Fremd ist der Fremde auch auf dem Dorfe

Man mag's als Fortsetzung nehmen oder als Neuausleuchtung im sanften Schein der Energiesparlampen. Ois Gusto.

Die Hinterhof-Party ging 1976 eigentlich erst richtig los. Op'n Dörp kam sie wohl nie an. Das meine ich aber erst, seit ich dasselbst sitze und auch dort Erfahrungen sammle. Ich kannte bis dahin nur die Großstadt. Mein ländlicheres Leben in der oberbayerischen Marktgemeinde, vielleicht an Beethovens Pastorale angelehnt, «hier habe ich die Szene am Bach geschrieben, und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kuckucke ringsum haben mitkomponiert», das war eher ein Intermezzo meiner heiteren Apassionata, diesem nach der völkischen Enzyclopaediae Wikipedia «formensprengenden ‹Ausdruck radikaler Subjektivität›» des Meisters, die sich in wörtlich reduzierter Form, wie ich gerade entdecke, seitenweise als mehr oder minder reizvolles Unternehmen von Unterhosen erweist, aus der ich per Anhalter zu fliehen gezwungen ward, da das Städtchen einen sogenannten g'spinnerten Kopfgesteuerten wie mich nicht ernähren wollte. Die Besuche bei einheimischer Dorfbevölkerung kamen nur zustande, weil ich immer zurückhaltend war und man deshalb auf mich zukam. Ich habe es mir früh zum Prinzip gemacht, was ich vermutlich im Elternhaus gelernt habe, zu tun, wie es bei Franzosen, Katzen, Kindern bestens funktioniert: Immer einladend wirken, besser einladend sein, aber nie die Offensive ergreifen. Dann kommen sie von alleine auf einen zu, selbst dann, wenn ihnen das geradezu gefährlich fremd erscheint. Die Neugierde siegt, und ich werde eingereiht. Deshalb erfuhr ich auch früher schon temporär ein wenig von den Geheimnissen des Dorflebens.

Nun, weit drinnen im 21. Jahrhundert, weiß ich, daß sich auch auf dem Dorf grundsätzlich daran nichts geändert hat, jedenfalls nicht viel. Fremd bleibt fremd, auch wenn längst Stadtflüchtlinge Einzug gehalten haben und nach ihrer Vorstellung die Idylle wieder herzustellen versuchen, was daran scheitern mag, daß sie meinen, alles organisieren zu müssen, wie sie's städtisch infrastrukturell kennen. Sich einfach in die Dorfmitte setzen und abzuwarten, was da denn kommen mag, sei's der Bus, die Post oder die Zukunft, das liegt ihnen nicht.


Die urbane Manageritis hat auch das Landleben in den Griff bekommen. Andererseits könnte es sich auch auf althergebrachte Weise günstiger verhalten, würde man Mitglied der freiwilligen Feuerwehr. Integrationshilfe, althergebrachte Mittel zur Sozialisiation. Aber am liebsten bleiben auch die Alteingesessenen nach wie vor unter sich. Auch wenn man via Fernsehen und Internet längst weiß, wie es in der Welt zugeht. Und da es nicht nur hier im Ort kein Wirtshaus mehr gibt, weil sie lieber in die Ferne sehen als in sie zu schweifen, bleiben sie vorm Fernseher sitzen oder spielen virtuell, auch mit der Liebe (dieses Buch hat mir Frau Braggelmann auf den Steh-, nicht Stammtisch, gelegt, offensichtlich bin ich endgültig in die Jahre gekommen), anstatt Skat zu kloppen bei 'ner lütten Lage und dem Dorftratsch, der meines Erachtens spannender sein kann als jeder scheinbare Tatort, selbst der aus Münster, in dem auch nichts aufregenderes aufflattert als ein paar gesprochene Pointen.

Daß hier selten Fremde hereinkommen, das mag hier auch daran liegen, daß es für Reisende ohne Ortskenntnis keine Durchfahrtsstraße gibt. Wer kein Herauskommen sieht, der fährt trotz Navigationskrücke lieber gleich gar nicht hinein. Die Ausflügler von Hamburg oder Lübeck, manchmal auch von Kiel aus bleiben lieber auf der Hauptrennstrecke, für die Motorradler schwingt sie sich obendrein so flott durch die reizvoll kurvige und hügelige Landschaft, und bleibe sie dadurch noch so unbekannt. Aber auch ohne diese quasi ausgesperrten Fremden oder vielleicht gerade deshalb bleibe ich ein Fremder, auch nach bald zehn Jahren und Spenden an den Kulturverein, dessen Veranstaltungen wie Flohmärkte, Osterfeuer und Dans op de Deel beim letzten verbliebenen richtigen Bauern mit allem, also so einer, wie ich Idyllist ihn mir vorstelle, mit Hühnern und Haussau, ansonsten gibt nur noch eine Schweinemast, ich brav und durchaus auch gerne besuche. Vielleicht sind meine Integrationbemühungen nicht ausreichend, bin ich zu zurückhaltend. Daß die Ente nach wie vor hamburgisch kraftfahrzeuggekennzeichnet ist, mag mit ein Grund sein, auch daß ich ansonsten in Ortsmitte kaum zu sehen bin, obwohl ich seit einiger Zeit nicht ständig gen Süden verschwinde, weil ich körperlich daran gehindert werde, aber weshalb auch, steht mir doch ein Gelände zur Verfügung, das seinesgleichen sucht. Doch möglicherweise hat das einen zu herrschaftlichen Anschein, hält man mich für einen golfenden Dauergast, zumal immer wieder so weit auswärtig gekennzeichnete Automobile auf den abseitig gelegenen Hof einfahren. Es mag jedoch auch daran gelegen sein, daß die Kunde vom erheblich größeren Nachbardorf, in dem ich vor zehn Jahren einen ersten holsteinischen Seßhaftigkeitsversuch startete, herüberdrang, nach der ich das Häuschen als französisches Exterritorium deklariert hatte, weil mir so kalt nicht nur ums Herz geworden war.


Aber auch die über Madame Lucette hinaus weiteren beiden, im Ort angesiedelten Französinnen leben still vor sich hin in ihren niedlichen kleinen Häuschen. Wir sind Fremde, auch wenn man sich offen gibt. Heiratsgesuche seitens der Einheimischen sind keine avisiert. Wären wir Kinder, wäre ich vermutlich längst Bestandteil der Gemeinde. Aber so sehe ich mich ständig in dem Bild, in dem nicht nur die Weiber des dritten Jahrtausends nach der neueren Zeitrechnung lauthals ausrufen: Holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen. Dabei sehe ich aus wie einer, der in anglischen, die Angeln und die Sachsen, wir wissen es, stammen ja hier aus der nördlicheren Gegend, also quasi regionalen Bekanntschaftanzeigen als Caucasian ausgewiesen wird. Daß väterlicherseits tatsächlich weit östliches, hinter europäischen Grenzen gewachsenes Blut in mir pulst, sieht man mir nicht an, nicht mehr, als ob ich etwas gegen die Schönheit getan hätte, als Kind haben sie mich in etwa als Japs bezeichnet, heute würde man sagen diskriminiert. Und blaue Augen habe ich obendrein. Doch vermutlich bin ich nicht blauäugig genug.

Proud to be ...
 
Mi, 29.08.2012 |  link | (2536) | 22 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Nachgedanken über glückliche Kühe

Nach nach Erteilung der Absolution durch den nachbarortansässigen Obstbauern, meinem Drogenanbieter, dem ich gebeichtet hatte, an einem der Stände vor einem Supermarkt, der das Familiare an sich im Schilde führt, fühlte ich mich einigermaßen befreit. Ihm fiel die Freisprechung offensichtlich leichter, nachdem ich sein Prinzip der Düngung mit Pferdemist und den vermutlich dadurch entstandenen geradezu subtilen Feinschmeckergeschmack seiner Bodenfrüchte höchst-wohllöblich erwähnte, und selbst mein Nachsatz, mit dem ich diese vielen Freizeitgäule als ziemlichen Mist bezeichnete, die nicht nur die geistige Landschaft zerstörten, konnte ihn nicht davon abhalten, mir definitiv allzeit Döörlock* zu gewähren. Aber irgendwie bin ich ohnehin gehalten, das Transparent noch weiter oben an mein Weltbild zu hängen, das beinahe seit je, also seit ich einigermaßen eigene Gedanken produziere, da mögen diese noch so aus denen anderer hervorgegangen sein, meinen Vorschlag für den friedvollen Umgang miteinander ziert, sich also gegen den Krieg wendet, den dieses Weltverbesserungsgegenbild industrieller Nahrungsmittel-verschlechterer entfacht hat. Denn zwei Tage zuvor hatte mein Guteweltsein einen argen Dämpfer hinnehmen müssen.

Der Betreiber meines Guteweltladens, zwischen dem und seiner wunderbaren, nebenher unter das Zollgesetz fallende Ganoven jagende Gattin lediglich die liebevoll gepflegte Haussau im nächtlichen Bett liegt, hatte mich nämlich darüber aufgeklärt, daß die Welt beileibe nicht immer morgens um sieben noch in Dortmund ist. Der festen Überzeugung, die vor bald zehn Jahren die fürs Biologische zuständige Frau Braggelmann, schließlich ist sie Mutter einer Fachfrau, in mir stärkte, dieser eine, bestimmte Milchproduzent schicke seine teilweise behinderten Menschen abends zu den Kühen in den selbstgezimmerten Stall, um ihnen nach dem Euterstreicheln, der traklschen Abendsonate unter braunem Gebälk noch ein Küßchen auf die frischgewaschenen Nüstern zu geben, habe ich gerne den die Euro-Marke weit, fast bis zu nochmaligen Hälfte übersteigenden Literpreis bezahlt und mir eingebildet, so könne nur der Saft aus einer glücklichen Kuh schmecken. Meine Naivität oder auch offensichtlich nicht ganz auszurottende Dummheit mag dazu beigetragen haben, mich nicht sonderlich darüber gewundert zu haben, wie lange dessen Kuhsaft in letzter Zeit haltbar ist. Zwar war auf dessen Tetradingensverpackungen nicht diese unsäglich dämliche, sich an die Welt der Allesglaubenden gerichtete Wortkombination Längerfrische zu lesen, aber sie blieb nunmal länger frisch, was mich hätte stutzig machen müssen, kann eine nicht oder zumindest weniger lang erhitzte Milch auch im dauerlaufenden Schrank auf fünf Grad hintergekühlt nicht fast zwei Wochen überleben. Seit Jahren schon, klärte mich mein Haupterwerbsbiodynamiker auf, würde diese sogenannte Premiummarke regionaler Landwirtschaft zusammengeschüttet wie der schlechte, aber hochgepriesene Verschnitt eines weltweit renommierten Anbieters, mein gern getrunkener Saft werde den Kühen aus allen erdenklichen Gegenden abgezapft. Aber ein Großteil der Kunden seines Weltrettungsladens fragten nunmal nach den Produkten dieses Molkereiproduzenten, wie sie auch Angebot durch Nachfrage erzeugten, indem sie beispielsweise garantiert oberbayrisches Bio verlangten und dabei manchmal vergaßen, den Motor des draußen vor der Tür stehenden Turbo-SUVs abzustellen.

Um eine Illusion ärmer bin ich nun, ich, der ich an das Gute im Menschen auch in der Längerfrische geglaubt habe. Nun hat er zwar einen anderen Anbieter, der sich, dabei habe ich durchaus seltsame, wenn nicht gar komische Assoziatonen, hat er doch seinen Sitz im Osten, Ostzone darf man ja nicht mehr sagen, im zweifelsohne nahen Dechow, das liegt hier um die Ecke, am schönen Schalsee, um den man ein sogenanntes Biosphärenreservat errichtet hat. Gläserne Meierei nennt sie sich, und «traditonell hergestellt» steht auf der Tetrapackung. «Besonderes Anliegen», werde ich via Internet aufgeklärt, «des Unternehmens sind die Transparenz und die damit verbundene Glaubwürdigkeit bei der Herstellung der Bio-Produkte». Anliegen und Transparenz, das versteht jeder. Ich aber mag seit Adornos Ablehnung, da steh ich schillernd festgemauert in der Erden, den Begriff Anliegen nicht, und das Allerweltswörtchen Transparenz erzeugt in mir mittlerweile so etwas wie einen Brechreiz, denn langsam wird mir längerschlecht bei diesem ganzen Gesabbele dieser Marketinger, die mit der Verunklarung der Menschheit durch Schlagworte allzeit Döörlock* betreiben.

Mir schlägt dieses ehemalige Biogeraune, das längst zu einem hysterischen Geschrei angewachsen ist, enorm aufs Gemüt, allgemeinsprachlich unter Lebensqualität bekannt. Mein oben erwähnter Beichtvater tut's nicht biologisch, sondern mit Pferdemist und schmeißt mit dem auch nicht im Internet umeinander. Das ist aufrichtig. Weiß ich denn, ob diese ostdeutschen Bioapologeten, laut meinem Hofladenhüter ein Zusammenschluß einheimischer Milchbauern, nicht längst auf den globalen Markt steigender Aktien schielen, der mich Ochsen unglücklich macht, weil ich dann vielleicht ultrahochlängerfrischen, aus Novosibirsk oder Patagonien angeschifften Lebenssaft trinken muß, sie also möglicherweise verkaufsbereit sind oder schon verkauft haben, ohne das es jemand wie ich beispielsweise gemerkt hat, wie zum Beispiel die brandenburgische Gurkenkönigin.


Auf die Gurkenkönigin mit der wunderbaren, welch Trauer in mir darüber, kürzlich gestorbenen Susanne Lothar*, komme ich, weil ich gestern, von schwüler Schlaflosigkeit geplagt, spätabends diesen Polzeiruf mir noch einmal angeschaut, ihm vor allem aber zugehört habe, diesem in Serien höchst selten anzutreffenden Wortwitz, voran diese Bereicherung der Fernsehlandschaft Sophie Rois, deren tatsächlich nennenswerte Unkonventionalität mir am Theater aufgefallen war. Auch die deutsche Telekom kann beachtenswert kritisch, mit feiner Nuancierung kritisieren, sehr gerne habe ich sie deshalb, hier nochmal, verhyperlinkt.

* Susanne Lothar. Obwohl ich ihn nicht ausstehen kann, diesen priesterlichen Katholen, der in und mit seinem weltmännischen Gehabe, als ob's ein Weimer wär', gerne davon ablenkt, wie sehr auch er mal von einer kleinen Stadtzeitung aus gebettelt hat, irgendwann zu den großen Schreibartisten gehören zu dürfen, will ich dennoch auf seinen Nachruf hinweisen, da er auch durchaus packend auf diese zadeksche Lulu und damit auf ein elementares Stück bundesdeutscher Theatergeschichte verweist, dessen vor Jahrzehnten erneuernde und aufklärerische Frische ich vermisse und die ihresgleichen sucht.

* Döörlock ist Plattdeutsch, also eine Sprache und kein Dialekt, und heißt offene Tür.

 
Sa, 28.07.2012 |  link | (1707) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Gespräche übern Gartenzaun

Meine nördlichen Nachbarn und ich leben seit nunmehr auch schon bald acht Jahren in friedlicher Eintracht miteinander. Nichts trübt unsere Gemeinsamkeit. Fast.


Die zur linken Seite der Revolutionskate sind zwar erst vergangenes Jahr hinzugezogen, aber mir ist, als ob sie bereits viel länger im Land wären als ich. Im Grunde trifft das auch zu, da der männliche Teil des Ehepaares rund dreißig Jahre auf einem Ostsee-Lehrstuhl saß und die mehr oder minder Wißbegierigen in ostgermanischen Märchen und Mythen unterwies. Nach seiner Emeritierung zog er mit der Gattin, einer Pyschologin, in die ferne Hauptstadt, ums endlich auch mal aktuell kulturell krachen lassen zu können. Aber dann sehnten sie sich doch wieder zurück in die Ruhe des lieblichen holsteinischen Landlebens. Dessen Sonnenseite bewohnen sie unter uns, und dort findet, wenn ich unterwegs bin zum Entenunterstand, immer wieder mal das vielzitierte Gespräch übern Gartenzaun auch ohne den statt, oder wir sitzen auch schon mal gemeinsam in südliche Richtung blinzelnd am runden Kaffee-und-Kuchen-Tisch und pflegen die Tradition des Rentnertratschs. Die Geschichten vom Theater, der Sohn zieht als Regisseur durch die Städte und die beiden gerne hinterher, kommen mir alle ein bißchen bekannt vor, aber wenn der zehn Jahre ältere und dem Baltikum verbundene Fachmann über die Entstehung von Mythen erzählt, höre ich sogar auf meinem eigentlich fast tauben Ohr wieder.

Auf der unteren rechten und damit dunkleren Seite des ansonsten nicht nur wegen seines Solarbetriebes recht freundlichen Hauses lebt mit einer seiner Gefährtinnen seit bald zwei Jahrzehnten der gute Geist, der von meinen holsteinischen Anfängen an ungefragt den Rasen um meine Sommerresidenz drumherum mähte oder auch schon mal den aus Altersgründen verklemmten Bowdenzug zur Drosselklappe meiner motorbetriebenen Trödelkarre wieder gangbar macht. Lebensunfähig, der ich bin, behindere wegen solcher Lapalien nämlich durchaus mal den hamburgischen Berufsverkehr, weil die gute alte Eier-, Wein- und Kartoffeltransporteuse mal wieder ein paar Schlucke zuviel gesoffen hat. Er aber hat vor etwa fünfundvierzig Jahren in Bergedorf Autoschlosser gelernt und kennt sich nicht nur in solchen Gangbarmachungen aus, auch alte DDR-Seitbordmotoren kriegt er wieder zum laufen. So etwas kauft er in der Ostzone, rüstet es wieder auf und verkauft es dann in den ehemaligen Ostgebieten wieder. Aber nicht nur Maschinen findet er dort in alten Schuppen, sondern auch andere Seltsamkeiten wie beispielsweise alte Kacheln oder nachgebaute Käthe Kruses. Derentwegen klingelt er dann hin und wieder bei mir, um sich Rat zu holen. Meist geschieht das vergebens, denn kein Vermittlungsversuch hat zum Erfolg geführt. Seit er weiß, daß ich an einer Universität unter anderem etwas mit Kunst getrieben habe, bleibt er bei seiner Überzeugung, einer wie ich müsse wissen, wieviel Prozent Gewinnsteigerung eine von ihm von einem Dachboden weg günstig erworbene und mit ordentlich Chemie aufpolierte und seiner Meinung nach uralte friesische Fliese zu erwarten ist. Meistens gehen wir dann nach unten, setzen uns am nachmittäglichen Westsonnenplatz an den rechteckigen DDR-Gartentisch, ich bekomme einen eigens für mich angeschafften Anis, er würde dieses Zeugs nicht schlucken, seine Frau kommt manchmal hinzu, und beide hören sich dann meinen philosophischen Vortrag über die Völkerwanderung der Westfriesenfliese in den sowjetisch beeinflußten Ostkulturraum an. Aufmerksam hören sie mir zu, um solche Abwegigkeiten auch sofort wieder zu vergessen. Es gibt schließlich Wichtigeres.

Gestern fing er mich auf dem Weg zum 2 CV-Unterstand ab, um sich nach meinem nach wie vor leicht maladen körperlichen Zustand zu erkundigen, der mich mittlerweile in die Niederungen der Kreatiefität treibt. So ergab sich Frage über Frage, dazu gehörten auch solche des öfteren bereits beantwortete nach bestimmten Stationen meiner Studien. Beim Ausräumen einer Hinterlassenschaft war er auf ein Hinterglasbild gestoßen und erinnerte sich dunkel daran, daß ich ihm einmal von den teilweise sehr hohen Werten dieser Kunstwerke erzählt hatte. Da er wohl nicht allzu offensichtlich mit der Tür ins Haus fallen wollte, nahm er einen Umweg über das Christentum, das den ollen Russen ja auch, irgendwie sei mal meine Rede davon gewesen, die Köpfe durcheinandergebracht hätte. Schließlich landete er beiläufig bei der, ob ich überhaupt an irgendetwas glauben würde. Das einzige, war meine spontane Antwort, an das ich je geglaubt hätte, sei Willy Brandt gewesen.

Bei diesem Namen zuckte sein Oberkörper zunächst nach hinten weg, um sich dann vorsichtig, wie er nunmal ist, aber doch auch bestimmt zu äußern. «Willy Brandt? Na ich weiß nich. Der war doch auch so ein Verbrecher.» Sämtliche Alarmglocken legten bei mir los. Daß er so rechtslastig denkt, so in Richtung Vaterlandsverräter und so, das hätte ich von ihm dann doch nicht erwartet. Aber vorsichtshalber fragte ich nach (hinterfragen nennt man das heute wohl), wie er denn, da wir schon dabei wären, um des lieben Himmels Willen zu einer solchen Meinung käme. Den aufklärerischen Vortrag dazu hatte ich im Kopf. «Na wegen der RAF und so», war seine Entgegnung. «Der gehörte doch zu denen.»

Mehr als ein heftiges Kopfschütteln und zwei gestammelte verneinende Sätzchen brachte ich zunächst nicht zuwege. Doch dann hakte ich nach und wollte wissen, wie er denn zu einer solchen Erkenntnis gelangt sei, woher er das habe. Schulterzucken seinerseits. Das erzähle man eben. Wo?! wollte ich wissen. «Na überall eben.»

Ich erzähle das heute deshalb, weil ich gestern in der dunklen Seite davon gelesen habe, wie offensichtlich auch noch um einiges Jüngere (als ich, der ich, das nebenbei, in keinem der Deutschlands zur Schule ging und möglicherweise deshalb tiefer in derartige Rituale der Bildung vordringen durfte, wie der Nichtgläubige sich eben wappnen muß durch gründlichere Kenntnisse allerlei religiöser Bücher) fragwürdigen Geschichtsunterricht oder nur in Teilen erteilt bekamen. Dennoch hat mich das ziemlich ins Grübeln gebracht, hat es doch den Anschein, nicht nur technisch lebensunfähig zu sein.
 
Mi, 06.04.2011 |  link | (1643) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Von «extremen Erfahrungen»

lese ich, bei einer Ü-30-Party. Das setzt mal wieder die Erinnerungsmaschinerie ingang.

Einige Male, als ich noch jünger war (knapp Ü 60) habe ich mir die Freude gegönnt, zum ersten Mal nach einem holsteindörflichen Dans op de Deel, eine Kleinstadtdiscothek aufzusuchen, um meine früher durchaus beachtliche Tanzkondition zu überprüfen. Beim ersten Mal wurde ich vom Lächeln einer knapp U-30-Frau eingelassen, die mir in meinen (er)schöpferischen Pausen dann das eine oder andere Wort zur Erholung schenkte. Ob das der Anlaß war, daß sie später einen meiner nicht mehr zu zählenden Söhne heiratete und mir noch mehr Enkel schenkte, scheint derart unter Verschluß gehalten zu werden, so daß ich lediglich darauf hoffen kann, es eines Tages aus so einem Wikinetz herausfinden zu können. Man hat schließlich andere Sorgen (Photographie unten); obwohl die auch schon wieder nicht mehr aktuell, sondern längst zugebaut sind.

Diese Laufübung (ohne die offensichtlich mittlerweile auch von jüngeren Menschen für deren Walkfestigkeit benötigten nordischen Sommerskistöcke) rief rechtes Erstaunen hervor. Aber die jungen Leute waren dann wohl doch zu jung, um zu wissen, daß man sich zu revolutionären Zeiten beim Tanzen richtig bewegte und nicht nur leicht bewegt herumstand. Doch daß so ein Methusalem sich traute, auch noch die hohen Barrikaden der Jugend zu stürmen, brachte ihm durchaus Anerkennung ein, die sich vor allem darin ausdrückte, daß sogar U-20-Menschen mich spät Hinzugezogenen, also auch nach Jahren immer noch Fremden zu grüßen und die Alten beim Dorfest zu tuscheln begannen, als sie mich kommen sahen.

Vielleicht sollte auch die Generation Ü 40 mal darüber nachdenken, ob das möglicherweise die von deren Eltern beklagte, weil abhanden gekommene Ehrerbietung zurückbringt, die sie so schmerzlich vermissen. Ich jedenfalls werde vom Dorfnachbarjungen immer wieder mal gefagt, wann er denn mit mir in der Disco endlich wieder einen trinken darf (er war nach unserem Nachttalk endgültig von Whisky-Cola auf Wodka-Lemmon umgestiegen, also offenbar in die Elite der Erwachsenen erhöht worden). Auf diese Weise verschafft man sich nämlich heutzutage Autorität.
 
Mi, 08.12.2010 |  link | (1502) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Land und Leben



Soeben wiederentdeckt in meinem (analogen Kunst-)Poesie-Album. Ausgelöst wurde die Bildsuche nach einem sozusagen beiläufigen Telephongespräch mit Frau Braggelmann, Urheberin der obigen Symptom-Darstellung und Fachfrau für Epide- und Pandämien sowie sonstige Schweinereien, über das Noro-Virus, das nicht nur erhebliches Schlafbedürfnis erklärt.

Gute Nacht.
 
Sa, 20.11.2010 |  link | (1247) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Wohnzimmercafé mit Ballsaalambiente

Ein x-beliebiger Sonntagnachmittag in diesem Garten, von dem man den Eindruck hat, die Natur hätte mit ihm eine Synthese aus den Spitzweg-Gemälden ‹Samstag-Nachmittag›, ‹Im Walde› und ‹Zigeunerlager› geschaffen. Drei, vier Münchner räkeln sich um einen runden Tisch, dessen Platte die Runzeln und Furchen seiner Besitzerin hat, und stöhnen über die Stadthitze, der sie gerade entronnen sind. Völlig geschafft vom wer-weiß-wievielten Tennismatch gesellt sich der Bankdirektor genannte Filialleiter der Sparkasse hinzu, gibt nach dem ersten Bier einen Kurzlehrgang über das Bankwesen im Kapitalismus und flicht eine Exkursion in die Ortsgeschichte ein. Er muß es wissen, war sein Vater doch SPD-Bürgermeister in der Diaspora. Dessen Nachfolger wollte in die sanft-hügelige, für den Münchner Norden typische Landschaft ein Industriegebiet Echinger Ausmaße setzen. Jetzt hat auch der einen Nachfolger, einen, der dem kaputtgesiedelten Ort nicht noch mehr Zugereisten-Architektur zumuten will.

Die einzige, die immer, bisweilen mit schwerstem Wortgeschütz, die Stellung gehalten hat, ist Madame, nunmehr fünfundsiebzigjährige Zerbera eines Arkadia inmitten des Brodems ökonomischer Ratio. Madame, das nachnamenlose Synonym für einen offenbar völlig in Vergessenheit geratenen altbayrischen Liberalismus, ein Fossil grantelnder Menschlichkeit, ist Wirtin eines heute namenlosen Cafés. Und darin ist sie Katalysator einer Verbindung aus anarchischer, klein- und großbürgerlicher, sowohl dionysischer als auch apollinischer Lebensart, eines Denkens, das im Grünen wurzelt und manchmal dunkelrote Blüten treibt. Das einzige, was sie an den ‹Grünen› auszusetzen hat, ist deren «g'schlamperter» Habitus.

Madame hat, Anfang der 60er Jahre, als (Werner) Enke sturzbetrunken den Baum als Stütze nahm, der heute als Uralteiche immer noch würdevoll die Krone in die Blütenpracht seines Nachbarn hält, niemals geglaubt, daß das ein Hauptdarsteller sein sollte. Enke wurde einer. Mehr noch: Zur Sache, Schätzchen, teilweise in diesem prä-zeitgeistigen Garten gedreht, sollte sogar die dröge (bundes-)deutsche Nachkriegslichtbildnerei vergessen machen.

Doch irgendwie war es Madame schon immer schnurz, ob die Namen ihrer schier endlosen Gästeliste irgendwann mal die Schlagzeilen okkupieren würden oder nicht. Doch wenn sie's dann taten, buk sie die Brezen vom Vortag nochmal so gerne auf. Diejenigen allerdings, die sich ob eines etwaigen Erfolgs aufführten wie einst der kontinuierlich fröhlich saufende Drehbuchautor Werner Thal, bekamen bei ihr nicht nur Bier-, Wein- und Whisky, sondern auch Hausverbot. Bei Madame hatten (und haben) sich alle gleich anständig zu benehmen. Ob die Schönen Gila (von Weitershausen), Helga (Anders), Kai (Fischer) oder Christl, Susi und Regine, ob Roger (Fritz), Peter (Schamoni), (Monaco-)Franze oder Abele, Huber oder Thomas et cetera: vor allen steht der Erzengel mit dem flammenden Mundwerk: Madame. Nur Putzi, der halbrundgefütterte Hausbastard übersteht die ‹Moral›-Predigt — für den Fall, daß er, anstatt das zarte Hundegebinde vor ihm zu begatten, sich aus Gründen der Trägheit selber hat bumsen lassen.

Ansonsten hat sich, die Chronisten bürgen dafür, seit der mit Ende der vierziger Jahre einsetzenden Regentschaft von Madame niemals jemand (tierisch) danebenbenehmen dürfen. Und das, obwohl dieses um die Jahrhundertwende gebaute Haus bis in die siebziger Jahre (und in den Garten) hinein ständig Stätte baccchanalen/dionysischen Treibens zu sein schien. Der von Madame im Postbus zwischen München und diesem (H)Ort fröhlicher Ernsthaftigkeit (oder andersrum) betriebenen Werbung «Besuchen Sie das Café Schmidt» hätte es wirklich nie bedurft. Denn auch so war durch Mundpropaganda genügend Baldrian ausgelegt. Bei Madame, das wußte jeder Eingeweihte (bei weitem nicht nur) münchnerischer Provenienz, gab's immer was zur Beruhigung ...

Heute, rund fünfzehn Jahre nach der Hoch-Zeit dieses Wohnzimmercafés, liegt der gastliche Akzent mehr auf Ruhe. Selbst die Unverzagten kommen immer später und gehen immer früher. Auch hier herrscht heterogen-harmonischer Gleichklang: Auch Madame muß immer zeitiger zu Bett, um die Kraft zu sammeln, die sie braucht, ihre Schäfchen so weit trocken zu halten, auf daß sie nicht (polizeilich) blasen müssen. Denn sie will ja, daß sie diese Sechziger-Jahre-Faschingsdekoration, von der der Bildhauer-Huber jedes Wochenende sagt, man müsse sie endlich erneuern, in Atem gehalten wird.


Münchner Stadtzeitung (wöchentliche Beilage der Süddeutschen), anno 1986
 
Sa, 30.10.2010 |  link | (1446) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Gebremste Gelüste

Mein nordisches Büro zwischen Hamburg und dem Knick zum Mare Balticum befindet sich in einem für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich lütten Dörp. Da gibt es, außer Ruhe, nichts. Selbst die Kirchenglocke wird hin und wieder auf einer zweitweltkriegerisch anmutenden Lafette herangerollt. Mir ist nicht bekannt, ob die ziemlich unter zweihundert Bewohner im Feuerwehrhäuschen auch anschließend ihren Frühschoppen halten. Sonntags bin ich abstinent.

Was in Deutschland gemeinhin als Dorf bezeichnet wird, hat im unteren Frankreich bereits städtischen Charakter. Beispielsweise Grandrieu im Lozère, gelegen etwa in der südlichen Mitte des Massif Central, mit seinen rund sechshundert Einwohnern gilt als Stadt. Man erkennt es an den im Ortskern dreistöckigen Häusern und dem zweimal wöchentlich stattfindenden Markt, auf dem man vor allem das umfassend einkaufen kann, was die Bezeichnung Lebensmittel auch zu recht trägt. Es hat, neben kleineren Herbergen, ein beachtenswertes kleines Hotel, ebenso befinden sich im Dorf oder auch Städtchen zwei, es mögen auch drei sein, Bars, wobei dieser Begriff nicht mit dem durch die schöne Fernsehlandschaft irrlichternden deutschen Lustverständnis von nikotingeschwängerter Ruchlosigkeit oder Cocktail mit Cohiba gleichzusetzen ist; eine Bar in Frankreich ist ein Ort, in dem es was zu trinken gibt, nennen wir's Café. In einem solchen, gleichwohl privat betriebenen Gemeinschaftshaus, wo auch mittägliche, drei- bis viergängige Mahlzeiten für Handwerker serviert werden, trifft sich die Welt, jedenfalls bis zum Mittagessen. Wer nach dem Pastis oder dem kleinen Roten bei seinem Kaffee sitzenbleibt, der hat entweder keine ihn bekochende Ehefrau oder ist sowieso ein schrulliger Kauz, vielleicht ein Literat oder sowas ähnliches Abgebrochenes, der zum kostenfreien Zeitunglesen in die Bar geht, wahrscheinlich auch, weil ihm hoch oben in seinem Haus auf vierzehnhundert Metern der französische Himmel auf den Kopf fällt. Katzen sind auf Dauer vielleicht dann doch nicht so befriedigende Partnerinnen. Zuhören können sie sicherlich, durchaus auch noch schmusen, jedenfalls solange ihnen danach ist, aber eben nicht kochen.

Wenn mich in meinem holsteinischen Bürodörfchen spontane Gelüste überkommen, muß ich fünf Kilometer ins nächste Dorf fahren. Na gut, der zeitungslesende Herr in der Katzen-Wohngemeinschaft und Nachbar des alten Vert hat's um einiges weiter und kann auch nicht den Bus nehmen, weil in diese Fluchtburg der Zivilisation da oben keiner hinwill, aber bei dem mir zur Verfügung stehenden wäre jedwede Spontaneität dahin, denn der fährt nur zweimal am Tag, und das auch noch immer zu festen Zeiten, vor allem morgens um sieben. Da wird die Welt noch in Dortmund sein, denn im Nachbardorf mit seinen knapp zweitausend Einwohnern verspürt niemand, wie in Grandrieu, ab halb sechs in der Früh das Bedürfnis, mir ein Baguette mit Butter oder Schinken oder beidem oder von der Maîtresse selbst zubereiteter Paté zu streichen oder zu belegen. Also muß ich die Ente satteln, die eigens für solche Lustausflüge neben dem durch unsere nordfranzösische Madame Lucette mit leicht südlichem Architekturflair versehenen und zum Holzlager degradierten ehemaligen Schweinekoben der Revolutionskate steht und mit ihren Kotflügeln geduldig vor sich hinscharrt. Aber das mit den Gelüsten ist ohnehin nicht so einfach. Gut, vor einiger Zeit ist der als Vorreiter eines Trends der Wiederbelebung kleinerer Gemeinden geltende, also geradezu avantgardistische jüngere Dorfkramer dazu übergegangen, eine Ecke seines gewiß nicht sonderlich großen Ladens freizuräumen, zwei Tischlein samt Stühlen dorthinzustellen und Kaffee zu servieren, aber erst um acht. Sollte einem dann nach direkt zu verzehrenden Spezereien sein, wird's schon wieder trister. Frisches gibt es nicht, alles wird aus der Fabrik herangekarrt, und auch der Kaffee, nun ja, der kommt zwar aus einer Espressomaschine, aber er schmeckt auch nicht anders als dieses landesübliche Filtergebräu, dessen gemahlene Bohnen deutscherweise meist beim Billigheimer gekauft und äußerst sparsam dosiert werden (gleichwohl ich mich verneige, hat der Jungkramer doch eigens für meine büroeigene Maschine italienische Bohnen und noch ein paar andere meiner Sonderwünsche ins Sortiment genommen, weshalb ich auch brav das eine oder andere dort einkaufe, quasi als förderndes Mitglied zur Wiederbelebung der Dörfer).

Es gäbe noch eine inmitten dieses Ortes gelegene Gaststätte. Offenbar zum Zweck der Erneuerung scheint sie unlängst völlig heruntergebrannt, allerdings nur im hinteren Teil, wo an Sonnabenden manchmal tatsächlich die Dorfjugend diskotiert, jedenfalls solange sie sich noch nicht im Besitz eines tiefergelegten, von der Abwrackprämie offenbar gänzlich unberührten Transportmittels befindet, mit dem es, nach der Wäsche, der Politur und dem Vorglühen, breitreifig in den zwanzig Kilometer entfernten, geradezu gigantischen Fun Parc zum Abhotten (irgendwie scheint mir das ein wenig veraltet zu klingen) brettert. In geradezu verblüffender Geschwindigkeit muß die Gebäudeversicherung ihrer Zahlpflicht nachgekommen sein, wurde dieser ansonsten nicht sonderlich frequentierte Ort dörflicher Gemeinschaft doch rascher als landesüblich wieder hochgezogen. Der Ausschank im vorderen, seltsamerweise völlig unversehrten Trakt des knapp hundert Jahre alten Hauses mit klassizistisch, also leicht städtisch anmutenden Türmchen und Erkerchen — damals wurde der Fördergelder wegen mächtig gebaut in der Gegend — ging übergangslos weiter. Aber geöffnet wird dort noch um einiges später als beim Kramer, sicher nicht vor halb elf; es ist vermutlich recht anstrengend, die immergleichen fünf heimatlosen Stammhocker zu versorgen — Argumente für eventuelle Ehescheidungen sollen mittlerweile bis in die Dörfer Schleswig-Holsteins vorgedrungen sein.

Manchmal wird dort auch gegessen, vermutlich wenn in der nahegelegenen Kirche die selbstverständlich protestantische Hoche Zeit ausgerufen wurde oder ein Jubiläum ansteht, mit Buttercrèmetorte, wie in den Fünfzigern, als geheiratet wurde. So schmeckt es auch. Der gemeine Holsteiner liebt seine Tradition. Zweihundert Meter weiter entfernt hat ein Mann, etwa im Alter des Dorfkramers, vor einigen Jahren zu experimentieren begonnen. Nachdem er in langer Vorbereitungszeit sein vorsichtig schlichtes, eben nicht ganz so traditionsbewußt gestaltetes Restaurant eingerichtet und sich einen ehrgeizigen Koch eingekauft hatte, der sich getraute, ausschließlich regionale Frische zu servieren, hat die Küche mittlerweile nur noch an vier Tagen geöffnet. Auch Frisches gibt es nur noch, wenn der Chef des Gasthauses, der in seinem vormaligen Berufsleben löchrige Auspüffe und unwillige Bremsen über die Grenzen technischer Überwachung schmuggelte, mal wieder eine Wildsau erlegt hat, nicht unbedingt mit seinem japanischen Rennpanzer, hat er doch darüber hinaus noch einen weiteren Jagdschein. Ansonsten harrt die Schmalkost in der Tiefkühltruhe der Motorradfahrer aus Hamburg oder Lübeck, die sich von ihrer Kurvenlegerei erholen müssen, derentwegen die umliegenden Rundkurse angefahren werden. Es spielt ja weiter keine Rolle, von was einem schlecht wird. Ich jedenfalls halte mich von den Straßen fern, wenn jetzt der motorisierte Zweiradfrühling ausbricht. Und in dieses Restaurant gehe ich auch nicht mehr, nicht einmal mehr an Wochenenden. Der Experimentator wider diese Cuisine campagnarde hat nämlich längst das Weite gesucht und kocht wieder, wie früher schon, in lustvoller hanseatischer Umgebung gegen das schlichte Küchenwesen des ehemaligen Zonenrandgebietes an. Und wer weiß, wie lange der einst so optmistisch gestimmte Restaurator noch durchhält. Denn seit geraumer Zeit bildet sich eine weitere ostholsteinische Tradition heraus: das Schließen von Wirtshäusern. Allzu oft steht die Ente, wenn sie meint, ihren Reiter endlich gelabt zu sehen, mal wieder vor verschlossener Tür. Da darf man sich nicht wundern, daß diese Gesellschaft sich selbst niederringt. Vive la France !
 
Do, 25.03.2010 |  link | (4425) | 16 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Das Pferd. Dein Freund.

Bairischer geht's nimmer. Photographiert vom Augschburger unter CC


Ich hatte auch mal ein Pferdemädchen. Und das hieß (heißt?) Ursula. Nein, wie Urs sah es nicht aus. Es war wunderschön schlank und rank damals und glänzend brunette. Wie die schönen Pferde auf der Weide oder auch ihr halbes im Stall, die andere Hälfte gehörte zu einem etwas propereren und auch noch pferdeblonden Pferdemädchen aus dem Dorf, in dem sich der Stall befand, in dem sein Papa, einem städtischen Zahnarzt, ein Haus hatte, in dessen Stall kein Platz war für ein Pferd, da darin ein edles, very britisches Automobil wohnte, das heutzutage als Sehr Unangenehmes Vehikel bezeichnet würde, aber sowas kannte man damals noch nicht. Mindestens einmal in der Woche, meistens freitags, wenn mein Pferdemädchen frei war fürs Wochenende und damit für mich, fuhren wir immerfort händchenhaltend zu diesem Stall, um das halbe Pferd zu besuchen, ein ganz sanftes Wesen und fast so schön wie Ursula, nur die großen rehkitzbraunen Augen, also das ihr gehörende eine Auge, also so irgendwie, glaube man, es sei irgendwas sehr tiefsüdlich Mysteriöses, dann wird's schon stimmen, die waren noch schöner als die beiden von Ursula, die waren nämlich weißblau, wie bairisch geflaggt, obwohl sie gar nicht aus Bayern kam, sondern aus dem alten Schwaben. Ich fuhr gerne mit, obwohl ich eigentlich rechte Angst vor Pferden habe, wahrscheinlich, weil meine Mutter, ich befand mich etwa im Kleinfohlenalter, mich mal rittlings auf eine Kuh gesetzt hatte, die dann mit mir losritt, weshalb wohl ich mich auch Kühen gegenüber bis heute recht distanziert nähere, und Pferdewurst und -fleisch lieber mochte, die man beispielsweise am Fäkalienmarkt bekam, weshalb ich dorthin eigentlich auch lieber fuhr mit dem Wagen, weißblau, dem von der Linie acht, als zu dem zwar geteilten, aber eben insgesamt dann doch noch ganzen Pferd.

Das liebe Pferd teilte seine Freundschaft nicht nur mit Ursula und dem anderen, stabileren Pferdemädchen, sondern mit noch einem Freund. Der war überall noch etwas breiter als das von einer oberbayerischen Brauerei nahe der Wieskirch abstammende Pferd hinten. Er kam mehrmals täglich, um seinem Freund Futter zu bringen und dessen jeweils sofortige Verwertung wegzuräumen, die das ohnehin gut genährte Pferd in der Folge vermutlich überausreichend gesunder natürlicher Nahrung und obwohl es dort etwas schmaler war als sein Freund in schier unglaublichen Mengen als Düngemittel für die Freunde der Tomaten, die ich fast so gerne mag wie Pferdefleisch und -wurst, unter hocherhobenem Schwanz als Äpfel hinausschmetterte, etwa so wie der andere Bayer, der Mitte der sechziger Jahre mittels eines anderen einheimischen Gewächses sich der vielen Düsenjäger zu erwehren versuchte, die dann aber immer irgendwoanders abstürzten als über der lieblichen Stadt vor den Alpen, die dem sportlichen und auch zivilen Absturzflugverkehr vorbehalten zu sein schien, wo er mit seinem antiken Schießgerät so schnell feuerte, wie seine Gattin die Munition geknödelt kriegte. Allzu oft wurde das Pferd von seinen Mädchen nicht ge- oder beritten, so genau kenne ich mich in diesem Metier nicht aus, weil es da nämlich neben dem Stall eine Stube gab, in der zwar keine leckere Pferdewurst, dafür aber Wurstsalat vom Schwein und Weiß- und anderes Bier offeriert wurde. Das mochten alle sehr gerne oder auch lieber, obwohl sie noch nie Salat von der Pferdewurst gekostet hatten, aber darauf kam es wohl auch nicht so sehr an, sicherlich mehr auf das, was heutzutage etwa Community genannt wird und bei dem es zum Wochenende hin immer durchaus lustig zuzugehen pflegt. Und da es damals auch noch keine Bundespolizei gab und folglich nicht hinter jeder Milchkanne lauernd folgenreiche Wegelagerei betreiben konnte, gab's über den Abend hin auch schonmal mehr als zwei Halbe auf das ganze Pferd, das ja von seinem Freund gut versorgt wurde und deshalb ein glückliches war. Das wußte auch sein Freund, weshalb der sich, es war schließlich Wochenende, auch hin und wieder mal mehr als zwei Halbe, so in Richtung auf ein ganzes Tragerl, zukommen ließ, obwohl er das eigentlich nicht sollte, weil das Pferd nicht nur ein feines war, sondern auch noch eine ebensolche Nase hatte.

Mitten hinein in die fröhliche Abendgemeinschaft kam jemand leichenblaß vom Plumpsklo zurück, zu dem man am Stall vorbeimußte, und stammelte Unverständliches, dabei heftig herumfuchtelnd. Die komplette Besatzung des Stüberls folgte ihm, nichts genaues nicht wissend, wie man in Bayern nunmal doppelt verneint, aber auf jeden Fall erstmal sehr aufgeregt. Und da lag er nun, der Freund des Pferdes, das in seinem Unmut über den Biergeruch, den es gar nicht mochte, ganze Arbeit geleistet hatte, so wie der bayrische Sieger über die feindlichen Luftwaffen. Ein kurzer Tritt nach hinten hatte ausgereicht. Beim Boxen oder anderen Kampfsportarten spricht man, glaube ich, vom Solarplexus, den es zielgenauer getroffen hatte als der andere die ganzen Flugzeuge. Am nächsten Freitag sind wir wieder zum Stall hin gefahren, mein Pferdemädchen und ich. Nach dem Kirchhof war'n wir wieder im Stüberl und haben auf d'Leich angestoßen.


Verzeihen Sie, werte Dame Damenwahl, daß ich das nach hier rübergehoben habe, das ureigentlich für Ihr Maxilein sowie Ihre Pferdefreunde bestimmt war. Aber ich wollte Ihnen mit einer solch schauerlich langen Geschichte nicht Ihr schönes Poesiealbum zuklecksen.

Nun ist erstmal Päuschen. Ich muß Hilfe leisten beim Umzug in der jungen Frau Töchterleins neue große (Wohn-)Welt (und auch in die der Wissenschaft), dies erfordert meine köchelnde Kreativität. Die arbeitenden Brüder samt Mutter und sonstige Helfer können sehr, sehr hungrig sein (um einen nicht ganz so freundlichen Begriff zu umschiffen). Höchstleistung! Zu irgendwas muß ich ja auch noch zu gebrauchen sein.

Mein altes Haustierchen muß auch noch zum Onkel Doktor! Renter befinden sich immerzu im Streß.

 
Do, 11.02.2010 |  link | (3935) | 10 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Es flattert ...

Immer dasselbe. Das Jahr buntet sich ein. Sogar Kurz-vor-hinter-Sibirien kann nicht an sich halten und betüpfelt sich. Seit Jahrzehnten frage ich mich immer wieder, wo dieses Zeugs eigentlich herkommt. Ich habe es nicht gepflanzt. Denn man kann es nicht essen. Mein kleines Glück beginnt erst, wenn ich vor die Tür treten und mich ins Erdbeerbeet legen kann. Aber die anderen sind ja auch vollgestopft mit diesen unter spanischem Plastik emporgekommenen und genauso schmeckenden Früchten. Aus demselben Material ist auch die chinesische Windmühle, originalgetreu einer aus der Tulpen Land nachempfunden, die die Nachbarin auch schon wieder aus dem Schuppen gezerrt und ins Sichtfeld meiner noch tief schlafenden Kräuterwirrnis gestellt hat. Das ist ein untrügliches Zeichen, daß es wieder losgegangen ist mit dem frühjährlichen Polieren des grün gestrichenen Betons, über den in Bälde wieder alltäglich zweimal der Rennmähtrecker rasen wird. Bereits als ich vergangenes Wochenende zu meiner gesellschaftlichen Pflicht getrieben wurde, zu einem Geburtstag einen Strauß Buntes zu erstehen, riß man sie sich unter wüsten Empfehlungen gegenseitig aus den sich bedrohend fuchtelnden Fäusten, die in Asien und Lateinamerika von flinken und kostengünstigen Jungfrauenhänden geschnürten Vorboten dessen, was man hierzulande wohl das blaue Band der Sympathie nennt oder so ähnlich. Irgendwas Rudimentäres mit Ertrag assoziiert da in mir herum. Auch im Internet blüht es bunt auf, begleitet von juchzender Poesie. Schon schleicht sich wieder der linde Refrain vom Willen zum Grillen (auch unter acht Grad) an die noch bierzuölenden jungmännischen Stimmbändlein. Sogar auf den gräulich-bräunlich vor sich hindösenden und schlierigen Straßen legt sich die neue Jahreszeit bereits mächtig in die Kurven. Die Fahrkünste der Präpubertären auf ihren Reisbrennern beginnen einen schon wieder in die Gräben zu drängen, weil's mit der Bahnberechnung noch nicht so hinhaut. Und auch die anderen Schnellsten beharren wieder auf ihrem Recht, ihre vielen, für teures Geld erstandendenen Markenfarben zu dritt nebeneinander auf der Schnellverbindung von A nach B zu lenken. Den eigens für sie angelegten, gut breiten Weg zu benutzen, wäre unsportlich, der ist für die Rentnerpulks, auch wenn die erst im übernächsten Monat kommen, sie aber müssen trainieren, Frankreich ruft, man muß fit sein für die Zeit der Tour rund um la publicité à la télévision. Oder die ganz Aktiven müssen selber an. Ich erinnere mich:

Triadischer Volks-Sport
Einen Teil der Plagen wollten die Büddenwarderin und ich abladen. Die eine hatte die Nase in die Prüfungsvorbereitungskladde* zu stecken und meinte deshalb, das könne sie besser in ihrer randstädtischen Studentenbude. Der andere hatte heute morgen wieder anzutreten bei der vaterländischen Pflichterfüllung an der Förde. Aber zuvor wollte man noch gemeinsam meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Wasser und die darauf liegenden oder fahrenden Schiffchen gucken. Auch war am Bahnhof noch eine Fahrkarte zu kaufen, da ich mal wieder in die hibbelige Bundesmetropole mußte und die bürgerbefördernde Aktiengesellschaft alle kleinstädtischen Bahnschalter geschlossen hatte beziehungsweise Verhaftung drohte, sollte man im Zug ohne Beförderungsausweis angetroffen werden. Also wurde die kleine Michelinbereifte Richtung Hafen gesteuert. Kurz davor trat mitten auf der Straße entgegen eine derart uniformierte Dame, daß man meinen konnte, man befände sich in einem alten Fernsehkrimi, in dem die Münchner Schwarzen Sheriffs eine Rolle spielten. Doch die junge Frau schnüffelte weder nach Stoffen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, noch wollte sie Staatsangehörigkeitsnachweise oder Daseinsberechtigungsdokumente sehen, sondern fragte höflich: «Kann ich Ihnen helfen?» Wie bei der Telekom, Abteilung Service. Denn eigentlich wollte sie (wie bei allen Telephongesellschaften ) nicht wirklich helfen, sondern in diesem Fall mitteilen, daß es verboten sei: durchzufahren.

Nun gut, man stellte den Kleinen an die Seite, es seien ja nur ein paar Meter, meinten die Kleinen. Doch als ich Fußlahmer die paar hundert Meter schließlich geschafft hatte, waren da nirgendwo Schiffchen zu sehen. Die hatte man wohl in Sicherheit gebracht vor diesen rennenden und radelnden und hechelnden und schnaufenden Menschenmassen und deren Zugucker am Rand des Hafenbeckens. Es war kein Durchkommen, auch nicht zum Café, wo man in Ruhe Kaffeetrinken wollte. Von rechts und von links kamen sie angerennradelt, schüttelten einen zu mit dem an ihnen haftenden Wasser, das sie vom Wettkraulen mitgebracht hatten. Irgendein grünschwarzer Jungdynamischer brüllte in ein von Lautsprechertürmen unterstütztes Mikrophon: Herzlich willkommen in Kiel beim Volks-Triathlon! (Wer nicht dafür ist oder älter als fünfunddreißig, ist dagegen und hat draußen zu bleiben. Wir sind ein Volk!)

Also sich wieder zurückkämpfen durch die vermutlich auch ohne Zusatzstoffe sportbeseelte und -beglückte Menge und vorbei an orangebejackten Volkssporthelfern im Ereifererton: «Mach, daß du von der Fahrbahn runterkommst!» Das allerdings hätte für mein krankes Fußgestell in etwa einen Umweg vom Umfang eines Drittels einer solchen Triade bedeutet. Also den weitaus gefährlicheren, aber weniger schmerzbereitenden Rückweg genommen, zurück zur Sänfte. Wenigstens zum Bahnhof fahren und nicht gehen müssen, die ebenfalls leidende Bahn AG unterstützen. Vorsichtshalber eine sogenannte großräumige Umfahrung nehmen.

Dennoch: keine Ankunft am Kieler Hauptbahnhof. Alles abgesperrt. Also auch keine streiksolidarische Fahrkarte.

Wenigstens den Junggeneral in seiner Fördenkaserne abliefern. Doch selbst dabei wußte der nächste Schwarze Sheriff keinen rechten Rat. «Jetzt fahren Sie mal erst rechts und dann wieder rechts, dann immer geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht — und dann fragen Sie am besten nochmal.» Nach einer Stunde Fahrzeit durch die sonntäglich menschenleere Landeshauptstadt wurde schließlich die die Republik bewachende, zur Seeseite hin gelegene militärische Schlafstation gefunden. Dann rasch noch die Prüfungsgestreßte an ihrer Studentenbude abgegeben — und nichts wie weg.

Darüber wird dann gegrübelt auf der Rückfahrt: Ob es künftig nur noch denen gestattet sein wird, die Zentren der Städte zu besuchen, die Shopping und Hopping neudeutsch buchstabieren können. Einen ganz und gar unsportlich dicken Hals kann man kriegen bei dem Gedanken daran.

Und alles andere als Frühlingsgefühle.

* Mittlerweile erledigt. Diplom, unter anderem dieses hieroglyphischen Inhalts: Die PfACD- α-Ue des Wildtyps war in der Lage, die Arsenolysereaktion ohne die β-Untereinheit zu katalysieren. Sie zeigte ein Vmax von 2,5 U/mg. Der Km-Wert wurde für Acetyl-CoA mit 7,56 µM bestimmt. Und so weiter.
 
Fr, 20.03.2009 |  link | (2275) | 17 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Diogenes

durchwandert die alternden Bits und Bytes meines Zentralrechners da oben, kommt mit einem Mal aus den Verstecken der Langzeitspeicher. Vermutlich seit ich gestern diese nur leicht misanthropische oder lediglich andersperspektivische Bebilderung des Daseins gesehen habe, muß ich ständig an ihn denken. Viel wird ihm ja nachgesagt, ganze Anekdotenansammlungen und -illustrationen haben sich ergeben während der immerzu fortschreitenden Zeitläufte. Die Laterne ist im Lauf der Jahrhunderte zum Symbol geworden für diesen Kulturverweigerer; heute würde man ihn vermutlich Hartzvierler nennen oder, etwas euphemistischer, Aussteiger. Mit ihr soll er alle Ecken der Athener Agora ausgeleuchtet haben und auf die Frage, was er denn suche, geantwortet haben: Menschen. Ich suche Menschen. Vielleicht hatte er einfach Hunger.

Frau Merkel und Herr Steinbrück hätten vermutlich nicht unbedingt zu der Gattung gehört, derentwegen er die Marktplätze zu erhellen trachtete. Mit Armenspeisung läßt sich keine Wirtschaft beleben. Der Betreiber muß schließlich Geld verdienen. Ohne ordentliche Zecher und Schlemmer geht da nichts. Und schließlich hat alles mal ein Ende, auch die Antike. Die zu ihrer Zeit vornehmste aller Tugenden, die Gastfreundschaft, mit der jedem Fremden Tor, Tür und Topf offenstand, solchen präromantischen Kram kann man sich schon lange nicht mehr leisten, schon gar nicht nach den Einstürzen der staatsfinanzierenden Altbauten. Es gibt ja auch keine Götter mehr, die gezürnt hätten. Na gut, den Götzen Mammon vielleicht noch, der könnte zürnen ob der Furcht, man könnte ihm auch noch die paar verbliebenen Villen in der Toskana wegnehmen wollen, nur weil die anderen da nichts Anständiges gelernt haben.

Überhaupt scheint, ausgenommen die städtischen Festivitätsmarktplätze, überall die Bescheidenheit Einzug gehalten zu haben. Mir fiel im Osten Hamburgs auf, wie wenig, im Vergleich zum vergangenen Jahr, Buntes an den Häusern und in den Fenstern hängt. Geradewegs könnte man annehmen, dieser Diogenes schleiche überall herum und suche mit seiner Funzel nach Menschen. Nachgerade finster ist's geworden in den Dörfern des Herzogtums Lauenburg und denen des Nachbarkreises Stormarn. Alles ist zu einer Schlichtheit zurückgekehrt, die mich an seltsame Wunder glauben läßt. An einer Besinnung aufs Urprotestantische kann's kaum liegen, ist die Gegend doch ohnehin anders nicht zu charakterisieren. Hat das Christkind obsiegt? Sind am Ende gar die letzten versprengten Kreuzritter aus Nahost zurückgekehrt und haben mit den restlichen Kräften alles rekatholisiert? Nirgendwo ist mehr einer dieser knallroten Limonadenweihnachtsmänner zu sehen.

Aber vielleicht liegt's ja einfach am höheren Stromverbrauch durch bunte Lichtlein? Hoffentlich verarmen jetzt nicht auch noch unsere Energieversorger. Dunkel genug ist's ja bereits jetzt schon.

Ach, ich weiß so wenig.

Vielleicht sollte ich einfach mal was essen.
 
Mo, 22.12.2008 |  link | (1990) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 





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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4213 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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