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Bild-Abfall Ich habe früher sehr gerne photographiert. Zwanzig, dreißig, vielleicht gar vierzig Jahre lang. Bis mir eines Tages diese herumumirrenden Menschen, diese (vom Autor leider gelöschten) tout tristes mit ihren Spannoskopen vor den Bäuchen oder den ständig verdeckten und damit eingeschränkt sehfähigen Augen derartig auf die Nerven gingen, daß ich meinte, es unterlassen zu müssen, zumal man ja den idealen Bildspeicher in sich trägt: das, was man gemeinhin Gehirn nennt. Es war einfach zu erschreckend, mir diese fliegenartigen Re-Aktionen ansehen zu müssen: Sobald sie das «entdeckten», was ein paar Meter weiter am Kiosk, im Milch- oder Zeitungsladen oder im Café zu hunderten in den Verkaufsständern angeboten wurde, rissen sie ihre ungemein teuren, bisweilen kleinwagenteuren Kameras hoch, um das zu tun, was die Skiläufer mit ihren eigentlich für Rennläufer gedachten Brettern tun: im Stemmbogen den Idiotenhügel hinunterrutschen. Und zwar immer und immer wieder denselben. Millionen Fliegen können nicht irren. Sie knipsten und knipsen alles, worauf sich die Art-Genossen bereits gestürzt hatten: das Hamburger oder Münchner Rathaus, die Gaudí-Architektur in Barcelona, das große Loch in New York, die Hafentürme in La Rochelle, das Château auf If, die Calanques, jede einzelne, bis nach Cassis und wieder zurück, die Brücken in Venedig, die daraufhin noch mehr seufzten. Sie photographierten und photographieren, wie sie sich vorwärts, besser: rückwärts beweg(t)en, immer schön auf dem Trampelpfad bleiben, den ihnen die Touristenbüros oder Kunst- und Kulturagenturen in ihren aufwendig nichtssagenden Prospekten beziehungsweise Internetzen getreten hatten. Bloß keinen Jota abweichen. Nichts sehen (und photographieren), das abweicht von einer Norm, die ausnahmsweise mal nicht bürokratisch verordnet wurde. Eine vergammelte Blume, ein zertretener Zweig hat nicht «schön» zu sein. Ein überquellender Mülleimer, der Dreck, auf dem sie stehen, ist Angelegenheit des Müllabfuhr-Beauftragten. Es ist wie im skandinavischen bis romanischen, im westfranzösischen bis ostrussischen Fernsehen: immer nur die vielen «schönen» Menschen, die endlos weiten, garantiert unberührten Landschaften. Schiefe Dächer oder verfallene Häuser oder kaputte Menschen nur dann, wenn sie unter ‹apart› zu rubrizieren sind. Milan Kundera fällt mir dazu ein: «Hinter allen europäischen Glaubensrichtungen, den religiösen wie den politischen, steht das erste Kapitel der Genesis, aus dem hervorgeht, daß die Welt so erschaffen wurde, wie sie sein sollte, daß das Sein gut und es daher richtig sei, daß der Mensch sich mehre. Nennen wir diesen grundlegenden Glauben das kategorische Einverständnis mit dem Sein. Wurde noch vor kurzer Zeit das Wort Scheiße in Büchern durch Pünktchen ersetzt, so geschah das nicht aus moralischen Gründen. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Scheiße sei unmoralisch! Die Mißbilligung der Scheiße ist metaphysischer Natur. Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden.Ob der wohl ein Problem hat? Ja, ich habe eines. Als ich vor ein paar Jahren die städtische Großwohnung aufgab beziehungsweise im Wissen eines in der Folge um zwei Drittel reduzierten und dann auch noch geographisch konträr verteilten (Wohn-)Raumes, gingen hunderte von Photographien, allesamt erstellt bis zur Abbildungs-Abstinenz und in Vergessenheit geraten, samt Negativen in den Müll. Ich benötigte sie nicht mehr, es befand sich ja alles auf der organischen Festplatte. Doch nun weiß ich: Man soll nie etwas wegwerfen, auch kein mißratenes Bild! Selbst mit einer krummen Photographie ließe sich eventuell noch eine gerade, weil erläuternde Seite bauen. Die Stunden sind nicht mehr zu addieren, die ich mittlerweile damit verbracht habe, in diesem weltweiten, geradezu gigantischen Bildangebot etwas zu finden, das in etwa geeignet wäre, bestimmte Themen anschaulich(er) zu machen, Texte, meinetwegen, zu illustrieren. Alleine drei Tage habe ich beispielsweise benötigt, um die Zersiedelung der Dörfer dargestellt zu finden. Kaum etwas war zu finden. Die Tristesse der Kleinstädte allüberall, produziert in den Amtsstuben, wo wird sie gezeigt? Nirgendwo die (nicht nur gewerblichen) Dreckgürtel, die nahezu jede französische historische Stadt umgeben. Immer nur das Edle und Erhabene. Es ist sinnlos. Es gibt allenfalls mal Schräges oder Schrilles, auch durchaus Komisches, vor allem aber all das, was in die Lade subjektiver Schönheit (diese Tautologie muß hier sein) paßt — von dem die photographierende Menschheit meint, es müsse unbedingt abgelichtet werden. Tausend-, ja millionenfach das Immergleiche. Ohne jeden Zweifel sind Photographien darunter, die zum Wettbewerbssieger geeignet sind. Aber nahezu alle sterben in Schönheit. Sie sind «ästhetisch hochwertig». Doch es ist eine Ästhetik, die so sinnentleert ist wie das Ornament, das als Bedeutungsträger seit ewigen Zeiten seine Funktion verloren hat (und nach dem sich die Menschheit dennoch zu sehnen scheint, indem es sich über den Hintern oder auf die zarte Schulter nadeln läßt). Formalästhetik! Nur noch Form. Neoneoneo-Klassizismus: innen hohl. Inhalte werden nicht ernsthaft «in Betracht» gezogen. Ich photographie also wieder, wenn auch nur manchmal. Wenn ich nachhause in den Süden reise, mag ich mich mit der doch recht voluminösen Digital-Apparatur nicht belasten, die ich mir dann doch irgendwann (gebraucht) gekauft habe, über ein Bildchen produzierendes Telephon will ich nicht verfügen, und meine Minox-Filme entwickelt mir niemand mehr, es sei denn zum Preis einer neuen Kamera. Photographieren, um langwierige Genehmigungsprozeduren zu umgehen, nicht Gefahr zu laufen, mich mit unterbeschäftigten oder von unangenehmen Energien angetriebenen Juristen auseinandersetzen zu müssen (eben weil ich kreative Leistung zu schätzen weiß und deshalb das Urheberrecht achte; ich bin schon bemüht, ausschließlich freigegebene Bilder zu verlinken). Kaum jemand hilft mir dabei, nach Möglichkeit auch das abzulichten, das andere nicht festhalten — oder aber es nicht sehen (wollen) oder für nicht veröffentlichungswürdig halten, weil es «häßlich» ist. Der neue Mensch fordert seinen Tribut: ästhetische, plastische Chirurgie — Schönheit. * Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, aus dem Tschechischen übersetzt von Susanna Roth, München 1984, p 237; französisch: L’insoutenable légerté de l’être, Paris 1984
Angekommen Paul zeigt mit der linken Hand nach vorne und beschreibt eine Biegung nach rechts. Aha. Ein Stückchen hinauf ins Städtchen und dann von oben draufschauen. Aber Fischfilmer Paul, weil er mit Fischen handelt, um damit seine Filmdokumentationen zu finanzieren, unser Vermieter, besser Verkäufer Paul wohnt direkt nebenan. Auch er bevorzugt den Blick nach Afrika. Und wenn wir nach unten gingen, konnten wir direkt hinein in unsere Quelle des Volksgesangs. Es ist jedesmal so, wenn ich hier durchgehe. Sofort fällt mir der Film ein. Aber über Marius et Jeannette habe ich dieses Städtchen ja auch kennengelernt. Quatsch. Kennengelernt habe ich es durch diese freundliche Dame aus dem Office de Tourisme de Marseille, die mir geradezu emphatisch alles mögliche Material über l'Estaque zukommen ließ, nachdem ich auch nur einmal danach gefragt hatte. Ständig war anschließend was im Telefaxgerät oder im eMail-Postfach. Als ob ein Weibchen das Nest bauen würde, um das Männchen zu locken. Aber irgendwie war's ja letztendlich auch so. Das soll's ja geben in der Fauna. Nun geht diese freundliche Dame doch tatsächlich mit mir ein Bett anschauen, das nicht nur zum Anschauen da stehen soll. Unsinn. Es ist ja bereits der zweite Anlauf. Denn der Vertrag war ja unterschriftsreif. Wäre es dazu gekommen, hätten wir genau diesen Weg genommen. Aber wer weiß, wozu es gut war. Es beschleicht mich — eine andere, seltsame Vernunft läßt es zu — ohnehin das Gefühl, daß das irgendwer irgendwie arrangiert hat. Es mußte wohl sein, daß ich zuvor einen auf den Kopf, in diesem Fall wohl in den Kopf bekommen mußte. Denn ob ich das vor drei, vier Jahren gepackt hätte? Offenbar eindeutig nicht. Sonst wäre ich ja wohl kaum davongelaufen. Und nun kommt mir alles so vertraut vor, als ob ich seit ewigen Zeit hier leben würde. Sicher, ich bin häufig derart voller Sehnsucht hier herumgeschlichen — die Amnesie gibt nach und nach etwas frei von den Ereignissen. Im besonderen die letzten zwei Jahre, in denen ich mich ohne Erinnerung magisch angezogen fühlte von diesem ehemaligen Fischerdorf, ich ständig versucht war, hier rauszuziehen. Irgendwie hatte meine persönliche Empfangsdame mich seinerzeit vor allem mit den Künstlern zu locken versucht, die hier ansässig waren: Braque, Cézanne, Dufy. Um nur die bekannteren zu nennen, gab man sich hier doch den Pinsel in die Hand. Sie meinte wohl, wer mit Kunst beschäftigt sei, den müsse das interessieren. Doch jemanden, der wie ich jeden halben Tag zum Bilderbetrachten verurteilt ist, wird man mit den trivialen Postkartenperspektiven und der touristischen Lyrik der Fremdenverkehrsämter wohl kaum enthusiasmieren können. Von mir aus sollen sie der Künstler und der Ab- oder Nachbildungen wegen ins Städtchen rennen. Mich interessiert allenfalls das, was all die Maler bewogen haben könnte, hier anzusiedeln. Robert Guédiguian ist das mit seinem Film vermutlich gelungen, weil er den Menschen focussierte, den diese Umgebung, diese Luft, dieses Licht, überhaupt dieses Leben nicht zur Art werden ließ. Der Maler Niele Toroni fällt mir dabei ebenfalls ein. Er hat der anderen Pariser Freundin mal einen denkwürdigen Satz in ihr Interview-Büchlein gesagt. Nicht der Betrachter mache das Kunstwerk. Denn zum Glück machten nicht die Trinker den Wein, sondern die Weinbauern mit täglicher Arbeit und jahrhundertealtem Wissen. Wenn das anders wäre, hätten wir sehr bald nichts mehr zu trinken. Sehr weise! Und Guédiguian hat dieses Alltägliche im Leben gezeigt. Das ach! so scheinbar Einfache — in seiner ganzen Komplexität. Das bißchen Liebe. Aber wie sie ein Leben eben zu verändern vermag. Und das alles in dieser zauberhaften Umgebung. In diesem Mikrokosmos eines wirklich poetischen, von mir aus poetisch verklärten oder auch verklärenden Alltags. Die reine Reinheit. Durchaus auch ein bißchen wie bei Amélie Poulain. In deren Augen — in ihrer faszinierenden Schönheit der an meiner Seite arg heftig verwandt — zu schauen hatte ich vergangenes Jahr in Sarlat, in einem Dordogne-Kleinstadtkino das Vergnügen. Verstanden hatte ich ja wieder mal nur die Hälfte; was müssen die aber auch immer so schnell reden. Doch diese kohlrabenbraunen Boules — pardon, Madame, braun, nicht schwarz! — haben dieses Märchen von der Nähe zum Menschen mir fast im Alleingang erzählt. Der von Libération hat dabei genau so viel begriffen wie ich zu den Zeiten, als meine Gedanken noch festgemauert in der Erden der garantiert phantasiefreien Ideologie schliefen. Es sei mal wieder ein Klischeebild, das von den Franzosen geliefert würde, meinte er unter anderem. Einfaltspinsel. Manchmal täte auch anderen ein neurologischer Defekt ganz gut. Ich muß heute noch heulen vor Glück oder vor Sehnsucht, wenn ich an die Bilder denke, in denen Jean-Pierre Jeunet und sein Drehbuchautor Guillaume Laurant dieses Zauberwesen Audrey Tautou durch das Paris des zehnten und achtzehnten Arrondissements haben hüpfen lassen. Und zu lachen gab's auch nicht eben wenig. Geschmunzelt habe ich fortwährend. Wenigstens der deutsche Spiegel-Autor schien aus den Polit-Kitsch-Windeln herausgewachsen zu sein. Er hatte das begriffen: «Ein gigantischer Glückskeks — süß und süchtig machend.» L'art pour l'art! Im besten Sinne. Kunst kommt von Kunst und ist nur für sie bestimmt. Ohne Botschaft. Das war schon wie ein prächtiger Landwein aus dem Süden. Nein. Das war Chabert de Barbera von 1983, vin doux naturel du Maury, «süß und süchtig machend» eben! Getrunken im abendlichen Vierzig-Grad-Sommer im Marché du vin am Cours Palmarole in Pérpignan. Aber mit Naziza und ihrem Süßen, ihrem Papa. Audrey Tautou auch mit dabei. Gerne. Und meine der politischen Reflexionsunfähigkeit nicht gerade verdächtigen Freunde aus dem Périgord, die den Film zum zweiten oder gar dritten Mal gesehen haben. Gemeinsam mit mir. Und, natürlich, Marius und Jeannette sind auch mit dabei und Robert Guédiguian und seine zauberhafte Jeannette Ariane Ascaride. Noch eine meiner (vielen) heimlichen Lieben. Er hat sie wohl deshalb vor vielen Jahren vorsichtshalber geheiratet. Unsere neuen Nachbarn. Wir trinken alle diesen süßen Wein. Nicht den — nochmal Toroni — dieser Franzosen, die sämtliche Bücher über den Wein gelesen haben, aber wenn sie drei Gläser trinken, haben sie Magenschmerzen. Eintauchen. Einfach nur tun. Nicht immer erstmal denken und dann tun. Die Gedanken kommen von alleine. Diese Erfahrung habe ich ja nun ein paar Jahrzehntchen inhaliert. Es reicht. Jetzt mag ich lieber Wein machen. Na ja. Zumindest dabei zuschauen. Und dabei an die Genüsse denken, die er verursacht. Das sind erträgliche Gedanken. Obwohl? Die Gattin hat ja was von einem kleinen Weingarten erzählt. Vielleicht kann ich ja tatsächlich ein bißchen machen. Meine Lust, ein wenig in der Scholle herumzuwühlen, ist ja seit der Stunde Null, seit meiner Neu- oder überhaupt Geburt enorm gewachsen. Früher hätte mich nichts und niemand dazu gebracht, eine Erdkrume auch nur anzuschauen, geschweige denn anzufassen; sogar vor Würmern schrecke ich nicht mehr zurück. Heute begrüße ich am Morgen meine — selbstgezogenen! — Pflanzen. Das werde ich hier in besonderem Maße fortsetzen! Und vielleicht würde der Mann, der diesen kleinen Weinberg gekauft hat und der zugleich mein Schwiegervater zu sein scheint, nach einer Rückholaktion aus dem unfreiwilligen Perpignan ja mit mir dorthin gehen und mir ein bißchen was darüber erzählen. Ich würde mich sogar etwas bücken. Obwohl das nicht unbedingt meine Stärke ist. Eine ganze Generation zivilisationsmüder akademischer Besserverdiender träumt vom Weinbau. Und ich werde es möglicherweise gar tun? Aber keine Bücher lesen und Magenschmerzen kriegen. Dann muß ich den Wein eben alleine trinken; das tun die stillen Winzer ohnehin. Ich lese ja auch keine Computerbücher. Von ihnen bekommt man Kopfschmerzen, und sie halten einen vom Tun ab. Tun? So lange ist es noch nicht her, daß ich vom Nichtstun schwärmte. Ich sehe, wie meine Beschützerin neben mir hergeht, den Kopf etwas gekünstelt leicht nach vorne in Richtung des meinen schiebt und ein wenig grinst. Wie vor vier Jahren. Ich bin angekommen. Es sei nicht verschwiegen: Das da oben entstammt größtenteils einem Manuskript für ein schrecklich dickes Buch und ist hierfür nachbearbeitet. Verschwiegen sei ebenso nicht, daß die geradezu ungeheuerlich romantische — la vie est un roman —Schilderung zweier Tage des Rückblicks (mit diesem Anfang), obwohl fast fertig gesetzt, zurückgezogen wurde, da die sentimentale Reise deux jours dann doch eine andere Richtung nahm; es gibt Menschen, die sowas Realität nennen. Verschwiegen sei die Richtung dieser anderen Wirklichkeit — die allerdings manchmal abstrusere Phantasien entwickelt, als der Créateur des Traums dazu in der Lage wäre. Keine der hier verlinkten Abbildungen steht in einem unmittelbaren Bezug zur Geschichte, zumindest nicht der hier erzählten; und wenn doch, dann wäre es Zufall. Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung
Ankunft l'Estaque Ich steige aus aus dem Entenfluggerät. Direkt vor der Tür haben wir einen Parkplatz gefunden. Na gut, die Uhrzeit. In einer Stunde wird's hier anders aussehen, wenn alles angerollt kommt und in die Läden geschoben wird, was die Lüstlinge von l'Estaque so in ihre Körper hineinzuschieben und zu -gießen gedenken. Auch gibt es einige, die beispielsweise vom sechsten Arrondissement hier rausfahren, um einzukaufen. Tatsächlich ist das Café bereits geöffnet. Nichtmal die Tür ist geschlossen, obwohl es doch sehr frisch ist an diesem dieses Jahr im Mai eher märzischen mittleren Meer. Es befinden sich sogar schon einige Leute darin. Einer weicht im Äußeren ein wenig von den anderen etwa fünf oder sechs Männern ab, unter ihnen zwei oder drei Frauen. Ein angenehmes Gesicht. Doch auch das ist hier keine Seltenheit. Die heterogene Freundlichkeit dieses Städtchens ist legendär. Dennoch kommt mir dieses Gesicht irgendwie bekannt vor. Was soll's. Ich bin so oft hiergewesen. Dann ist das keine Geisterscheinung, sondern nur normal. Der mir bekannte Wirt — er hat die kleine, sehr schlicht resopalveredelte Bar wohl von den Eltern übernommen — schaut wie immer unbeteiligt sympathisch oder sympathisch unbeteiligt. Man kann's drehen, wie man will. Mit solchen Menschen kommt bei mir immer Wohlwollen heraus. Gerade mal, daß er mich wahrgenommen hat. Aber er hat. Er nickt. Wir beide stellen uns nebeneinander an den Tresen. Uns gegenüber stellt der angenehm ruhige Enddreißiger, na, vielleicht hat er auch schon die Vierzig erreicht, eine Flasche hinter die Theke und schickt sich an, sie zu öffnen. Also weißt du, eröffne ich meiner göttlichen Nachbarschaft, du scheinst recht zu haben — die fangen aber tatsächlich früh an mit dem Nektar hier. Und dann gleich Champagner. Vielleicht gäbe es einen Anlaß, entgegnet sie mir mit einer Lapidarität, die jedoch offensichtlich ein zumindest kleines Geheimnis nicht verbergen will. Der Thekier dreht sich um und geht zu seinem CD-Spieler. Offenbar beabsichtigt er, mit diesem Gerät zu musizieren. Ich will aufbegehren, gehe ich doch in dieses Café unter anderem deshalb, weil es ansonsten darin garantiert kein Musik genanntes Gedudel gibt, doch da donnert es auch schon los. Ach du meine Güte — die Marseillaise. Es scheint wirklich was los zu sein hier. Nun, an örtliche Gegebenheiten werde ich mich anzupassen haben. Ist ja sowieso pausenlos Krach in der Stadt. Nix zweiundzwanzig oder meinetwegen auch dreiundzwanzig Uhr Hochklappen der Bürgersteige wie in München. Am Cours Belsunce spielen die Kinder bis morgens um drei Fußball gegen das Gittertor des Centre Bourse, an dem das Hotel dranhängt, in das meine persönliche Tourismus-Dame mich irgendwann übersiedelt hatte, weil sie meinte, daß ich in ein solches Etablissement nicht hineinpasse, in dem überwiegend Grand Cru trinkende, very british wirken wollende deutsche Halstuchträger nächtigten. Nun gut, darin hatte ich lediglich ein Blick über den Alten Hafen, im neuen Quartier konnte ich bis nach Afrika schauen, da meine Dame der Réception für mich grundsätzlich die oberste Etage befohlen hatte. Aber kurz nach der Balltreterei kommt der Chauffeur der Straßenkehrmaschine. Man gewöhnt sich daran. Aber er hier läßt's schon arg dröhnen. Auf einmal singen alle mit. Sehr, sehr laut. Ich stehe unwillkürlich und unwillentlich patriotisch stramm. Und drehe mich um. Da steht der Männerchor mit Frauen und schaut mich beim Grölen grinsend an. Allons enfants de la Patrie, Le jour de gloire est arrivé! Contre nous de la tyrannie, L'étendard sanglant est levé! L'étendard sanglant est levé! Entendez-vous dans les campagnes Mugir ces féroces soldats? Ils viennent jusque dans nos bras Egorger nos fils et nos compagnes! Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! Marchons! marchons! Qu'un sang impur Abreuve nos sillons! Alles hat ein Ende. Auch die erste Strophe samt Refrain des Kampfliedes, das die Truppen von Marseille 1792 beim Marsch auf Paris sangen. Jetzt lächelt meine Dame mindestens so breit, wie dieser Volkschor steht. Es kracht. Es war jedoch kein Schuß, das war der Champagner. Jetzt spricht der Chor auch noch. Ich muß heftig lachen. Und dann heulen. Dann beides zusammen oder abwechselnd. Sie befinden sich immer noch im Vollrausch glorreicher Siege. Wenn's sonst keine Kolonialisierung mehr gibt, dann eben der Fußball. Obwohl: «Auch wenn England als das Mutterland des Fussballs gilt, gab es auch schon in Frankreich ...» Trotzdem wird mir ganz anders. Nicht, weil ich ein Anhänger dieses Spiels wäre. Sondern dieses Empfangs wegen. Jetzt seh ich durch meinen Heulschleier, daß da oben auch noch Transparent hängt mit dieser Begrüßungsrede. Ich flüchte mich in in die Halsbeuge meiner Mutterfigur der Internationale. Nun fließt alles Wasser aus mir heraus — auf sie. Aber wie. Sie hält mich im Arm, als ob der Nachwuchs bereits angekommen wäre. So klein fühle ich mich aber auch. Kaum, daß ich mich aus der schützenden Behausung herauswage. Ich spüre, daß sie nichts dagegenhätte. Doch ich ziere mich sehr. Muß man mich derart heulen sehen? «Didier. Komm heraus aus mir. Hier freuen sich die Menschen, wenn man weint — vor Glück. Deinetwegen ist man sehr, sehr früh aufgestanden. Didier — hast du das verstanden?! Um dich in deiner Heimat zu begrüßen!» Langsam entwirre ich mich aus meiner zarten Fluchtburg. In Distanz zu mir steht dieser sich etwas von den anderen unterscheidende Herr. Naziza schnieft ein wenig, nickt, lächelt und dreht sich um. Sie nimmt drei gefüllte hochstielige Gläser mit Champagner, reicht eines mir und eines unserem Gegenüber, das nun herantritt. «Didier — ich glaube, du kennst ihn? Unser Freund Paul.» Ich hebe erstmal mein Glas, proste allen zu und bedanke mich. Naziza ist mit unserem Freund ein Stückchen unterwegs. Wahrscheinlich heckt sie das nächste Ding aus. Solange es weiterhin derart Angenehmes ist, soll es mir wahrhaftig lieb sein. Und tatsächlich, je länger ich ihn so anschaue, um so genauer beginne ich mich zu erinnern. Dann habe ich das Bild vor Augen, das uns beide in der Wohnung zeigt, die wir uns angeschaut hatten, die unser junges Glück ummanteln sollte. Genau — dieser Mann hatte uns damals einen geradezu unglaublich guten Vertrag gemacht. Das war kurz vor meiner Flucht vor einem Heimathafen, die nach fast vier Jahren offensichtlich jetzt hier enden sollte. Mit einem Mal erinnere ich mich, daß er gesagt hatte, ihm sei es lieber, gute und zufriedene Mieter zu haben. Letztlich profitiere er davon, weil sie sehr viel sorgsamer damit umgingen. Werterhaltungsmaßnahmen durch Behutsamkeit im Umgang mit Menschen. Solche Weisheiten haben sich noch nicht unbedingt herumgesprochen. Doch nun gehört ihm die Wohnung nicht mehr. Er hat sie verkauft. Und noch ein paar Zimmer mehr. Er hat alles meiner Hafenmeisterin verkauft. Na ja. Es gehört ihm schon noch. Solange es noch nicht abbezahlt ist. Doch das werden wir ja wohl auch noch hinkriegen. Zwei Jahrzehnte lang habe ich von so etwas geträumt. Bis ich nicht mehr wollte. Weil ich überhaupt keinen Besitz mehr wollte. Weil er einen nur festnagelt. Und vor diesem Kreuz bin ich wohl auch geflüchtet. Aber nun bin ich doch festgenagelt. Allerdings möchte nicht behaupten, daß mir deshalb die Tränen kämen. Es sei denn, es wären die schrecklich glitschigen des glücklich Angekommenen. Ich beuge mich den ungeschriebenen Blog-Gesetzen gegen elektrische Bleiwüsten und setze diese unglaubwürdige Geschichte morgen fort. Oder übermorgen. Auch hier gilt: Keine der Abbildungen steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geschichte, jedenfalls nicht zur hier erzählten. Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6564 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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