Abnehmender Mond

Sätze, die mich seit gestern arg beschäftigen:

«Vor zwei Wochen wusste ich noch nicht mal, dass die Wissenschaft, die sich mit bösartigen Tumoren im weitesten Sinne befasst, Onkologie heißt. Inzwischen habe ich auch noch dazugelernt, dass man von Palliativmedizin spricht, wenn es darum geht, Schwerstkranken das Leben (und den Abschied von selbigem) etwas zu erleichtern (gestern habe ich noch gedacht, es heißt «pallitativ» ...). Worauf ich hinaus will: Auf einer Website zum Thema Speiseröhrenkrebs habe ich gelesen, Chemotherapie fällt im so weit fortgeschrittenen Stadium wie bei mir bereits unter Palliativmedizin.

So sieht's aus, und der Mond nimmt gerade ab.»

Was möchte man da noch, und sei sie noch so klein, an (Mehr-oder-minder-)Weisheit der Welt verkünden? Gedichte? Allenfalls ein Maldoror, ein direkter Zusammenhang ist nichtmal schlüssig, ich kann es nicht erklären, aber er zieht mir unablässig durch den Kopf. Einen moderaten Maldoror gibt's nicht. Auch wenn er manchmal in den Satzänfängen (hier bei der Übersetzerin Ré Soupault auf Seite 18) so klingen mag.

«Beim Schein des Mondes, nahe am Meer, sieht man, an einsamen Stellen der Landschaft, in bittere Gedanken versunken, alle Dinge gelbe, verschwommene, phantastische Gestalt annehmen. Der Schatten der Bäume gleitet, bald schnell, bald langsam, kommend und gehend in wechselnden Formen, sich flach an den Erdboden pressend. Einst, als ich auf den Flügeln der Jugend davonflog, schien mir dies seltsam und ließ mich träumen; jetzt bin ich daran gewöhnt. Der Wind seufzt durch die Blätter sein sehnendes Lied und die Erde klagt ihr tiefes Weh, so daß sie dem, der sie hört, die Haare sträuben.»

Die Gesänge des Maldoror
 
Mi, 15.07.2009 |  link | (2125) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten



 

Elektronik versus Mechanik

Eigentlich wäre es ja dem Bereich Fluch(t) der Mathematik zuzuordnen. Aber da in den letzten Stunden mehr oder minder heftig über diese Thematik debattiert wurde, widme ich ihm einen gesonderten Eintrag, nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Tatsache, daß das Buch, aus dem das nachfolgende Zitat stammt, 1999 erschienen ist und ich ein Stück schmunzelnder Erinnerung hervorkramen durfte.

«Monsieur Ruche holte sein kartoniertes Heft heraus — es war schwer —, schlug es auf, blätterte darin. Zum Glück hatte er ein dickes Heft gekauft, denn es war schon ziemlich vollgeschrieben. Dick und schwer. Er packte seinen völlig neuen Federhalter aus, den ihm eine seiner ehemaligen Kundinnen kürzlich aus Venedig geschickt hatte, Ganz aus Glas! Nicht nur der Griff, sondern auch die Feder. Aus gedrehtem Glas. Er kam direkt aus Murano, ‹vor meinen Augen angefertigt›, hatte sie ihm in dem kleinen Begleitbrief versichert.

Er stellte sein Tintenfaß auf den Tisch, drehte den Deckel auf, tauchte die Feder ein und ..., überall um ihn herum wurde die Arbeit unterbrochen. Seine Nachbarn starrten ihn befremdet an. Erst jetzt bemerkte Monsieur Ruche , daß er in der Ecke mit dem Labtops saß. Er war von schwarzen Portables umgeben, deren graue Kabel in weißen Anschlußbuchsen steckten!

Glücklicherweise hatte er sich riesige mathematische Lexika und nicht weniger imposante Abhandlungen zur Wissenschaftsgeschichte bringen lassen, die einen Schutzwall bildeten, hinter dem er Deckung fand. Er tauchte seine Glasfeder in das Tintenfaß und begann zu schreiben. Die Feder knirschte. Sofort brach überall um ihn herum ein Rattern los. Auf den Tastaturen ringsherum wollten nervöse Finger ihn an die Überlegenheit der Elektronik gegenüber der Mechanik erinnern.»

Angefügt sei, daß man der Mathemathik verfallen sein, zumindest aber diesem Teil der Wissenschaftshistorie anhängen sollte, um sich diesem Buch zur Gänze hinzugeben: es läßt Mathematik und Philosophie wieder eins werden. Andererseits ist die transportierende Rahmenhandlung in einem mit dem Protagonist aussterbenden Paris, wie sie möglicherweise nur ein im Maghreb verwurzelter Autor erfinden kann, skurril genug, um allein als Erzählung genossen zu werden.


Aus: Denis Guedj, Das Theorem des Papageis, 1999 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; Le théorème du perroquet, 1999 Éditions du Seuil, Paris

 
Mo, 13.07.2009 |  link | (3661) | 18 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino



 

Über Sieben Eichen woll'n wir geh'n

Eingeknickt. Der Druck war offensichtlich zu stark. — Wegen anhaltender Ermutigungen den geduldigen Ermutigern und erbauenden Lesern gewidmet.

Per Anhalter ins Paradies, Fliegend über die Berge, Anhalters Bahnhof, Grabungsvolle Hymnen, Anhalters goldener Käfig, Anbahnungen, Unter Eulen, Die Behütete, Blumenkohl und Pannekoeken, Adeliges Tennis, Nationalgericht, Das Süße und seine Fährnisse, Fluchtgedanken, Gnadenmahl oder Reiche Stunden. Der Reise vierzehnte Folge.


Da lag ich Unadliger nun in meinem adeligen, elisabethanischen Hochbett, ließ alle unguten Gedanken am Ende dieses Teils meiner Geschichte rasch hinter mir und sinnierte mich in die damalige Metropole der wohlen Lust, die etwas später im französischen Kino als À nous les petites Anglaises synonymisiert worden war und wovon ich nicht weiß, ob es des übersetzten Titels wegen heutzutage auf der deutschen Datenautobahn zumindest bildlich nicht mit einem einem Haltezeichen versehen worden ist. Bald sollte Herr Freud in seinen schönsten Irrungen mir dabei behilflich sein, Siebeneichen (das sich mir sehr viel später völlig anders, vermutlich auch altersbedingt weniger belastend darstellen sollte) hinter mir zu lassen und über die kentischen Berge zu fliegen gen Londinium, um mich dann dort von Ochsen durch die Suche nach keltischen Formen und anderen Sehenswürdigkeiten ziehen zu lassen.

Die Situation sollte sich jedoch verändern, eine, die ich Jahrzehnte danach anderenorts und in anderem Zusammenhang als äußerst angenehm enpfinden sollte, mich hier allerdings befremdete. Hier bereits trautes Heim, nach einem behördlichen Akt, der der (Un-)Schuld und ihrer Sühne geschuldet war. Ich also, seltsam gekleidet und in den letzten Wochen in zwar gewohnter, aber irgendwo und -wie anders geformter Begleitung. Hatte sich am Ende gar ein durch und durch katholischer Akt vollzogen? Immerfort hatten sich unsere Gesichter auf merkwürdige Weise verändert. Und auch, als man uns Dank der des in den Adel eingeheirateten Jonkheers Vater zur Verfügung gestellten würdigen Mittel zu einer angemessenen, aber nicht unbedingt landesüblichen Weihestätte transportiert hatte, boten wir noch einen anderen Anblick. Aber wie ich's auch betrachten wollte, es blieb ein Desaster.

Er hatte es mit Hilfe seines Vasalls Petrus — oder hieß der Moulis, so genau erinnere ich mich nicht mehr — offenbar doch geschafft. Hatte er mir was gänzlich Unprotestantisches reingetan in den katholischen Nektar, ihn im Religionskrieg, im Kampf gegen das aufklärerisch Unkonventionelle schmählich verfälscht? Bei Prinzessin Töchterlein war das ja offensichtlich nicht nötig gewesen. Papa hatte ihr einen Akademiker verordnet, und da der zudem gerne Auto fuhr, ihr Fortkommen demnach gesichert war, würde sie ihn ohnehin genommen haben. Daß sie nun auch noch Mevrouw Dokter geheißen werden würde, erleichterte ihr das Leben doch ungemein, hatte es doch nun endlich ein Ende mit der lästigen Lernerei. Und da der Gatte auch noch wenigstens der für die Konversationen erforderlichen Sprachen mächtig war, durften auch die ewigen Sprachschulungen in aller Welt storniert beziehungsweise für alle Zeiten vergessen werden. Angekommen war sie. Zwar hatte das bei ihr weiter kein allzu umfangreiches Denkinstrumentarium erfordert, aber Mijnheer Vaters Befehlswunsch war ohne die ewige Diskutier- oder Debattiererei oder wie auch immer das genannt werden wollte — auch dafür war nun die bessere Hälfte zuständig — umgesetzt worden. Und auch Jonkvrouw Mutter sah nicht unglücklich aus. Daß der frische Gatte nicht rechnen konnte, würde seiner Karriere schon keinen Abbruch tun, zumal man den Unternehmer ohnehin bereits im Hause hatte. Der würde ihm schon vorrechnen, wieviele kostbare Gulden, pardon Franks, er mit seinen gelben Stinkedingern durch den Kamin hinausqualmte. Und in der Folge wär' auch der aus. Wer's warm haben wollte, müßte bei Mutter in der Küche sitzen, wo's außerdem immer was ordentliches zu futtern gab, nicht mehr dieses schlabbrige und überhaupt fischige Zeug aus dem kalten Meer, oder sich im Büro, noch effektiver vielleicht am Kühlschrankmontageband mit Arbeit aufheizen. Ach nein, letzteres käme ja nun nicht mehr infrage, das wäre irgendwie demütigend und auch entwürdigend für sie als Ehefrau.

Und schon klopfte es fordernd an seiner Tür, man müsse los, es stünde schließlich einiges an, rief die ehemalige Jungfrau. Wie hatte er sich nur hingeben können, wie konnnte das nur geschehen, dachte er noch und vergrub sich voller Gram und Jammer in die (noch?) bestickten Kissen, da pochte es erneut, aber sein Herz nicht mehr, da sein Leben samt der jungen Keltinnen in London ihm entglitten war und er sich nun sogar mit dem unangenehmen belgischen Sankt Bernhard würde anfreunden müssen, es war erneut die Prinzessin. À propos — würde er am Ende jetzt gar Jonkheer genannt, zumindest aber Mijnheer? Aber das war dann doch nicht so elementar wichtig im Augenblick, denn die Gattin machte sich schon wieder an der Tür bemerkbar und rief irgendwas von einem kommenden oder fahrenden Schiff und von irgendwelchen sich erfüllenden Träumen, auf jeden Fall eines, das nicht auf uns warten würde in Calais für die Überfahrt nach Dover. Und sie würde schließlich auch erwartet in Sevenoaks.

Da kam ich zu mir. Ich würde später angenehmere Träume haben im Zusammenhang mit Ehe und Familie.


Ouf! Immer diese Träumereien. Jetzt benötige ich dringend die gestern angekündigte Pause.

Keine der hier hyperverlinkten Abbildungen steht in einem Bezug zur Geschichte, zumindest nicht der hier erzählten.

 
Do, 09.07.2009 |  link | (4022) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Belgischer Adel



 







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