Die Musikhütte brennt

Ein alter Weggefährte nicht nur der Musik bringt mich auf den Pfad des Bewerbers. Im Bürgerengagement sei er gelandet. Es ist derjenige, der mir so unnachahmlich das Höhlen-gleichnis in der platonischen Musik verständlich machte:
Zuerst das Bekenntnis: Ich liebe laute, abgefahrene Musik. Äolisches, Phrygisches und Mixolydisches, Gregorianik und Neumoskribiertes, Bruckner, Frank Zappa und Portishead, Cecil Taylor und John Zorn. Alles fortissimo, alles dB-intensiv. Für mich ist Musik mehr Implosion, nicht so sehr Teilhabe. Sie ist kein soziokulturelles Bindemittel mehr, und ich bin temporärer Datenträger in einer auf handlichen Konserven beruhenden akustischen Vermittlung. Ich bin soz. das gemeine Musik-Schwein. In einer Art autistischer Selbstverteidigung schnalle ich mir den Kopfhörer um und ziehe die Regler auf. Zeit, Raum und Mitwelt bleiben ausgeschaltet: ich zelebriere, lasse mich fertig machen ohne SM-Gefühl! Verliere ein paar Kilo, nachdem ich Jazz Composer's Orchestra ohne Pause durchgehört habe. Nebenprodukte sind heiße Ohren und eine solipsistische Freude am heimlichen Euphorikon.
Von diesem Sonnenloch da unten hatten wir schon einmal Partitürliches. Mit einem weiteren, dieses Kreises der Hausmusik saß ich einst nächtens bis früh um sechs und hörte Schubert bis zum Abwinken, begleitet von immerwährenden einseitigen Anmerkungen, Sibelius sei nicht einmal im Kopf zu ertragen. Das Abwinken geschah mittels eines Wettbewerbs zwischen italienischen und französischen Rotweinen. Sieger wurde ersterer, aber auch nur, weil er aus dem Piemont stammt, und der schmeckt nunmal wie ein (Rand-)Franzose. Über Avantgarde zu dikutieren, dafür bestand kein Bedarf. Nichtigkeiten, alle krank.

Nun bewerbe ich Avantgarde. Dabei handelt es sich längst um Kirchenmusik. Aber ich bewerbe gerne mit, nicht zuletzt, da dort unten, im Südwesten der Republik nahe dem schwäbischen Meer mit Rudermöglichkeit zum Fluchtland Schweiz, Festivitäten immer so genannt werden durften. Wollte ich mich südlich fühlen, dann reiste ich dorthin. Innerhalb Deutschlands habe ich nirgendwo anders solche Fêten gefeiert. Und nicht nur ich, auch andere fuhren dorthin, ums brennen zu lassen.
Vor 25 Jahren, im Dezember 1987, kam John Cage für ein langes Wochenende nach Weingarten und Ravensburg. Die Gesellschaft für Neue Musik Oberschwaben hatte ihn eingeladen, seine neueste Komposition vorzustellen. Cage hatte in Sommer an der documenta 8 teilgenommen und war gerade 75 Jahre alt geworden. Beinahe wäre die Begegnung im letzten Moment gescheitert. Denn als alles arrangiert war, brannte die Frankfurter Oper, wo die Uraufführung von ›Europeras 1 & 2‹ unmittelbar bevorstand, ab. Der Besuch und die geplanten Konzerte wurden verschoben, waren dann aber ein grandioser Erfolg.
In Frankfurt (am Main, nicht fast in Polen) gaben einst die Taxifahrer über Funk durch, die Oper brenne, wenn die Lichter im Foyer angingen, weil Schluß war. In Ravensburg gehen die Lichter an, weil's losgeht mit der Musik. Auch der Gestalter des Flugblatts, nein, ich weigere mich, den neudeutschen Begriff zu verwenden, derjenige, der mir mittels eines Fuders Wein Schuberts Kunstlieder einzuschenken versuchte, brennt nach wie vor lichterloh. Er verwies in seiner Monographie innerhalb des Kritischen Lexikons der Gegenwartskunst auf den Schriftsteller, in dem es immer glüht:
Etwas haltbar machen in diesem endlosen
Flimmern, das einem den Blick verwirrt.
Federico García Lorca sagt: Kunst muß den
Dämon haben, nicht den Engel und nicht die Muße.

Die Ahnung von der anderen Seite, der abgewandten Seite, dunkel genug, und die lustvolle Beziehung zu den Dingen. Bruder Leichtfuß.

Ich behalte mir vor, mich anders zu entscheiden.
Das komplette Programm.
 
Mi, 22.08.2012 |  link | (1240) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Nachhut der Vorhut

Mit Henner Reitmeier korrespondiere ich mittlerweile ein wenig. Er hat auch einiges zu bieten. Zuletzt kam die Musik zur Schreibe. Er schrieb mir, bei den Vorlieben täte sich zwischen ihm und mir offensichtlich ein Graben auf. Ich schütte ihn ein bißchen zu, indem ich kundtue: Ich habe in jungen Jahren beinahe alles gehört. Teilweise tue ich das auch heute noch, solange es kein Pop oder sogenannter Rock oder ebensogenannte Volksmusik ist. Ich habe eher hier oder dort zugehört beziehungsweise lausche dem auch weiterhin und schalte mich auch gerne dort zu, wobei mir im Radio France musique die breiteste Palette bietet. Auch Reitmeiers musikalische Äußerungen haben etwas, bei dem ich keinen Gehörschaden erleide, wenn es meine Welt auch nicht unbedingt ist, erfuhr doch das, nenne ich Unwissender es mal so, Bardische bei mir selbst zu seinen Hoch-Zeiten nur marginale Zuhörbestimmung. Ich war dem breiteren Verständnis von Musik bereits relativ früh davongelaufen. Auslöser zur Grabenbildung dürfte allerdings mein ausgewiesenes Bekenntis zum Free Jazz gewesen sein, wobei ich die alles auslösende Encyclopedia Wikipediana allem voran in diesem Abschnitt lobend erwähnen möchte:
«Der Begriff selbst kann zu Missverständnissen führen, da eine Freiheit in Bezug auf die herkömmlichen Spielhaltungen des Jazz nur bedingt genutzt wird und es neben einer völligen Freiheit in der Form (Free Form Jazz) durchaus Improvisationen gibt, die auf Kompositionen und kompositions-ähnlichen Absprachen über Strukturen beruhen.»
Es mag ohnehin die Nennung des Jazz Composer's Orchestra gewesen sein, bei der Reitmeier sich möglicherweise an einem Reizwort im Wikipedia-Eintrag festgebissen hat, das ihn offensichtlich zu dieser Retoure veranlaßte:
«Für mich macht der Avantgardist zumindest das Folgende. 1. sitzt er der Ideologie des Fortschritts auf. 2. unterliegt er dem Neuigkeitswahn. 3. macht er es sich bequem, ist es doch leichter, eine Form zu zerstören als eine zu schaffen. Damit ist er, nebenbei gesagt, der ideale Mann für den ‹innovations›geilen Kapitalismus. Sie werden vielleicht einwenden, das sei sehr pauschal gesagt. Recht haben Sie.»
Mein möglicherweise nach hinten gerichteter tunneliger Blick: Mit der Avantgarde habe ich's eher weniger; der Wikipedia-Text über das Jazz Composer's Orchestra hebt sie in quasi historischer Sichtweise notwendigerweise ein wenig hervor, da die Vorhut in den US-amerikanisch bedudelten frühen Sechzigern der Bundesrepublik kampfgesinnter war oder schlicht zeitgenössisch voranschritt. Auch diese swinging Sixties waren noch eine ganze Weile eine neuerliche Zeit des Aufbruchs in den Fortschritt nach dem zweiten Weltkrieg, alles schrie nach Erneuerung. Zwar war es keine kunst-, aber durchaus eine kulturhistorische Zäsur, mit der nach dem großen Aufräumen das Umdenken eingestimmt werden sollte. Nicht nur in Deutschland war vieles, in den meisten Städten nahezu alles zerstört. Es mußte nach wie vor neu gebildet, neu (auf)gebaut werden. Da Henner Reitmeier in anderem Zusammenhang auf die Bemerkung von Mies van der Rohe hingewiesen hat, weniger sei mehr, komme ich auf die Architektur zurück. Darin machten sich nämlich manche das in den Hintergrund gebombte Neue zunutze, denen es nicht wirklich um Erneuerung ging, sondern die lediglich das wenig bekannte Neualte aus den Trümmern gruben und es dabei je nach Gewinnorientierung oder auch Gusto lediglich umbauten oder besser: die Idee der Teilevorfertigung ausschlachteten. Für die daran ohnehin weniger Interessierten mit ihren obendrein alltäglicheren Sorgen war das, wie auch immer es angewandt wurde, in der Regel neu, zu neu, auch wenn die Wurzeln des Neuen Bauens bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten. Im Zusammenhang mit der Architektur habe ich das hier skizziert und auch dort geschildert; es mag für andere Disziplinen gleichermaßen gelten.

Ich sehe diese neue Vorhut allerdings ohnehin allenfalls stürmisch die rund hundert Jahre zurückliegende Vergangenheit berühren, etwa im in den Anfängen des 20. Jahrhunderts begründeten Futurismus, der eine neue Kultur schaffen wollte. In ihm wurde die Geschwindigkeit, «die Liebe zur Gefahr» besungen, die Vertrautheit mit «Energie und Verwegenheit», der Krieg ward, hier etwas flapsig neben der Spur, da einst mit dem Herrn ein anderer gemeint war, aber eben im zunehmend abgleitenden Wortsinn verherrlicht als «Mittel der Hygiene». Ein «Kunstwerk ohne aggressiven Charakter» durfte schließlich «kein Meisterwerk sein». Der italienische Futurismus rief das anarchistische Element aus, doch das hierarchische behielt letztendlich die Oberhand, das männliche obendrein, die «Verachtung des Weibes» mag dafür als Beispiel gelten. Es mündete recht bald in Kriegstreiberei, nicht wenige, auch deutsche Avantgardisten, zogen mit Hurra-Gebrüll in den ersten Weltkrieg, allen voran gegen die Franzosen, dafür wurde lange eine Stimmung gemacht, die in ihrer Propaganda größtenteils in den allmachtsbesoffenen napoleonischen Eroberungsfeldzügen wurzelte. Manches hinterließ deutliche Spuren im Faschismus, beispielsweise durch die Tatsache, daß Marinetti die Nähe zu Mussolini gesucht und gefunden hatte. Und es dürfte ja hinlänglich bekannt sein, wer hier letzten Endes mit wem paktiert hat.

Das wiederauflebende allgemeine Hervorheben des Begriffs mag mit der neuerlichen Manie um die Geschwindigkeit zu tun haben, die uns als Fortschritt suggeriert wird. Es dürfte jedoch auch mit der allgemeinen Tendenz zu tun haben, daß eine arrière-garde, also die Nachhut, mit ihrem Halb- oder Viertel- oder vor lauter rasch reingezogener Information bald gar nichts mehr Wissen den Begriff in den Vordergrund rückt. Dazu geört gleichermaßen die Kreativität, gegen die an sich nichts einzuwenden wäre, würde sie nicht ständig gerade von denen mißbraucht, denen sie abzusprechen ich geneigt bin. Sie verwenden sie in einem Atemzug mit Inhalten, denglish oder im Germslang verbogen, indem sie von content schreiben oder reden. Diese Sinnentleerung von Begriffen nennen sie erkundend Vorausgehen. Und die Armee der nach Neuem als Beute Gierigen trottet hinterher. Dabei ist Avantgarde nun wirklich ein alter, militärischer Hut, der ausgedient und schlapp an einer alten sprachlichen Fahne hängt, von der viele, vor allem jüngere oder jungseinwollende Menschen offenbar meinen, sie müßten sie aus dem Fundus holen und aufbügeln, obwohl sie ansonsten die allerneuesten Fähnlein in den Wind hängen. Bereits vor dreißig Jahren habe ich Avantgarde mit größter Zurückhaltung eingesetzt.

Mir geht es nicht einmal um einen Anflug dessen, was bei dieser anderen Musik das Vorausschreiten oder den Fortschritt assoziieren könnte. Es ist mir nichts weiter als, eben, eine andere Musik. Und so, wie ich sie kennengelernt habe, zerstört sie auch nicht unbedingt alte Formen, sondern läßt häufig in ihnen Erweiterungen, neue Hörperspektiven entstehen. Viele der scheinbar chaotischen Freejazzer, die ich kennengelernt habe, das nebenbei, haben ohnehin klassische Ausbildungswege beschritten, sowohl an ihren Instrumenten als auch in Kompositionslehre et cetera. Das trifft auch auf die meisten Kreateure der Neuen Musik zu. Deren schlicht zu wenig eingängige Töne wollte ich zunächst auch überhaupt nicht lauschen, lange Zeit habe ich mich gar gewehrt, mir das intensiv anzuhören, gechweige denn in Konzerte dieser Art zu gehen. Dann hat es nach langen Gesprächen der Münchner Komponist Cornelius Hirsch tatsächlich geschafft, mich Anfang der neunziger Jahre doch dazu zu bewegen. Mir war während der darauf folgenden Musikdarbietung dann zwar klar, daß es auch weiterhin nicht die Richtung sein wird, die ich zu gehen gedenke, aber sie hat mich immerhin dazu inspiriert, wenigstens genauer hinzuhören und sie nicht mehr grundsätzlich abzulehnen. Hin und wieder habe ich dann auch neuerlich ein Konzert besucht, auch Opern zeitgenössischer Komponisten. Auch fällt es mir mittlerweile wesentlich leichter, Arnold Schönberg zuzuhören. Aber der ist der ohnehin längst ein Klassiker.

Der Free Jazz, zu dem ich mich bereits in jüngeren Jahren, etwa im Alter Anfang bis Mitte zwanzig, hingezogen fühlte, möglicherweise deshalb, da ich mich von den musikalischen Zwängen des Elternhauses, genauer den dominanten mütterlichen mit der griechischen Sirene Callas und ihren Kreischsägengesängen bis Signore Carusos Geschmelze oder Monsieur Tchaïkovskis dauer-dudelndem Concerto pour piano bémol mineur numéro un, zu befreien versuchte, hat mir tatsächlich einiges an Freiheit gegeben. Bis heute höre ich Alexander von Schlippenbach sehr gerne zu, wennauch am liebsten die früheren Stücke, wohl in Erinnerung an die (mich) befreiende Maltraitierung (s)eines Konzertfügels, ebenso das Jazz Composer's Orchestra, bei dem es mir bisweilen so geht wie Herbert Köhler in dessen Platonischer Musik. Aber daß mir dabei Avantgarde destruktiv im Hirn herumsaust, das läßt sich nun wirklich nicht behaupten. Für jemanden, der das seit Jahrzehnten hört, klingt das ohnehin wie Klassik, wie erfrischende Musik, die irgendwann von alter oder überhaupt Altem ausgelöst wurde. Allenfalls drängt sie mich, genauer zuzuhören, was ich bei anderen Tönen zu vernachlässigen neige. Ideologie des Fortschritts oder Neuigkeitswahn ist dabei alles andere als treibende Kraft. Das mag mir anhand anderer, auch hier beschriebener Vorstellungen von Leben durchaus abgenommen werden.
 
Mi, 11.04.2012 |  link | (1367) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Musikalische Zerreißprobe

Ich bin mir im klaren darüber, daß es wieder einmal schiefgehen wird mit der (Selbst)Ironie. Ein sich letztlich viel zu ernst nehmender Mensch bin ich dann doch, ein zerrissener obendrein, und zeitlebens werde ich das wohl bleiben. Seit frühester Zeit. Bereits zu Zeiten, als ich noch gar nicht eigenständig denken konnte, als das Gefühl noch übermächtig war, ahnte ich, ich würde es in die Schranken, es zurückweisen müssen, so etwas wie eine europäische Außengrenze errichten, weil ich meine Autonomie in Gefahr sah; der Unterschied zur Autarkie war mir noch nicht so recht bewußt. Also beschloß ich, der ich bis dahin die großen Denker allenfalls bruchstückhaft mitbekommen hatte, weil ich, auch in oder besonders gerne in der Schule, immer schon recht vor mich hinträumte (längst habe ich das umformuliert in Langsamdenken), dennoch ein Philosoph zu werden und mein Denkgebäude mit einer fundamentalen Formel zu beginnen: neunundvierzig Prozent. Diese sollten fortan nicht mehr überschritten werden. Der Rest sei Ratio.

Diese Erinnerung an die kontinuierlichen Geistesgefechte in meinem oberen Marsfeld kam mir, als die kontroversen Meinungen zur Musik von Hanns Eisler geäußert wurden, in denen es hieß: er sei ein politischer Komponist; er sei alles andere als das; Musik sei niemals politisch. Schon letzteres ist insofern äußerst schwierig nachzuvollziehen, als die Aussage bereits das Gegenteil belegt. Alleine die Behauptung, man könne mit Musik keine politische Überzeugung zum Ausdruck bringen, entbehrt jeder Grundlage, ist doch jedes unpolitische Verhalten bereits politisch. Wer mit einer solchen Begründung nicht wählen geht, leistet entsprechenden Auswirkungen Vorschub. Ich will mich auch gar nicht mal auf Eisler alleine berufen, der ausgeführt hat, was falsches Pathos anrichten kann: «Ich bin gegen die schlechten Komponisten, die Dummheiten, Schwulst, Dreck und Schwindeleien in der Musik ausüben. Ich bekämpfe das seit 1918. Heute ist 1961. Ich gebe zu, ich bin besiegt worden.»

Karajan als Beispiel fällt mir soeben (Kleist, paraphrasiert) ein, der Gefühle sensibler Menschen zugrunde zu richten vermochte, indem er Beethovens Neunte dirigierte, als würde ein Führer möglichst prunkvoll zu Grabe getragen werden müssen, um ihn schneller vergessen zu können, wie mich seine Interpretation des gehörlosen Meisters sanftes städterdenkerisches Hirtenspiel
Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Wie leicht ist in jedem Flecken dieses erfüllt! Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken? Schlägt alles fehl, so bleibt das Land selbst im Winter wie Gaden, untere Brühl usw. Leicht bei einem Bauern eine Wohnung gemietet, um die Zeit gewiß wohlfeil. Süße Stille des Waldes! Der Wind, der beim zweiten schönen Tag schon eintritt, kann mich nicht in Wien halten, da er mein Feind ist.»
Beethoven, Skizzenblatt von 1815,
als mich des schönen und reichen k.u.k-armenischen Ritters Herbert Pastorale fast taub machte wegen der lärmenden Nebengeräusche, den dieser Schwulst verursachte, wie der Deutschen Liebster Sibelius' Lande in einem Pathos durchritt, als ob er Goethes Erlkönig durch Karelien bringen müßte, um nur den Anschluß an die deutsche Breitenwirkung der Leidkultur nicht zu verfehlen. Nun gut, dieser zur Parade aufrufende Fahnenschwinger aus Österreich war schließlich kein Komponist, sondern eher Obermusikverwalter von Nachkriegsgefühlen, die den Meister aus Deutschland sterben lassen sollten und ihn doch immer wieder aufweckten. Außerdem trenne ich mich offensichtlich allzu schwer von einmal gefällten Urteilen. Das meine ich nicht, weil ich eine Art Nazirichter auch nach Kriegsende bin, sondern weil ich's immer wieder mal versuche, diesem Herrn zuzuhören. Gerade habe ich, um mich zu prüfen, nochmals Beethovens Fünfte angehört, obwohl das Wetter zumindest von innen nach draußen eigentlich eher eine pastorale Stimmung vermittelt, bei der der Stabschwinger ausnahmsweise mal richtig Geschwindigkeit in Formel-1-Manier vermittelt hat, vielleicht um die Touristen nicht zu vergraulen, die auch für europäische Musikgeschichte nicht mehr als eine Stunde Zeit haben, und ich muß dem Kommentator recht geben: «Vollgasfahrt». Das wird nichts mehr mit gemeinsam empfundenen Gefühlen zwischen uns beiden.

Diese Hoffnung sei politisch, meinte ein wenig unwirsch der Dirigent in der profunden Dokumentation von Ellen Fellmann zu den Bläsern, als die ihm während der MusikTriennale Köln 2010 in den Proben zu Eislers Deutscher Sinfonie offenbar zu getragen daherflöteten, -posaunten, -fagottierten et cetera. «Blasen sie sich die Lungen aus dem Hals.» Eine, eben diese eigenartige Ruhe sollte herrschen, so interpretiere ich das, die den konstanten Wind von hinten herantrug, der den Rücken stärkte gegen die übel paradierende Wind- und Rauchmaschine, die einem die Wahrnehmung vernebeln sollte.

Und dann wankte es wieder einmal in seiner Brüchigkeit, mein altes, mittlerweile historisch zu nennendes Fundament auf der Basis 49 versus 51, dieses Gewühl gegen Hertie. Mir verlärmtem Großstädter war nach Landleben wenigstens im Gehör zumute, und dann schmetterte es mir neutönende Hoffnung in die ohnehin lädierten Ohren. Wieder einmal zerriß es mich schier zwischen meiner hingabebereiten Sehnsucht nach sanften Harmonien, wie sie beispielsweise auch bei Edward Grieg oder Jean Sibelius säuseln, wenn man nicht genau hinhört, wie bei diesen Gefühlsduseleien, wie sie völlig verfehlte Geräuschkulisserien in ernsthaft ernstgemeinten Dokumentionen verursachen oder gar zielgerichet bei Werbekonsumenten jede Kritikfähigkeit außerkraft setzen sollen. Doch dann ging wenigstens der mir innewohnende schrebergartige, alles noch so winzige Chaos durch Ordnung ausgrenzende Jägerzaun hoch, der mir alpengleich den freien Blick aufs Mittelmeer verstellt. Ich stellte die Lauscher auf. Richtig. Ich schaute ins Innere hinterm Horizont. Wie bei den Composer's, Schlippenbachs oder ähnlichen Krankheiten. Den urteils- beziehungsweise Karajan prüfenden Beethoven hatte ich also wieder ins Gestell zurückgelegt, die olle Scheibe aus dem Regal genommen, die ich bei meinem trödelnden Nachbarn endlich mal gegen eine ganze Kiste voller Schwachheiten eingetauscht hatte, und Eislers Auslegung von Hoffnung zugehört. Und höre da: das Wohlgefühl des Erkennens und Verstehens kam auf in diesem Bekenntnis, nach dem Ratio und Emotio keineswegs Gegner sind, sondern über die obere Festplatte gesteuerte Partner. Man muß lediglich die korrekte Einstellung zulassen. Denn es ist letztlich ein leichtes, beim Gehen den Boden zu berühren, wie Herbert Achternbusch mal notiert hat.

Wem nach Nachhören zumute ist: Wie einst von arte aufgezeichnet und von Andershörenden in die Tube gestellt, kann's klingen.
 
So, 13.11.2011 |  link | (1381) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Chume, chum geselle min

Der Geselle läßt sich nicht lange bitten und verschwindet, nachgerade dem Alten Testament Folge leistend, mit der drallen Weißnäherin hinterm Busch. Die genüßliche Aufforderung mittelalterlicher Liedermacher entstammt den Carmina Burana, einer Sammlung wilder, geiler und zärtlicher Sauf-, Freß- und Liebeshymnen, die um 1800 in dem oberbayerischen Kloster Benediktbeuren gefunden und von Carl Orff neu vertont wurden.* Und der wollte die Beurener Lieder, als sein 81ster Geburtstag mit dem 650sten seines Heimatortes Dießen am Ammersee zusammenfiel, im dortigen Kloster aufführen. Doch die zunächst erteilte Genehmigung des Augsburger Generalvikariats wurde auf einen Protest der Pfarrgemeinde hin flugs wieder zurückgezogen. Die Frankfurter Rundschau kommentierte lakonisch: «Was in einem Kloster gefunden wurde, darf noch lange nicht daselbst aufgeführt werden.» Was Liedermacher dichten, muß also nicht unbedingt politisch sein, um Anstoß zu erregen. Die Carmina Burana gelten als Vorläufer der Studentenlieder. Und nachdem der Numerus Clausus die Studenten von der Straße wieder hinein in die Verrbindungslokale zurückgefegt hat, ist das Gaudeamus igitur wieder hochaktuell. Doch nicht nur die Akademiker in spe tanzen und saufen nach der alten Melodei. Mittelalterliche Laute sind heute allgemein wieder gerfagt. Gruppen wie Elster Silberflug oder Ougenweide scheinen den Interpreten der Politlyrik im Sinn von Väterchen Franz die Schau gestohlen zu haben.

Franz-Josef Degenhardt, 1972 in Hamburg in der CC-Photographie von Heinrich Klaffs, auf dessen Seite ich alleine deshalb gerne verweise, weil sie die Siebziger hervorragend dokumentiert — und da ist Musik drin.

Den Vater von Väterchen Franz namens Josef Degenhardt ficht die überschwappende Nouvelle Vague des Alten Lieds allerdings nicht an. Er, der 1963 die Pforte zum ersten deutschen Liedermacher-Festival auf Burg Waldeck aufstieß, verkauft nach Auskunft seines Vertreibers mehr Platten denn je. Knut Kiesewetter, der mit Gesängen wie Komm aus den Federn, Liebste vor zehn Jahren zehn Jahre zu früh auf den Markt kam und heute politisch konkreter textet, veräußert damit immerhin pro Scheibe dreißig- bis vierzigtausend Exemplare. Es gibt zwar das Fest auf Burg Waldeck seit 1975 nicht mehr, dafür aber liederliche Festivitäten in Mainz, Ingelheim, Nürnberg, Essen und viele andere mehr.

Dennoch ist die Szenerie der garstigen politischen Liedermacher der sechziger Jahre ganz offensichtlich Geschichte. Anders läßt es sich nicht erklären, daß Hannes Wader sich dem Zeitgeist entsprechend mit Ostfriesischem unverständlich macht, die Alt-Barden sich eine Rüstung in Form der gewerkschaftlichen AG Song angelegt haben, die unakademisch mit der Dokumentation Wie wird es weitergehen? resümiert, dafür der Mainzer Josef Maria Franzen mit seiner Dissertation über Liedschreiber die Vergangenheit auf eventuelle Mißtöne hin abklopft.

Es ist die tiefinnerliche Vergangenheit selbst, die wieder en vogue ist. Das Wer bin ich eigentlich? von André Heller und die netten Lieder eines Reinhard (links des Rheins eher als Frédéric bekannt) Mey, wie das niedliche vom Wecker im Kühlschrank, verbreiten sich epidemisch in Rundfunkanstalten und Kleinkunstbühnen. Die Plattenindustrie schließt sich der allgemeinen Experimentierunlust an und investiert lieber in eine «Heckparade» der Pseudolyriker. Die Inflation hat auch vor den Liedermachern nicht Halt gemacht — die Unternehmen kennen schon nicht einmal mehr die Umsätze aller ihrer neuen Sangesmenschen.

Auch der Witz in den Texten scheint eliminiert. Kaum noch Ulrich Roski, kaum noch Blödeleien wie die von Schobert und Black. Die Platte Liederspenstig des Münchners Jörn Pfennig mit wirklich pfiffigen Texten wurde nach zwei Jahren eingestampft — der Biß eines François Villon, dem großen Vorbild vieler Lieddichter, ist dahin. Die vielzitierte neue Innerlichkeit hat auch den Benn-Liebhaber Konstantin Wecker ergriffen, der von «süßen Giften der Einsamkeit» erzählt, «die nachts die Straße runterrinnen».

Und wenn mal einer wie der Wiener Georg Danzer mit seinen Texten so aus dem Leben schöpft, wie es Villon und die Mönche und Studiosi des 13. Jahrhunderts aus dem Kloster Benediktbeuern vorgemacht haben, dann machen es die ratlos (?) Verantwortlichen der Rundfunkanstalten der Kirche nach: sie verbieten. Zum Beispiel einen Titel von Danzers Platte Unter die Haut. Er ging fünfzig Prozent derart unter die Haut, daß er nicht mehr gespielt werden darf: «War da etwa Haschisch in dem Schokoladenei?».

* Sie wurden in der seinerzeit sensationellen Inszenierung von Jean-Pierre Ponelle aus dem Jahr 1975 vom Bayerischen Rundfunk und, seinerzeit ein absolutes Novum, zeitgleich im zweiten Programm des Hörfunks — in Stereo! — ausgestrahlt.


Flohmarkt: Savoir-vivre, 1978

 
Fr, 17.12.2010 |  link | (2220) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Zaubergeflötete Zuckerwatte

Zwar höre ich auch ganz gerne (gesungenen) Mozart, aber das gefällt mir gut, Mark. Übrigens dürfen auch andere hier Längen haben, Genelon. Kürze bedeutet mir nicht unbedingt Würze. Also ab in die Länge.

Dem einen klingt süß, was dem anderen gleich beim ersten Ton als Übel nicht in die Ohren hineinwill. Aber beim Geschmack darf man ja demselben seinen Lauf lassen. Zumal dessen elternhäusliche Bildung nicht unbedingt auf ewig gültig sein muß. Gleichwohl oftmals deren Einflüsse zum tragen kommen, bei mir etwa, der ich nach selbstverordneter, ungefähr zwanzigjähriger Opern-Abstinenz auch zu diesem Gesang zurückgekehrt bin. Dabei haben sich — meine leicht kindheitsverstörende Callas hin oder her — sogar weibliche Stimmen in den Vordergrund gesungen, wenn auch so gut wie keine wagnerianisch gefärbten (von der Regel die berühmte Ausnahme, die ich einfach mal Nietzsche heiße). Geblieben ist mir die Ablehnung jeden Gesangs, der mir als Gekreisch oder Schreierei ins Gehör fährt.

So ertrage ich beispielsweise, wen oder was auch immer sie singen mag, diesen Pasta-Sopran Cecilia Bartoli nicht. Die erkenne ich spätestens nach dem dritten (Sirenen-)Ton, und es ergeht mir fast genauso wie bei der Oberstimme der deutschen Politik: Wenn die auf der Bühne erscheint, muß ich sofort abschalten. Denn dieses Gekiekse, das von diesem römischen Roller, empfinde ich nicht, wie vielfach behauptet, als Stimmakrobatik; davon abgesehen, daß ich in den Zirkus gehe, will ich Artistik. Aber die will ich nicht, mit Budenzauber kann ich nichts anfangen, weder in der kleinen Stube noch im großen Saal. Ich bevorzuge bei Interpreten die Zurückhaltung, die Konzentration aufs wesentliche. Und die spüre ich nur, wenn sich jemand in ein Werk vertieft hat, ohne dabei ständig epileptisch anmutend die Augen zu verdrehen und den Kehlkopf hüpfen zu lassen, was vermutlich Ardore und Fervore signalisieren soll.

Bei der Aufführung des erwähnten Grieg zum Beispiel meine ich die hierbei erforderliche Ruhe zu hören (nebenbei: in den ersten Takten hat das etwas von Tschaikowskis Nr. 1, b-moll opus 23; aber das ist wohl überhaupt ein Volksmusikthema). Da scheint mir nichts Spektakulöses oder auch grob Vereinfachendes, wie das mit dem Norweger häufig geschieht, weil man meint, die Romantik expressiver hervorspielen zu müssen, als der Komponist es gemeint hat. Romantizismus wäre der richtige Ausdruck dafür. Aber ich bin kein Fachmann, möglicherweise liege ich hier daneben — was mir allerdings dann auch egal wäre, da ich die Theorien anderer zwar zur Kenntnis nehme und auch darüber nachdenke, ich mir aber im Zweifelsfall eine eigene entwickle, und mag sie noch so wirr klingen; die Zeiten, in denen ich die Ausstellung eigener Gedanken fürchtete, sind seit längerem Vergangenheit.

Edvard Grieg ist ein recht gutes Beispiel für mich und die etwas intensivere Beschäftigung mit einem Opus. Seit ich mich einige Male komplett durch seine Musik gehört habe (in der, wie ich meine, großartigen Interpretation von 1986 des Göteburger Symphonie-Orchesters unter Neeme Järvi*), meine ich, seinem Werk insgesamt etwas näher gekommen zu sein — und dem populistischen sowie dem oftmals von keiner Kenntnis getrübten beliebigen Einsatz als Geräuschkulisserie immer wieder mal wutschnaubend gegenüberzustehen. Zwar hat mich das nicht unbedingt zum bedingungslosen Verehrer Griegs gemacht — mit dem Verehren tue ich mich ohnehin schwer —, aber das eine oder andere Mal meine ich, ihn gegen seine Freunde verteidigen zu müssen; vielleicht gar gegen ihn selbst, denn ich empfinde seine Ibsen-Vertonung von Peer Gynt keineswegs als, wie er ihn persönlich mal bezeichnet hatte, «Kuhfladenmusik».

Aber das mag an meiner von anderen gern belächelten oder auch verlachten hingebungsvollen Liebe zur «Lautmalerei» liegen, die mit Jean Sibelius ihren Lauf nahm. Womit wir bei Bedrich Smetanas Moldau wären. Da geht es mir ähnlich wie Genelon, wenn auch mit Sibelius. Ich kam als kleiner Junge erstmals in dessen Land, und noch bevor ich je ein Fitzelchen davon gesehen hatte, wußte ich bereits, daß er es ist, der mir davon musikalisch Bilder malt. Bis heute ist mir das ein Stück Heimat, in das ich mich zurückzuziehen vermag, auch wenn es ewig her ist, daß ich das letzte Mal dort war. Es zieht mich mehr an als alles Russische, das in meiner Erbmasse väterlicherseits steckt; aber das wurzelt ohnehin weniger in dessen künstlerischer Zivilisation (der «Verwestlichung»? was auch immer das sein mag), sondern eher dort, wo hinter dem großen Gebirge die Wildnis beheimatet ist. Aber ich weiß insgesamt zuwenig über russische Musik, als daß ich eine Meinung dazu haben könnte; sie hat mich schlicht nie sonderlich interessiert, auch nicht die Literatur et cetera. Da bin ich eher «verwestlicht», wenn man diesen Hang zum Roman(t)ischen so nennen kann. Musikalisch geschilderte Gefühle nehmen viel Raum in mir ein.

Doch glücklicherweise nimmt dieser Nordmann mich nicht gefangen — wenn ich auch dahinschmelzen kann, wenn seine symphonischen Dichtungen erschallen. Es gibt zudem noch die Symphonien — durchaus gerne unter Esa-Pekka Salonen, aber am liebsten dirigiert von John Barbirolli als herausragendem Kenner dieses Musikgewebes (vor allem aber Gustav Mahler) oder das Violinkonzert, hier mit Miriam Fried an der Geige, geleitet vom geschätzten Okko Kamu (auch wenn er ein Karajanski-Protegé war, der allerdings, entgegen damaliger Erwartungen, nie abgehoben, sondern immer auf seinem finnischen Teppich geblieben ist).

Geschmackliche Vielfalt oder auch unterschiedlicher Geschmack kann verwirrend sein. Das erinnert mich an jemanden, der mich wegen meiner Ausritte in die finnische Natur oder wegen meines verzückten Lauschens beispielsweise der Lieder der Auvergne von Joseph Marie Canteloube (ich könnte niederknien vor Dawn Upshaw, die mir Anfang der Neunziger über den sehr katholischen Henryk Górecki erstmals vorgestellt wurde und über Kaija Saariaho wiederbegegnete) oder meines köstlichen Franzosenschmalzes gerne ein bißchen verachtete und der mir, ohne daß ich murrte, stundenlang Robert Schumanns Kunstlied vorspielen durfte, dabei selber ein Verehrer des glühenden Federico García Lorca war, aber ausgerechnet einem Paco de Lucia nichts abgewinnen konnte, vor allem dann, wenn der gemeinsam mit John McLaughlin und Al di Meola (legendär) leicht angejazzt zupfte. Ebenso kam ich immer wieder ins Staunen darüber, daß er, der auch in seinen Texten immer wieder südlich glühte, beim portugiesischen Fado wegzuschlummern begann.

Geschmäcker zupfen eben gerne am Geist.


Ständig fällt mir neues zum Thema ein; ganz schlimm, seit ich mich in die Tube eingelassen habe mit ihrem ganzen alten Kram. Ein riesiger Fischeintopf ist das hier.

* gibt's offensichtlich nur über Amazonien, was ich nicht verlinke — wenn auch (neu) ab 120,00 Euro

 
Mo, 23.11.2009 |  link | (2268) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Über Stein und Stöckchen

Ouf ! Das mir. Dabei meinte ich, das Thema fliegender Stöckchen doch gerade erst abgearbeitet zu haben. Nun denn. Aber eines sei hiermit kundgetan: nur dieses eine Mal!

Zunächst einmal: Ich gebe klein bei und ordne mich der US-Tube unter. Zum einen bin auch ich, wie mir der über roboternde Computer dissertierende und mir etwas näher stehende junge Mann sagte, ohnehin datenkrakenverseucht; zum nächsten: mein bisheriger französischer Musikanbieter ist mittlerweile derartig werbemüllüberladen, daß es sogar die schlimmste Reklamesau graust; drittens: das, was ich suche, finde ich dort so gut wie nicht. Die Tube hat nunmal alles (im Griff). Ich habe verloren, beuge mich. Aber nur mit Links. Und von den Kommentaren zu den jeweiligen Musikereien distanziere ich mich hiermit größtenteils ausdrücklich.


Are you male or female?
Darüber mache ich mir schon lange keine Gedanken mehr — Om

Describe yourself:
Valse Triste, manchmal Im Tempo eines gemächlichen Landlers (meine Verehrung, Herr Barbirolli)

How do you feel about yourself?
Wie avec le temps, des öfteren auch wie les anarchistes

Describe your current boy/girl situation:
So what

Describe your current location:
Runaway

Describe where you want to be:
ihretwegen sogar in Japan

Your best friends are:
solche

My favourite colour is:
Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau'n

You know that …
auch in Schweden bald Weihnachten ist.

How’s the weather?
Brother Wind

If your life was a television show what would it be called?
My favorite things/My funny Valentine

What is life to you?
Unterirdisch hörendeshalb

What is the best advice you have to give?
Seven steps to heaven

If you could change your name what would you change it to?
Herr Baltsa


Viel zu wenige Fragen für die vielen Antworten, die sich während des Verfertigens der Gedanken über Musik dann doch ergeben haben. Daß mag daran gelegen haben, mich mal meines Ohrenschmalzes entledigen zu müssen oder auch zu dürfen. Fast gänzlich draußen vor der Tür gelassen habe ich, was ich ständig höre und das ich abschalten muß, wenn Frau Braggelmann zu Besuch kommt, weil sie meine «Depressionsmusik» so gar nicht goutieren mag. Und was mir ansonsten vorgejazzt wird, kommt hier fast zu kurz, etwa die Richtung des von mir sehr geschätzten Herrn Schlippenbach; auch wenn seine Gattin hier vertreten ist, allerdings zusammen mit der ebenfalls von mir verehrten Maria João. Andererseits habe ich meine Musikgelüste ja bereits zum besten gegeben

Vieles habe ich nicht gefunden, auch mußte ich teilweise auf Interpretationen zurückgreifen, die nicht unbedingt die Gnade meines Hörregals finden würden. Aber es hat mir insgesamt sogar Freude bereitet, die viele Zeit damit zu verbringen, da mir die Musik auch neues vorgespielt hat. So wußte ich zwar, daß Kimmo Pohjonen mit dem Kronos-Quartett gemeinsame Sache gemacht hat, aber nicht, daß er, zusammen mit Sami Kuoppamaki, sogar Jimmi Hendrix schafft. Manches hat mich dann doch positiv überrascht. Wie es andere überraschen mag (oder vielleicht auch nicht), daß ich seltsame Höranwandlungen habe, etwa solche; sie sind sehr weit rückblickend bedingt, und einer wie ich kennt ja auch die finnische Mentalität des tangoähnlichen Boogie.

Aber nun dürfen andere ran. Hora Sexta, zum Beispiel, bitte ich darum. Deren musikalisches Innenleben interessierte mich brennend. Und auch bei Mifasola möchte ich gerne mal hineinhören, das ist dem Namen sozusagen bereits immanent (und nicht faul vorm Schallplattenregal liegen!). Ein kleiner Rachefeldzug geht an Frau Braggelmann, deren Mobiltelephon einen Höllenlärm veranstaltet, als Rufzeichen aufgespielt vom jüngsten der Junioren. Nicht dem Zeitgeist folgend möchte ich die Herren zur überflüssigen Minderheit degradieren, denn da wären zum Beispiel der Hinkende Bote, dessen musikalische Verfassung mich ebenso interessiert wie die von Ulfur Grai.

Die von Herrn Nnier, der mir das Stöckchen über die weite Wiese geworfen hat, scheint mir hinlänglich bekannt. Nun kennt er auch die meine. Und er mußte nichtmal den Staub vom Dictionnaire pusten. Oder?

Auf jeden Fall: Dank. Es war mir ein Vergnügen (aber immer erstmal Nein! schreien).
 
Mi, 18.11.2009 |  link | (3382) | 17 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Des öfteren mit Geräusch verbunden

Die Musik. Auch ich bin, wie so viele, mit ihr aufgewachsen. Bei mir war es allerdings Parallele, nicht Alternative zum Buch. Gehört wurde viel, aber in einer leicht einseitigen Weise, zu der dann jedoch Aufführungspraxen sowie Disziplinierungsmaßnahmen kamen, die sie mir in der angebotenen Form vergällten. Mit dem Ergebnis, daß ich mich der aktiven Erweiterung verweigerte. Zum Beispiel beim Unterricht am Klavier, auf dem ich demonstrativ lustlos herumklimperte. Die zur Zeit meiner Kindheit übliche Strafe des Hausarrests zog bei mir nicht sonderlich und war überdies leicht absurd, da ich ohnehin bereits zum Stubenhocker erzogen worden war, denn meine Erzieherin war der Meinung, allzu viel Kontakt zu Außenwelt verderbe den Charakter. Eine wirkungsvollere Maßnahme wäre das Verbot des Lesens gewesen. Die aber wäre dem pädagogischen Gebot vom Buch als bildendem Element zuwidergelaufen. Also unternahm meine Gebieterin keine weiteren Versuche, aus mir einen Konzertpianisten zu machen.

Was ich später meiner Mutter vorwerfen sollte. Einmal, sagte ich irgendwann später zu ihr, als wir uns noch einigermaßen vertrugen, während uns im besten Wortsinn Negermusik eindudelte, eine ihrer ganz seltenen Anwandlungen, die sie in ihre Jugend träumten, hättest du wirklich streng gewesen sein müssen, denn dann würde ich jetzt virtuos auf einem Bechstein gegen diesen musikalischen Terror anspielen, auch gegen die tagelangen, oftmals nie endenwollenden Callas-Abende, deren einzige Abwechslung in Beniamino Gigli oder dessen Vorsänger Enrico Caruso bestand. Und zwar mit der von mir bevorzugten Negermusik, auch wenn sie sich anders anhörte als die der meisten anderen. Ich war auch als Mittzwanziger noch immer völlig besessen von den neuen, mir zuvor völlig unbekannten radikalen Tönen des Alexander von Schlippenbach und hätte nur zu gerne so derart genialisch einen edlen Konzertflügel maltraitiert, wie er das in Konzerten tat, denen ich in den Sechzigern fasziniert so etwas wie lauschte. Eine Variante wäre dann das noch hinzugekommene, geradezu orchestrale Chaos gewesen, der mein gesamtes musikalisches Kindheitsleid gerächt und mir auch noch Genuß gebracht hätte.

Einige Jahre später, ich bewegte mich auf die Mitte der Vierzig zu, spürte ein lieber Freund, Musikwissenschaftler, vor allem aber leidenschaftlicher Komponist, bei mir ein gewisses Interesse an neuen Tönen auf. Bis dahin hatte es nicht nur Adorno geschafft, mich von Zwölftönern abzuhalten, gleichwohl ich immer wieder mal interessiert hinlauschte. Mit der Geduld eines musikalischen Engels machte der um einiges jüngere und wohl deshalb vom Wortführer der Frankfurter Ästhetischen Erziehung (den ich teilweise noch genossen, vielleicht [?], weil ich ihn über weite Strecken nicht verstanden habe) nicht sonderlich beeindruckte Freund mir begreiflich, daß auch Kompositionen von Neutönern genossen werden dürfen; Adorno habe das übrigens auch nicht anders gesehen. Man müsse sie allerdings zunächst einmal kennenlernen. Aber die Konserve sei dafür eher ungeeignet, der Besuch eines Konzertes trüge zumindest teilweise die Bereitschaft an der aktiven Teilnahme mit. Also ging ich in die kleineren Konzertsäle und hörte mir neuere Töne an. Zur Erholung gab's dann Bebop, jazzige Blasorchester, französischen Kitsch und viel, sehr viel (mich später, aber doch noch erobert habende) Oper (wenn auch weniger die von Wagner)

Aber etwas hängengeblieben ist durchaus, zumindest meine Sinne hat es ein wenig geschärft. Zwar bin ich mittlerweile auf dem linken Ohr halb taub und auf dem rechten höre ich auch nicht sonderlich gut; Überbleibsel in der Kindheit fehlbehandelter Trommelfellschäden, weshalb der vielen ununterscheidbaren Nebengeräusche wegen (Kino ist für mich krachendes Höchstleid, dem ich mich deshalb seit langem nicht mehr aussetze) der Konzertsaal nicht mehr infrage kommt. Nun ja, Beethoven hörte sich ja auch eher im Kopf zu. Und da ich keinerlei Genius in mir trage, nehme ich eben die Konserve, wenn ich Bedürfnisse habe, die über die regelmäßige Konsumtion meiner musikalischen Grundnahrung hinausgehen.

Musiktheorie war mir immer fremd. Es war immer das fühlige Bedürfnis, dem ich mich hingegeben habe, der Lust auf Töne, die meine Stimmung ausdrücken oder wiedergeben, wobei das Gängige in der Regel an mir vorbeigegangen ist; was am manchmal etwas genaueren Hinhören gelegen haben mag. Aber in die Theorie zur Musik habe ich immer hineingelauscht, besser -gelesen. Was sie, wie all die anderen Künste und deren Begleiterscheinungen, innerhalb einer Gesellschaft zu bewirken vermag, das hat mich immer interessiert. Um so gespannter lese ich zur Zeit dort mit, wo ich ohnehin immer wieder einiges über mich und meine kleine Welt erfahre (was im sich selbst preisenden Qualitätsjournalismus immer öfter ausbleibt). Vor etwa zwei Wochen war «verabredet, ein paar Adorno-Aufsätze zur Ästhetik und zum Jazz zu lesen und darüber zu reden». Dem folge ich jetzt aufmerksam und möchte es jedem empfehlen, dem nach einem ordentlichen Musikrausch hin und wieder ein gewaltiger Kater durch den Kopf marschierte. Ungemein spannend, das Ganze! Denn schließlich geht es nicht nur um Musik, sondern auch um den Nachweis, daß alles zusammenhängt. Nicht nur in der den Künsten. Und daß es Adorno auch (oder alleine?) darum ging.
 
Mi, 28.10.2009 |  link | (2788) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Walzriges zum Wiegenfeste

Von «Grußsendung» las ich heute früh an Brightons Pier. Mit einem Mal war ich wieder mittendrin in den Sarkasmen, ohne die es zu meiner Zeit beim Hörfunk nicht ging; ich nehme an, es hat sich daran nichts geändert. Hier war die Rede von NDR 1. Jede öffentlich-rechtliche Anstalt hat solche Wunschsendungen. Beim Bayerischen Rundfunk wurde sie ebenfalls im 1. Programm ausgestrahlt, wahrscheinlich ist das bei allen Sendern so, wo Moderatoren wie der immer sanfte, ungemein sympathische Gustl Weishappel, an den ich mich auch seines listigen, geradezu wienerischen oder auch bisweilen augenzwinkernd bairisch «hinterfotzigen»* Witzes wegen gerne erinnere, früh morgens um sechs auf «sein Fensterbankl» schaute, um den Hörern zu sagen, ob sie einen Schal umlegen oder die Badelatschen einpacken sollten, das nahezu uneingeschränkte Sagen hatten, weil sie möglichst wenig sagten. Wir nannten diese damals bereits seit Jahrhunderten bestehende und deshalb niemals aus dem Programm zu nehmende wöchentliche Pflichtübung «Erbschleichersendung». Meist waren es Kinder, die von deren Eltern vorgeschoben worden waren, um der Uroma allerherzlichst zum 91. Wiegenfeste zu gratulieren. Dazu sang dann Peter Alexander der alten Dame Lieblingsmelodei. Alexandras Gesänge vom Freund Baum kamen da eher seltener vor, das war unverständliches intellektuelles Geraune. Einen Baum umarmte Urgroßmutter nicht, sie nahm dessen Äpfel, und nach dem (ersten und zweiten) Krieg wurde der auch schonmal umgelegt, auf daß es warm wurde in der Stube. Wiener Blut oder Salzburger Nockerln brachten den Schaukelstuhl der alten Dame da schon eher ins leichte Wippen. Überhaupt: Operette! Was heutzutage junge Frauen über die Elbe schwimmen oder gar den großen Teich rudern läßt, um schmachtend dem König der Löwen und höfischem Gefolge zu lauschen, war früher Die lustige Witwe. Dabei ging das Herz auf:

Vilja, oh Vilja, du Waldmägdelein,
Faß mich und laß mich dein Herzliebster sein!
Vilja, oh Vilja, was tust du mir an!
Bang fleht ein liebkranker Mann.


Ich kenne mich da aus, hatte ich doch einen engen Verwandten, der es einmal fertiggebracht hatte, auf einer Autofahrt von Berlin nach Reit im Winkl das gesamte Repertoire dieses Sangesreiches abzusingen. Gewiß, er hatte eine passabe Stimme, aber diese Musik war nicht die meine, ich lauschte lieber Tönen von auch noch sehr fremdartig musizierenden Negern, wie das damals hieß. An der unterschiedlichen Sozialisation lag es nicht. Ich kenne nicht eben wenige Menschen, die, wenn auch klammheimlich, in einem Frack und unter einem Zylinder versteckt, einschlägige Etablissements aufsuchen.

Nun gut, es gibt dafür ja immer wieder ausreichende Argumentationen, zum Beispiel diese, die Geschichte sowie deren Mythen einmal aus anderer Perspektive zu betrachten beziehungsweise zu hören. Und verstecken ist vielleicht auch nicht mehr so der korrekte Begriff für eine solche Handlung. Die Zeiten sind schließlich vorbei, als man sich als Intellektueller durch den Bühnenengang hineinschleichen mußte ins große Haus am Grünen Hügel; glücklicherweise hatte man einschlägige gute Kontakte. Heute geht da sogar eine promovierte Physikerin hinein, einstmals Sekretärin für Agitation und Propaganda bei der FDJ. Sicher doch, das war schließlich damals schon Kulturarbeit.

Aber weg von diesem agitatorischen Exkurs. Was dieser mir damals sehr nahestehende enge Verwandte und auch die ebenfalls glückselige Hörerin der Erbschleichersendung, allerdings auch ich zu dieser Zeit nicht wußten: die Operette an sich enthielt, bevor sie endgültig ins rein Seichte verfiel (oder verfallen wurde), sogar gesellschaftskritische, politische Ansätze, versteckte Anspielungen jedenfalls. Die große Zeit der Operette war ja in etwa zeitgleich mit den Monarchien, deren Herrscher an den prämusicalischen Zentren von Berlin über Paris bis Wien es nicht so gerne hatten, wenn sie verulkt oder gar kritisiert wurden. Zwar gab's im 19. und auch in den Anfängen des 20. Jahrhunderts keine so ausgeprägte kirchliche Inquisition mehr, aber immerhin noch Kaiser und Könige. So muß ich dabei beispielsweise an die herrschaftskritischen Elemente in den Stilleben der spanischen Malerei des 17. Jahrhunderts denken. Dargestellt wurde (und wird bis heute) — wie in der Operette — gerne ein lustiges Kabinett, aber die gemalten Gegenstände verweisen durchweg in symbolischem sowie theologischem Sinn auf den Menschen, deuten die Welt. Und wenn beispielsweise ein Bücherstilleben gemalt wurde, so war da häufig genug die Auflösung des Rechts im spanischen 17. Jahrhundert die eigentliche Leinwand (siehe Lustiges Cabinett).

Das aber hätte nichtmal Gustl Weishappel in seiner Anmoderation zur Galathée von Franz von Suppé zu erzählen gewagt, daß dieser Pygmalion möglicherweise deshalb einen schweren psychischen Defekt hatte, weil schon zu früheren Zeiten Frauen die Macht anstrebten und sich dabei aller erdenklichen Mittel bedienten ...

*die Wikipedia-Autoren waren offensichtlich noch nie in Oberbayern, weshalb es wohl ausblieb, dem von mir durchaus geschätzten Kluge eine kleine Aktualisierung nachzutragen.
 
Mo, 24.08.2009 |  link | (1566) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

Mehrstimmiges Gebläse

Sicher, es war einmal mehr eine Wiederholung; es fragt sich ohnehin, ob noch anderes angeboten wird. Allerdings hat das manchmal auch seine Vorteile. Zum einen gibt es Beiträge, die gut und gerne ein zweites oder drittes Mal angesehen werden möchten. Und zum anderen geht doch einiges an einem vorüber; man kann ja nicht ständig vor der Glotze hocken.

Ich tat es gestern früh, das ist mein Frühstückfernsehen oder auch Fernsehen zum Frühstück oder auch Gute-Nacht-Fernsehen, habe ich doch einen etwas anderen Rhythmus oder mittlerweile auch gar keinen mehr. Auf jeden Fall ging es (auch) um Rhythmus, frühmorgens um sechs. Albert Mangelsdorff kam ins artistische Programm. Dessen Bruder Emil kam nicht vor; was aber verzeihlich ist, stand er doch ziemlich im Schatten des jüngeren, auch wenn er es war, der ihm nicht nur den später legendären Frankfurter Jazzkeller zeigte. Emil wirkte eher im Stillen, auch im Pädagogischen, wofür's unter anderem ministerielle Ehrung gab. Zudem war er als der ältere wohl eher noch der Swingboy.

Swing Boys waren junge Menschen, die von der Gestapo verhaftet und weggesperrt wurden, weil sie gerne Negermusik hörten, ein Begriff, der in der deutschen Kultursprache sich so richtig allerdings in der Zeit nach dem Niedergang des anderenorts entlehnten Tausendjährigen Reiches entfalten sollte. Ich hatte davon zum ersten Mal über Emil Mangelsdorff gehört, dem damals allerdings keine weitere Bedeutung zugemessen. Erst sehr viel später wurde ich erschreckt aufmerksam, als K.R.H. Sonderborg davon erzählte, beispielsweise von einem Schreiben Himmlers an Heydrich: «Anliegend übersende ich Ihnen einen Bericht, den mir Reichsjugendführer Axmann über die ‹Swingjugend› in Hamburg zugesandt hat. Ich weiß, daß die Geheime Staatspolizei schon einmal eingegriffen hat. Meines Erachtens muß aber das ganze Übel radikal ausgerottet werden. [...] Der Aufenthalt im Konzentrationslager muß länger, 2–3 Jahre sein. Es muß so klar sein, daß sie nie wieder studieren dürfen.»

Im Juli 2005 ist Albert Mangelsdorf gestorben. Deshalb wohl wurde an ihn erinnert. Und es ist dann doch etwas anderes, diesen Erneuerer der Posaunentöne nicht nur zu hören, wie ich das immer wieder mal gerne tue, sondern ihn auch mal dabei beobachten zu dürfen, wie er im Sessel sitzend Muskeltraining vorführt, indem er mit dem Munde gespielt, also ohne Mundstück ein Bild seiner Polyphonie malt. Er gehörte zu den ruhigeren, überdies ungemein disziplinierten Vertretern sein Faches. Allerdings dürfte es sich ohnehin um ein Mißverständnis handeln, diese Musik sei nicht anders als chaotisch zu empfinden (zumal es da schließlich noch die Chaos-Theorie gibt). Das trifft nichtmal beim Free Jazz zu, auch wenn der Eindruck entstehen möchte, daß die wild durcheinandertröten wie beim Punk. Sehr gut war das zu erkennen in diesem Film, als Albert Mangelsdorff bei einem gleichwohl nicht unbedingt kammermusikalischen Zusammentreffen der siebziger Jahre mit Alexander von Schlippenbach zu sehen und zu hören war.

Den Büroschläfern zum kurzzeitig temporären Wachwerden zugeeignet.
 
Do, 16.07.2009 |  link | (2744) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 

France musique

John Coltrane, Bebop, eben auch die Nachbar- und Nachfolgeschaft, nicht zu vergessen, was da zuvor mal war. 00:00 – 00:70 h Nuit spéciale Charles Mingus, ein Gespräch mit ihm und viel Musik von ihm und all den anderen. Sieben Stunden. Welcher deutsche Sender traut sich da ran?!

Neue Musik, Freejazz, Alexander von Schlippenbach aus den Siebzigern, auch seine Frau Aki Takase als Konzertpianistin, The Jazz Composer's Orchestra, dieses wahnsinn- und witzige Gegeneinanderspiel, bei dem sich nach genauer Beobachtung sogar die eine oder andere Harmonie heraushört. Alles das, was ich gerne höre, oder aber solches, das ich noch nie gehört habe. Und zwar nicht nur nachts, wohin deutsche Sender solches zu verstecken pflegen, sondern auch tagsüber. Da läßt man tatsächlich bisweilen die eigene Klaviatur in Ruhe ruhen und hört konzentriert zu. Es gibt so manches an Tönern zu entdecken.

Auch Friedrich Holländer geschieht da. Mit fünfmal deutsch gesungener «Scheiße»; überhaupt seltsamerweise relativ viel Deutschmusikalisches, gerne das Kunstlied, wenn auch überwiegend selten gehörtes, historisch weit hinten liegendes. Uralte, knisternde und knackende französische Schellackschansons, den unvermeidlichen Charles Trénet der Dreißiger nicht vermieden, auch wenn er hier eher unter ferner liefen läuft, da Variété, wie das Chanson im Französischen genannt wird, doch eher eine andere Abteilung ist.

Auch keinerlei Berührungsängste vor US-amerikanischer Musicalsülze, gewürzt mit Marylin Monroe, auch schonmal eine Stunde lang, also nichts mit vierzig Prozent französischem Eigenanteil, dafür Erläuterndes in lockerem Tonfall, ohne Joachim-Kaiser-Attitude. Und immer wieder was ganz Neues, kein Nebenbei-Tralala, sondern richtig zum Zuhören- zum Hinhörenmüssen. Bernard Haitink, Gustav Mahler und andere Schwertöner, Nietzsches Klavierstücke und Gesänge, zwischendrin darf sogar Bill Hayley es mal kurz krachen lassen. Dann säuselt die ehemalige Faßbinder-Muse Hanna Schygulla was aus der neuen Heimat; na gut, dort gehört sie längst zum Kulturgut. Als Intermezzi immer wieder was für die Freunde der italienischen Oper, diesmal ohne Marylin. Anne-Sophie Otter darf stimmlich ausgebildet Abba und Liebesgeflüster singen; auch in ihrer Mama-Mia-Sprache Schwedisch. Und dann, nach den Nachrichten, Karl Doppler, Francis Poulenc, Philippe Gaubert, später Plaisiers d'amour. Nie- oder Neugehörtes. Welch ein Programm:

france musique, écouter le direct (!) — direkt aus Paris.

Für Freunde eines Champagners, der auch nach solchem schmeckt. Eben jedes Jahr wieder anders, weil die Ernten nunmal unterschiedlich ausfallen. Nicht so wie dieses sündhaft teure Modegesöff, das jedes Jahr den immergleichen Geschmack haben muß, fürs internationale Genießerpublikum, und dessentwegen diesem Nektar auch der ureigene Duft entzogen wurde, dem nach Keller.
 
So, 11.01.2009 |  link | (5936) | 39 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 





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