Ermüdungserscheinungen

habe ich, arge. Ich werde mich wohl besser mal für ein paar Tage auf mein Lager am Wasser begeben. Bei eventueller Wiederbelebung melde ich mich wieder.
 
Fr, 13.02.2009 |  link | (1213) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Aktuelles und Akutes



 

Haut bas fragile

«Kurz, das Leben, das hätte ich gern einfangen wollen», so sprach Jean-Luc Godard im Oktober 1965 in den Cahiers du Cinema über seinen Film Pierrot le Fou, «aber das Leben wehrt sich heftiger als (ein) Fisch, es gleitet uns durch die Finger ...» — Daß es hin und wieder dennoch möglich ist, den Fisch Leben einzufangen, daß dieses Wunder im Kino immer wieder einmal geschieht, hat Godard selbst oft bewiesen. Ein anderer, der dem Anfangsversprechen der Nouvelle Vague die Treue gehalten hat, ist Jacques Rivette — in Vorsicht: Zerbrechlich! aus dem Jahr 1994 scheint es, als werde eine Verheißung eingelöst.»
Es ist selten, daß ich mich über eine Filmbesprechung so richtig freuen kann. Das ist hier der Fall. Sicher nicht nur, weil darin ein Film mit höchstem Lob ausgestattet wird, der zu meinen gemochtetsten gehört, sondern darüber hinaus auch deshalb: «die wunderbare Sängerin Enzo Enzo tritt mehrfach mit ihrer Band auf» (ich bin seit Aphrodites Geburt also in diese Pariserin mit eigentlich slawischem, allerdings französisch verdünnisiertem Blut abgrundtief oder überirdisch verliebt). Es hat, so schlicht wie momentan eben möglich formuliert, einfach Stil, wie Götz Kohlmann diesen Film beschreibt, ihn analog des Titels analysiert, kommentiert und dabei unprätentiös seine Kenntnisse des (nicht nur) französischen Kinos und die eigene Beobachtungsgabe vermittelt.
«Gleich Seifenblasen, die durch sommerliche Straßen fliegen, strömt, tanzt dieser knapp dreistündige Film an seinem Betrachter vorbei. Er ist von einer solchen Harmonie, daß man in der Betrachtung immer ruhiger und ruhiger wird. Es gibt nur wenige Filme, die uns zu verwandeln vermögen wie eine gelebte Erfahrung, es gibt nur wenige, die uns die Welt danach mit ihren klareren Augen sehen lassen, denn meist kommen wir doch mit unserem eigenen trüben Blick wieder aus dem Kino heraus. Nach Vorsicht: Zerbrechlich! scheint es in der Innen- und Außenwelt heller und freier geworden zu sein.»
Die gesamte Besprechung läßt sich hier Schöner denken.


Die mangelnde Kreativkraft hat dieses Textchen aus dem Archiv heraus formuliert. Mehr geht nicht zur Zeit.
 
Fr, 13.02.2009 |  link | (3857) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten



 

Anhalters Bahnhof

Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge. Der Reise zweiter Teil.

Zwar war auch in die Schweiz Anfang der siebziger Jahre schon das eine oder andere Nachrichtenfitzli vom Autostop durchgedrungen. Aber das klang doch arg revoluzzerisch, am Ende gar kommunistisch. Dem wäre man selbstverständlich abhold. Doch so genau wußte man es nicht. Also erinnerte man sich seiner Bildung und bemühte diesen Herrn, der einmal festgehalten hatte, man solle in diesem Fall besser darüber schweigen. So mündeten meine Anfragen — ich hatte begonnen, die Anhalter-Praxis zu verinnerlichen — auf dem Flugplatz Zürich-Kloten zu einem Teil in erschrecktes Staunen und zum anderen in brüskierte Abwendung.

Ich ging in das Flughafengebäude hinein, in eine der landesüblich gepflegten Toiletten, um mein Äußeres zu prüfen. Eine Vermutzungsgefahr durch mich war nicht zu erwarten, wie ich erfreut feststellte. Auch die Gesichtsfarbe hatte wieder diese Tönung angenommen, die man erlangt, wenn man relativ häufig versucht, den Berg und damit sich zu besiegen. Auch das Fahrzeug, das mich recht zügig vor die Tore der Welt- und Geldstadt brachte, hatte die Sauberkeit, die eines Schweizer Burgers würdig war. Er hatte mir, wenn er zwischenzeitlich mal nicht so sehr mit dem Hin- und Herreißen des Lenkrades beschäftigt war und uns ausnahmsweise nicht am Limit bewegte, von seiner Familie erzählt und daß sie quasi den Rütlischwur mitformuliert habe. Tell war sein Name nicht, das hätte ich mir gemerkt, gehört es doch zu dem, das man versucht hatte mir beizubringen, zumal ich ja für einen Teil meiner Lehrzeit im Land untergebracht war. Irgendwas von Tschudi oder Zwingli hatte er gemurmelt beim gemütlicheren Lenkraddrehen. Calvin war sein Name mit Sicherheit nicht, nicht nur aus meiner klanglichen Erinnerung. Ein klein wenig französisch sah er zwar aus, aber das streng Reformierte dürfte nicht so sein Stil gewesen sein.

So startete ich einen erneuten Versuch, ebenerdig von der Startbahn wegzukommen. Fliegen wollte ich ja nicht. Das hätten Ehre und Portemonnaie nicht zugelassen. Außerdem lief es ja alles andere als langsam bis jetzt. Allerdings war es schon spät. Und es stand auch zu befürchten, daß vom Zürcher Flughafen aus niemand mehr nach Paris fahren würde am Abend, nicht einmal nach Basel, was ja in etwa meine Richtung gewesen wäre. Aber wie schweizerisch auch immer ich es ausdrückte, ich machte keinen Eindruck. Und nun? Zu Fuß zur Autobahn? Das wäre ungeschickt, denn nördlich von Kloten gerät man zwar nach Eglisau oder gar nach Schaffhausen. Doch da wollte ich nun nicht unbedingt hin. Auch dann nicht, wenn mich jemand mitgenommen hätte. Also dann doch ein Stückchen mit der Bahn? Das wäre ein früher Griff in die Geldbörse. Gut, ich hätte die Zürcher Verwandtschaft anrufen können. Die täte sich sicherlich sehr gefreut haben, mich wiederzusehen. Aber zu diesem Zeitpunkt beruhte das nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit. Sicher, da hätte es ein gemütliches Plätzchen am Kamin und das eine oder andere Leckerli gegeben. Doch ich wollte ja per Anhalter ins Paradies. Allerdings standen die Chancen schlecht um diese Uhrzeit. Also mit dem Bus zum Hauptbahnhof und von dort aus auf den Schienen weiter?

Kaum angekommen, entdeckte ich ein Gruppe junger Menschen, die nicht unbedingt den Eindruck machten, heute noch weiterfahren zu wollen. Ich gesellte mich hinzu und kam ins Gespräch. Etwas intensiver geriet das mit einem Engländer, ein paar Jahre jünger als ich, aber als Spontanreisender wohl um einiges erfahrener. Aus Italien war er angereist. Ein Schuhverkäufer hatte ihn hier abgesetzt. Er sei nicht dazu zu bewegen gewesen, ihn an der Autobahn hinauszulassen. Er sah keine Möglichkeit, heute noch wegzukommen. Es sei denn, mit der Bahn. Die Basler sähen ihr Schweizertum nicht so verkniffen. Und deshalb wohl würde man am dortigen Bahnhof auch nicht so abserviert, wie uns das im hiesigen spätestens gegen Mitternacht geschehen würde. Eine Fahrkarte kaufen bis nach Saint-Louis, dann könne man getrost die Nacht im Geschlossenen verbringen, denn zur Grenze nach Frankreich führen erst wieder am Morgen Züge. Mit Ticket würde sie einen nicht rausschmeißen. Es sei nicht ganz billig, aber immer noch günstiger oder angenehmer, als die Nacht in Polizeigewahrsam zu verbringen. Also doch die Tante über drei Ecken anrufen? Aber die versprach eher weniger Abenteuer. Und das ersehnte ich. Einmal im Leben. Wenigstens. Aber ob das gemütliche Bähnli nach Basel das bieten könnte?


Meine Güte, ist das ein dröger Trip. Die Müdigkeit ist's. Mal sehen, was die Nacht bringt. Oder der Tag.

Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig, Anbahnungen, Unter Eulen, Die Behütete, Blumenkohl und Pannekoeken, Adeliges Tennis, Nationalgericht, Das Süße und seine Fährnisse, Fluchtgedanken, Gnadenmahl oder Reiche Stunden. Der Reise vierzehnte Folge.
 
Do, 12.02.2009 |  link | (4123) | 19 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Belgischer Adel



 

Fliegend über die Berge

Per Anhalter ins Paradies. Der Reise erster Teil.

Um Ostern herum war es. Am Tag zuvor hatten zwei Meter Schnee die liebliche Gemeinde an der Mariensäule noch lieblicher erscheinen lassen. Dann aber kam der Föhn, dieses in Nordlichter nie einfahrende Alpenvorlandlüftchen. Innerhalb weniger Stunden bläst das die Dekoration weg und läßt das haselnussige Schwarzbraun in ganzer Tristesse wieder zum Vorschein kommen. Und warm wird's, aber wie. Gestern noch zehn Grad minus, heute kommt man lustvoll das Hohelied singend im Hemdchen hüpfend über die Berge.

Nun, es war Reisewetter. Tramperwetter. Schließlich würde ich wohl das eine ums andere Mal ein paar Minuten an der Straße stehen, bis der nächste kam, der aber sicherlich bald, mich einlud, um mich rasch mindestens bis in die Schweiz zu befördern. Doch dort befand ich mich ja bereits so gut wie, hatte doch der Freund, einer von denen, die mit Ski an den Füßen zur Welt kommen, bei der Gelegenheit beschlossen, ein paar Schüsse den Arlberg runterzumachen. Und von dort weg würden ja wohl ein paar Schweizer wieder nachhause fahren, vielleicht sogar ein bißchen früher, weil sie der vielen Niederländer überdrüssig waren, die sich damals in Mode kommend anschickten, in edlen Gewändern und zwei Meter langen Rennbrettern aus besten Sporthäusern die Pisten mit Stemmbögen zu planieren. Und sollte ich doch etwas zu früh dran sein und ein wenig warten müssen — Cafés und Kneipen gab's genug am Berg, das wußte ich von meinen Skilaufversuchsanordnungen, die der Freundeskreis mit mir unternahm. Eine Zeitlang hatten sie's mit mir probiert. Doch als sie mich nach meinen immerwährenden unfreiwilligen Schußfahrten, die nichts anderes zuließen, als nur geradeaus und eben sehr schnell den jeweiligen Berg hinunterzustürzen, nahezu ausnahmslos aus dem Schnee ausgraben mußten, luden sie mich ab irgendwann gleich in der Gastronomie ab. Da könne ich in Ruhe dichten und denken und würde damit obendrein weiter kein Unheil anrichten.

Als ich die ersten Male über das Land gekommen war, wußte ich wohl mit Brettern unter den Füßen umzugehen. Aber dort, wo man mich das gelehrt hatte, nutzte man diese Fortbewegungshilfsmittel, um Bären und Wölfen zu entfliehen, denen man gerade das Mittags-, manchmal auch das Abendmahl gestohlen hatte. Auf diesen Faßdauben konnte man (zwangsläufig) enorme Geschwindigkeiten erlangen, aber nie diese alpinen, da es an den entsprechenden Gefällen mangelte. So stürzte ich mich anfänglich suizidal (nicht suizidär im Sinne der «Todesästhetik» von Jean Améry) die Berge hinunter, da kaum jemand mich beziehungsweise meine Fahrkünste beachten wollte. Später erbarmte sich meiner ein Skilehrer in Berwang, wohin ich oft heimlich zum Üben fuhr. Nicht nur. Denn ich hatte seinerzeit festgestellt, daß es auch in Österreich ausdrucksstarke Pistentänzerinnen gab. Er tat's aber sicherlich deshalb, da er keine Lust hatte, mich nach den jagerteeigen Bacchanalien auf der Hütt'n hintendrauf auf seinen Ski mit runter ins Tal zu befördern. Ich sollte selber laufen, nein gleiten. Ein bißchen wenigstens. Es war gar nicht so schwierig. Nur gesagt muß man's kriegen. Es erinnerte mich an die Sprechlehrerin, die diese winzigen Fehler korrigierte, die ich anfänglich am Mikrophon gemacht hatte. Alles Haltungsfehler. Mit der richtigen Umsteig- und Umschwungtechnik tut Sisyphos sich dann sehr viel leichter in der Gegenrichtung.

Ende der Extemporiererei, denn tatsächlich: Kaum war ich aus dem Murnauer Übungsgerät für die permanente Rallye Monte Carlo ausgestiegen, packte ein drahtiger, familienfrei aussehender Adonis seine Führungsschienen auf ein nicht minder flott aussehendes bayerisches Gefährt mit Zürcher Kennzeichen. Ob ich? fragte ich mich. Nicht ihn. Meine mangelnde Erfahrung als Anhalter ließ eine solche Frage nicht ohne weiteres zu. Es könnte zudem unhöflich wirken, und das untersagte mir der andere Teil meiner bereits erwähnten guten Erziehung. Mit dem Ergebnis, daß der Mann, ein wenig älter als ich und hinsichtlich seiner Ausstattung sicherlich auch erfolgreicher, einen halben Schritt auf mich zumachte und mich fragte. Ob er mir helfen könne? Ich sähe leicht hilfebedürftig aus. Weit holte ich aus, wollte kulturgeschichtlich am Beispiel der Sozialentwicklung der Reise im allgemeinen und der im besonderen die Welt erklären, eine Tendenz, die mir bis ans Ende dieser bleiben wird, zumindest der meinen, bemühte mich jedoch, dabei keine allzu ausgeprägten philosophischen Züge in mein Gesicht dringen zu lassen, als er mich unterbrach. Ja, kein Problem, bis na Zuri kannscht mit, und dann fragte er noch, ob ich da überhaupt hinwolle, ich hätte meine Ziele nicht so konkret zur Ausführung gebracht. Jaja! Ja doch, riß mir das Glück eine Antwort auf die Denkerstirn. So nahm ich meinen Rucksack, der ein klein wenig leichter geworden war, da der hier oben fehlende Föhn mich dann doch hatte mein Pullöverchen überziehen lassen, und stieg ein.

Klösterle, Innerbraz, Bludenz, Nüziders flogen an mir vorbei, bei Nenzing riß der Pilot das Steuer derart herum, daß das Heck nach Zürich, die Schnauze derweil nach Liechtensein zeigte. Der Zöllner muß mein Gesicht gesehen haben und winkte uns durch, da er annehmen mußte, es müsse sich um einen Krankentransport handeln, der am Schweizer Grenzbaum dann ebenso, da er vermutlich soviel Elend nicht sehen wollte, und weiter ging der Flug via Wattwil, Wätzikon, Pfäffikon, die Landebahn von Kloten hatte man vorsichtshalber freigeräumt. Es fehlte dort nur noch der Hubschrauber, der mich mindestens nach Paris zu Victor Hugo bringen sollte, in dessen Klinik, meinetwegen auch in die von Jeanne d'Arc, ich konnte ohnehin nicht lesen, so todsterbenskrank war ich von diesem Abschnitt der Rallye.

Deshalb muß ich mich erstmal erholen. Beim nächsten Mal geht's weiter. Durch Frankreich. Klar.

Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig, Anbahnungen, Unter Eulen, Die Behütete, Blumenkohl und Pannekoeken, Adeliges Tennis, Nationalgericht, Das Süße und seine Fährnisse, Fluchtgedanken, Gnadenmahl oder Reiche Stunden. Der Reise vierzehnte Folge.
 
Mi, 11.02.2009 |  link | (5910) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Belgischer Adel



 







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