|
Blick nach oben «Kunst ist religiös — oder sie ist keine Kunst. Wenn Sie die Natur wirklich bewundern, dann kommen Sie gar nicht umhin, das religiös auszudrücken. Zu malen, was man vor Augen hat, ist nichts anderes, als sich dem Göttlichen anzunähern. Sich als Künstler von der Natur abzuwenden, ist für mich Verrat. Nur wer sich der Natur zuwendet, wird erkennen, dass sie Gottes Schöpfung ist. Seitdem die Maler aufgehört haben, die Welt zu betrachten, hat die Kunst ihren Sinngehalt, alles Heilige verloren.» Balthus, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 9, 3. März 2000, S. 34 «Wir sind seit langem an der Stelle Gottes. Und deshalb haben wir soviel Probleme. Der Umgang mit einer Gottesvorstellung ist auf seltsame Art und Weise verbunden mit Angst, Hoffnung und einem gewissen Schwindelgefühl vor dem Tod. Wenn ein Künstler eine Kathedrale schafft, dann versucht er, den Blick nach oben zu ziehen. Jeder Versuch aber, den Blick nach oben zu lenken, ist immer ein gefährliches Unternehmen, es ist immer ein Machtwille dahinter, ob theologisch oder politisch, das ist einerlei. Der nach oben gelenkte Blick setzt einen Betrachter voraus, der unten ist, der Angst hat, der das Oben, möglicherweise Gott, braucht, um seine Angst, sein Gefühl von unten sein, von Machtlosigkeit zu überwinden.» Pedro Cabrita Reis im Gespräch mit Doris von Drathen, in: Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, 56.2001, S. 14f. Die Photographie stammt von avialle und ist unter CC lizensiert.
Anbahnungen Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig. Der Reise fünfter Teil. Flandrische Löwen, unter ihnen ein Berhardiner, auf den ich noch näher einzugehen gedenke und mindestens so groß wie ein Leitleu, vermittelten mir ihre grundpatriotische Haltung. Die ruhigste stimmliche Bewegung kam von der ältesten Tochter, etwa so, wie die deutschen Fußballnationalspieler vor den Spielen der siebziger Jahre gegen die Niederlande ihre Hymne sangen. Deren unverkennbare Mutter hingegen, das ward deutlich, hatte vernehmlich die erste Stimme in diesem Chor. Ihr Lächeln während des Gesangs, es war zu dieser Zeit noch schwierig auszumachen für mich, ob es dem Besuch oder den Gedanken an das Vaterland Belgien oder der Lebensfreude im allgemeinen galt. Eine gewisse Gelöstheit, das getraue ich mich so lange Zeit danach frei zu assoziieren, daß tatsächlich möglicherweise mal wieder ein bißchen Leben in die Bude kam. Sie war es auch, die herzhaft auf mich zuschritt, mich um ein Haar in die Arme nahm, es aber doch bei einer herzlichen händischen Begrüßung beließ. Sie drehte sich herum mit Blick auf ihre vielen Kinder und stellte mir jedes einzelne vernehmlich vor, immer wieder ein wenig freudig erregt gickernd. Die kleineren saßen auf irgendwelchen Tretmobilen der etwas größeren und die ganz kleinen, etwas anders pigmentierten auf ihnen drauf. Ihre älteste Tochter kam zum Schluß dran. Als ob sie zu früh geboren gewesen wäre. Vielleicht war's ja so, und sie hatte ihr nie so recht verziehen, ein Kühlfaktor gewesen zu sein in der jungen Ehe, die vor allem einem galt: dem Bau und dem Verkauf von Eisschränken, wie man sie damals durchaus noch nannte. Die Jungfrau nahm mich handweich und ungerührt in Empfang. Wie jemanden, den sie gegen ihren Willen heiraten solle. Auf jeden Fall kam kein Hauch eines leicht erregten Rouge in das langgestreckte und eigentlich aparte Bleich der Prinzessin. Wäre ich nicht so erschöpft und gleichermaßen fasziniert gewesen, ich hätte leicht umdrehen und mir vor dem Bahnhof einen PKW-Trip suchen können für den Weg zurück zum Blauen Reiter. Einer fränkischen Horde gleich mit einem römischen Gefangenen in ihrer Mitte verließen wir den kleinstädtischen Bahnhof. Jonkfrouw Mutter schnatterte unentwegt stilvoll auf mich ein, als ob sich ein Ventil über jahrzehntelangem Schweigen gegenüber der Welt gelöst hätte. Ich nickte müde und dabei ständig schniefend. Sofort nahm sie meine Erkältung wahr. Alsbald, glitt sie kurzzeitig in ihren mütterlichen Part zurück, sowie wir uns im Haus befänden, gäbe es warme Milch mit Honig und ein kuscheliges Bett samt Kamin dazu. Letzteres war mir willkommen, aber daß mir alleine der Gedanke an warme Milch Übelkeit verursacht, verschwieg ich zunächst einmal. Ein paar Schritte nur noch seien es. Das traf zu, soweit es um das Eingangstor zum Park ging. Doch der Weg durch diesen Laubwald mit Bäumen, die vermutlich Chlodwig, spätestens aber die Burgunder in vegetarischer Phase hintenraus gepflanzt hatten, wollte nicht enden, dieses gepflegte englische Gartenparadies mit zentraler Bebauung, das ich trotz mangelnder Energie sicherlich genossen hätte, wäre da nicht dieser assimilierte Immigrant vom Sankt Bernhard gewesen, der mich ständig umkreiste und der es einmal trotz seiner enormen Höhe schaffte, sich zwischen meinen Beinen durchzuzwängen; wahrscheinlich wollte er mir andeuten: Ein Haar mehr, und ich würde den Ritt auf einem belgischen Höllenhund kennenlernen. Nicht ängstigen solle ich mich, meinte die Rudelführerin, er tue nichts, er passe lediglich auf die Kinder auf. Und die anderen fünf oder sechs oder mehr — vermutlich bekam jedes Kind zur Geburt ein eigenes Knuddeltierchen, demnach waren es acht — kleineren Wuchses, die hielten sich brav an die Anweisungen von Prinz Bernhard, dem Leitlöwen. Hätte ich damals geahnt, was einige Jahre später auf Belgien zukommen sollte an Schauerlichkeiten und das mit diesem unzureichend informierten Instinktgeschöpf in Verbindung gebracht, mir wären auf der Stelle Flügel gewachsen, und ich wäre in die Lüfte entstiegen und zurückgeflogen in der Voralpen Land. Die ärgste Irritation bewirkte unser Kinderschützer bei mir, indem er mich, anders als sein ununterbrochen kläffendes Gefolge, bis auf auf ein dauertönendes Knurren aus jeder erdenklichen Bewegung heraus anglotzte. Es sollte der Beginn einer dauerhaften Beziehung werden. Angekommen und hineingegangen über das Hauptportal, das, wie ich später erfahren sollte, eigentlich nie benutzt wurde, bugsierte mich die Dame des Hauses durch die zwar immens hohe, aber überraschend zurückhaltend gestaltete, sich wohl vor dem regionalen Protestantismus verbeugende neugotische Eingangshalle unter der Kassettendecke in einen auch nicht eben kleinen Nebenraum und schob ihre Tochter hinterher. Die saß dann mir eher teilnahmslos gegenüber, frug brav dies und das und ob es mir gefiele und teilte mir mit, daß ihr Vater sicher gleich kommen würde, er freue sich sehr auf mich, eigens für mich habe er sich früher freigemacht am heutigen Tag. Kaum daß sie es gesagt hatte, ging ein Ruck durch sie, später sollte ich dieses Kiesknirschen der Pneus auch wahrnehmen, sie stand auf, verließ den Raum, und an ihrer Stelle betrat der Angekündigte ihn. Ein auf Anhieb ungemein sympathischer, gut aussehender, wohlgewandteter und gewander Einsneunziger, für mich eindeutig altadeliger Hausherr mit der typischen Haltung fortschrittlichen Bürgertums, begrüßte mich distanziert, aber den Abstand durch natürliche Offenheit wettmachend, bat mich, wieder Platz nehmen. Ob ich rauche, fragte er, wartete die Antwort gar nicht ab, stand auf, ging zu einem Schrank und nahm einen Korb mit fünf oder sechs Sorten Zigaretten heraus. Er sah meinen nicht ganz so erfreuten Blick auf die dezent angeordnete Unordnung gefilterten Tabaks und schob sogleich die Frage hinterher, ob ich eine bestimmte Marke bevorzuge? Selbstverständlich würde er sie mir morgen mitbringen. Anzunehmenderweise war ich der erste Mensch, der in diesem Raum, anderswo im Haus ohnehin nie, rauchen würde. Am nächsten Tag dann filterlose Zigaretten, zwar welche à la Régie Française in Luxembourg für Resteuropa hergestellte, dann jedoch sogar die eigens aus dem Nachbarland herantransportierten Richtigen. Von diesem durch Abhängung lediglich etwa vier Meter hohen blauen Salon aus, er mag auch grün tapissiert gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht, auf jeden Fall sanft-, pastellfarben rythmisch, dort, wo fortan die abendlichen Gespräche stattfinden würden, schaute ich von meiner vermutlich nicht unbedingt zufälligen damastenen Sitzposition aus nach rechts auf einen Turm. Mein Gesprächspartner sah, was meine Aufmerksamkeit erregte. Nicht bedrängen wolle er mich, doch es sei nötig, das zu fragen, da, verstehe ich's jetzt mal rückwirkend so, angerichtet werden müsse: Ob ich einen guten, also tiefen Schlaf habe? Das lenkte mich von meiner Aussicht ab, von der ich, nach dem Meer an zweiter Stelle, nie genug kriegen konnte: von Türmen und Zinnen. Er sah meine Irritation. Hätte ich einen leichteren Schlaf, dann wäre das höhere Gemäuer insofern etwas ungünstig, als es oberhalb des Turmschlafzimmers doch etwas geräumiger zuginge, da dort oben die Eulen und weiteres Getier vermutlich eingezogen seien, bevor das Kasteel fertiggestellt wurde. So könne ich gerne eines der zentral gelegeneren Zimmer in der zweiten oder auch der dritten Etage beziehen, wobei letztere doch eines leicht erheblicheren Aufwandes bedürfe, da sie nicht allzuoft Gäste im Haus hätten und sie nicht in dem Maße benutzten wie die anderen. Ob er, stotterte ich an ihn hin, damit sagen wolle, ich könnte dorthin, in diesem Turm am Ende gar, mein vom vielen mißlungenen Anhalten so müde gewordenes Haupt betten? Von meinem schleiereulenbewachten Unruheschlaf und baldigem Umzug ins etwas stillere Innere erzähle ich das nächste Mal. Die gezeigten sowie verlinkten Abbildungen stellen lediglich Beispiele dar, die Ähnlichkeiten vermitteln sollen; sie stehen in keinem Fall in Beziehung zum Drehort der Geschichte. Die Photographie stammt von wauter de tuinkabouter und ist lizenziert unter CC. Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig, Anbahnungen, Unter Eulen, Die Behütete, Blumenkohl und Pannekoeken, Adeliges Tennis, Nationalgericht, Das Süße und seine Fährnisse, Fluchtgedanken, Gnadenmahl oder Reiche Stunden. Der Reise vierzehnte Folge.
Anhalters goldener Käfig Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen.Der Reise vierter Teil. Wehe ihm, dem Unbesonnenen, der falsch und als Verräter,Es war ein Fanal. Das sollte ich zwar erst um einiges später erfahren, aber ich ziehe es nach vorne, da es einiges erklären hilft. Die hier vorgenommene Inszenierung war so eine Art Karneval, der ja sogar mittlerweile im protestantischen Teil Belgiens — vergleichbar etwa mit dem Territorium der nordelbischen Kirche — seltsame Urständ feiert, zumindest auf den Bühnen der Dorftennen. Doch wie hinter jedem noch so platten Büttenwitz oder vielleicht doch der Landschaft eher gemäßen Äußerung, etwa in Mijn vlakke land, «mit seinen Kathedralen als höchsten Bergen … Mit einem Himmel so tief, daß ein Kanal sich darin verirrt … Mit einem Himmel so grau, daß man ihm nicht böse sein kann … mein flaches Land», hinter jedem lustigen oder traurigen Anphilosophieren also meist mehr als ein Gran Wahrheit steckt, zumindest aber Wirklichkeit, war das auch hier der Fall: ein vielleicht etwas witzungeübter und eben deshalb fröhlich mit Tschingderassapäng aufgefleischter Knochen aus dem Gerippe einer, zumindest für diesen Teil, traurigen Familiengeschichte, hier eben den Patriotismus gleich mit einbringend. Sie, die junge Frau aus altem flämischen Adel hatte in den fünfziger Jahren einen jungen Mann auf einem Wochenmarkt kennengelernt. Er verkaufte Kühlschränke. Offensichtlich machte der wenig marktschreierische Haushaltsgeräteverkäufer Eindruck auf die Adlige. Nicht alleine seine eloquente Art war's wohl, die das Fräulein aus sehr gutem Hause beeindruckte, vielmehr die Tatsache, daß die verkauften Kühlschränke allesamt nicht nur von ihm selbst entwickelt, sondern auch noch von ihm persönlich angefertigt worden waren. Einer, der nicht nur der schönen Worte mächtig war, sondern darüber hinaus auch noch anpacken konnte, das hat sie ihm derart um den Hals geworfen, ihn sich in ihr Herz eingraben lassen, daß sie für ihre Familie unrettbar verloren war. Die war nämlich über diese Verbindung alles andere als glücklich. Ein Ingenieur wäre vielleicht gerade noch akzeptabel gewesen. Aber ein Händler, auch noch einer, der auf Wochenmärkten feilbot, was man ja nun wahrlich nicht benötigte, da man schließlich tiefe Keller hatte, in denen man kühlte, mit Eis, das geliefert wurde wie seit Jahrhunderten, und seien es auch nur zwei, und alles andere immer frisch angelandet wurde ... Wirklich nicht. Alles mögliche unternahm man, dem Töchterlein diese Herzschmerz-Flausen auszutreiben. Es nutzte alles nichts. Das Fräulein Tochter zog mit dem jungem Mann über die Dörfer. Nachts bauten sie Kühlschränke, tagsüber verkaufte man sie. Was ihr nach jahrelangem üblen Gezerre mit der Familie blieb, war das, was diese schließlich als Pflichtteil des Familienerbes herausrückte, ein Schlößchen, ein Kasteel, wie's im Land heißt, eine der vielen Latifundien aus dem Besitz der blaublütigen Sippschaft. Dort lebte man dann. Privat. Die in der Folge entstandene Kühlschrankfabrik mit circa zweihundert Arbeitern, die die beiden in jahrelanger mühsamer Arbeit aufgebaut hatten, befand sich etwa vierzig Kilometer entfernt, am Rand des altehrwürdigen Gent. Dorthin fuhr er jeden Tag sehr früh, jedoch grundsätzlich erst dann, nachdem er alle Familienmitglieder ausgiebig begrüßt hatte, mit seinem von mir damals seiner Eleganz wegen bewunderten königsdunkelblauen Volvo 164. Abends spät kam er wieder zurück, aber immer so, daß er mit der Familie gemeinsam speisen konnte, zumindest jedoch, daß er sich von allen seinen vielen Kindern wenigstens noch verabschieden konnte bis zum nächsten Morgenküßchen. Flott war er immer unterwegs. Es sei angenehmer, etwas rascher voranzukommen, sagte er mir im Lauf eines der vielen Gespräche im Blauen Salon, in dem diese nach dem Essen grundsätzlich stattfanden. Er muß von der Richtigkeit seiner These überzeugt gewesen sein, dieser immer ruhige, auch gelassen, jedenfalls nie die Contenance verlierende und deshalb sehr viel mehr als seine (mittlerweile?) etwas bäuerlich scheinende Frau altadlig wirkende außergewöhnlich gutaussehende, gut einsneunzig hohe elegante Mann. Viele Menschen führen nicht sonderlich gekonnt mit ihren Automobilen, weshalb es besser sei, vor ihnen weg zu fahren anstatt hinter ihnen. Zwar habe er in der Regel den Tempomat – damals in Belgien in Stadtnähe noch nicht mit Verbot belegt, das er sicher nie übertreten hätte, und wenn doch, dann nur ein klein wenig – eingeschaltet, aber wenn er in diese Situation käme, setze er die Konstanz mittels Gaspedal eben außer kraft. Ansonsten rollte diese vitale Sanftmut immer sehr gelöst über den Kies, seinen tagwerklichen Kühlschränken entgegen. Ein junger Akademiker, das mußte damals Auslöser dieser Initiationsriten gewesen sein, der paßte wohl ins Familiengefüge; ein geisteswissenschaftlicher, na ja, aber es würde die mittlerweile doch recht ausgeprägt ingenieurstechnische Ausrichtung etwas ausgleichen. Der Vater war nämlich einer, wie man sich einen für Jungs vorstellt, auch wenn es einige Mädchen gab in dieser Familie mit acht Kindern, drei davon adoptiert und leicht belgisch-kongonial pigmentiert, man habe schließlich auch Verantwortung gegenüber der Geschichte und nicht zuletzt den Menschen. Fast der gesamte Hofstaat dieses Mikrokosmos nahm mich also in Empfang, mich Anwärter. Nie ist mir klargeworden, was die junge Frau den Eltern vor- oder eingeflüstert haben mag. War das Wohlanständigkeit? Da ich nie einen Versuch unternommen hatte, sie zu «begreifen». Einer, der nicht gierig immer nur an das Eine dachte? Vielleicht hatte sie ja Mutters tief im 19. Jahrhundert wurzelnde edle Gesinnung verinnerlicht. Möglicherweise überstieg es ihre geistige Flexibilität: denn einer, der eine solche Einladung annimmt, kann anderes nicht im Sinn haben als eine dauerhafte Beziehung, die in eine glückliche, nicht zuletzt kinderreiche Familie mündet. Hatte sie nicht zugehört, als ich ihr im friedlichen Voralpenland von meinem sich gerade anbahnenden eher wildernden Leben erzählt hatte, aus dem hervorging, daß ich nach einer, wie man das damals so nannte, gescheiterten Ehe erhobenen Hauptes schwor, nie, aber auch wirklich nie wieder zu heiraten? Also keinerlei Interesse vorhanden war, ich nichts anderes wollte, als mal zu nachzuschauen, ob das alles stimmte, was sie mir von ihrem Zuhause erzählt hatte, und zwar in einer derartig ruhigen und bescheidenen Art, daß einer wie ich sich das schlicht nicht vorstellen konnte: dieses riesige Haus, ja, Haus nannte sie dieses fußballplatzgroße und mindestens genauso hohe, umtürmte Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert, diesem neben dem Städtchen gelegenen Park mit angrenzenden Stallungen, mit Reiterei und Tennisplatz, einem Gelände, in dem der vierzehn- oder fünfzehnjährige Bruder mit seinem von Papa angeschafften Rennkäfer krachende Runden drehen durfte. Heute, gute fünfunddreißig Jahre später, ist mir klar, daß ihr ein anderes als dieses jungfräuliche Denken gar nicht möglich war. Sie war in einer Art Kloster aufgewachsen, mit der Mütter als Äbtissin und dem Vater als Abt. Die wollten ihrem ältesten Mädchen vermutlich ein Minimum an Ausbildung zur höheren Tochter angedeihen lassen und schickten sie deshalb hinaus in die Welt der Sprachen. Wie Japans Töchter Klavier und Gesang lernen, lernen die des alten belgischen Adels eben Deutsch, Englisch, Französisch und vermutlich dann auch noch Italienisch und Spanisch. Aber vor ihrem ersten Ausflug in Goethes voralpenländische Dependance war die junge Frau noch nie aus ihrer familiaren Gemarkung herausgekommen. Die Schule, sicher. Aber direkt anschließend ging's kerzengerade nach Hause. Mit dem Automobil, abgeholt von Mutter. Sonstiger Kontakt zur Außenwelt fand nicht statt. Besuch wurde nicht empfangen im Kasteel. Wer auch nur einen Fuß hineinsetzte in den Park, wurde sofort von der wilde Hundemeute aufgespürt und dorthin zurückgejagt, wo er hergekommen war. Alles wurde geliefert. Und wenn etwas nicht geliefert werden konnte, brachte der Vater es mit. Es gab nichts, was er nicht bereits mitgebracht hätte. Und wenn die geradezu unglaublich liebevolle Glucke oder eines ihrer Behütlinge auch nur die Spur einer Wunschäußerung von sich gaben, bekamen sie es in der Regel am Abend präsentiert. Nie zuvor und auch später nie wieder habe ich je ein so perfekt ausgestattetes Haus erlebt. In diesem komplett unterkellerten, auch unten drin nie unter drei Meter Höhe messenden Haus befand sich die Kinderwelt. Mindestens hundert Quadratmeter dürfte alleine die Spielzeugeisenbahn gehabt haben. Überall stand und lag alles Erdenkliche an Fahrzeugen für die Kleinen herum, nicht nur Rollschuhe, auch Tore standen da, Rollhockey wurde gespielt. Wenn das Wetter das Toben draußen nicht zuließ. Was ja, wie wir von Jacques Brel wissen, des öfteren vorkommt im flachen Land. Eine wilde Meute jagte dort den ganzen Tag herum. Oben war nichts zu hören, so massiv und schalldicht war das Haus gebaut. In der etwa fünfzig, wenn nicht mehr Quadratmeter großen Küche hätte die Belegschaft der Kühlschrankfabrik problemlos bekocht werden können. Noch nie hatte ich eine solche Einrichtung gesehen. Der Gasherd achtflammig. Vierfache Bain-Marie. Alle möglichen Back- und Grillöfen. Soviel Kupfergeschirr, daß Italien ausverkauft gewesen sein mußte. Feinstes Geschirr in Mengen, die ausgereicht hätten, den belgischen Hofstaat zu bewirten. Es gab schlicht nichts, das es nicht gab. Aber auch keine Außenwelt. Doch aus eben dieser war ich gekommen. Was mit mir passierte, das muß ich der Länge wegen wohl das nächste Mal erzählen. Das oben abgebildete Kasteel ist nicht identisch mit dem Ort, an dem ich (sehr gerne) zu Gast war. Es soll lediglich Ähnlichkeiten vermitteln, und die sind ausgeprägt vorhanden beim Rood Kasteel in Linden, ebenfalls in Belgien. Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig, Anbahnungen, Unter Eulen, Die Behütete, Blumenkohl und Pannekoeken, Adeliges Tennis, Nationalgericht, Das Süße und seine Fährnisse, Fluchtgedanken, Gnadenmahl oder Reiche Stunden. Der Reise vierzehnte Folge.
|
Jean Stubenzweig motzt hier seit 6592 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
Zum Kommentieren bitte anmelden.
AnderenortsSuche: Letzte Kommentare: / Echt jetzt, geht noch? (einemaria) / Migräne (julians) / Oder etwa nicht? (jagothello) / Und last but not least ...... (einemaria) / und eigentlich, (einemaria) / Der gute Hades (einemaria) / Aus der Alten Welt (jean stubenzweig) / Bordeaux (jean stubenzweig) / Nicht mal die Hölle ist... (einemaria) / Ach, (if bergher) / Ahoi! (jean stubenzweig) / Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut. (einemaria) / Sechs mal sechs (jean stubenzweig) / Küstennebel (if bergher) / Stümperhafter Kolonialismus (if bergher) / Mir fehlen die Worte (jean stubenzweig) / Wer wird schon wissen, (jean stubenzweig) / Die Reste von Griechenland (if bergher) / Richtig, keine Vorhänge, (jean stubenzweig) / Die kleine Schwester (prieditis) / Inselsommer (jean stubenzweig) / An einem derart vom Nichts (jean stubenzweig) / Schosseh und Portmoneh (if bergher) / Mit Joseph Roth (jean stubenzweig) / Vielleicht (jagothello) «Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.» Suche: Andere Worte Anderswo Beobachtung Cinèmatographisches + und TV Fundsachen und Liebhaberstücke Kunst kommt von Kunst La Musica Regales Leben Das Ende © (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig |
|
|