicht wohl. Das ist Legende.

Da freilich "bin ich ganz bei Ihnen", um mal eine Gemeinplatz-Phrase neueren Datums anzubringen. Im Übrigen können Sie sich in Ihrem Furor auch auf Konfuzius berufen, von dem der Sinnspruch überliefert ist: "Willst Du die Welt verbessern, so musst Du zuerst die Begriffe richtigstellen."


jean stubenzweig   (09.03.11, 15:28)   (link)  
Die Welt verbessern,
und dann noch zusammen mit einem alten Chinesen, achwas, dem Chinesen schlechthin, davon habe ich, genau, immer geträumt.

À propos Legende – sie ist nicht ganz so alt wie der große Weise, hat ihn aber bald so eingeholt wie seine sich wieder vor ihm verbeugenden Landsleute die Europäer: Ende der Siebziger wollte ich eine Zeitschrift gründen mit dem Titel Motz. Enthalten sein sollten Rundfunkbeiträge, die von Hauptabteilungsleitern bis hin zu den Intentanten abgelehnt worden waren mit der Begründung mangelnder Qualität, wobei aber eindeutig zuviel Kritik an Kirche und Gesellschaft ausschlaggebend war. Ausgangspunkt war die Sendung einer Kollegin über Otto Muehl, in der der wohl allzu ausschweifend den Begriff Ficken zu erläutern trachtete. Der damalige Redaktionsleiter setzte sich über das Sendeverbot hinweg, da er den Beitrag kulturell für zu wichtig erachtete. Allerdings legte er über jedes inkriminierte Wörtchen einen Ton von ich weiß nicht mehr wievielen Hertz und sendete spätabends. Am nächsten Tag gab es im Sender nur ein Thema: die Piep-Show. Der Herr Redakteur machte im Haus keinen Stich mehr, leitete aber später, lange nach einer Karriere in einem großen Verlagshaus, die Hauptabteilung Kultur einer heute allüberall sehr geschätzten Rundfunkanstalt mit Sitz in Berlin. Aus Motz wurde nichts mangels Angebot. Die Schere im Kopf hatte damals bereits ihren Siegeszug angetreten.

Einer, der auch irgendwie mit Begriffen umgeht.


nnier   (11.03.11, 09:12)   (link)  
Um diesen Pudding mal an die Wand zu nageln: Es kommt ja immer drauf an. Bei "vor Ort" schüttelt es mich nicht gerade, allerdings stört mich durchaus diese vorgebliche Ärmelhochkrempelei, die durchklingen soll. So wie der Kanzler in Gummistiefeln oder der Minister mit Schutzhelm bzw. der mit der coolen Sonnebrille gleich viel zupackender herüberkommen, dieser Bildermacht kann sich ja kaum einer entziehen, so schwingt auch mit dieser Vokabel gerne mal etwas anderes mit, als wenn man "dort" oder "am Ort des Geschehens" sagte.

Auch bei "etwas erinnern" kommt der Macher durch, der sein Gedächtnis aktiv beherrscht, so wie das in dem sehr schönen und oben verlinkten Text von Ralph Köhnen herausgearbeitet wird. Das mag für manche nichts als feuilletonistisches Gefissel sein, schließlich ist da doch ein SENDER, der eine INFORMATION an einen EMPFÄNGER ÜBERMITTELT - aber ich muss immer wieder über solche Sachen nachdenken, z. B. auch darüber, was mich so kotzen lässt, wenn ein Radiosender mich ankumpeln will und eben nicht einfach vor Geschwindigkeitskontrollen warnt, sondern vor "Flitzerblitzern", die dann auch nicht "in X", sondern "bei Ihnen in X" stehen.


jean stubenzweig   (11.03.11, 10:24)   (link)  
Genau die Ergänzung
ist das, die's braucht. Danke. Die sind es, die nerven, diese allzeit bereiten aktiven Aktionisten, die immer irgendwie vor Ort, vor dem Fahrstuhl zu stehen scheinen, der sie ein paarhundert Meter in den Berg transportieren wird. – Wann kommt endlich mal einer, der sagt: Es gibt viel zu tun, warten wir's ab. Aber als Politiker oder berufsjugendlicher dynamischer Radioplapperer darf man so etwas ja nicht sagen. Nur denken. Aber vielleicht tun sie das nicht einmal und glauben an das, was sie von sich geben.


gonzosophie   (09.03.11, 16:16)   (link)  
Als Kind der bunten Zeit, schwerpunktmäßig sozialisiert (pubertiert) in den 90er Jahren, kann ich mir eine Sprache ohne Vor Orte gar nicht erst vorstellen. Auch war der Wortschatz bzw. Quatsch zu der Zeit meines Spracherwerbs schon so durchzogen von Neobräsismen, dass gar kein Zurück mehr vorstellbar ist - für mich. Ich nehme das ganze also vergleichsmäßig auf die leichte Schulter und verurteile nicht unbedingt die Übertragung sprachlogisch unsinniger Formulierungen aus anderen Sprachen, oder auch aus fragwürdigen Szenedialekten (Polit-Talk, Köln-Porz). Da ist es für mich übrigens nur eine Frage der Zeit, bis die Dinge nicht nur Sinn, sondern die Menschen plötzlich versuchen ihren Punkt zu machen.

Schwieriger wird es, wenn die Ausdrücke inflationär gebraucht werden und dies nach scheinbar marktwirtschaftlichen Gesetzen dazu führen muss, dass der Bedeutungsgehalt gegen 0 geht, das ganze Sprachgebilde zu einer Phrase verkommt. Das ist dann keine nachhaltige Entwicklung, die sich kaum mehr kommunizieren lässt. Wir müssten etwas anderes hinbekommen: Die Wahrung einer reichhaltigen und ausdrucksstarken Sprache, die auch die ganz normalen Menschen da draußen mitnimmt. Die sind nämlich klüger, als viele sich das vorstellen wollen und haben schon ein sehr feines Gespür für abgedroschene Formulierungen.

An den handelsüblichen Phrasen lässt sich freilich sehr gut der Zeit(un)geist ablesen, der sich ihrer so gerne bedient. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Man kann sich ja oft nicht einmal wehren gegen den Sprachwandel, weil er unbewusst geschieht. Werde ich täglich mit unkaputtbarer Werbung bombardiert, vergesse ich schlicht an die Unzerstörbarkeit hehrer Formulierungen auch nur zu denken. Mein ganz persönlicher Kampf gegen die Windmühlen sieht dabei so aus, dass ich versuche Neusprech mit der angestaubten Sprache vergangener Jahrhunderte, oder seien es auch nur Jahrzehnte, wenn irgend möglich sinnvoll verknüpfen zu wollen. Das mag beide Lager abschrecken, aber ich halte es für sinnvoll. Wenn sonst nichts, sollte es vielleicht wenigstens amüsant sein. Wie bei Netto und Brutto ist auch neim Sprachschatz ein Mehr doch immer gut. Habe ich nun einen Punkt gemacht?


jean stubenzweig   (13.03.11, 10:54)   (link)  
In den Neunzigern,
guter Gonzosoph, war es, als sich diese paar Leutchen zusammengetan hatten, unter anderem weil ihnen die eine oder andere Auslegung des Verständnisses von Sprache nicht paßte. Dazu gehörten unter anderem Auslassungen, wobei damit weniger die immer seuchiger werden Ab- oder auch Verkürzungen gemeint waren (und mehr denn je sind), die nunmal mit dem Wandel des geschriebenen Wortes einhergehen, die also nicht unbedingt alleine in die Richtung der Eingeweihten-Witzelei zielte, nach der man im Dänischen nach der letzten richtig nordischen Rechtschreibreform in den Fünfzigern mit einem aktiven Wortschatz von fünfhundert Wörtern auskäme bzw. daß diese Verknappung des eigentlich üppigen deutschsprachigen Angebots auf das Niveau der Tütensuppe zu vermeiden sei. Nach einhelliger Meinung dieser Gruppierung schienen im Zug der sich abzeichnenden Entwicklung sogar ganze Themen aus den dafür immer bunter werdenden Medien zu verschwinden, weil das nach Meinung einiger Macher niemanden mehr interessiere, womit genau der hier immerwährend aktuelle Hinweis auf einen zusehends näherrückenden Biildungshorizont gemeint ist, der sich den Ausmaßen eines Teetäßchens anzunähern drohte. Der weltweite Webstuhl als Stofflieferant befand sich noch in der Entwicklung, man las noch Holz, aber vom Waldsterben war nicht nur die Rede. Nicht «edle» Einfalt, sondern Vielfalt lautete die Devise dieser Gegenpositionierung. Ein Mitglied dieser vereinsabgeneigten, also lockeren und sich immer auch personell austauschenden Gruppierung, die von der Schülerin über den Versicherungsverteter über den Anstreicher über die Lederwerkerin über Journalist, Dramaturg, Schauspieler, Künstlerin, Werbefrau, Wissenschaftsthistoriker bis zum civilcodierten Emeritus der Wirtschaftswissenschaften et cetera samt globalen Korrespondenten reichte oder anwuchs, brachte den Rat ein, den ihm als sprachlich undeutsch Aufgewachsenem ein Geber gegeben hatte: Nur durch vielfältiges, abwechslungsreiches Lesen aller erdenklichen Literatur aus allen greifbaren Epochen käme der Mensch zu einer lebendigen Sprache. Alles andere sei gerade noch lebend, also sprachlich in etwa dahinsiechend wie beispielsweise verschiedene Tageszeitungen, allen voran diejenige des verknappten Wörtchens mit vier Buchstaben; womit die Assoziation zur dänischen Schreibreform wieder hergestellt ist. Es war die Zeit Ihrer Pubertas, des Sociare in eine sich durch die Konzentration auf mediale Ereignisse nicht nur sprachlich verengenden Welt. Ich vermute, Sie hätten gut zu dieser Formation gepaßt, die sich alleine dadurch auszeichnete, daß während des Jour fixe bzw. der immerwährenden Blauen Stunde je nach Farbzustand der Individuen die ärgsten Blödeleien zustande kamen, aus denen allerdings manchmal auch etwas sogenannt Vernünftiges vierteljährlich herauskam. Nicht jeder Medienmensch goutierte das. Der von mir zu meiner und seiner aktiven Zeit überaus geschätzte Roland H. Wiegenstein ironisierte über sein in Berlin ansässiges Feuilleton des Westdeutschen Rundfunks:
«Eine Zeitschrift, die im Impressum einen Chefkoch, eine Männerbeauftragende, ein Betriebskind aufführt und sie unter die Redaktionsmitglieder rechnet, die darf sich (beinahe) alles leisten.»
Feuilleton eben. Aber andere sahen das anders. Wiegensteins Kollege Martin Halter notierte im Zürcher Tages-Anzeiger:
«Alles atmet den Geist einer kauzigen, wohl auch ein wenig elitären Gelehrtenrepublik, die zur eigenen Kurzweil und in durchweg geschliffenem Deutsch Fundstücke oder Sottisen [...] austauscht. [...] Die ‹Laubacher› sehen ihr Blatt in der Tradition der klassischen Feuilletons: eine Festung gegen den Unrat der Mediengesellschaft [...]. Mit einem Wort: ein symphatisches Projekt aus der schwäbischen Provinz, dilettantisch im besten, klassischen Sinne.»
Das Blättchen wurde 1996 nach zwanzig Quartalsausgaben eingestellt, aber nicht, weil's niemand mehr haben wollte. Ganz im Gegenteil, es gab teilweise wütende Proteste. Doch es war zum einen vom Aufwand her nicht mehr zu leisten, und zum anderen hatten sich entscheidende Ortswechsel der Verantwortlichen vollzogen.

«Eine Festung gegen den Unrat der Mediengesellschaft.» Das war's. Das meinte aber nicht etwa den damals schon altherrlichen, dem Wahnsinn sogenannter Objektivität verfallenen Sprachreiter Wolf Schneider, der zu dieser Zeit lange schon gerne die Thesen von kurzen und immer kommentarfreien Sätzen an alle verfügbaren protestantischen Kirchentore nagelte, nicht diese Riege derer, die dann Sprache als Bestandteil eines Grundgesetzes wissen wollten, auch keinen sich später sprachmodisch auf ein Trittbrett schwingenden Bernhard Sick. Es ging um Spaß, also auch Unterhaltung, die eine vielfältige Sprache bildhaft vermitteln kann.

Bis in die Achtziger hinein hatte ich Sträuße auszufechten mit in Redaktionsstübchen sitzenden, in den Sechzigern und Siebzigern sozialisierten selbsternannten Sprachpflegern (hauptberuflich gab's so etwas beim Bayerischen Rundfunk tatsächlich, das waren diejenigen, von denen man am nächsten Tag Post bekam, wenn man sich, durchaus auch in einer Livesendung, mal wieder grammatikalisch danebenbenommen hatte). Begriffe wurde mir klammheimlich (es war vieles noch schleyerhaft) von gelernten Kaufmännern und zu emporgekömmelten stellververtetenden Redaktionsleitern aus Manuskripten entfernt und das im nachhinein damit begründet, so könne man das nicht sagen, von denen ich jedoch wußte, daß man das sehr wohl konnte, und nicht nur, weil man es wollte, sondern auch, da es sprachlich korrekt war. Und das wußte ich nicht nur, weil ich es gelernt hatte und ich zwischenzeitlich urlaubsvertretend noch durch eine andere Schule gegangen war als durch die der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Während dieser Tätigkeit habe ich nämlich, auch noch höchstbezahlt, am meisten gelernt: eine Zeitlang durfte oder mußte ich Texte bearbeiten, die im Original nicht druckbar gewesen wären. Es flog der Redigierstift übers Manuskriptpapier, wobei ich immer darauf achtete, eine bestimmte Charakteristik zu wahren. Später, als ich mich vom Journalismus abgewandt hatte, sollte ich das wieder tun. Sogar Rundbriefe an Autoren habe ich eine Zeitlang versandt, ich Sprachpfleger. Mittlerweile bin ich ein Pflegefall. Immer weniger schmeckt mir.

Mir ist vieles einfach zu dröge oder zu schlicht in seiner Reduktion aufs sogenannte wesentliche, was da in die Spalten gekippt wird. Ich mag mich auch beim Lesen gewichtiger Inhalte nicht langweilen. Auch ein «abstraktes» (Kunst abstrahiert immer) Gemälde hat in seinem Geschehen einen eigenartigen Duktus, eine eigene Bildsprache, und sei es eine dialektische. Auch ein fünf- oder mehrstöckiges, nach Funktion konzipiertes Wohnhaus hat etwas zu erzählen, wurde es von nachdenklichen Architekten entworfen und nicht von nach Kriterien der Schublade programmierten Robotern. Auch klares Design hat Geschichte geschrieben. Historiker der Kunst oder anderer Disziplinen gibt es, die schreiben, daß es eine Lust ist, deren Geschichtsauslegungen zu lesen. Ein Aufsatz oder ein Buch über Romantik oder Philosophie et cetera langweilt mich, wenn die Autoren zwar viel über ihr Fachgebiet, aber kaum etwas über Erzähltechnik und Sprachvielfalt wissen, vielleicht, weil ihnen das nie erzählt wurde. Am liebsten lese ich dort, wo Formensprache eine eigene Dynamik entwickelt, die die oder eine Geschichte vorantreibt. Journalistische oder wissenschaftliche Objektivität? Sicher doch. Aber es gibt Meister der Fußnoten. Damit meine ich wahrlich nicht die vergessenen, die nichts sein sollen oder wollen als Quellenangaben. Es gibt nämlich noch eine weitere Ebene der Autoren Lust am Text, Inhalte zu vermitteln. Ich nehme sie gerne, quasi als einen weiteren Gang im reich- und vielfältigen Menu.

So gehe auch ich vor in meiner hiesigen Geschichtenküche. Allzu große Unterschiede mache ich dabei kaum noch zwischen dem da draußen und dem hier drinnen. Gut, da ich aus allem raus bin und es niemandem mehr rechtmachen muß, tue ich mich leichter, auch im Verweigern gegenüber halbstaatlich verordneten Schreibregelungen. Sicher gebe ich nach dem Geschmacksempfinden anderer manchmal ein bißchen viel Fleisch in die Suppe. Aber nur mit trockenen Knochen kochte man vielerorts in der Nachkriegszeit, da es nichts anderes gab. Aber bisweilen habe ich den Eindruck, mich auch heute oder wieder oder mehr denn je in einer solchen Verknappungsphase zu befinden, und das, obwohl allüberall zum Verzicht auf Verzicht aufgerufen wird, schließlich sei das Angebot im Übermaß vorhanden. Ich bin mir durchaus im klaren, nicht unbedingt über alle Maße geschätzt zu werden wegen meiner hin und wieder bewußt gesetzten Klöppeleien, während derer ich mir manchmal vorkomme wie ein Dilettant aus einem Heimatmuseum, in dem ich als unterschäftigter Rentner ausgestorbene Berufe vorführen darf. Dabei habe ich nichtmal etwas Anständiges gelernt. Sei's drum, dann bin ich eben eitelfatziger Narzißt der übermäßigen Freizeit; und damit auch einer, der beim EsZett bleibt, nicht zuletzt deshalb, weil er auch in anderen Sprachen auf Akzentuierungen zu achten versucht und die Rechtschreibreform nicht Gesetz ist (sicher, als Deutschlehrer wäre ich Ohrensesselsitzer heute untauglich). Und meine dieser Tage nettsanft monierte Adjektiveritis mag mein Alterszipperlein sein wie die manchmal arg langen Sätze, aber es frischt mich auf, weil ich Spaß daran habe und auf diese Weise in eine Zeit zurückkehren darf, in der mir Sprache vermittelt wurde, sich mir vermittelt hat. Es war ein ziemliches Durcheinander damals. Und jetzt darf es das wieder sein.

Sie und ich, wir beide haben einen Punkt gemacht.


jean stubenzweig   (13.03.11, 19:11)   (link)  
Das paßt ein bißchen
besser noch hierzu: Lapsi linguae.


daniel buchta   (09.03.11, 18:45)   (link)  
Zwar harter Stoff,
aber in dieser komprimierten Aussage zum hiesigen Thema gehörig:

„Ich hatte im Studium immer wieder mit Kommilitonen Streitgespräche, wenn ich die Ansicht vertrat, dass es vorrangig sei, sich mit Sprache auseinandersetzen, sich Worte und Begriffe, sich Denkfiguren anzueignen, weil Sprache unsere Wahrnehmung der Dinge und Sachverhalte bestimmt. Wer sich ungern der 'Anstrengung des Begriffs' (Hegel) unterzog, neigte dazu, den Gefühlen und Empfindungen, also der Sinnlichkeit, den Vorrang zu geben. [...]˝


gonzosophie   (09.03.11, 19:17)   (link)  
Das Feature war in der Tat hörenswert und der Artikel ist lesenswert. Bemerkenswert war vor allem die erfolgreiche Verteidigungsfigur, den Verantwortlichen der Euthanasie bei einer Mordanklage für prozessunfähig erklären zu lassen und das Verfahren dann einzustellen: Der Angeklagte rege sich zu stark über die Anschuldigungen auf und deshalb könne man es ihm nicht zumuten, einen Prozess zu eröffnen. Das klingt nach Westphalens Vorzügen eines Aristokraten... Und da wären wir dann wieder bei Guttenberg, der angesichts der "abstrus"en Vorwürfe "das Ende [seiner] Kräfte erreicht" hat...

Ich möchte aber anmerken, man sollte man mit diesen ganzen Guttenbergvergleichen etwas vorsichtig sein, sonst muss man ein zweites Godwin's Law einführen: Je mehr man über die Nazis redet, desto wahrscheinlich ist ein Guttenberg-Vergleich.

Naja, also Student der Philosophie kann ich ein Studium der Begriffe durchaus in seiner Wichtigkeit unterstreichen. Aber die moderne Theorie sieht als Grundvorraussetzung der Kommunikation ja auch die Anschlussfähigkeit derselbigen an. Und wenn Niemand mehr die antiquierten Begriffe versteht, derer man sich bedient, sollte man vielleicht über ein anderes Mittel der Kommunikation nachdenken...

Fiddlesticks!


daniel buchta   (09.03.11, 21:31)   (link)  
Godwin's Law?
Wär das so weit weg? Ich will jetzt keine Verschwörungen konstruieren. Aber wenn man tief ins Glas dieser Familiengeschichte guckt, können einem schon Mittelchen innen Kopf steigen, die haarscharf am Betäubungsmittelgesetz vorbeischrammen. Vielleicht keine Nazi-KO-Tropfen. Aber in demokratischen Schlaf versetzen die einen auch nicht grade.

Der Administrator weiß wahrscheinlich mehr.


jean stubenzweig   (10.03.11, 07:46)   (link)  
Der Begriff Verschwörung
alleine assoziiert eine entsprechende «Theorie». Auch wenn ich selbst nicht frei bin von der Neigung, Gerüchteköchen bei ihren kreatiefen Rezeptverkündungen zuzuhören, so soll das dennoch hier nicht der Ort sein, wo solcher Brei angerührt wird.


famille   (10.03.11, 09:29)   (link)  
Märchenonkels
Es war einmal ...


sturmfrau   (10.03.11, 12:15)   (link)  
Sprache verändert sich im Laufe der Zeit. Manches findet Verwendung, das sowohl Ihnen als auch mir gegen den Strich geht. Ich verstehe Sie.

Ich fühlte mich allerdings auch etwas ertappt, denn ich erinnerte zwischendurch auch schon mal. Manchmal schleichen sich solche Unsitten ein, ohne dass man es selbst recht mitbekommt. Aus irgendeinem Grund, und sei es, weil einem irgendwie der Klang gefällt, bleiben sie dann. Oder weil man sich damit modern findet. Oder weil das Umfeld gewisse "gewandelte" Begrifflichkeiten verwendet und man ob eines dauerhaften Bombardements assimiliert wird, ohne es wirklich zu wollen. Persönliche Sprachhygiene hat mich bislang weitestgehend von solchen Schmierereien abgehalten, aber Fehlerchen und Fehler macht halt jeder mal.

In dem Bereich, in dem ich arbeite, treffe ich ab und an (zum Glück selten) auch auf äußerst selbstbewusst wirkende Sprach-Aufschneider, in deren Gegenwart sich ausgezeichnet "Bullshit-Bingo" (ich weiß, Sie verzeihen mir den englischen Begriff) spielen ließe. Alle drei Sekunden mag man laut "Bingo!" rufen angesichts all der Nachhaltigkeit, Synergieffekte, des Wissenstransfers... (setzen Sie die Liste fort, falls Sie mögen). Was stört ist nicht der tatsächliche Inhalt solcher Aussagen, sondern dass aus reiner Wichtigtuerei heraus Begriffe verwendet werden, die schick klingen und den Benutzer kompetenter wirken lassen sollen, als er tatsächlich ist. Oft fehlt der Inhalt aber auch ganz. Dass solches Sprachverhalten nicht an Bildungsferne gebunden ist, ahnt man. Wobei mir auch ein teenagereskes "Ich mag der ihr Style!" sehr gefällt.

Ich verstehe Ihr Leiden. Manchmal geht es mir ähnlich. Besondere Zahnschmerzen macht mir neuerdings die Unsitte, im Bezug auf ein Jahr das Wörtchen "in" zu benutzen. "Ich habe in 2010 nicht Weihnachten gefeiert...!" Grusel, Grusel.

Aber leiden Sie nicht zu sehr. Machen Sie's selbst weiterhin hartnäckig anders.


jean stubenzweig   (10.03.11, 17:51)   (link)  
Dem geteilten Leid
da oben im Titel muß doch ein Fundament der (Selbst-)Ironie sozusagen unterstellt werden. Richtig leiden wird der Gonzosoph nicht, und auch ich leide allenfalls hin und wieder unter Zahnschmerzen, dann aber sehr, wie Männer eben leiden, wenn ihnen etwas wehtut. Auch bin ich kein Mensch, der unter den Entwicklungen jeweiliger Gesellschaften leidet, die in immer breiter und bereiter werdenden Teilen immer dämlicher zu werden scheinen, weil sie ungebrochen den silbernen Löffelchen und güldenen Krönchen bei Hofe hinterhersehnsüchteln. Ich kenne die Gründe dafür und weiß, daß ich daran nichts ändern kann.

Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich tatsächlich davon überzeugt war, die Windmühlenflügeleien niederkämpfen zu können. Aber es ist bereits eine ganze Weile her, daß ich feststellen mußte, meine Hausaufgaben nicht gemacht oder in der Schule gefehlt zu haben. Denn die Geschichte zeigt, daß die Menschheit sich nicht ändern wird. Gib ihr ein Spielzeug in die Hand, und flugs wird sie alles vergessen, was sie tatsächlich klein oder unten hält. Und daß der Einzelne winzig und unbedeutend ist, wie die Romantik das beispielsweise gelehrt hat, und der eine oder die andere das tatsächlich auch in Vernunft leben, das gehört nicht zum Bildungsideal der vielen Einzigartigen. Die herangezüchtete Solipsistenmaschine baut sich auf in Form von Geschwafel, Sie haben's skizziert, das ihnen tagtäglich achtundvierzig Stunden lang unentwegt, bis in die Träume hinein, aus allen medialen Geschützrohren in die Gehirne gespritzt wird. Sie wollen gar nicht wissen, daß sie berlusconi- oder, weil's hier näher klingt, guttenbergisiert werden. Sie sehnen sich doch selber danach, so ein süd- oder nordälplerischer Duce sein zu dürfen. Und das Mindeste ist dann, wenn schon keine anderen Materialien zur Verfügung stehen, sich sprachlich so aufzublasen, daß sie kolossal wirken. Diese Individualisten, auch nicht diese ganzen sogenannten hochbezahlten Fachkräfte, merken dabei nicht einmal, wie sie gleich Marionetten an ihrer eigenen Nase herumgeführt werden.

Also, ich leide nicht. Ich ärgere mich. Vielleicht auch ein bißchen darüber, daß ich nichts bewegt gekriegt habe, seit ich vor etwas mehr als fünfunddreißig Jahren beschlossen habe, professioneller Motzer zu werden. Möglicherweise dächte ich heute anders, wäre ich dem Berufswunsch meiner Eltern, nein, meiner Mutter, nachgekommen und Jurist und Volkswirt geworden. Aber als früher und dann ewiger Verweigererer habe ich nie etwas Anständiges gelernt. Doch jetzt tue ich mich ohnehin sehr viel leichter als andere, die mittendrin stecken in dieser für mich immer unvorstellbarer werdenden Mühle, denn ich bin aus diesem ganzen Getriebe raus, ich muß mich mich an nichts halten, schon gar nicht an das, was einigen als ständig zu erneuerender neuer Moderne durch die Köpfe irrlichtert. Ich mache einfach, was ich will, wonach mir gerade ist. Dazu gehört das durcheinandrige, unreformierte Rechtschreiben und auch das ständige Meckern. Letzteres brauche ich eben. Ich habe glücklicherweise sonst nichts zu tun. Ich kucke allenfalls romantische Bildchen und dümple dabei ein bißchen nachdenkelnd an den Rändern der Meere im Ohrensessel so für mich hin.

Der Mensch in meinem Lieblingssehnsuchtsbild:

Jean-Antoine Watteau: Einschiffung nach Kythera , 1718
Schloss Charlottenburg, Berlin
Photographie Rainer Zenz


Der Mensch im romantischen Format:

Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer, 1809
Alte Nationalgalerie, Berlin
Photographie: Sitacuisses

Sind Sie nicht Hamburgerin? Da dürfen Sie das erinnern. Denn den Hanseaten ist das Anglisieren nämlich via Muttermilch und Vaterstolz in die Gene gegeben.


sturmfrau   (11.03.11, 09:36)   (link)  
Seien Sie froh, kein Jurist oder Volkswirt geworden zu sein. Das wäre wohl nicht Ihres gewesen.

Hamburgerin bin ich nicht, auch wenn es mich zum Norden sehr hinzieht. Aber selbst wenn es so wäre, Muttermilch und Vaterstolz habe ich ohnehin nicht genossen. Wer weiß, sonst wäre ich vielleicht auch Juristin geworden... Aber da erinnere ich mich doch lieber.


gonzosophie   (05.04.11, 05:44)   (link)  
Nach langer Pause
ist es mir dennoch ein Anliegen, hier noch einmal zu antworten. Leider musste ich mich in der Zwischenzeit ein wenig herumtreiben und bin über das Lesen in und Nachdenken über Blogs etwas hinweggekommen. Dafür habe ich aber möglicherweise eine neue und hoffentlich halbwegs gut bezahlte Beschäftigung gefunden, in der die Grundvoraussetzung tatsächlich bloß ist, Student zu sein, der das Lesen und Schreiben beherrscht. Jedenfalls war man erstaunt und begeistert, dass und wie ich es beherrsche. Ich vermute mal, ich darf mich darüber freuen.

Sinnvoll genutzt habe ich die Zeit eigentlich kaum außer zum Schreiben einiger, flüchtiger Gedichte und der Lektüre selbiger aus der Feder Baudelaires, den ich zugegebenermaßen in der deutschen Übertragung lesen muss. Mein Französisch ist einfach unterirdisch, vor allem in Anbetracht der vielen Jahre, die ich es gelernt habe.

Ich möchte Ihnen jedenfalls noch einmal ausdrücklich sagen, dass man ihrer Kurzvita doch auch vieles abgewinnen kann: Nichts wirklich Wirkliches gelernt und trotzdem die Wirklichkeit überstanden zu haben - das zeugt von Fähigkeiten, die man nicht nur für die Schule gelernt hat. Übrigens: Dass man nichts ändern, vielleicht nicht einmal bewirken kann, ist wohl das Schicksal des modernen Menschen. Und dieses Schicksal birgt eben auch eine Freiheit von, nicht zu Allem, die einen sehr leicht resignieren lässt. Der Trost: Man ist in dieser Freiheit vielleicht einsam, aber nicht allein. Und solange man sich noch aufregen kann, solange Mitmenschen darauf nicht bloß mit Achselzucken reagieren, solange langt's.

Und wenn nicht, bleibt uns angesichts des Unsterns unserer Existenz wohl nur der Vorgenannte. Ich halte mich an die deutsche Übertragung:

"So schwere Lasten zu heben,
Bedarf es des Sisyphus Mut,
Und hätten wir Kraft auch und Glut,
Lang ist die Kunst, flüchtig das Leben.

Fern ruhmreicher Sarkophage,
An des Friedhofs verlassenem Hang,
Wie verdeckter Trommel Gesang
Schlägt mein Herz nun die trauernde Klage.

Manches Kleinod von leuchtender Glut
In finstrer Verborgenheit ruht,
Wohin Sonde und Senkblei nicht gleiten.

Manche Blume der edelsten Art
Strömt Duft wie Geheimnis so zart
In der Wildnis verlorene Weiten."


jean stubenzweig   (05.04.11, 08:45)   (link)  
Ich nehme an,
Sie spielen Sie auf die Geschichte vom Studenten an, «der lesen und schreiben kann, für einfache Arbeiten und für länger», auf Lethes Freibrief? Sie werden doch nicht zum proletischen Buchhandelsgehilfen metamorphisiert sein?

Den baudelaireischen Unstern (einfach Pech) muß ich jetzt aber, Sie wissen schon, die Authentizität, im Original nachlegen:
Le Guignon

Pour soulever unpoids si lourd,
Sisyphe, il faudrait ton courage!
Bien qu'on ait du cœur à l'ouvrage,
L'Art est long et le Temps est court

Loin des sépultures célèbres,
Vers un cimetière isolé,
Mon-cœur, comme un tambour voilé
Va battant des marches funèbres.

Maint Joyau dort enseveli
Dans les ténèbres et l'oubli
Bien loin des pioches et de sondes;

Mainte fleur épanche à regret
Son parfum doux comme un secret
Dans les solitudes profondes.

Les Fleurs du Mal (zweisprachig), Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1973, S. 30f.

Die Übersetzung von Sigmar Löffler liest sich um einiges anders als die von Ihnen wiedergegebene. Stefan George? Das beliebte deutsch-französische Pathos früher Zeit, bis in die fünfziger, sechziger Jahre. Da gibt es viele Beispiele, gerade auch bei Mallarmé und Rimbaud.

Letzte Strophe:

Manch Blume muß verloren stehen,
Und ihr geheimnissüßer Duft
Strömt freudlos hin durch leere Luft.

© Insel-Verlag



gonzosophie   (05.04.11, 17:07)   (link)  
Keine Sorge, ich habe mir letztes Jahr fest vorgenommen, mein Proletendasein mittelfristig zu beenden und mich endlich, zumindest streckenweise, durch mein Lesen & Schreiben zu finanzieren. Das ist mir bisher leider nicht wirklich gelungen. Dennoch bin ich guter Hoffnung, jetzt bald für recht profane, aber doch auch ansprechende und anständige Schreibarbeiten bezahlt zu werden. Im Bildungsbereich.

Man lernt ja nie aus und man übersetzt Gedichte nie werkgetreu. Deshalb wage ich mich auch ungern an fremdsprachige Lyrik, noch dazu übersetzte. Es kann dennoch eine große, wenn auch mühsame Bereicherung sein, wie man sieht.


jean stubenzweig   (06.04.11, 03:02)   (link)  
Bildungsbereich, auch gut.
Da gibt es schließlich einiges zu tun. So erfuhr ich beispielsweise dieser Tage, Rousseau und Voltaire seien im allgemeinen Verständnis diejenigen gewesen, die die Aufklärung maßgeblich geprägt hätten. Philipp Blom, der mir in Kulturzeit dann auch noch entgegenkam, meint in Böse Philosophen, mit dieser schlicht falschen Ansicht aufräumen zu müssen. Das verblüfft mich. Denn für mich bestand nie ein Zweifel an Diderot und d'Alembert als Wortführer. Wenn man aber um der Korrektur solcher landläufigen Meinung willen mittlerweile neue Bücher herausbringen muß, dann dürfte es für Sie als (Mit-)Korrektor der Romantik im besonderen einiges zu tun geben, sind da doch nicht eben wenige Irrungen und Wirrungen im Umlauf, vermutlich ebenfalls verlagsgeschäftig fehlsteuernd – denn Aufklärung und Romantik, solche geradezu absurden Gegensatzbegriffe treiben keine Absatzzahlen in die Höhe.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 3225 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 30.10.2015, 03:53



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