Glücklich gelandet

Einst flogen wir dahin übers Wattenmeer, das hochwassrig überm Tagessoll lag. Wir hatten vollgetankt, sowohl das Rennboot als auch uns, noch auf dem Festland. Auf Norderney mußten wir nachtanken, nicht unbedingt den Flitzer, aber uns. Wir hatten einen ziemlich hohen Verbrauch. Auf der Rückfahrt von der Inselkneipe war das Wasser mit einem Mal weg. Zwar gab es eine vorgegebene Route, doch die war für die größeren Kähne gedacht, die schließlich die wertvolle Ware der Fremden beim Vekehr zu transportieren hatte. Wir wichen ab von ihr, wahrscheinlich auch, weil dem ehemaligen Captain zur See im leichten Nebull die Orientierung leicht abhanden gekommen war. Wir landeten. Saßen auf. Auf einer Sandbank. Bloß keine Hilfe holen, schrie der Eigner ins Diffuse und zu uns hin angesichts des in Sichtnähe vorbeifahrenden Krabbenfischers. Diese Blamage täte mich töten, meinte er. Nie wieder wolle mehr jemand mit ihm am mittäglichen Stammtisch weitertrinken. Glück der Gezeiten. Nach wenigen Stunden waren wir wieder flott. Es war noch (oder wieder) hell.

Gedanken zu Kapitän, alle Bierventile geöffnet
 
Do, 07.11.2013 |  link | (4320) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Golf ist ein verlorener Standpunkt

Frei nach Tucholsky, der damit den verkorksten Spaziergang meinte. Sozusagen aus thematischen, also geschmacklichen Gründen verlagere ich meine Antwort an Sturmfrau hierher. In der anderen Abteilung geht es zwar auch um das Immergleiche, aber es ist schließlich dann doch nicht das Selbe. Zunächst die alte Anmoderation:

Ich muß meine Suada, meine sanfte Kunst der Überzeugung vom Sein des Anderserleuchteten jetzt leider unterbrechen. Der Herr, ich glaube, er ist noch ein paar Jahre jünger als ich, aber er wird mit zunehmendem Alter mir immer ähnlicher, nämlich albern, hat von unten her gerufen. Was kann alberner sein, als hier auf dem Landlord-Gelände ein Golfturnier mit Mittelständlern der Region zu veranstalten. Aber das muß ich nun ankucken. Hab' ich ein Glück, daß ich altersbedingt nicht nur geistig, sondern auch körperlich behindert bin. Mit solch einem Handicap fällt einem vieles leichter. Ein wenig kommt mir das vor wie das Pétanque-Spiel. Das begann auch damit, daß da unten im Süden, in der Nähe von Cassis jemand nicht mehr stehen konnte und er sich daraufhin setzen durfte, um zu spielen. Das macht den Sport an sich gemütlicher.

•••

An die erwähnte Bourguignonne bin ich nicht herangekommen, überhaupt nicht an den Inhalt der Flaschen, darunter eine, die aus Nuit-Saint-Georges, der Gegend um Beaune, die sich wohlig in meinen von Liebe getränkten Gedanken räkelt, mit der ich sogar einen Bund fürs Leben eingehen würde. Die ärgste Unverschämtheit dabei war, daß die feinen Edelheiten, bis hin zu einer 65erin aus einem pomerolschen Gestüt, mich nicht beachtend, folglich von mir unberührt beinahe selig so für sich hin in den Regalen lagen.


Dabei war ich bereits von ihrem Anblick derart trunken, das Betrunkensein kam später vom tatsächlich getrunkenen Wein, daß ich nicht einmal in der Lage war, romantisch scharf zu stellen.


Und der 95er Soutard, meinte Madame Lucette mir gegenüber wie immer freundlich, mittlerweile fast freundschaftlich lächelnd, mit den Franzosen geht das nicht so schnell wie im Portal der Gesichtserkennung, aber ich meinte in ihrem Inneren ein leichtes Feixen zu erkennen, der müsse auch erst nochmal fünfundzwanzig Jahre reifen. Erst im Alter sei man soweit, es zum Höhepunkt kommen lassen zu können. Die Jungen, die vom Essen und Trinken als Sexualität des Alters sprächen (wie ich das immer wieder mal gelesen und an Menschen weitergegeben habe, die mit dem Internet eher weniger anfangen können), könnten das verständlicherweise noch nicht wissen.


Ich aß, wie bereits erwähnt, Taboulé aus der Ideenküche des ardennischen Vaters, der eine Weile seines Lebens in Algerien verbrachte, zu der Zeit, als in Frankreich die Welt noch nicht so richtig in Ordnung war wie heute, da der Sozialismus regiert. Erst im nachhinein erfuhr ich, daß das gegrillte Fleisch nicht von der Kuh, sondern von den Nacken handmassierter Schweine eines im Abseits und im Land der norddeutschen und damit härtesten aller Griller (ab acht Grad plus wird er angeworfen, ohne sein Gemüse Fleisch ist der Holsteiner nicht in Bewegung zu bringen) völlig unbekannten Schlachters aus einem nahen Dorf nach althergebrachter, fast ein bißchen französisch geschnitten produziert worden war. Hätte ich das vorher gewußt, ich hätte meine eigentlich im Norden gewachsene Fleischesunlust drangegeben.

Ach so, der Sport. Eines der angenehmen Begleiterscheinungen an dieser Veranstaltung war, keiner der geistig Sportiven hat mich zu missionieren getrachtet. Doch es wäre auch ihnen nicht gelungen, bin ich doch, wie wir bereits festgestellt haben, nicht mehr zu retten. Ich hatte ohnehin den überwiegenden Eindruck, den Herren könnte es insgesamt an entsprechender Leidenschaft gefehlt haben. Das mag sich darin ausdrücken, daß kaum einer von ihnen früher als vor fünfzehn, zwanzig Jahren damit angefangen hat, auf die Kugeln einzudreschen anstatt sie sanft und im Sitzen zu schubsen, wie wir Pétanquistes das tun. Sie gehören einer mit mir eher weniger geistig verwandten Mannschaft an, bei der erstmal was angeschafft werden mußte, bevor man sich dem Vergnügen hingab. Es mag aber auch daran gelegen haben, daß die Herren sich diesem Sport hingegeben haben, um zuhause rauszukommen. Das gab jedenfalls die neben der Dame des Hauses einzig anwesende Frau als eventuelle Argumentation zum besten. Männer gehörten dazu, die sich weigerten, Golf zu spielen, sollte die Gattin sie begleiten wollen. Und so war's denn auch wie üblich: ein Teil wurde von seinen Chauffeusen abgeholt.

Ja ja, der Wein war gut, auch der schlichtere vom badischen Land, unweit Frankreichs, von ähnlicher Bodenbeschaffenheit des Elsaß', ein sommerfrischer Pinot blanc. Die Rote hat mich ja nicht rangelassen.
 
Fr, 17.08.2012 |  link | (811) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Nackedeiereien

Im Hermetischen Café rieb man sich die Augen ob der SexyClips. Der Sturmfrau bliesen sie mitten ins Gesicht, hier vermerkte Jagothello, es seien die «beschlipsten und behüteten Würdenträger», denen «die außerordentlich gut gebauten Damen beim Startkommando alles mögliche» entgegenreckten. Angefangen hatte es, für mich, beim hinkenden Boten, der aus dem Urlaub auf Sizilien eine Photographie mitgebracht hatte, die sich allerdings und wohl zu recht ins Politische bog. Denn alleine dorthin gehört es meines Erachtens.

Nun gut, die Nacktheit an sich war immer ein Thema. Aber ich fange bei mir Adam an, schließlich folgt dem eine Eva. Ich habe sie erlebt wie anzunehmenderweise die meisten meiner Generation: Als eines Tages jemand ungebeten ins Bad kam, machte meine Mutter sofort das Licht aus. Und dann kam ich, ein Kind der Dunkelheit, dem erst sehr spät das Licht auf- oder anging. Ich lernte Nackheit, Sexualität als etwas Verbotenes kennen. Vieles meiner Kindheit und Jugend hat sich irgendwo in den hintersten Innenhöfen meines Langzeitgedächtnisses versteckt, was sicherlich auf einen vor bald fünfzehn Jahren stattgefundenen Gehirnaussetzer zurückzuführen ist, aber eines war bald wieder da: mein erstes sexuelles Erlebnis, nicht nur thematisch war das für mich immer von Belang. Fünfzehn Jahre war ich jung, das war, wie ich im Lauf von Gesprächen mit anderen und auch via Literatur herausfinden sollte, seinerzeit ein durchaus als frühreif zu bezeichnendes Alter, gleichwohl ich ansonsten ein Spätentwickler war, der zudem immer längere Zeiträume brauchen sollte, Zusammenhänge zu verstehen. Ich stieg heimlich bei einer unwesentlich älteren, aber eben doch noch sehr jungen Frau ein, deren Eltern abends zu irgendeinem Vergnügen unterwegs, also außer Haus waren. Es kam heraus, und es löste einen heutzutage geradezu unvorstellbaren Wirbelsturm aus, der bei mir in einem ebenso kaum vorstellbar langen Hausarrest endete sowie ziemlich hilflosen Versuchen, mich aufzuklären. Der Psychologe, der damit beauftragt worden war, konnte mehr noch als ich seine Scham nicht verbergen, mit mir darüber sprechen zu müssen. Das fand statt in einem skandinavischen Land, in dem ich die Jahre meiner Frühpubertät verbrachte.

Es war geprägt von einem Protestantismus, wie man ihn aus den niederen Landen kennen mag, in denen man allüberall in die Stuben blicken darf, da niemand etwas zu verbergen hat, schon gar kein unanständiges Treiben; die an den Rändern der Fenster angebrachten Vorhänge hatten alleine applikativen Charakter. In den Niederlanden waren und sind wohl, ich war lange nicht über einen Zeitraum dort, der zu Studien- oder Stubenkuckzwecken ausgereicht hatte, die Katholiken die sogenannt Progressiven. Und schaut man sich in den Kirchen des Südens um, ist man umgeben von nackten Engeln; wie etwa auch der Himmel der Muslime, der mit Jungfrauen bestickt ist. Sicher, auch im Süden kommen kaum noch Kinder zur Welt, so daß auch dort die Renten erheblich gefährdet sind, aber im protestantisch zivilisierten Mitteleuropa scheint gar niemand mehr faire l'amour mit dem Ziel der Nachwuchsförderung betreiben zu wollen. Liebe machen war übrigens in meinen studentischen Kreisen als Ausdruck sexueller Handlung verpönt wie das Lesen von Literatur, die das Phänomen Liebe zum Inhalt hatte. Und Schriftsteller wie etwa Baudelaire waren ideologisch des Teufels, auch sie wurden unter der Bettdecke gelesen, da sie den Geist verwirrten. Rudi Dutschke samt seinem Gretchen waren allertiefste Protestler, er dürfte seine Wurzeln, ob es so stimmt, weiß ich nicht genau, im Pietistischen gehabt haben. Gut, das mag jetzt als Argumentation etwas arg flapsig daherkommen, aber als Nachweis für die Gegenrichtung der Nacktheit mag es gereichen.

Als junger Mann kam ich in die USA. Zwar lebte ich bei meinem Onkel in einem Rentnerparadies, in Miami Beach (das mittlerweile zu einem der Jeunesse umgewandelt wurde), aber ich bekam aus dem gegenüberliegenden Teil des Landes herüberwehend die sich anbahnende kulturelle Windrichtung der freien Liebe mit. Sie war hochpolitisch. Hans Pfitzingers Aufsatz mit dem Titel Love and Peace und all die Hippies ist ein beredter Beleg dafür. Er beschreibt im Untertitel den langen, harten Sommer der Liebe. Er schwappte, wie so vieles, wenn nicht gar das Meiste oder auch alles, aus den USA herüber nach Europa, im besonderen in das Land, das aufgrund von Care-Paketen und Marshall-Plan und so weiter, das, wie wir das in den Sechzigern und auch danach noch nannten, der einundfünfzigste Staat der Bundesrepublik der Vereinigten Staaten von Amerika geworden war, quasi noch vor Hawaii, mit Spätzündung. Die Intention der Herrschaftsfreiheit auch in der Liebe, zumindest in der zu machenden, sollte bald politisch untergepflügt werden. Bald gab es nur noch Samen, mittlerweile in monsantoischer Manier, der nach Zuchtregularien ausgeliefert wurde, die einer natürlichen Fruchtbarkeit zuwiderlaufen. Geblieben ist allenfalls etwas Hippieeskes.

Längst kauft man den Punk als Mode bei, auch das eine Verhohnepipelung der Siebziger, bei Clamotten-August, was für C & A steht, ein aktuelleres Synynym mag H & M sein. Der erwähnte Kapitalismus, die Nebenreligion der Massen kriegt noch jede Strömung eines Freiheitsgedanken klein. Haben sich die Hippies noch wohlgefühlt in ihrem Naturdrang nach entbößter Körperlichkeit, was durchaus politischen Charakter hat, als Ableger mag Rainer Langhans (offenbar noch immer von ihm gelebten) Ideologie (?) beziehungsweise die Commune I gelten, so ist das heutzutage durchsexualisiert, weil es verkauft werden will. Aus den Pin-ups, die in den sechziger und siebziger Jahren die Automobile knackiger machen sollten, sind Barbie-Puppen geworden, denen man zur Gewöhnung bereits Kindern nicht nur auf den Gabentisch legt. Ich absoluter Werbeverpöner* habe zu diesem Zweck in letzter Zeit hin und wieder mal in den Reklamerummel hineingeschaut. Alles scheint nur noch auf Püppie samt ihrem in Kosmetik gebadeten Helden hinauszulaufen, und alles fast ausnahmlos mit virtuellen Botenstoffen versehen, die Hoffnung auf den raschen Bums signalisieren.

Um diesen geht es nämlich nahezu ausnahmlos. Den Veranstaltern dieses Rums- und Bumsplatzes ist es schnuppe, ob Lieschen einen Fritz oder Jeannette einen Marius abkriegt heute oder morgen oder überhaupt. Darum sollen sich die fachspezifischen Märkte kümmern, denen dann wiederum zu entnehmen ist, um was es den Mädels tatsächlich geht: um Sauberkeit, Ehrlichkeit, ein Leben ohne Lüge (wie im Internet?), daß man zwar gerne essen ginge, aber auch selber recht ordentlich kochen könne, am liebsten Hausmannskost, man am liebsten Schlager höre und durchaus auch ein bißchen, aber nicht zu lauten Rock, auf den man zwar nicht bestehe, ihn dennoch recht gerne trage. Die Jungs hingegen sind schonmal sexuell gewagter in ihren Botschaften, ob sie einen Schritt über ihre Puff-Visionen hinaus denken können, das sei dahingestellt. Aber sie alle träumen im Lauf des Betrachtens dieser schönen Werbewelt mit den vielen schönen hochgestellten sekundären Geschlechtsmerkmalen an das mögliche, nenne ich's ausnahmsweise mal virtuelle Abenteuer. Die Herausforderung fehlt vielleicht noch in dieser Aussage, dieser verbale Allgemeinplatz symbolisiert ziemlich genau das Geschehen. Sie gehen nicht einmal in die Muckibude. Sie gehen lieber am Stock auf Wanderschaft in die Felder, Wälder und die Auen. Aber sie kaufen die Crèmes und Salben, die ihnen ein Adventure versprechen.

Ich muß meine Suada, meine sanfte Kunst der Überzeugung vom Sein des Anders-erleuchteten jetzt leider unterbrechen. Der Herr, ich glaube, er ist noch ein paar Jahre jünger als ich, aber er wird mit zunehmendem Alter mir immer ähnlicher, nämlich albern, hat von unten her gerufen. Was kann alberner sein, als hier auf dem Landlord-Gelände ein Golfturnier mit Mittelständlern der Region zu veranstalten. Aber das muß ich nun ankucken. Hab' ich ein Glück, daß ich altersbedingt nicht nur geistig, sondern auch körperlich behindert bin. Mit solch einem Handicap fällt einem vieles leichter. Ein wenig kommt mir das vor wie das Pétanque-Spiel. Das begann auch damit, daß da unten im Süden, in der Nähe von Cassis jemand nicht mehr stehen konnte und er sich daraufhin setzen durfte, um zu spielen. Das macht den Sport an sich gemütlicher.

* Das geht übrigens auch im Internet recht gut, indem man beispielsweise im Firefox anklickt, «automatisch im privaten Modus starten» sowie Javascript und überhaupt Cookies ausschaltet.

 
Do, 16.08.2012 |  link | (1161) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

«Bade im Schaum der Claqeure.»

Das gefällt mir sehr gut, liebe Kopfschüttlerin.

Achtung, auf lange Textsicht gesehen, mißbrauche ich Sie! Als Aufhänger. Es ergab sich so. Vergebung.

Auch wenn, wie ich vermute, die Titeltextzeile nicht von den Findelkindern sein dürfte, wenn es mir jetzt auch nicht einfällt, bei wem genau ich das gelesen haben könnte. Ich bilde mir eben auch nur ein, wenigstens ein bißchen gebildet zu sein. Möglicherweise bin ich ebenfalls das, was ich anderen hin und wieder vorhalte, nämlich ein Klappentextgebildeter.

Es scheint mir ein wenig in Richtung der dreißiger Jahre zu verbalen, Benn böte ich ahnungsweise an. Aber es stört mich nicht weiter wirklich. Auch Konstantin Wecker, den ich im übrigen nach wie vor oder besser, mehr noch mag als früher, als ich ihm mal vorgehalten hatte, «Genug ist nicht genug ist nicht genug». Aber das war zu einer Zeit, als ich noch mehr Idiot war als heute, weil ich viel von dem nicht wußte, was ich heute weiß. Entscheidend dabei dürfte ohnehin gewesen sein, ihm tatsächlich dann mal zugehört zu haben, wozu sich beispielsweise Theater- und Drehpausen geeignet haben, an die ich gerne zurückdenke. Zum Beispiel bin ich im Lauf solcher Gespräche, auch denen mit mir selbst, zu der Erkenntnis gelangt, daß es durchaus zulässig sein darf, mit Genuß Benn zu lesen, auch wenn er zu Zeiten der deutschen Nachkriegsrevolution verdächtig war, national-sozialistisches Gedankengut zumindest in seiner Gedankenschmiede gedengelt zu haben und man ihn nicht lesen durfte wie etwa auch Nietzsche oder Ortega y Gasset, da sie nicht ins Raster der Ideologie paßten. Auch ich bin in jungen Jahren bisweilen bereit gewesen, Menschen geistig in Sippenhaft zu nehmen.

Mir fällt dabei die junge Olympionikin ein, die geschaßt wurde, weil sie Verkehr mit einem Rechtsradikalen gehabt haben soll. Ein großer Teil der Bevölkerung hat ihren Abgang mit Ovationen bedacht, obwohl zum Zeitpunkt der Veröffentlichung den meisten nicht unbedingt klar gewesen sein dürfte, ob das tatsächlich so zutrifft, wie's durch die Medien der Massen geisterte. Erstmal laut klatschen, am liebsten noch auf die Schenkel, so verschafft man sich zumindest Aufmerksamkeit, dringt es ein in die Gedankengänge des mittlerweile in internationalem Gedankengut geübten Volkes. Nicht nur in der NEOpresse, die sich links geriert, war das Orchestrion in seinen leicht ausgeleierten, quietschenden Tönen zu vernehmen. Da wurde alles zusammenkomponiert, was an Verlautbarungen aus dem Markt der Billigheimer verfügbar schien.

Andererseits bin auch ich Eindrücken ausgesetzt, die während der letzten sportlichen Ereignisse einen seltsamen Ausdruck auf mich machten. Hatte ich kurz vor Einsatz des Londoner Events dieser nationalhymnisch begleiteten Parade der Leistungsbereitschaft noch unserem Jüngsten gegenüber äußern müssen, seine neue Frisur irritiere mich sehr, da sie mich arg an die Heroen des Berliner Olympiastadions von 1936, wie sie Lena Werthmüller so vortrefflich abgebildet hatte und die auch noch in der Nachkriegszeit einem nicht erst seit heute auf mich eher komisch im Sinne von seltsam wirkenden Ideal von Schönheit, gepaart mit Erziehung entsprachen, das fröhliche Urständ' zu feiern scheint. Mehrfach fielen mir gestählte männliche Körper auf, die behäuptet beziehungsweise, wie man heute sagt, gestylt waren wie deren Vorbilder (?) in Frau Werthmüllers und ihres Führers nationalem Geist, der der Truppe germanischer Elite eigen war: geschoren bis an den Rand einer haarigen Krone aus vollem, dichtem, aber immer noch irgendwie gebändigtem, an einen Rest von Ordnung gemahnendes Gestrüpp. Und dabei galoppiert ungezügelt mein Gaul der Assoziationen weiter, der festgehalten ist in einer Meinungsmache, die ich ansatzweise nicht weit entfernt sehe vom Strickmuster des vierbuchstabigen nationaldeutschen, einer zielgerichtet auf den Punkt, aufs Wort genau allerbilligst zusammengeschusterten Armenbibel gleichkommenden Blatts, in das ich aus Gründen sogenannter Pietät nicht einmal einen ganz toten Fisch einwickeln würde.*

Vereinzelt kamen Töne auf, die zwar im Tenor mein Lesegehör ein wenig unangenehm reizten, vermutlich, weil ich's mit dem Rock'n'Roll oder dem, was man heute sprachlich darunter versteht, nicht so habe, die ich jedoch ansatzweise als getroffen bezeichnen will: Eigentlich hätte man nach dem Drygalla Eklat* die halbe deutsche Nationalmann- und Frauschaft nachhause schicken müssen. (Ich erlaube mir, ein wenig den Korrektor zu geben und wenigtens der Kommataterei ein bißchen zu ihrem alten Rechtschreibglück zu verhelfen, das es lesbarer macht.) «Nicht nur dem Glücklichen schlägt die Stunde, wenn die Politik Einzug in den Sport hält. Nadja Drygalla beispielsweise wird vorgeworfen, sich mit den falschen Menschen abgegeben zu haben, mit einem Typen, der einer Organisation angehörte, die mutmaßlich verfassungsfeindlich sein soll. Dies muss ihre sportlichen Qualitäten in irgendeiner unzulässigen Art beeinflusst haben. Verboten ist diese Partei dennoch nicht (auch die dopende Wirkung ist nicht nachgewiesen), dazu reichen die Beweise nicht. So wie es aussieht, werden jetzt noch viel mehr deutsche Sportler kurzfristig zurückrudern müssen, obschon Nadja Drygalla hierfür eindeutig die besseren Qualifikationen vorzuweisen hat. Grund für den Massenexodus der deutschen Sportler aus London ist eine interne Untersuchung, die man natürlich nicht öffentlich macht, denn da liegt eine Menge Sprengstoff herum. Nachweislich soll ein Großteil der Sportler verfassungsfeindliche Parteien gewählt haben oder sogar mit Leuten bekannt sein, die beweisbar verfassungsfeindlich agieren.»

Ob das so zutrifft, was Wilfried Kahrs da hinausposaunt, vermag ich nicht zu beurteilen, bin ich doch ein Idiot, ein antiker Restprivatmensch, dem die Tore zum Wissen um das Wesentliche verschlossen bleiben wie den meisten anderen nicht am Innenleben der Macht Beteiligten. Als Nichtwissender habe da aufgrund meiner Beobachtungen durchaus eine Ahnung, nach der ich dem grob inhaltlich zustimmen könnte, müßte, wollte. Genaues weiß ich eben nicht. Doch ich bin der Meinung, es sollte in einem Blatt, und als solches muß ich die elektronische NEOpresse von der Charakteristik her bezeichnen, etwas mehr Präzision herrschen als die Produktion einer Polemik, mit der die Gefahr verstärkt wird, Verschwörungstheorien Vorschub zu leisten. Was hier zu lesen ist, da mag an alldem noch soviel dran sein, hat Fischblattcharakter, weil es in eine rechtsseitig bekannte Kerbe haut. Ich möchte, wenn es schon heißt,
«NEOPresse.com ist ein kritisches, freies und unabhängiges Online-Medium. Es ist unabhängig von Investoren, politischer Einflussnahme, Institutionen und politischen sowie wirtschaftlichen Interessensgruppen. NEOPresse.com möchte seine Leser und Leserinnen frei und unvoreingenommen zu den Themen Politik, Wirtschaft, Geldwesen, Gesellschaft, Sport und Kultur informieren. Dabei stützt sich NEOPresse.com nicht auf Agenturmeldungen und vermeidet somit eine Beeinflussung sowie eine eventuelle Unausgewogenheit bei den thematischen Schwerpunkten.»,
etwas mehr Informationen beziehen als beliebige Meinung, die eben nicht unabhängig ist, da sie sich beispielsweise aus Portalen nährt, in denen zu lesen ist
… qpress lässt sich nicht nur hervorragend für „Qualitäts-Presse“ setzen, nein, viel besser noch für „Quatsch-Presse“. Und bei genauer Betrachtung ergeben 4/2 Halbwahrheiten immer noch eine doppelte Wahrheit, dass ist keine Hexenkunst sondern blanke Mathematik. Die Beiträge hier können sie durchaus ernst nehmen, allerdings geben viele der hier versammelten Artikel einen leicht verzerrten Blickwinkel auf tatsächliche Gegebenheiten wieder. In nicht wenigen Fällen auch mit einer düsteren Beimengung an diversen nicht alltäglichen Ingredienzien, vom leicht säuerlichen Humor bis hin zu tiefschwarzen Zynismus-Attacken. Auch kann ein erfrischendes Maß an Spekulation beinhaltet sein, welche sich im Verlauf der Geschichte möglicherweise als gar nicht so abwegig erweist. Bekanntlich hat jede Geschichte einen wahren Kern und der des „Pudels“ wird hier fortlaufend gesucht.
Und, das ist für mich entscheidend, genau wie alle anderen größeren oder kleineren Datenkraken wie diese elektrische Onlinezeitung selbst versucht, beispielsweise über sogenannte LSO-Cookies das Internetverhalten Einzelner auszuspionieren. Es sei zugestanden, daß es einen Grund gibt, hier etwas genauer hingeschaut zu haben, wenn es auch ein läßlicher ist. Im Januar schrieb mich der heute presserechtlich Verantwortliche der NEOpresse an und fragte, wie anzunehmenderweise bei vielen anderen auch, um Mitarbeit an. Ich war skeptisch, auch, weil ich keine Zeitung oder ähnliches mehr machen wollte. Die Korrespondenz schlief verständlicherweise ein. Am Donnerstag bot ich ihm mein Links von der rechten Bibel der Armen an. Zielrichtung war mein Verständnis von einer leichten Weise der Art nieder mit der Hochkultur. Eben Kultur, die er ebenfalls anzubieten gedenkt, die ich jedoch im brockhausschen Sinn allenfalls partiell entdecke, wo es heißt, sie sei die Summe eines Volkes. Aber bei Lettre wird's eben international. Und so wie ich's auslege, gefällt's sicherlich nicht jedem. Das mag angenehm sein, aber ist nicht unbedingt meine Absicht. Mit der österreichischen Kulturperspektive des Paragleitens und des Segelns in den Lüften tue ich mich ohnehin schwer, vermutlich weil ich Angst vor der Schwerkraft habe. In weit über dreißig Jahren, die ich in in Bergnähe verbracht habe, bin ich nur ein einziges Mal wirklich hinaufgestiegen wie ein Olympionike in Londons Höhen. Als ich meinen zu kugelnden Stein raufgestoßen hatte, war mir schlecht geworden und ich am Mythos von Sisiphos angekommen.

Aber gar keine Reaktion auf mein Angebot, kein mir völlig ausreichendes Nein, danke, das scheint mir dann doch ein allzu leichtfertiger Umgang mit dem Kulturverständnis anderer. Ich hätte meinen Text sogar, wenn auch widerwillig, da ich keine Zeitungsschreibe mehr betreiben will, so durch-redigiert, daß er in ein gepflegtes Blatt hineingepaßt hätte, das habe ich mein Leben lang, na ja, gut dreißig Jahre lang gemacht, das Umschreiben. Vermutlich konveniert's nicht. Auch recht, dann eben nicht. Doch ein paar nicht ganz so leichtfertig agierende Mit- und Zuarbeiter- und -innen seien ihm durchaus gegönnt.

Ach, nun ist's mir einmal mehr aus dem Ruder gelaufen, bin ich schon wieder erheblich vom Weg abgekommen. Dabei wollte ich doch, behaupte ich jetzt fadenscheinig, lediglich die neuere Schlager- und Frisurenmode kommentieren. Ich muß etwas viel Weibliches in mir haben, kann ich doch rechts und links nicht unterscheiden. Wie die einstige Gefährtin und Copilotin an der Landkarte erteile ich die Anweisung, in den Osten abzubiegen, obwohl ich doch die westliche Richtung meine. Ob es wohl klüger sein wird, mir endlich wie alle anderen ebenfalls ein Navigationsgerät zuzulegen?

Und dann diese Längen, diese fürchterlichen Längen.


* Ich weiß durchaus, wovon ich schreibe, da ich hin und wieder Frau Braggelmann samt deren Familie voller Ansprüche heimsuche, deren Vermieter seit seiner Übersiedlung vor etwa dreißig Jahren aus der DDR ewigtreuer Bezieher dieser Volksbildungsmeinungszeitung ist und ich ebenso ab und an espressotrinkend — ja, sogar im sich langsam euroglobalisierenden Norddeutschland gibt es das mittlerweile, wenn auch nur personaleinsparend automatisch — in einem Café sitze und zuschaue, zu welchen dort angebotenen Journalen überwiegend gegriffen wird neben der einstigen sozialdemokratischen und heute dem immer allgewaltiger werdenden dumontschen Haus angehörenden Hamburger Morgenpest, die genauso gerne gegen den Pressekodex verstößt wie beispielsweise die «liberale» Münchner Abendzeitung, gegen die Hans Pfitzinger selig unter anderen deshalb seine Windmühlenkämpfe kämpfte.

** Wie ich bereits mehrfach erwähnte: schon in normalen, sogenannt seriösen Tageszeitungen fehlen seit langem Korrekteure, vielleicht hätten dabei auch -innen eine Chance gehabt, sich zu bewähren wie in anderen Berufen, weil die keiner mehr bezahlen will, weil es ohnehin egal ist, liest sie doch lediglich eine Minderheit, während die Masse das Sagen, sprich das Schreiben hat. Der Hysterie der Anglizismen sind in der deutschen Sprache via sich international gerierenden Werbebotschaften mittlerweile auch die Bindestriche zum Opfer gefallen. Wie wohltuend lesen sich internationale Lettre, in denen nicht nur die Akzente wie zu Bleisatz Zeiten gesetzt bleiben, wo sie hingehören, sondern die auch in den deutschen Übersetzungen beibehalten werden wie überhaupt ein Deutsch vor dessen revolutionärer Reformation.

 
Sa, 11.08.2012 |  link | (842) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Von der dunklen und der hellen Seite des Hirns1

Es ist uns allen bekannt, die rechte Seite unseres Gehirn regiert uns, jedenfalls, nenne ich's mal so, viele von uns. Es ist der rationale(re) Teil dieses gleichwohl den meisten unter uns bisweilen als unheimlich anmutende Bereich in dieser terra incognita unserer Innenwelt, der uns zu schaffen macht, der sich ständig gegen das immerwährende Bedürfnis des Gefühls auflehnt, es ist die gegen das Wohlsein gerichtete Vernunft, die uns vorrechnet, welche Nachteile es uns bringen könnte, sich aufgrund eines oder vieler Ereignisse einfach fallen zu lassen, etwa in Tränen auszubrechen oder alles kurz und klein zu schlagen. Beim gestrigen Gespräch mit Frau Braggelmann über den unterschiedlichen Ruf der Intellektuellen in jeweiligen geographischen oder auch, etwas allgemein-gehalten ausgedrückt, mentalen Gebieten Europas — Ulfur Grai zweifelt zu recht den früher gebräuchlichen Begriff Volkscharakter an — kam zur Sprache, wie schlecht beispielsweise der Ruf derjenigen in Deutschland ist, die besagten Teil des Gehirns bevorzugt einschalten, bevor sie ihre Meinungen in die Öffentlichkeit ausstellen.

In der aktuellen Phase des Weltgeschehens, die zur Zeit in London stattfindet, sehen sich bereits die Reporter und ihre sich nach wie vor an den Rand gedrängten Kolleginnen geschaßt, die sich zurücknehmen, die sachlich zu berichten bemüht sind. Gefordert wird immerzu Emotion, wer nicht brüllt wie ein Hornochse, den man bei lebendem Leib am Spieß dreht, um für zwanzig Euro am Stückchen serviert zu werden, weil es eine dieser hochdotierten Gazellen aus dem olympischen Amateurlager zuwege gebracht hat, für zigtausende Euro Fördergelder aus dem Säckel der Gemeinschaft plus Sponsorenprämie die ganz weit oben liegende Latte zu überhüpfen, der wird gerne als dröge und somit ungeeignet für den Beruf des Berichterstatters bezeichnet. Also sehen die sich gezwungen, mit dem Bauch zu denken und, weil's die das alles finanzierende Allgemeinheit zu wünschen scheint, sich weniger Mäßigung aufzuerlegen, die den Verdacht errregen könnte, jemand sei kopfgesteuert, wie es mir zu Zeiten meiner Hilfslehrertätigkeit in oberbayerischer Nähe zu fast höchstgebirgischem Olympia entgegenschallte, als ich es wagte, mithilfe einer Mischung aus 50, 1 Prozent Vernunft und dem Anteil von 49,9 Prozent Gefühl dem Töchterlein eines Meisters des Handwerks in die nächste Klasse zu verhelfen; ähnlich brüllte es einige Jahre später in der Stube des öffentlich-rechtlichen Redaktionsleiters, der mich rauschmeißen wollte für den Fall, daß ich aus seiner Sendung aktueller Politik einen «Kulturbeutel» machen wolle. Sport ist Emotion, und da sind klare Gedanken fehl am Platz, der Verdrängungsmechanismus setzt voller Gefühle ein, überwältigt mittels Kraft der Masse das dann bißchen Resthirn. Da hat es gefälligst nicht weiter zu interessieren, inwieweit dies aus dem politischen Hintergrund und dem damit verbundenen Wirtschaftswachstum für diejenigen, die ohnehin bereits groß sind, von panem et circenses für die restlichen 99,9 Prozent geschieht. Wer nicht mitspielt, der gehört ohnehin zur unteren Kaste, etwa diejenigen am Rand Londons, die von all dem allenfalls das Geschrei der Emotionalisierten aus den Kampfstätten in den Ohren haben.

Gemeinhin steht in deutschen Gazetten nicht nur des Sports der Intellektuelle als Schimpfwort, zumindest als Bezeichnung für jemanden, der seiner Sinne nicht mächtig ist. Ein Bekannter Frau Braggelmanns, jener, den ich hier bereits einige Male leicht bespöttelt habe, der in einer der bunten deutschen Gazetten als sportlicher Journalist tätig ist, die den glanzvollen Alltag der meisten Deutschinnen, die gesellschaftliche Welt ausmachen, der sich mangels Navigationshilfe des öfteren verfährt im Dschungel der Sprache, meinte dieser Tage ihr gegenüber, er wolle sie zwar nicht beleidigen, aber manchmal käme sie ihm tatsächlich vor wie eine Diva, wie eine Intellektuelle. Er kenne jedenfalls keine Frau, die so schlagfertig sei wie sie, die auf nahezu alles eine Antwort habe. Ich kenne kaum eine Frau, die derart gefühlvoll, also unkapriziös mit dem Leben und den darin sich bewegenden und bewegten Menschen umgeht, ohne daß ich mir herausnehmen würde, sie als eine Diva oder gar als eine Intellektuelle zu beschimpfen. Davon einmal abgesehen, daß schließlich auch eine Diva über intellektuelle Fähigkeiten verfügen dürfte, allein durch die Tatsache, einen Geschmack entwickelt zu haben, dessen Voraussetzung nun einmal die Unterscheidungsfähigkeit ist.

Jetzt kommt sie gleich, um mir den Kopf zu waschen. Da muß ich abbrechen. Die körperliche Gesundheit hat mehr Gewicht oder ist mehr wert als die geistige. Nix Mens sana in corpore sano, solches sagen die Damen und Herren Gesundheitsminister, denen es ebenfalls an Förderung mangelt und die deshalb mit Olympia die Wirtschaftswachstümer meinen. Aber die haben eben mit dem Satiriker Juvenal ohnehin nichts im Kopf, der's eher so herum meinte: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano. So werde ich später oder morgen von dem weitererzählen, das da in meinem Oberstübchen rumort, nämlich das über die rechte und die linke Seite des Gehirns, die linke und die rechte Seite politischer Ausrichtung, ausgelöst von Sergio Benvenuto mit seinem kleinen oder besser kurzen Essay Hirnhälften, Hemisphären in der Ausgabe 97 von Lettre International. Das ist ein Nachdenkaufsatz, dessen Inhalt in meinem Gehirn schon sehr lange Bewegung verursacht, wenn auch nie in dem Sinn, wie Francis Picabia häufig und gerne mißverstanden zitiert wird, da er schrieb, der Kopf sei rund, weil die Gedanken ständig die Richtung änderten, sondern unter anderem gradlinig auf das Ziel der Antwort auf die Frage zu, was uns beispielsweise dazu bewegt, ständig so undifferenziert von rechter und linker politischer Orientierung zu sabbeln. Benvenuto erwähnt nicht nur einmal mehr die dabei am nächsten liegende linke und rechte Sitzseite der verfassungsgebende Versammlung der französischen Revolution und erläutert am Beispiel des selbst in den romanischen Sprachen so unterschiedlich ausgelegten Begriffs la sinistra, der Psychoanalytiker, Philosoph und Essayist erläutert das Dilemma derjenigen, die, es ist noch gar nicht so lange her, links funktionierend geboren wurden und nach rechts umerzogen wurden, was unterm Strich und sehr grob umrissen zu einem Neglect-Syndrom führen kann. Ein Text, der alleine die elf Euro wert, die das ganze aktuelle Einzelheft von Lettre International kostet. So ist also erst einmal die Kopfmassage dran, die Hülle des Wohlbefindens wird geknetet, an meinem Gehirn walke ich dann selbst weiter, meinen Geist trainiere ich anschließend weiter für Olympia. Und vielleicht noch für zwei oder drei weitere Mitleser, die mir dabei zuschauen, wie ich mich abquäle für sie, ohne Leistungsförderungsmittelchen aus dem Spendentopf, ich zahle auch mein fast antikes Doping selbst.

Bei den Fußnoten bzw. Anmerkungen bitte mit dem Cursor die jeweilige Ziffer berühren.2
 
So, 05.08.2012 |  link | (1271) | 12 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

À propos Wetter

Alle sprechen darüber. Nicht erst seit gestern. Der in meinem Dankeschön an den offensichtlich ebenfalls Witterungsbetroffenen Enzoo erwähnte Kohlenpott-Redakteur hat das Mitte der Neunziger nicht nur als stammtischfester Klima-Fachmann getan. Nachdem das letzte Sommermärchen ebenso ins Wasser gefallen ist wie das bisherige Wetter darf man ja kurzzeitig wieder über diese Spielart reden. Demnächst taucht sie ja, wenn auch unter anderen, auf der Geldinsel wieder auf, wenn die Amateure dieser Welt zusammentreffen, um sich allesamt bei ihren Sponsoren zu bedanken. Besagter wird auch Ruhrpott-Rastelli geheißen. Das liegt daran, daß er Vater eines mittlerweile auch nicht mehr so kleinen Sohnes ist, der unbedingt das werden sollte, was sein Erzeuger nie zuwege brachte: entweder schwuler Balletttänzer, was nach Ansicht von Frau Braggelmann so etwas ähnliches wie eine Tautologie ist, zu werden oder aber, noch viel lieber einer wie Stan Libuda oder Gib mich die Kirsche-Lothar-«Emma»-Emmerich. Für den Ball ließ er so manches liegen, mittlerweile möchte man fast meinen, es könnte auch schonmal eine spätnachmittägliche Vorlesung sein, wenn Training für die alten Herrn angekündigt ist. Seine Gattin, so lautet die Mär, habe der in unmittelbarer Nähe zur Villa Hügel Aufgewachsene und sich gerne als Arbeiterkind in Essens Rot-Weiß Präsentierende während eines Heimspiels des VFL Bochum kennengelernt, wo er seit längerem an der Universität akademisch kickt. Hockey bei Schwarz-Weiß hatte ich ihm unterstellt. Leichtathletik hat er schließlich kleinlaut eingestanden.

Seine Fußballeritis erinnert an seinen Verwandten im Geiste, Karl Ruhrberg. Der Selige, von dem sich auch viele Jahre nach seinem Tod hartnäckig die nächste Mär hält, wegen eines Fußballspiels seines kölnischen FC auch schon mal eine Ausstellungseröffnungslaudatio in seinem Ludwig-Museum an die Gattin, die er im übrigen nicht in irgendeiner Süd- oder Nordkurve, sondern während der operalen Gesangsausbildung kennengelernt hat, delegiert zu haben, belegt, was uns bewegt: die Sportler und deren Ausflüge auf den Musengipfel.

Ralph Köhnen kreiselte einst: «Fußball ist kommentarbedürftig wie abstrakte Kunst», und er charakterisierte, melancholisch-retrospektiv, das kompositorische Phänomen vergangener Zeiten, quasi in einem Ehrenbezeugungs-Suffix gegenüber dem Intellektuellen unter den deutschen Ballzauberern (jenem Conférencier, dessen TV-Suaden mittlerweile nicht minder kommentar-bedürftig sind): «blitzschneller Flirt des Auges mit der Tiefe des Raumes».

Nicht nur die jungen Akademiker, auch die alten Herrn durften wieder, nachdem der 68er den Fußball ins Abseits gebolzt und Ober-Rhetor Walter Jens ihn mit seiner fahnenschwingenden Apologie zu irgendeinem runden Geburtsag des DFB («... Versöhnung mitten im Streit») wieder aufs Geviert gepredigt hatte. «Eine Textkultur des interpretatorischen Risikos ist gefordert: nicht sparsam zum Ziel zu kommen, sondern die Verschwendung, die Lust und den Plural zu riskieren als einen Umweg: als ein Abenteuer, das Leser und Text gleichermaßen zustößt», so der Jung-Rhetor 1991 in seinem Leid-Artikel, Günter Netzer oder der Diagonalpaß auch als Textkultur. Der Anglist, Germanist und Kunsthistoriker war es auch, der sich mit Sport-Sprech oder: Der Wontorra in uns allen um Moderation bemühte (sowie die schwatten Perlen vorab würdigte).

Allerdings: Den Lorbeer des Geistigen kennen wir. Er liegt täglich in unserer Gen-Suppe des Negierens (nicht von Eliten!). Wem aber der Kranz des Physischen geflochten wird, nach dem sehnen wir uns. Diese Erwählten himmeln wir an. Und mögen sie noch so schlecht gewonnen haben, wie etwa der ORF-Reporter rief: Und wieder ist es uns gelungen, einen hervorragenden neununddreißigsten Platz zu erringen. Mit ORF ist nicht der abgewickelte Sender östlich Brandenburg gemeint, sondern der österreichische Staatsfunk. Da geht nicht Deutschland, sondern der Sport über alles.

Ich bin zwar fest entschlossen, den demnächst stattfindenden insulanerischen Sportgipfel zu ignorieren wie das Wetter. Aber ich als mittlerweiliger Passiv-Sportler habe mich, trotz aller Abneigungen gegen diese von nichts anderem als Geld geleiteteten Spectaculae, doch tatsächlich wieder der Tour de France hingegeben. Keine noch so irgendwie gearteten ethischen Richtlinien der deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Zuschauanstalten und auch kein vierzehnter Juli haben mich daran hindern können. Ich bin konsequent inkonsequent. Wahrscheinlich werde ich auch in London wieder dabei sein. Aber es geht mir sicher ohnehin wie gehabt nur um eines: beim Anblick dieser Gazellen beim Hüpfen, Laufen und Springen in ein glückliches Verzücken zu geraten, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie voller Zuversicht und mit einem Ziel vor dem inneren Auge den Spaziergänger links liegen lassen, als ob sie dem Hintenliegenden davonentschweben könnten.
 
Di, 17.07.2012 |  link | (832) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Sich durchs Restleben trödeln?

Ich setze mein Plaidoyer fürs Altbe-währte fort.

All das erfüllt nach wie vor einwandfrei seine Funktionen. In meinen weit verstreuten Fundi befindet sich davon um einiges mehr. Ich gehöre zu denen, die aber auch nichts wegschmeißen wollen, und werde es auch noch so selten benutzt. Vielleicht sollte ich umsatteln vom rentnerischen Privatier zum allzeit bereiten Brocanteur. Aber das wäre dann wieder mit Arbeit verbunden, der ich mich, so lange ist das auch wieder noch nicht her, glückli-cherweise entziehen konnte.

In Marcel Pagnols Buch Le Château de ma Mère (1990 verfilmt zu finden unter der deutschen Übersetzung Das Schloß meiner Mutter), den zauberhaften Erinnerungen dieses Marseillais, in denen die provencalische Sonne wirklich aufgeht, im Kopfkino also, in dem es keine Hollywoodfilme braucht, lese ich auf Seite 162: «Mon père lui apporta un jour un livre qu'il avait trouvé chez le brocanteur.»

Aber man versuche heutzutage mal, ein Buch zu verkaufen. Der Trödler runzelt dabei nicht einmal mehr die Stirn. Tonnenweise hat er sie in seinen Hinterzimmern herumstehen. Ich habe vor einiger Zeit versucht, der höheren Lehranstalt des Töchterleins fast meine komplette Bibliomanie zu schenken, jedenfalls den Teil, der in vielen Kartons auf Dachböden dahindarbt. Nicht einmal doch immer wieder verlangte herausragende Wälzer zur bildenden Kunst konnten die verantwortliche erzieherische Jungakademikerin dazu verlocken, mal einen Blick darauf zu werfen. Frau Braggelmann ist die einzige mir näher Bekannte, die an ihnen noch Freude hat, bei der ich also ablagern darf. Aber selbst die läßt in letzter Zeit immer wieder mal Bemerkungen fallen, nach denen sie Überlegungen anstellt, Regale samt deren Inhalte um die Ecke zu bringen. Nun gut, sie brauche Platz für Kunst. Aber ob das eine Alternative ist? Mancher hat großartig gezeichnet und trotzdem, nein, gleichermaßen Erzählungen gemalt, Henri Michaux zum Beispiel. Und die kann man auch noch nach Lust und Belieben auslegen, mit Ein gewisser Plume ein deutschfranzösisches Wortgewusel treiben, in die Hartelinie übernehmen: Plüm est facé.

Kürzlich haben sie uns wieder neuerlichen Elektroschrott aufgenötigt, da angeblich die alte Technik nicht mehr ausreichend sei. Analog ist tot. Auch in die Ferne sehen läßt sich nur noch digital. Wer aber nimmt mir als Trödler die Gerätschaften zur Erstellung analoger Weltbilder noch ab? Ich bin doch nicht einmal in der Lage, die allerneuesten Daseinsformen zu verkaufen. Ich kann gar nichts verkaufen, geschweige denn handeln, eher erröte ich vor Scham bei dem Versuch, etwas als Schnäppchen zu verhökern. Einer wie ich legt da sozusagen gegenanteilig noch etwas drauf. Ich als Brocanteur non sédentaire müßte jederzeit damit rechnen, daß man mir seinen Abfall vom Glauben an den Fortschritt andreht, anstatt daß ich den meinen endlich loswerde. Vor einiger Zeit stand ich in Perpignan vor einer schlichten Flasche, mit deren Inhalt ich meinen Pastis aufzufüllen gedachte, auf daß er mir nicht gleich so ins Hirn stürme. Außerdem bildete ich mir ein, mit dieser Karaffe mir etwas von dem Gefühl des alten, richtigen, echten Anis, des Absinths also, in den Kopf holen zu können, den wohl dieser Nick Arus intus hatte, als er seines Herrn Raymond Quenau Manuskript entwich. Dabei bin ich, seit ich trinken kann, ein gnadenloser 51er. Gestürmt hat mich bei alledem der Brocanteur, indem er mir hundert Francs dafür abnahm. Als ich weiter so für mich hinflanierte über den Markt mit den vielen Weinproben, da stand noch einmal solch eine Falsche vor mir, für achtzig, die nächste für sechzig. Da habe ich das Trödeln aufgegeben.


Ich werde ab morgen ein Weilchen unterwegs sein, also richtig, so ohne Verbindung zur virtuellen Welt. Noch nicht beantwortete Kommentare und sonstige Anmerkungen mögen sich also bitte ein wenig gedulden. Denn jetzt ist erstmal Zeit fürs rentnerische Nickerchen.
 
Fr, 13.07.2012 |  link | (631) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Spielanalyse. Vorfeldbericht und Abtritt. Nachgetreten


Wie mir aus unerfindlichen Quellen, vermutlich aus den sizilianischen Gengeistern meines bastardisch überquellenden Kopfes, zugetragen wurde, war die deutsche Bundeskanzlerin bei Herrn Monti vorstellig geworden und hat ihm alle Rettungsschirme dieses globalisierten Europas versprochen für den Fall, daß er seinen Einfluß auf die Spieler seiner Mannschaft geltend machen würde; es würde ihm angesichts deren Bestechlichkeit sicherlich nicht allzu schwer gemacht werden. Sie wolle nicht nach Kiew reisen, um dann auch noch neben diesem verlogenen Arbeiterkind Janukowytsch sitzen zu müssen. Sie sei schließlich Bundeskanzlerin aller Europäer und habe das zu demonstrieren. Aus der lahmend satirischen Ecke meines von Picabia gesteuerten Rings kam dann noch der Zusatz, sie wolle sich für den gleichwohl unwahrscheinlichen Fall, daß der sozialkommunistische Mob ihres zweifellos geliebten, weil mittlerweile auch im Westen glühend blühenden Landes ihr bei der nächsten Wahl einen Knock out versetze, wenigstens die Möglichkeit offenhalten, als Hauptkommisarin die führende Rolle Europas zu übernehmen. Im Notfall sei sie auch mit dem europäischen Friedensnobelpreis nicht uneinverstanden.

Ich habe mir im Fernsehen ein Fußballspiel in gesamter Länge das letzte Mal angegeschaut, als derlei Beerdigungen noch nicht neudeutsch public viewing genannt wurden. Ich meine, es war 1974, und mich zu erinnern, es wäre spannend gewesen. Heutzutage scheint mir selbst ein Tatort kurzweiliger zu sein. Da ich andererseits nicht ganz so interesselos bin, wie ich bisweilen vorgebe, schalte ich, etwa bei quotiell erforderlichen Liebes- oder sozialpsychologischen Traurigkeitszenen, mich hin und wieder zu, um wenigstens den Spielstand zu erfahren. Das war auch gestern so. Beim ersten Mal las ich, aus deutscher Perspektive dargestellt: 0 zu 1. Dabei ertappte ich mich bei einem lautlachenden Jauchzer, den ich angesichts dieses Spiels bei mir nie auch nur geahnt hätte. Beim zweiten Zuschalten hieß es dann 0 zu 2. Kein Jubel mehr, die Gefühle unterdrückende Vernunft hatte mich wohl zurückgemäßigt, aber ein leicht breites Lächeln ließ sich dennoch nicht verhindern. Vor- und Nachberichte tue ich mir eigentlich nie an, da mir analytische Äußerungen wie die gestrige einer Führungspersonalie — Das ist aber auch eine abgezockte Truppe! Diese Italiener. — zu sehr mein Sprachverständnis irritieren, das daran ausgerichtet ist, daß diejenigen von Zockern abgezockt würden, die an Gewinnspielen teilnähmen. Gestern aber blieb ich dran. Ich wollte es immer und immer wieder sehen und auch die Klagelieder der Begründung hören, nach der mal wieder eine Schlacht gegen die übermächtige Statistik verloren wurde.

Nein. Ich habe nichts dagegen, daß eine deutsche Fußballmann- oder Frauschaft ein Spiel gewinnt. Es ist mir so egal wie Sieg oder Niederlage der Equipe Tricolore, der Quadra Azurra, der Kiwi oder anderer Nationalumwehten. Aber das damit immer wieder verbundene Gebrüll um den Stolz, der auch deutscherseits bei allzu vielen aufkommt, die auf diese Weise Familienersatz zu finden hoffen für beispielsweise die im Altenheim zurückgelassenen Omis und Opis oder weil sie sonst nichts haben, über das sie sich freuen könnten, der geht mir auf die Nerven. Und vor allem verletzt das Rundum-Geflagge mein formalästhetisches Empfinden. Ich hab's nämlich nicht so mit derartigen Sommermärchen. Mir kommt dazu eher Shakespeare in den Sinn. Ich bin schließlich (Kultur-)Pessimist. Mit ihm also warte ich leise zweifelnd für mich hin.
Im Frühling bin ich fern von Dir gewesen.
Als der April, mit heitrem Putz geschmückt,
Goß Geist der Jugend froh in alles Wesen,
Daß lacht' und hüpfte selbst Saturn entzückt.

Und doch ließ weder froher Vögel Singen
Noch bunter Blumen süßer Duft auch nur
Ein einzig Sommermärchen mir gelingen,
Mich jene pflücken auf der stolzen Flur:

Der Lilie weiß, es hat mich nicht geblendet;
Der Rose tiefes Roth, ich pries es nicht:
Das waren Wonnebilder nur, vollendet
Nach einem Muster – deinem Angesicht.

Mir schien es Winter noch, und da du ferne,
Spielt ich, als wär's Dein Geist, mit diesen gerne.

Wiliam Shakerspeare, Sonett 98, in der Übersetzung von Karl Kraus, 1882


 
Fr, 29.06.2012 |  link | (537) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Fußball, Gott, Spiel und Kunst

One legged soccer club, circa 1960, aus: Laubacher Feuilleton 15.1995, S. 1 © Michael Ochs Archives

Sport ist Mord, wie man sieht, auch der Fußballsport. Auf den Redaktionsstammtisch gelegt wurde die Photographie seinerzeit von Rochus Kowallek, bis zum Ende (des Laubacher Feuilleton) daselbst unangefochtener Chefportier und einer der besten, konstruktivistischsten Kunsterklärer auf deutschsprachigen Fußballfeldern. Sein elegantes und überaus, so würde man es vielleicht heutzutage nennen, auch effizientes Spiel hatte möglicherweise seine Ursache in dessen Behinderung, in der Tatsache, daß er auf einem Bein an Krücken mit seiner Schnauze flinker und trickreicher war als seinerzeit Stan Libuda, und der kam schon an Gott vorbei. Als Deutschland noch immer an das Wunder von Bern glaubte, hatte er das Bekenntnis an den Glauben zur Kunst längst ausgedribbelt, das, was heutzutage als Moderne proklamiert oder als Neuerfindung des Spiels weltstadienweit, zur Zeit gerade im nördlichen Hessen beziehungsweise in Polen und der Ukraine transparentiert wird, noch dazu als Event, quasi antizipiert.

Eigentlich wollte ich ja einen meiner gefürchteten langen Schulaufsatzversuche verfassen. Um De- und Konstruktion sollte es gehen, auf die kürzlich in meinem Elektropostbriefkasten angelandete Bemerkung hin, es sei, ich paraphrasiere das jetzt ein wenig, immer konstruktiver, etwas aufzubauen als etwas zu zerstören. Die Arbeit von Pedro Cabrita Reis kam mir dazu in den Sinn, dieses wunderbaren Portugiesen aus dem wunderschönen Lisboa, dem dort das Leben Kunst sein darf, dem ich dort gesagt habe, ich hätte seine skulpturalen Bildnisse der neunziger Jahre aus dem Material der Zerstörung, beispielsweise aus dekonstruierten Häusern anfänglich zwar nicht verstanden, aber sie hätten eine hohe Aufmerksamkeit sozusagen gebildet, über die Form sei ich inspiriert gewesen, zu deren Inhalt vorzudringen, wie zu einem geistigen, von jeder religionsgelenkten Spiritualität freien Kleinod, das scheinbar in Abfall von der Ästhetik des Schönen verpackt wurde. Ich müsse das nicht verstehen, meinte auch er, Hauptsache sei, es gefiele mir. Verstanden hatte ich nach einigen Gesprächen bei gehaltvollem Wein und feinem, also nicht brimboriumiertem Essen, die mir eine Metapher aufdrängten: Die Kirche wieder ins Dorf zurückholen.
Wir sind seit langem an der Stelle Gottes. Und deshalb haben wir soviel Probleme. Der Umgang mit einer Gottesvorstellung ist auf seltsame Art und Weise verbunden mit Angst, Hoffnung und einem gewissen Schwindelgefühl vor dem Tod. Wenn ein Künstler eine Kathedrale schafft, dann versucht er, den Blick nach oben zu ziehen. Jeder Versuch aber, den Blick nach oben zu lenken, ist immer ein gefährliches Unternehmen, es ist immer ein Machtwille dahinter, ob theologisch oder politisch, das ist einerlei. Der nach oben gelenkte Blick setzt einen Betrachter voraus, der unten ist, der Angst hat, der das Oben, möglicherweise Gott, braucht, um seine Angst, sein Gefühl von unten sein, von Machtlosigkeit zu überwinden.»
Blick nach oben
Doch nun hat mich die Lust verlassen. Ich habe nämlich gestern, obwohl ich mir vorgenommen hatte, es nicht zu tun, es dann doch getan, wahrscheinlich wegen des Großereignisses. Im nachhinein fallen mir konstruktive Worte wie Spielaufbau dazu ein. Nach dem, was ich gestern gesehen habe, bin ich über diesem Gedankengang des Fußballextertenplapparismus vor Langeweile eingeschlafen, und die Müdigkeit läßt mich nicht los. Deshalb zögere ich noch, mir das nächste Großevent überhaupt anzutun, nach fast vierzig Jahren das erste Mal ohne wäre das. Ein Stoß in das Herz der Kunst? Ach was, diese Art wird auch ohne mich weiterleben.
 
Sa, 09.06.2012 |  link | (2179) | 14 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 

Die Hendln geh'n am Stock

Er ziert bereits seit einiger Zeit meine Blog'n'Roll, seine Sprachglossosophie läßt mich jedesmal aufs neue schmunzeln. Das tat ich auch immer angesichts dieser seltsamen Menschen, die am Strand entlang oder durch den Wald sozusagen am Stock oder Stecken gingen. Steckeleslauf nannte er das mal. Aber nun ist er entschieden zu weit gegangen, ich habe es nicht mehr geschafft, zum Lachen in den Keller zu gehen, nun hat er Jean Pauls Doktor Katzenberger als Erfinder des nordischen Skilaufs ohne Schnee ausgemacht. Normalerweise verstecke ich meine Empfehlungen ja ganz weit hinten, auf daß niemand auf die Idee komme, anderswo allzu lang zu verweilen. Aber dieses Mal, ich kann nicht anders, muß es auf Seite eins:
[...] Erfunden hat man das Walking schon früher, und zwar war es der Dr. Katzenberger. Auf die Frage des dickleibigen Fürsten von Großpolei, welche Motion die beste sei, antwortete er: „Das Gehen, Durchlaucht“. Darauf der Regent: „aber ich gehe täglich, und es hilft nur wenig.“ „’Wahrscheinlich darum’, sagte der Doktor, ‚weil Höchstderoselben vielleicht nur mit den Füßen gehen; was zum Teil seine Nachteile hat — (der Fürst sah ihn fragend an) denn auch mit den Händen muß zu selber Zeit gegangen und sich bewegt werden (...) Daher müssen durchaus die Oberfüße oder Arme als Mitarbeiter — wenigstens von hohen Personen, die mit ihnen nicht am Sägebocke oder hinter dem Garnwebestuhl oder auf der Drechselbank hantieren wollen — gleichstark mit den Unterfüßen auf und ab geschleudert werden.’ (...) Er setzte nun die Sache mehr ins Licht und zeigte: das Venenblut steige ohnehin schwer die Füße herauf, häufe sich aber noch mehr in ihnen an, wenn man sie allein in Bewegung und Reizung setze (...). Und hier machte der Doktor dem Fürsten den offizinellen Gang mit gehenden Perpendikelarmen so geschickt vor,“ daß der Fürst schließlich lächelnd sagte: „dies muß man versuchen, wenn auch nicht in großer Gesellschaft.“ [...]
Unbedingt weiterlesen bei Ludwig Trepls schlappschwanzigem Hendlgang (er möge mir das lange Zitat vergeben).


 
Di, 04.10.2011 |  link | (533) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ertuechtigungen



 





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